Musik im Alltag des Adels in der frühen Neuzeit. Nur ein Zeitvertreib?


Hausarbeit, 2011
14 Seiten, Note: 2,0
Moritz Leopold (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Adel und Erziehung
2.1. Erziehung und Ausbildung
2.2. Musikerziehung

3. Der musizierende Regent - eine Ausnahme?
3.1. Heinrich VIII. von England
3.2. Friedrich II. von Preußen

4. Fazit

A Quellenverzeichnis

B Literaturverzeichnis

C Anhang

1. Einleitung

„Musika ist eine halbe Disziplin und Zuchtmeisterin, so die Leute gelinder und sanftmütiger, sittsamer und vernünftiger macht.“ (Martin Luther)

Musik ist eine der Urformen kulturellen Lebens der Menschen. Die ältesten gefundenen Knochenflöten – und damit der Beweis für den Gebrauch von Instrumenten zu rein musikalischen Zwecken[1] – werden auf ein Alter von über 40.000 Jahren datiert. Musik spielte also schon immer eine Rolle im Alltag der Menschheit und entwickelte sich in den verschiedenen Teilen der Welt unter den dort jeweils herrschenden Bedingungen zu Gattungen aller Art. Wie aus Luthers Zitat deutlich wird, wurde der musikalischen Bildung dabei eine wichtige Rolle in der Erziehung beigemessen. Musik dient nach Luther also nicht nur zur bloßen Unterhaltung, sondern soll bestimmte Charaktereigenschaften im Wesen hervorrufen, verstärken und formen.

Die Epochen Barock und Klassik, deren Musik das europäische Halbtonsystem in die ganze Welt transportierte und bis heute zur gebräuchlichsten Kompositions- und Musiziergrundlage machte, entwickelten sich im Europa der frühen Neuzeit. Diese Entwicklung ist aber undenkbar ohne den Einfluss des Adels auf die Musik. Um zu verstehen, welche Rolle dem Adel bei der Entwicklung der Musik zukam und warum er eine so tragende Bedeutung hatte, sind zunächst einige einleitende Worte zum Adel notwendig.

Wie schon das Mittelalter, so war auch die frühe Neuzeit geprägt durch eine Einteilung der Gesellschaft in verschiedene Stände. Der Adel machte zwar in Europa mit ca. 2 % nur einen geringen Anteil an der Bevölkerung aus, bildete dabei dennoch die einflussreichste Bevölkerungsschicht. Eine Definition, was genau Adel ist, ist dabei jedoch nur schwer möglich, da es sich nicht um eine mit schriftlich festgehaltenen Anrechten ausgestattete Gruppe von Menschen handelte. Der Adel beschreibt vielmehr eine Gruppe von Menschen, die mit besonderen Rechten ausgestattet war, sich dabei aber hauptsächlich auf allseits anerkanntes Gewohnheitsrecht berief und deren Zugehörigkeit fast ausschließlich durch die Geburt bestimmt wurde.[2] Adelserhebungen waren eher selten und wurden von den anderen Adligen nur selten anerkannt. Allerdings kann man von „dem Adeligen“ im Allgemeinen nicht sprechen, da es deutliche Unterschiede gab, was z.B. den Rang, den Besitz und seine Stellung im Land betraf.

Ein wichtiger Bestandteil im Leben der Adligen war stets die Musik. Der Einfluss des Adels auf die musikalische Entwicklung in Europa war immens. So sind Gattungen wie die Oper untrennbar mit dem höfischen Fest verbunden, und die deutsche Nationalhymne hätte ihre heutige Melodie nie erhalten, wenn Haydn nicht die Kaiserhymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ komponiert hätte, die im „Kaiserquartett“[3] populär wurde. Wie sind also Adel und Musik miteinander verwoben?

Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf den Zeitraum der frühen Neuzeit, also etwa die Zeit zwischen der Reformation und der Französischen Revolution. Dabei soll keine vollständige Abhandlung der einzelnen Teilepochen erfolgen, vielmehr sollen die wichtigsten Entwicklungen in verschiedenen Zeiträumen beispielhaft dargestellt werden. Geografisch erfolgt eine Eingrenzung auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen, aber auch Entwicklungen in England oder Italien werden berücksichtigt. Es soll so herausgearbeitet werden, auf welche Art und Weise der Adel Einfluss auf die Entwicklung der Musik ausübte, welche Musikerziehung Adlige erhielten und wie dies mit politischen Entwicklungen im Alten Reich zusammen hing.

