Konstruktivismus, Kultur und Kommunikation: Das Lebenswelt-Problem


Hausarbeit, 2011

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen

Normen und „Normung“

Wer sagt, was gesagt werden kann?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich mich der Frage widmen, wie sich innerhalb der pluralistischen Weltgesellschaft allgemein verbindliche Normen konstituieren und wie eine solche verbindliche Moral ihre Autorität erlangt.

Zuerst erkläre ich, was der Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen ist. Ich erläutere wie er sich von rationalistischen Ansätzen unterscheidet, was er mit Normen und Kommunikation zu tun hat und gehe danach auf die Bedeutung dieser Normen und deren Setzung ein. Es folgt eine Betrachtung der Interaktion von Akteur und Struktur bei der Generierung normativer Standards. Wendts konstruktivistische Darstellung dieser Wechselwirkung kritisiere ich dann aufgrund ihres Mangels an Erklärungskraft.

Außerdem werde ich versuchen darzulegen, wie innerhalb eines Staates eine gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte die Lebenswelt etabliert, die in der internationalen Politik so nicht gegeben ist. Eine Lebenswelt jenseits des Staates ist problematisch und müsste demnach willkürlich konstruiert werden. Ob dies realistisch ist, werde ich erörtern.

Ich betrachte dann die Umstrittenheit normativer Bedeutungen und die Ignorierung dieser Umstrittenheit in den internationalen Debatten.

Warum Staaten sich an Regeln halten, beziehungsweise sich nicht an sie halten, und wie es zu Gesinnungswandel kommen kann, versuche ich anschließend zu klären. Dabei zeige ich, dass die Teilnahme am Diskurs selbst schon ideologische Zugeständnisse bedingt. Davon ausgehend gelange ich zur Betrachtung der Rolle von Regimen und deren Einfluss auf die internationale Politik. Exemplarisch beschreibe ich zuletzt kurz den Umgang mit Kinderarbeit in der internationalen Politik.

Ich schließe mit einem Fazit und bringe dort eigene Gedanken ein.

Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen

Der Konstruktivismus, wie er beispielsweise von Nicholas Onuf formuliert wird, zieht keine klare Grenze zwischen materiellen und sozialen Wirklichkeiten. Er ist philosophischer Konstruktivismus im ursprünglichen Sinne, der besagt, dass die Welt konstruiert wird, und zwar die gesamte Welt, ganz gleich ob es sich dabei um ein greifbares Objekt oder um eine Gesellschaft handelt. Menschen und Gesellschaft konstruieren sich in einer dialektischen Bewegung gegenseitig. Am Anfang, bevor es überhaupt eine Gesellschaft gab, waren nur fundamentale Eigenschaften gegeben, die alle Menschen miteinander teilen: Die „menschliche Natur“.

Die Menschen erschufen zwar die Gesellschaft, aber die Gesellschaft formt gleichzeitig auch die Menschen. Der Paragraph 19 in den „Philosophischen Untersuchungen“ des bedeutenden Philosophen Ludwig Wittgenstein lautet: „Und eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen.“ Das bedeutet, dass eine Lebensform durch die Übereinkunft der Sprecher geschaffen wird. Konventionen und Institutionen geben dem Leben Form, machen es sozial, so wie ein Kind seine Muttersprache durch Handlungen und den spezifischen Gebrauch der Worte während dieser Handlungen, als auch durch die Erziehung zu bestimmten Reaktionen auf die Worte Anderer erlernt. Dieser Perspektive zufolge basiert letztlich alles auf Gewohnheit. Die Bedeutung eines Wortes, einer Tat, eines Zeichens ist dessen etablierter Gebrauch im Kontext einer Lebenswelt. Die menschliche Natur selbst existiert nur durch das Verhalten der Menschen. Wittgenstein hat es so formuliert: „Wenn ich der Regel folge, wähle ich nicht. Ich folge der Regel blind “ (vgl. Onuf 1989: 36-46).

Wenn also die Normen bekannt und eindeutig sind, dann werden sie wie selbstverständlich eingehalten, ohne dass die Regeleinhaltung überhaupt ein bewusster Vorgang ist. Normen haben nicht nur kausal-regulativen Charakter, sondern ihre Wirkungen sind auch konstitutiv für die Interessen und sozialen Identitäten der Akteure (vgl. Risse 2003: 107-108).

Der Konstruktivismus in den Analysen der internationalen Politik im Speziellen, setzte mit seiner Betonung des Sozialen einen neuen Theorieschwerpunkt in den Internationalen Beziehungen und bildet so ein Gegengewicht zum Neorealismus und Neoliberalismus, die man als rationalistische Ansätze bezeichnen kann (vgl. Wiener 2003: 133).

