In den verschiedenen philosophischen und gesellschaftlichen Strömungen des spätantiken Judentums gab es eine Vielzahl sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher Richtwerte zum Umgang mit Lüsten. In meiner Arbeit umreisse ich den Rahmen, in dem Sexualität im rabbinischen Judentum für die geistige Elite vorstellbar war, und erkunde, wie diese sexualmoralischen Massstäbe legitimiert wurden. Neben einer Untersuchung der Meinungsbildungsprozesse stelle ich insbesondere Überlegungen über die Legitimität, Praktizierbarkeit und Folgen der rabbinischen Konzeptionen an.
Um der gewählten globalen Betrachtung gerecht werden zu können, habe ich versucht, in Quellen und Sekundärliteratur zentrale und wiederkehrende Themenstellungen, Legitimationsgegenstände und historische Elemente herauszukristallisieren, welche dazu wesentlich erscheinen. Diese stellten bei weitem nicht für alle Juden und über die gesamte rabbinische Zeit konstante Bezugspunkte dar und erlauben es schon deshalb nicht, eindeutig „lustfeindliche“ oder „lustbejahende“ Aspekte für „das“ rabbinische Judentum zu identifizieren. Sie ermöglichen aber, einen offen Rahmen abzustecken, in dem geltende Normen ausgehandelt wurden. Dieser wird darauf in einer generalisierenden Betrachtung vor dem Hintergrund historischer und sozio-kultureller Entwicklungen interpretiert.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 Zielsetzung und Vorgehensweise
1.2 Historischer Kontext
1.3 Quellen
2 MORALVORSTELLUNGEN ZUR SEXUALITÄT
2.1 „Seid fruchtbar und mehret euch“ als oberstes Gebot
2.2 Onans „nutzloser Samenerguss“ – Sex nur zur Fortpflanzung?
2.3 Sexuelle Praktiken – Sex zur Lustbefriedigung?
2.4 Asketische Spannungen im rabbinischen Judentum
3 GENERALISIERENDE BETRACHTUNG
3.1 Aushandlung gesellschaftlicher Normen
3.2 Praktizierbarkeit der Normen
3.3 Schlussfolgerungen
3.4 Abschliessende Bemerkungen
4 BIBLIOGRAPHIE
4.1 Gedruckte Quellen
4.2 Selbstständige Publikationen
4.3 Unselbstständige Publikationen
4.4 Lexika und Nachschlagewerke
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sexualmoralischen Vorstellungen im rabbinischen Judentum der Spätantike und analysiert, wie diese Normen durch die geistige Elite legitimiert, praktiziert und soziokulturell interpretiert wurden.
- Die Rolle des Fortpflanzungsgebots als zentraler Bezugspunkt der jüdischen Sexualmoral.
- Untersuchung von Sexualpraktiken, die nicht primär auf Empfängnis ausgerichtet sind.
- Die Spannung zwischen gesellschaftlichen Normen und deren praktischer Umsetzung im Alltag.
- Einfluss soziokultureller Entwicklungen nach der Zerstörung des Zweiten Tempels.
- Die Abgrenzung des rabbinischen Judentums durch moralische Richtwerte.
Auszug aus dem Buch
2.1 „Seid fruchtbar und mehret euch“ als oberstes Gebot
Das Gebietet jedenfalls die Tora deutlich.9 Und diese Aufforderung scheint auch tatsächlich den beständigsten Bezugspunkt in der jüdischen Sexualmoral zu bilden. Nur wenige asketisch orientierte Autoritäten propagierten vor allem in vorrabbinischer Zeit sexuelle Enthaltsamkeit und verstanden das Fortpflanzungsgebot damit nicht als Verbindlichkeit (vgl. unten). Hingegen interpretierten spätestens die Rabbiner dieses Gebot als persönliche Pflicht10 – die aber mehrheitlich nicht als uneingeschränkt verstanden wurde: So vertrat eine Mehrheit scheinbar die Meinung, dass das Fortpflanzungsgebot nur für Männer gelte.11 Nach der Zeugung einer begrenzten Anzahl Nachkommen sei die persönliche Pflicht erfüllt, so die Mischna.12
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Definiert die Forschungsfrage nach der Legitimität und den Folgen rabbinischer Konzepte zur Sexualität und ordnet diese in den historischen Kontext der nach-tempelzeitlichen Gesellschaft ein.
2 MORALVORSTELLUNGEN ZUR SEXUALITÄT: Analysiert zentrale Themen wie das Fortpflanzungsgebot, den Umgang mit nicht-fortpflanzungsorientierter Sexualität und die Rolle asketischer Tendenzen innerhalb der rabbinischen Lehre.
3 GENERALISIERENDE BETRACHTUNG: Erörtert die Aushandlung gesellschaftlicher Normen und deren Praktizierbarkeit unter Berücksichtigung der soziokulturellen Abgrenzung des Judentums in der Spätantike.
4 BIBLIOGRAPHIE: Listet die verwendeten Quellen, Literatur sowie Lexika und Nachschlagewerke auf, die der Untersuchung zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Rabbinisches Judentum, Sexualmoral, Fortpflanzungsgebot, Spätantike, Mischna, Talmud, Asketismus, Sexualpraktiken, Gesellschaftliche Normen, Tora, Ehe, Identitätsbildung, Soziokulturelle Entwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die sexualmoralischen Richtwerte und deren Umsetzung innerhalb des rabbinischen Judentums während der Spätantike.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Fortpflanzungsgebot, verschiedene Sexualpraktiken, die Rolle des asketischen Denkens sowie die Legitimierung dieser Normen durch rabbinische Autoritäten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Rahmen zu umreißen, in dem Sexualität im rabbinischen Judentum definiert wurde, und zu erforschen, wie diese moralischen Maßstäbe legitimiert und im Alltag praktiziert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse von Quellen und Sekundärliteratur, um gesellschaftliche Entwicklungen und die Entstehung moralischer Normen nach der Zerstörung des Zweiten Tempels zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit rabbinischen Moralvorstellungen sowie eine übergeordnete Betrachtung zur Aushandlung und Praktizierbarkeit dieser Normen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben dem rabbinischen Judentum vor allem die Sexualmoral, das Fortpflanzungsgebot, die Tora, der Talmud sowie die soziokulturelle Abgrenzung.
Wie stehen die Rabbiner zur Sexualität außerhalb der Fortpflanzung?
Obwohl die Fortpflanzung als zentrales Gebot galt, zeigt die Arbeit, dass nicht alle Praktiken, die nicht zur Empfängnis führen, grundsätzlich negativ bewertet oder verboten waren.
Welche Rolle spielt die Zerstörung des Zweiten Tempels für die Sexualmoral?
Die Zerstörung des Tempels erforderte eine Neuausrichtung religiöser und moralischer Identität, was dazu führte, dass die Rabbiner stärker interpretative Richtlinien für den Alltag erarbeiteten.
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- Remo Wasmer (Author), 2010, Sexuelle Begierden im antiken Judentum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171684