Jüdische Renaissance im russischen Bürgerkrieg

Warum die jüdische Kultur eine Renaissance in der russischen Revolution erlebte


Essay, 2011
10 Seiten, Note: 1,7

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Das jüdische Kulturprojekt
Grund 1: Die Rolle der russischen Revolution
Grund 2: Die Rolle der jüdischen Parteien
Grund 3: Das Zusammenspiel von Politik und Kultur

Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Geschichte ist niemals einseitig. Wenn man zum Beispiel an die russische Revolution denkt, so fallen einem vor allem Terror, Hunger und Leid ein.[1] Doch gerade die Jahre zwischen 1917 und 1919 waren für verschiedene nationale Gruppen Osteuropas die Zeit, in der sie ihre eigene nationale Identität schufen. Ukrainer, Kazachen und Andere hegten die Hoffnung Unabhängigkeit zu erlangen und eine eigene Kultur aufbauen zu können. Einige dieser Gruppierungen wurden auch später als Nationen anerkannt.

Die Situation der Juden war jedoch komplex: Die meisten Juden empfanden das Judentum als eine eigene Nation. Die Frage nach den verbindenden Elementen wurde jedoch kontrovers diskutiert. Besonders die Frage nach der Sprache war zentral.

Doch nicht nur ihre eigenen Probleme machten die Revolution zu einer schwierigen Zeit:

Viele Juden litten unter dem aufkommenden Nationalismus der umgeben Länder. Gerade in den Hauptwohngebieten der jüdischen Gemeinden in der Ukraine, Polen und Litauen waren zwischen 1917 und 1919 viele Juden Opfer nationalistisch motivierter Verbrechen.[2] Besonders viele starben in den Jahren zwischen 1917 und 1921 in Russland. Doch genau in dieser Zeit erlebte die jüdische Kultur eine Blüte, die man als eine „jüdische Renaissance“ benennen kann.[3] Es entstanden Theater, Zeitungen, Galerien, es gab ca. 30 Gesellschaften, die sich für Kunst, Literatur, Erziehung, Musik, höhere Bildung, Geschichte, Archive und Religion einsetzten.[4] Kurz gesagt, es entstand das „jüdische Kulturprojekt“. Trotz Verfolgung und Pogrome erfuhr die jüdische Gemeinde einen bisher unbekannten Aufschwung. Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der Frage, aus welchen Gründen es zu der Entwicklung kam. Wie konnte in einer Zeit des Krieges und des Terrors eine derart explosive Entwicklung innerhalb der jüdischen Kultur stattfinden? Gab es innerjüdische Gründe oder war es die Revolution selbst, die als Katalysator für die nationale Entwicklung der Juden diente und die jüdische Kultur formte?

In der Literatur wird die Geschichte der jüdischen Gemeinde Russlands oft erwähnt, da diese insbesondere die jüdische Kulturszene des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägte.[5] Die Monographie Kenneth B. Moss „Jewish Renaissance in the Russian Revolution“ beschäftigt sich explizit mit dem Phänomen der Entstehung einer Kulturszene während der russischen Revolution.[6] Auch die Werke von Lustiger und Levin sollen diesem Aufsatz als Grundlage dienen. Hier jedoch soll in Abgrenzung gegen die Argumentation von Moss gezeigt werden, dass das jüdische Kulturprojekt sehr wohl von der russischen Revolution beeinflusst worden war: Im folgenden sollen zunächst der Begriff des jüdischen Kultuprojektes erläutert werden, dann die Gründe für das Aufkommen der Revolution aufgelistet werden, um schließlich die Frage zu beantworten: Wie kam es zum Aufblühen des jüdischen Kulturprojektes inmitten der russischen Revolution?

Das jüdische Kulturprojekt

Jüdisch-russische Kunst und Literatur gab es bereits vor dem Jahr 1917. Doch den Beginn der sogenannten jüdischen Renaissance[7] kann man im Jahre 1917 verorten. In diesem Jahr begannen die Kulturschaffenden der jüdischen Gemeinden sich zu formieren und ihre Kulturprojekte einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Verschiedene Verlagshäuser, Schulen und andere Bildungsstädten entstanden und es wurden Kunstaustellungen veranstaltet.[8]

Im Mittelpunkt der Überlegungen der Kulturschaffenden stand der Wunsch nach der Formierung einer eigenen Identität, getragen von der jüdischen Kultur. Auch die vereinsmäßige Organisation wurde neu überdacht. Vor der russischen Revolution hatte man die Juden des russischen Reiches unter einem Dachverband der OPE zusammengefasst.[9] Die OPE splittete sich nach 1917 in viele verschiedene Verbände auf.