Rationalistische Theoretiker stimmen beispielsweise den beiden folgenden Aussagen zu:

- Man kann außerhalb der jeweiligen Diskursgemeinschaft und ihren Konventionen etwas über die Welt wissen.
- Kausale Erklärungen sind in den Sozialwissenschaften möglich.

Die Postulierung einer wechselseitigen Konstruktion von Strukturen und Akteuren, wie sie im Konstruktivismus gegeben ist, widerspricht eindeutig dem methodologischen Individualismus rationalistischer Ansätze, bei dem das individuelle Handeln zur einzigen elementaren Einheit des sozialen Lebens erklärt wird.

Auch auf handlungstheoretischer Ebene zeigen sich unübersehbare Differenzen. James March und Johan P. Olsen haben zwischen einer Logik zweckrationalen Handelns bei rationalistischen Ansätzen und einer Logik der Angemessenheit bei sozial-konstruktivistischen Ansätzen unterschieden. Schon früh wurde festgestellt, dass man nicht internationale Institutionen als Regelstrukturen untersuchen kann, ohne auf die spezifisch intersubjektive Qualität sozialer Normen einzugehen. Durch solche Institutionen, die Normen und Regeln aufstellen, werden nämlich erst sinnvolle Interaktionen zwischen den Akteuren der internationalen Politik ermöglicht. Hier deutet sich die Idee einer world polity und einer Weltkultur an. Doch darf man durch die Konzentration auf einen solchen strukturalistischen Blickwinkel, auch nicht einfach die einzelnen Akteure ignorieren, die für vielfältige Brüche und Varianzen in den Strukturen verantwortlich sind (vgl. Risse 2003: 103-109).

Beim Konstruktivismus geht es demnach um Sinn- und Bedeutungszusammenhänge, die in weltgesellschaftlichen Kommunikations- und Interaktionsprozessen entstehen. Doch diese sozialen Konstruktionen der Wirklichkeit weisen zwischen verschiedenen Kulturen und Nationen frappierende Unterschiede auf. Gerade bei jenen Elementen, die besonders auf den weiteren Verlauf des politischen Prozesses in der internationalen Politik Einfluss nehmen, ist häufig kein Konsens über die Konstruktion der Realität festzustellen (vgl. Weller 2005: 35).

Thomas Risse benennt das als Hauptargument, welches gegen die Vorstellung, dass in den internationalen Beziehungen der Diskurs irgendeine Rolle spielen würde, hervorgebracht wird. Er schreibt:

„International relations are anarchic, and thus, there is no ‚common lifeworld’ supplying collective interpretations of the world to the actors involved. Actors in world politics do not share a common language, history, or culture.” (Risse 2000: 14)

Normen und „Normung”

Normen in der internationalen Politik sind zum Beispiel das Prinzip der nationalen Souveränität und die internationalen Menschenrechte. Solche kollektiven Normen und Bedeutungsgehalte konstituieren die sozialen Identitäten von Akteuren und stellen gleichzeitig die Spielregeln auf, welche die Interaktion erst ermöglichen. Doch birgt diese Betrachtungsweise die Gefahr, die Akteursdimension zu vernachlässigen. Häufig wurde bei konstruktivistischen Studien über den Nachweis der Relevanz sozialer statt materieller Strukturen, die Rolle der Akteure im Normentstehungs- und Umsetzungsprozess vergessen (vgl. Risse et al 2002: 18).

Wie wird, trotz der starken Position der Akteure, dann die Umsetzung internationaler Normen gewährleistet? Oder mit den Worten von Alexander Wendt:

„What keeps the United States from conquering the Bahamas, or Nigeria from seizing Togo, or Australia from occupying Vanuatu?” (Wendt 1992: 415)

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Konstruktivismus, Kultur und Kommunikation: Das Lebenswelt-Problem
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Internationale Beziehungen 1: Grundlagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V171674
ISBN (eBook)
9783640911950
ISBN (Buch)
9783640910205
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktivismus, Lebenswelt-Problem, Internationale Beziehungen, Onuf, Wendt, Risse, Kultur, Kinderarbeit
Arbeit zitieren
Patrick Zimmerschied (Autor), 2011, Konstruktivismus, Kultur und Kommunikation: Das Lebenswelt-Problem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171674

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Konstruktivismus, Kultur und Kommunikation: Das Lebenswelt-Problem



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden