„Was kann ich wissen? “ – So lautet Immanuel Kants entscheidende Fragestellung zu der 1781 in der ersten und 1787 in der überarbeiteten zweiten Auflage erschienenen Kritik der reinen Vernunft. Mit dieser Schrift beeinflusste er die neuzeitliche Philosophie wie kein anderer Denker sonst. Aufgrund der maßgeblichen Bedeutung der Theorie spricht man parallel zur Astronomie von der „kopernikanischen Wende“ in der Philosophie. Denn entscheidend ist wie bei Kopernikus der Perspektivwechsel, welchen Kant in der Kritik der reinen Vernunft vollzieht. Ähnlich wie seine berühmten Vorgän¬ger John Locke, David Hume, Gottfried Wilhelm Leibniz und René Descartes unter¬sucht Kant die Grenzen menschlicher Erkenntnis.
Die Frage „Was kann ich wissen?“ bezieht sich auf die Möglichkeit und Bedingung von Erkenntnissen überhaupt. Diese Untersuchung der Bedingung der Möglichkeit von etwas begründet die transzendentale Erkenntnistheorie in der Kritik der reinen Vernunft. Diese befasst sich nicht mit Gott oder etwas Übersinnlichen, denn der Anspruch Kants ist es gerade, die spekulative Philosophie aus der Erkenntnistheorie auszuschließen bzw. eine Antwort auf die weiterreichende Frage zu erhalten, ob und wie Metaphysik als Wissenschaft begründet werden kann. Diese soll in Form einer kritischen Untersuchung der Vernunft an sich selbst beantwortet werden und mündet letztlich in der Frage nach der Möglichkeit von synthetischen Urteilen a priori.
Ob Immanuel Kant mehr dem Empirismus oder Rationalismus zugetan war, lässt sich nicht beantworten, da er in der Kritik der reinen Vernunft zuletzt beide Methoden ver-wirft. Kant entwickelte sein Denken jedoch eindeutig aus der rationalistischen Richtung; so beschäftigte er sich schon 30 Jahre vor Entstehung der Kritik der reinen Ver-nunft vornehmlich mit den neuesten Erkenntnissen in der Mathematik und den Natur-wissenschaft z.B. bei Isaac Newton und Moses Mendelssohn. Daher ist Kant noch bis 1750/60 dem Rationalismus von Leibniz und Wolff zuzurechnen. Dieser Zeitpunkt fällt in den Abschnitt, den man in der Kantforschung als vorkritische Periode bezeichnet, im Unterschied zur kritischen Phase, welche etwas mehr als zehn Jahre vor der Nieder-schrift der Kritik der reinen Vernunft einsetzt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Traditionslinien rationalistischer und empiristischer Philosophie
2.1. Darstellung der Grundlagen rationalistischer Positionen
2.2. Darstellung der Grundlagen empiristischer Positionen
3. Die Konzeption Kants Transzendentalphilosophie in der Kritik der reinen Vernunft als Synthese von Empirismus und Rationalismus
3.1. Die Synthese von Empirismus und Rationalismus
3.2. Kopernikanische Wende – Die Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich
3.3. Raum und Zeit als Anschauungsformen a priori
3.4. Die Kategorien – Reine Verstandesbegriffe
3.5. Über die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori und einer Metaphysik, die als Wissenschaft gelten darf
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht das Grundanliegen von Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ vor dem Hintergrund der philosophischen Traditionen des Rationalismus und Empirismus. Ziel der Arbeit ist es, aufzuzeigen, wie Kant durch eine Synthese beider Denkrichtungen eine transzendentale Erkenntnistheorie entwickelt, die die Grenzen menschlicher Erkenntnis neu definiert und die Bedingungen für eine wissenschaftliche Metaphysik begründet.
- Die erkenntnistheoretischen Positionen von Rationalismus und Empirismus.
- Die „kopernikanische Wende“ als radikaler Perspektivwechsel in der Philosophie.
- Die Rolle von Raum und Zeit als Anschauungsformen a priori.
- Die Bedeutung der Kategorien als reine Verstandesbegriffe.
- Die Möglichkeit und Begründung synthetischer Urteile a priori.
