Sexuelle Begierden im antiken Judentum


Seminararbeit, 2010
15 Seiten

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1 Zielsetzung und Vorgehensweise
1.2 Historischer Kontext
1.3 Quellen

2 MORALVORSTELLUNGEN ZUR SEXUALITÄT
2.1 „Seid fruchtbar und mehret euch“ als oberstes Gebot
2.2 Onans „nutzloser Samenerguss“ – Sex nur zur Fortpflanzung?
2.3 Sexuelle Praktiken – Sex zur Lustbefriedigung?
2.4 Asketische Spannungen im rabbinischen Judentum

3 GENERALISIERENDE BETRACHTUNG
3.1 Aushandlung gesellschaftlicher Normen
3.2 Praktizierbarkeit der Normen
3.3 Schlussfolgerungen
3.4 Abschliessende Bemerkungen

4 BIBLIOGRAPHIE
4.1 Gedruckte Quellen
4.2 Selbständige Publikationen
4.3 Unselbständige Publikationen
4.4 Lexika und Nachschlagewerke

1 EINLEITUNG

1.1 Zielsetzung und Vorgehensweise

In den verschiedenen philosophischen und gesellschaftlichen Strömungen des spätantiken Ju- dentums gab es eine Vielzahl sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher Richtwerte zum Um- gang mit Lüsten. In meiner Arbeit umreisse ich den Rahmen, in dem Sexualität im rabbini- schen Judentum für die geistige Elite vorstellbar war, und erkunde, wie diese sexualmorali- schen Massstäbe legitimiert wurden. Neben einer Untersuchung der Meinungsbildungsprozes- se stelle ich insbesondere Überlegungen über die Legitimität, Praktizierbarkeit und Folgen der rabbinischen Konzeptionen an.

Um der gewählten globalen Betrachtung gerecht werden zu können, habe ich versucht, in Quellen und Sekundärliteratur zentrale und wiederkehrende Themenstellungen, Legitimati- onsgegenstände und historische Elemente herauszukristallisieren, welche dazu wesentlich er- scheinen. Diese stellten bei weitem nicht für alle Juden und über die gesamte rabbinische Zeit konstante Bezugspunkte dar und erlauben es schon deshalb nicht, eindeutig „lustfeindliche“ oder „lustbejahende“ Aspekte für „das“ rabbinische Judentum zu identifizieren. Sie ermögli- chen aber, einen offen Rahmen abzustecken, in dem geltende Normen ausgehandelt wurden. Dieser wird darauf in einer generalisierenden Betrachtung vor dem Hintergrund historischer und sozio-kultureller Entwicklungen interpretiert.

1.2 Historischer Kontext

Das rabbinische Judentum beginnt um die Zeitenwende und dauert bis zur Mitte des ersten Jahrtausends an. Sein Anfang ist gekennzeichnet durch die Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem durch die Römer 70 n. Chr. Dieser hatte zuvor mit dem für die gesamte Gesell - schaft stellvertretenden priesterlichen Opferkult das religiöse Zentrum der Juden dargestellt, ohne den ein Fortbestand der Gemeinschaft nur schwer vorstellbar gewesen war. Mit dessen Wegfall wurden diverse einschneidende philosophisch-religiöse und strukturelle Veränderun- gen im Judentum eingeleitet: Die Rabbiner lösten die Tempelpriester als geistige Führung ab. Sie ersetzten den zentralisierten Tempelkult mit einer breiteren, dezentralen Glaubensbasis in Form der Synagogengemeinschaft.1 Damit wurden alle Gläubigen stärker in kultische und re- ligiös-moralische Verpflichtungen eingebunden – besonders auch jene Juden, die sehr zahl- reich im ganzen Mittelmeerraum zerstreut Diasporagemeinden bildeten. Um diesem Wandel gerecht zu werden, versuchten die Rabbiner, die theologische Basis zu stärken und zu verein- heitlichen. Sie stiessen alle nichtrabbinischen Strömungen ab und erarbeiteten an die neue Si- tuation angepasste Normen und Regeln, die sie in Mischna und Talmud kodifizierten.2 Die be- trachtete Epoche zeichnet sich also durch eine Neuorientierung bei den sozialen und morali- schen Massstäben aus.

1.3 Quellen

Die drei wichtigsten jüdischen religionsgesetzlichen Quellen für die betrachtete Zeit sind die Tora, die Mischna und der Talmud. Letzterer dient mir als Hauptquelle. Weil diesen Schriften von der Gesellschaft Autorität beigemessen wurde, stellen sie für meine Betrachtungen eine legitime Quelle dar, auch wenn sie nicht unbedingt die damalige historische Realität, sondern oft nur die persönliche Auffassung ihrer Autoren oder Redaktoren widerspiegeln.3

Die Tora entspricht in ihrem engeren Sinn dem griechischen Pentateuch. Sie wurde spätestens seit ihrer Kanonisierung (im fünften bis dritten Jhdt. v. Chr.) offiziell zur Rechtsgrundlage mit Gültigkeitsanspruch für alle Juden.4 Sie enthält 613 Ge- und Verbote zu verschiedenen Le- bensbereichen,5 mitunter auch zur Sexualität (v.a. im Rahmen der Ehegesetze).