2. Adel und Erziehung

2.1. Erziehung und Ausbildung

Das Geburtsrecht der Adeligkeit war allgemein anerkannt. Nach der Vorstellung der Menschen schuf Gott alles Leben der Erde und sah in seinem Plan auch den Adel vor. Wer sich also gegen den von Gott gewollten Adel stellte, lehnte sich nicht gegen eine einzelne Person auf, sondern gegen Gott selbst. Diese Sichtweise war ein Selbstverständnis der frühen Neuzeit. Dem Adel als Ehrenstand war darüber hinaus epochen- und gebietsunabhängig ein Recht unantastbar gemeinsam, nämlich das Recht auf Herrschaft. Dieses angeborene und göttlich legitimierte Geburtsrecht wahrzunehmen setzte aber lange und umfassende Erziehung voraus[4], denn der Status als Adliger setzte sowohl vielfältige Kenntnisse in wissenschaftlichen und regierungstechnischen Bereichen, als auch in der Kunst voraus, sich diplomatisch zu verhalten. Unser heutiger Begriff der „Höflichkeit“ stammt aus der frühen Neuzeit und meinte nichts anderes als die Fähigkeit, sich am Hofe angemessen zu benehmen, also höflich zu sein.

Eine umfassende Beschreibung darüber, was die Erziehung eines Adligen beinhaltete und wodurch er höflich wurde, stammt von dem „Polyhistor und Staatsmann“ Veit Ludwig von Seckendorf, der 1656 mit der Schrift „Teutscher Fürsten-Staat“ ein umfassendes Handbuch des deutschen Staatsrechts und ein anerkanntes Regelwerk der Regierungspraxis veröffentlichte.[5] Zuerst geht er auf die sowohl Frauen als auch Männern zukommende Unterweisungen ein. An erster Stelle stehen dabei die christliche Religion und das Erlernen christlicher Tugenden, anschließend die allgemeinen Tugenden hoher Standespersonen wie Bescheidenheit, Demut oder Freundlichkeit. Ebenso werden natürlich die Kenntnisse im Lesen und Schreiben vorausgesetzt.[6]

Doch nicht jeder Nachkomme wurde gleich erzogen. Die Art und der Umfang der Ausbildung waren abhängig von der Funktion, die der Adlige später einmal haben sollte.[7] Ebenso spielten die finanziellen Möglichkeiten der Familie eine enorme Rolle.[8] War das Ziel der Erziehung die Übernahme eines Regierungsamtes, so war der Unterricht noch um einiges umfassender. Der Unterricht im Lateinischen zum Beispiel war ein wesentlicher Bestandteil des Stundenplans.[9] Dieser diente dazu, das Lesen von Chroniken und anderen lateinischen Texten zu ermöglichen und war Teil der Allgemeinbildung. Dem humanistischen Bildungsideal folgend fanden noch weitere Inhalte Eingang in den Lernalltag der Adligen.[10] Geschichtliche und politische Kenntnisse, Kriegskunst, mathematische Wissenschaften und Logik[11] sind nur einige davon.[12] Auch weitere Sprachen wie Griechisch oder Hebräisch zu Beginn der frühen Neuzeit und später Französisch oder Italienisch als Hofsprache sowie in Grenzregionen die Sprachen der Nachbarländer wurden gelehrt.[13] Dies sollte den Adligen darauf vorbereiten, sich am Hofe vorbereiten standesgemäß zu verhalten und sich der dortigen Konversation anzuschließen und in Bereichen wie Politik, Wissenschaft oder Kunst mitreden zu können.[14]

Natürlich durften auch körperliche Übungen nicht fehlen und so gehörten Tanzen, Reiten, Rennen, Fechten, Werfen, Sportspiele, Schießübungen und die Jagd ebenfalls zum Ausbildungskanon der Adeligen.[15] Frauen hingegen schreibt Seckendorff zu, da sie nur in seltensten Fällen Regierungsgeschäfte übernahmen, sich unter anderem in zierlichen Gebärden, zierlichen Tänzen, Frauenzimmersarbeit oder Sticken zu üben.[16]