Auszug aus dem Buch
3.2. KOPERNIKANISCHE WENDE – DIE UNTERSCHEIDUNG VON ERSCHEINUNG UND DING AN SICH
Die Kopernikanische Wende bezeichnet eine Revolution der Denkweise des Zusammenhangs von Subjekt und Objekt. Bis zu Kants bahnbrechenden Erkenntnissen, war die weitverbreitete Auffassung dieses Zusammenhangs derart, dass das Bewusstsein die Tatsachenbestände der gegenständlichen Welt, so wie sie sind, passiv aufnimmt. Kant aber schlussfolgert aus der Methodik der Mathematik und der Naturwissenschaften, dass, wie bei Ottfried Höffe im Text „Immanuel Kant“ zusammengefasst, „man von einer Sache nur das sicher wissen [kann], was man selbst in ihren Begriff gelegt hat, [so dass] erst durch ein schöpferisches Hineindenken und Konstruieren wissenschaftliche Erkenntnis möglich [wird]“.
Kants Umdenken vergleicht man mit der Ablösung des geozentrischen durch das heliozentrische Weltbild, welches die Vorstellung, die Sonne drehe sich um die Erde, falsifiziert und entgegen dem natürlichen Bewusstsein des Menschen die Stellung des Subjekts gegenüber dem Kosmos neu definiert. In der Kritik der reinen Vernunft revolutioniert Kant die Stellung des Subjekts gegenüber den Objekten, denn, wie er schreibt, „nahm man [bisher] an, die Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten“. Um aber etwas über Erkenntnisart und ihre Bedingungen der Möglichkeit herauszufinden, sei es notwendig, „dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Fragestellung „Was kann ich wissen?“ ein und verortet Kants Projekt im Spannungsfeld zwischen rationalistischen und empiristischen Erkenntnistheorien.
2. Traditionslinien rationalistischer und empiristischer Philosophie: Dieses Kapitel erläutert die Grundzüge der Erkenntnistheorien von Descartes, Leibniz, Locke und Hume, welche die Ausgangsbasis für Kants kritische Auseinandersetzung bilden.
3. Die Konzeption Kants Transzendentalphilosophie in der Kritik der reinen Vernunft als Synthese von Empirismus und Rationalismus: Das Hauptkapitel analysiert Kants Synthese, die „kopernikanische Wende“ sowie die Rolle von Anschauungsformen und Kategorien als subjektive Bedingungen der Erfahrung.
4. Zusammenfassung: Der Schlussteil rekapituliert, wie Kant die Schwächen der Vorgängertheorien überwindet und die Metaphysik als kritische Untersuchung der Vernunft neu begründet.
Schlüsselwörter
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Erkenntnistheorie, Rationalismus, Empirismus, Transzendentalphilosophie, kopernikanische Wende, Anschauungsformen, Raum und Zeit, Kategorien, Verstand, synthetische Urteile a priori, Metaphysik, Subjekt-Objekt-Verhältnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den erkenntnistheoretischen Grundlagen von Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und seiner Überwindung der klassischen Gegensätze zwischen Rationalismus und Empirismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit thematisiert die Tradition des Rationalismus (Descartes, Leibniz), den Empirismus (Locke, Hume) sowie Kants transzendentale Wende und deren Auswirkungen auf das Verständnis von Wissenschaft.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, verständlich darzulegen, wie Kant Erkenntnis als ein Zusammenspiel von sinnlicher Wahrnehmung und verstandesmäßiger Strukturierung begreift, um die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori zu belegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische, philosophiegeschichtliche Analyse, die sich auf Kants Text und die einschlägige Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Synthese von Rationalismus und Empirismus, der kopernikanischen Wende, den a-priori-Bedingungen (Raum, Zeit) und der Rolle der Kategorien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören: Transzendentalphilosophie, synthetische Urteile a priori, kopernikanische Wende, Erkenntniskritik und Anschauungsformen.
Wie unterscheidet Kant in diesem Text das "Ding an sich" von der "Erscheinung"?
Kant argumentiert, dass das menschliche Subjekt die Welt nur so erkennen kann, wie sie durch die eigenen Strukturen (Anschauungsformen/Kategorien) gefiltert wird, weshalb die Dinge an sich für uns unerkennbar bleiben.
Warum ist Kants "Kopernikanische Wende" für die Erkenntnistheorie so bedeutsam?
Weil sie den passiven Empfang von Informationen durch das Subjekt ablehnt und das Subjekt stattdessen als aktives, konstituierendes Zentrum definiert, nach dem sich die Gegenstände richten.
- Arbeit zitieren
- Tim Schulze (Autor:in), 2010, Versuch der Darstellung des Grundanliegens in der Kritik der reinen Vernunft vor dem Hintergrund der Traditionslinien von Rationalismus und Empirismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171652