Das jüdische Kulturprojekt war eine Zusammensetzung aus verschiedensten Traditionen, Ansprüchen und Kulturträgern. Es unterteilte sich in zwei Gruppen: Dem Jiddischen und dem hebraistischen Lager. Wie die Namen schon andeuten, unterschieden sich die beiden Richtungen durch die verwendete Sprache. Die Sprache schien die Grundlage für die Schaffung einer neuen Identität zu sein. Die Vorstellungen der jeweiligen jüdischen Gruppen gründeten sich vor allem auf Jiddisch oder Hebräisch.[10] So entstanden zwei feindliche Lager. 1919 war der Bruch zwischen den Gruppen so groß, dass es keine Kulturschaffenden mehr gab, die sich beider Sprachen bedienten.[11] Die Jiddischisten waren die Gruppierung innerhalb des Judentums, welche die russische Revolution überlebte und nicht das Land verließ.[12] Die Kulturschaffenden der Hebraisten verließen Russland. Doch diese unterschiedlichen Ansichten förderten auch die Aktivität der verschiedenen Kulturschaffenden.[13] Zum einen gab es die Maler, Organisateure, Verleger und Autoren. Zum anderen gab es politische Aktivisten. Wie auch andere ihrer Landsmänner litten viele Juden unter den Strapazen des Bürgerkrieges. Nach jahrelanger Drangsalierung durch die Staatsgewalt waren viele Juden politisch hochgebildet und motiviert an dem politischen Prozess der Revolution teilzunehmen. Kunstaustellungen und Literaturlesungen brachten neue Ideen in die Welt der russischen Juden. Es entstand die erste Yiddische Kulturzeitung „Opgang“ (deutsch: Aufgang).[14] Durch die Politisierung der jüdischen Gemeinden, verbunden mit der Hoffnung auf Befreiung vom zaristischen Joch, entstand das jüdische nationale Kulturprojekt.

Nun stellt sich die Frage, weshalb es zu dieser Entwicklung kam. Einer der Gründe könnte der Einfluss der russischen Revolution gewesen sein.

Grund 1: Die Rolle der russischen Revolution

Anhand der oben erwähnten Entwicklungen wird deutlich, dass das Aufkommen einer kulturellen Blüte nicht erst innerhalb der russischen Revolution entstanden ist. Vielmehr zeigte sich in der russischen Revolution eine Kulturszene, die schon im Zarenreich entstanden war.[15] Die russische Revolution hat möglicherweise als Katalysator gedient und in diesem Absatz soll dieser Frage nachgegangen werden.

Der Beginn der russischen Revolution bedeutete eine nichtgekannte Freiheit für jüdische Künstler. Zunächst hatte der Erste Weltkrieg eine völlige Lähmung des Systems bedeutet. Unter dem Zaren unterdrückt und an die Front geschickt, hatten viele Juden keinerlei Möglichkeiten gehabt, ein Netzwerk aufzubauen und zu beleben. Die russische Revolution bedeutet eine komplette institutionelle und expressive Freiheit in allen kulturellen und politischen Bereichen.[16] Für die jüdische Intelligenzia war es das Ende des zum Ghetto verurteilten Leben. Ein großer Optimismus beflügelte Juden wie auch andere Nationen und entfachte die Hoffnung, anstatt eines Lebens der Anpassung nun eine Möglichkeit zu finden, eine neue Identität und Nationalität aufzubauen. Es wurden viele jüdische Schulen gegründet und ausgebaut. Durch das Aufbrechen des Städtellebens konnten Juden endlich vermehrt in die urbanen Gegenden ziehen, wie z.B. Moskau und Petrograd.[17] Die russische Revolution beendete somit die zaristische Unterdrückung und Repressionen. Sie erschuf eine vermeintliche Freiheit zur Gründung einer nationalen Identität. Es war die erste und einzige Möglichkeit für Juden in Russland, eine eigene Nationalität zu schaffen und Freiheit zu fordern.[18]

Doch unter den jüdischen Gruppen gab es verschiedene Ansichten, wie ein eigener Staat oder eine eigene politische Organisation aussehen sollte. Verschiedene revolutionäre Parteien entwickelten Wege und Mittel einen Nationalstaat zu gründen. Möglicherweise hat dieser Denkprozess zu einer Blüte der jüdischen Kultur beigetragen. Dieses Problem soll im nächsten Absatz besprochen werden.