Die Erziehung an sich fand in verschiedenen Instanzen statt. Wurden die Adligen als Kleinkinder noch von einer Amme oder einem Kindermädchen betreut, gingen sie wenig später meist in die Obhut eines Hofmeisters, der die ersten schulähnlichen Bildungsversuche unternahm.[17] Das Bildungsbestreben des Bürgertums am Ende des Mittelalters, die Gründungen der ersten Universitäten und die zunehmende Aufnahme gebildeter, aber nichtadliger Bürger ins Verwaltungswesen sorgte dafür, dass die Adligen einem Bildungsbürgertum mit Fachwissen gegenüber standen, gegen das sie sich behaupten mussten. Ihnen blieb nun also keine andere Wahl, als selbst Gymnasien und Universitäten zu besuchen.[18]

Frauen wurden meist in Stiftsklöstern unterrichtet, wohingegen männliche Adelige, die für kein Verwaltungs- oder Regierungsamt vorgesehen waren, häufig in Kadettenkompanien auf eine militärische Karriere vorbereitet wurden. In Konkurrenz zu den Universitäten standen Ritterakademien, die eine theoretische Lehre mit praktischen, sportlichen und militärischen Inhalten verknüpfte und auf das Bedürfnis der Adligen reagierte, während der Ausbildung unter sich zu bleiben[19]

2.2. Musikerziehung

Zur Erziehung und Bildung gehörte aber auch Unterricht in ästhetischen Dingen, so war Singen und Tanzen bei sowohl Jungen als auch Mädchen ein normaler Ausbildungsinhalt.[20] Die Unterweisung im Singen oder Instrumentalspiel hatte jedoch keineswegs den Zweck einer reinen Freizeitbeschäftigung, sondern sollte den Adligen, ebenso wie die Jagd, auf das Gemeinschaftsleben vorbereiten. Die Neigung zur Geselligkeit und das Bestreben, den adligen Lebensstil mit anderen Adligen teilen zu können[21], beinhaltete auch das gemeinsame Musizieren bei Empfängen oder Festen.

Viele bedeutende Könige, Fürsten und Herzöge spielten verschiedene Instrumente und meist so gut, dass sie im Rahmen von Empfängen kleinere Konzerte gaben. Ein Beispiel dafür ist Friedrich II. von Preußen (1712 – 1786), der vom Flötenvirtuosen und Komponisten Johann Joachim Quantz (1697 – 1773) unterrichtet wurde. Dieser ist ein gutes Beispiel dafür, wie die musikalische Erziehung am Hofe funktionierte. Zunächst selbst als Hofmusiker eingestellt, wurde ihm die Aufgabe übertragen, Friedrich im Spielen der Traversflöte zu unterrichten. Zu seinen Aufgaben gehörte, Friedrich jeden Tag zu unterrichten, dafür Unterrichtsliteratur zu komponieren, die täglichen Abendmusiken vorzubereiten und Instrumente zu bauen.[22] Die Tatsache, dass Friedrich jeden Tag im Instrumentalspiel unterrichtet wurde, zeigte die Bedeutung, die der Musik beigemessen wurde. Musik durch Gesang oder Instrumente war schon immer eine Beschäftigung des Adels gewesen[23], daran änderte sich auch in der frühen Neuzeit nichts.

Tatsächlich ist es so, dass für die Mehrheit der Adelsfamilien zumindest der Besitz von Instrumenten nachgewiesen werden kann.[24] Zur reinen Möblierung eines herrschaftlichen Hauses gehörte beim Adel zumindest ein Tasteninstrument (neben dem Cembalo auch Virginale[25] oder Regale[26] ), ebenso waren je nach Epoche oft auch Gamben, Violinen, Block- und Traversflöten oder Oboen in den Haushalten vorhanden.[27] Das lässt darauf schließen, dass diese Instrumente zu großen Teilen auch gespielt wurden, da es sich um mögliche Solo- und Melodieinstrumente handelt, die ein Musizieren in einer dominierenden Position ermöglichen. Anders hingegen wäre es zum Beispiel gewesen, wenn Schlag- oder Bassinstrumenten, die kaum eine Chance zum solistischen Spielen hergaben, in den Haushalten dominiert hätten, denn das fast ausschließliche Spielen von Begleitinstrument in einer Orchesterbesetzung ist bis auf Ausnahmen doch eher unüblich gewesen.