Die Weisungen der schriftlichen Tora lassen aber auch viele Bereiche unberücksichtigt oder sind unklar. Nach rabbinischer Auffassung wurden diese Lücken durch die orale Tradition („mündliche Tora“) geschlossen, die bis ca. 200 n. Chr. von den Rabbinern in der Mischna auch schriftlich fixiert wurde.6

Die reiche Kommentiertätigkeit und praxisorientierte Auslegung der Mischna durch die Rab- biner wiederum wurde vorwiegend im Talmud abgelegt. Dieser wurde bis ins sechste Jahr- hundert7 in zwei unterschiedlichen Fassungen redigiert: dem etwas älteren Jerusalemer Tal- mud und dem umfangreicheren, erheblich einflussreicheren Babylonischen Talmud. In talmu- dischen Traktaten werden oft Interpretationen verschiedener einflussreicher Rabbiner einan- der gegenübergestellt, wobei nicht unbedingt ein verbindlicher Kompromiss präsentiert wird.

2 MORALVORSTELLUNGEN ZUR SEXUALITÄT

2.1 „Seid fruchtbar und mehret euch“ als oberstes Gebot

Das gebietet jedenfalls die Tora deutlich.8 9 Und diese Aufforderung scheint auch tatsächlich den beständigsten Bezugspunkt in der jüdischen Sexualmoral zu bilden. Nur wenige asketisch orientierte Autoritäten propagierten vor allem in vorrabbinischer Zeit sexuelle Enthaltsamkeit und verstanden das Fortpflanzungsgebot damit nicht als Verbindlichkeit (vgl. unten). Hinge- gen interpretierten spätestens die Rabbiner dieses Gebot als persönliche Pflicht10 – die aber mehrheitlich nicht als uneingeschränkt verstanden wurde: So vertrat eine Mehrheit scheinbar die Meinung, dass das Fortpflanzungsgebot nur für Männer gelte.11 Nach der Zeugung einer begrenzten Anzahl Nachkommen sei die persönliche Pflicht erfüllt, so die Mischna.12

2.2 Onans „nutzloser Samenerguss“ – Sex nur zur Fortpflanzung?

Die Tora erzählt, dass Onan von Gott mit dem Tod bestraft wurde, weil er „sooft er zur Frau seines Bruders ging, [...] den Samen zur Erde fallen und verderben [liess], um seinem Bruder Nachkommen vorzuenthalten“13. Onan musste sterben, weil er gegen das Levirat verstiess (dieses hätte ihn dazu verpflichtet, mit der Witwe des verstorbenen Bruders einen Nachkom- men zu zeugen).14 Zahlreiche rabbinische Diskurse interpretierten diese Stelle vor dem Hinter- grund des Fortpflanzungsgebots jedoch anders: Onan sündigte in der „Verschwendung“ seines Samens (d.h. in einer Ejakulation, die potentiell nicht zu einer Befruchtung führen konnte).

[...]


1 SASSE, MARKUS: Geschichte Israels in der Zeit des zweiten Tempels. Historische Ereignisse – Archäologie – Sozialgeschichte – Religions- und Geistesgeschichte, Neukirchen Vluyn 2004, S. 327f.

2 Ebd., S. 329f.

3 Vgl. BRENNER, ATHALYA: The Intercourse of Knowledge. On Gendering Desire and 'Sexuality' in the Hebrew Bible, Leiden, New York u. Köln 1997, S. 151.

4 SASSE: Geschichte Israels zur Zeit des Zweiten Tempels, S. 58 u. 63f.

5 V.a. in Dtn 4:44-28:68.

6 SASSE: Geschichte Israels zur Zeit des Zweiten Tempels, S. 330f.

7 BOYARIN, DANIEL: Carnal Israel. Reading Sex in Talmudic Culture, Berkely u. Los Angeles 1993, S. 24.

8 Gen 1:22.

9 Vgl. zusätzlich Gen 1:28, Gen 35:11 u. Dtn 7:13-14.

10 Über mögliche Gründe dazu spekuliert BIALE, DAVID: Eros and the Jews. From Biblical Israel to Contempora- ry America, New York 1992, S. 35f.

11 EILBERG-SCHWARTZ, HOWARD: God's Phallus. And other Problems for Men and Monotheism, Massachusetts 1993, S. 217f. Im Babylonischen Talmud wird in Jabmuth 65b zur Begründung versucht, die entsprechenden Tora-Verse linguistisch nur auf Männer bezogen zu lesen.

12 Je nach Lehre zwei Söhne oder ein Sohn und eine Tochter. Vgl. Mischna Jabmuth VII:vi, zitiert bei KOLTUN- FROMM, NAOMI: Sexuality and Holiness. Semitic Christian and Jewish Conceptualizations of Sexual Behavior, in: Vigiliae Christianae, 54/4, 2000, S. 394.

13 Gen 38:8-10

14 BIALE: Eros and the Jews, S. 17f.

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Details

Titel
Sexuelle Begierden im antiken Judentum
Hochschule
Universität Bayreuth  (Seminar für Alte Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar „Die Last mit der Lust – Lust und Lustfeindlichkeit in der Antike“
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V171684
ISBN (eBook)
9783640913244
ISBN (Buch)
9783640912179
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Judentum, Niddah, Bibel, Talmud, Tora, Mischna, Onan, Askese, Enthaltsamkeit
Arbeit zitieren
Remo Wasmer (Autor), 2010, Sexuelle Begierden im antiken Judentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171684

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