Grund 2: Die Rolle der jüdischen Parteien

Wie die gesamte russische Bevölkerung waren auch die Juden in verschiedene Parteiungen aufgespalten. In ihren Reihen zeigte sich auch hier das gesamte Spektrum der an der Revolution beteiligten politischen Gruppen. So gab es jüdische Menschiwiken, Bolschewiken, Kadetten und andere.[19] Es gab zwar nur wenige Juden in der provisorischen Regierung, aber die Anzahl der Juden in dem petrograder Sowjet war sehr hoch. So waren im April 1917 20 Prozent der 124 Mitglieder des Exekutivkommittees im Petrograder Sowjet Juden und bis auf zwei Mitglieder hingen alle den Bolschewiken an.[20] Allerdings waren die meisten von ihnen keine gläubigen oder gar praktizierenden Juden, sondern im allgemeinen sahen sie sich zu aller erst als Sozialisten an. Neben den bekannten Parteien gab es jedoch auch die Zionisten, die eine Sonderstellung einnehmen. Unter den Parteiungen war die Trennlinie klar erkennbar. So waren die Jiddisch sprechenden Juden eher der Arbeiterbewegung in ihren verschiedenen Ausprägungen zugeneigt und unterstützten sie. Die Hebraisten waren hingegen nicht der proletarischen Arbeiterbewegung zugeneigt: Sie galten als reaktionär und klerikal und wurden deswegen angefeindet.[21]

Die politischen Parteien hatten zudem ein klares Ziel: Sie wollten die Massen begeistern und ihnen die Idee ihrer jeweiligen Partei näher bringen.

So wurden viele Zeitungen gegründet und verbreitet. Dies förderte die Ausbreitung der verschiedenen Sprachen und kulturellen Strömungen im Judentum.

[...]


[1] Jörg Baberowksi: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München, 2003, S.73

[2] Kenneth B. Moss: Jewish Renaissance in the Russian Revolution, London, 2009, S.42. Des weiteren zitiert als Moss.

[3] Moss S.2

[4] Arno Lustiger: Rotbuch. Stalin und die Juden, Berlin, 1988S, S. 67. Des weiteren zitiert als Lustiger.

[5] Hierzu z.B. Lustigers Rotbuch oder Yuri Slenski: The Jewish Century, New Jersey, 2004 oder Gerhard Simon: Juden in der Sowjetunion. Von der Emanzipation in den 1920er Jahren zur Verfolgung in der späten Stalinzeit, in: Annelore Engel-Braunschmidt/Eberhard Hübner (Hrsg.), Jüdische Welten in Osteuropa, (Beiträge zur osteuropäischen Geschichte, Bd. 8) Frankfurt am Main, 2005.

[6] Moss S.3

[7] Der Begriff Renaissance leitet sich von Moss ab. Er sieht in der Revolution ein Wiederaufwachen der jüdischen Kunst, die bereits im 19. Jahrhundert entstanden war.

[8] Moss S. 58

[9] OPE: Obshchestvo dlia Rasporstraneniia Prosveshcheniia Mezhadu Evreiiami v Rossii (Die Gesellschaft für die Verbreitung der Aufklärung unter den Juden von Russland.

[10] Moss S. 49

[11] Moss S.70

[12] Lustiger S.69

[13] Moss S.160

[14] Moss S.70

[15] Nora Levin: Paradox of Survival. The Jews in the Soviet Union Since 1914, Vol. 1, London, 1988, S.15. Des weiteren zitiert als Levin.

[16] Moss S. 39

[17] Moss S.223

[18] Moss S:70

[19] Unter ihnen befanden sich jedoch keine Zaristen, da sie unter dem Zarenregime gelitten hatten.

[20] Levin S. 32

[21] Moss S.225

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Details

Titel
Jüdische Renaissance im russischen Bürgerkrieg
Untertitel
Warum die jüdische Kultur eine Renaissance in der russischen Revolution erlebte
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Osteuropäische Geschichte)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
10
Katalognummer
V171556
ISBN (Buch)
9783640909186
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russland, Russische Revolution, Oktoberrevolution, Judentum, Kultur, Osteuropäische Judentum, Nationalismus, Jiddisch
Arbeit zitieren
Cosima Gräfin von Hohenthal (Autor), 2011, Jüdische Renaissance im russischen Bürgerkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171556

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