Seckendorff schreibt, dass „etwas von der Music“ unterrichtet werden solle, dabei jedoch nicht„für die Gesundheit schädliche Art derselben“ und welche, die „mit hartem Blasen verrichtet werden“[28] Daraus können wir schlussfolgern, dass Blechblasinstrumente von Adligen wahrscheinlich gemieden wurden. Natürlich war die tatsächliche Wahl des Instruments stark von den finanziellen und örtlichen Gegebenheiten abhängig, so hatte das Holzblasinstrument im Alten Reich einen sehr hohen Stellenwert, wohingegen in England oder Frankreich der Stimme das Hauptaugenmerkt der musikalischen Ausbildung galt.[29]

Die Musik in der Ausbildung der Adligen war auch als Teil der Sieben Freien Künste durch die Auswirkungen des Humanismus zu einer Selbstverständlichkeit geworden. In den Entwürfen der nachmittelalterlichen Lateinschulen wird die Musik als Unterrichtsinhalt nach Grammatik, Dialektik, Rhetorik, und Arithmetik sogar noch vor der Astronomie genannt[30]. Die Musikerziehung also solche diente nicht zum Selbstzweck oder zum Füllen überflüssiger Zeit und stellte auch keinen Ausgleich zu anderen Lerninhalten dar, sondern war ein gleichwertiger Teil des Lehrplans, der den Adel ebenso wie alle anderen Fächer auch auf sein Auftreten in der Gesellschaft vorbereiten sollte.

[...]


[1] Flöten sind reine Melodieinstrumente, wohingegen die bisher gefundenen trommelartigen Instrumente, die

sogar noch deutlich älter sind, wahrscheinlich auch zu reinen Kommunikationszwecken gedient haben.

[2] M. Sikora, Adel, 1.

[3] Op. 76, Nr. 3/Hob. III:77

[4] M. Sikora, Adel, 106.

[5] T. Kolde, ADB 33, 1891, 519-521.

[6] Seckendorff. Teutscher Fürstenstaat.

[7] M. Sikora, Adel, 106.

[8] M. Sikora, Adel, 107.

[9] Seckendorff. Teutscher Fürstenstaat.

[10] M. Sikora, Adel, 108.

[11] Vor allem in Form des Schachspiels, das gleichzeitig auch taktisches Kriegsdenken schulte.

[12] Seckendorff. Teutscher Fürstenstaat.

[13] M. Sikora, Adel, 108

[14] W. Demel, Europäischer Adel, 67.

[15] Seckendorff. Teutscher Fürstenstaat.

[16] Ebd.

[17] M. Sikora, Adel, 107.

[18] M. Sikora, Adel, 108.

[19] M. Sikora, Adel, 110f.

[20] W. Demel, Europäischer Adel, 64.

[21] M. Sikora, Adel, 89.

[22] J. Krämer, NDB 21, 2003, 36f.

[23] D. Helms, Heinrich VIII., 3.

[24] D. Helms, Heinrich VIII., 200.

[25] Eine spezielle Bauart des Cembalos mit quer zu den Tasten gespannten Saiten.

[26] Eine tragbare Kleinorgel.

[27] D. Helms, Heinrich VIII., 2004.

[28] Seckendorff. Teutscher Fürstenstaat.

[29] D. Helms, Heinrich VIII., 214.

[30] K. H. Ehrenforth, Musikalische Bildung, 234.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Musik im Alltag des Adels in der frühen Neuzeit. Nur ein Zeitvertreib?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Adel in der frühen Neuzeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V171505
ISBN (eBook)
9783640910915
ISBN (Buch)
9783640908929
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adel, Musik, Erziehung, Musikerziehung, Instrumente, Frühe Neuzeit, Heinrich VIII, Friedrich der Große, Anna Amalia, Höfisches Fest, Europa
Arbeit zitieren
Moritz Leopold (Autor), 2011, Musik im Alltag des Adels in der frühen Neuzeit. Nur ein Zeitvertreib?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171505

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