Solve et Coagula

Skizzen einer Soziologie der Magie


Diplomarbeit, 2010
163 Seiten, Note: 1,3

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Inhalt

1 Exposition

2 Was ist Magie? – Statt einer Definition
2.1 Was ist Magie in dieser Arbeit?
2.2 Magie – Das Schmuddelthema
2.3 Das Programm

3 Wissenschaftstheorie
3.1 Der Wissenschaftler und das Irrationale: Karl Popper
3.2 Ein kleiner Exkurs in die Sigillenmagie
3.3 Der irrationale Wissenschaftler: Paul Feyerabend
3.4 Ethnosoziologie zwischen Wildnis und Zivilisation: Hans Peter Duerr
3.5 Eine konstruktivistische Zusammenfassung
3.6 Probleme des Relativismus

4 Magie in der Soziologie – einige Zugänge
4.1 Magie und das wilde Denken bei Claude Lévi-Strauss
4.2 Magie als Destillat von Primitivität: Georg W. Oesterdiekhoff
4.3 Max Webers Entzauberung der Welt
4.4 Frühe Wissenssoziologie: Max Scheler und Karl Mannheim
4.5 Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit

5 Magie, das soziale Phänomen
5.1 Die Grenzen der Magie sind transzendent
5.2 Magische Welt und magische Erfahrung
5.3 Conjuring alone? – Individualisierung und Organisationsformen der Magie
5.4 Zur Rekrutierung der Magier
5.5 Be- und Entgrenzung der Magie
5.6 Gesellschaftliche Anerkennung und Institutionalisierungsscheue
5.7 Die Institutionalisierung der Magie als Ver- und Entzauberung der Alltagswelt
5.8 Coagula – Die Erdung durch die Alltagswirklichkeit
5.9 Magie und Markt
5.10 Magie zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft

6 Schluss

7 Ausblick

8 Literaturverzeichnis

Anhang

Ich danke meinen Interviewpartnern Caleya, Dr. Michael Becker, Vicky Gabriel, Limuria, Mark Hosak und Effigy, die mir im Vorfeld dieser Arbeit sehr dabei halfen mich mit dem The- ma und seiner enormen Vielschichtigkeit vertraut zu machen.

Des Weiteren bedanke ich mich bei meinem Betreuer Dr. Thorsten Benkel für seine Unter- stützung und die vielen hilfreichen Anregungen.

Mein besonderer Dank gilt meiner Ehefrau für ihr engagiertes Lektorat, ihre ehrliche Kritik und ihre ermutigende Art mir zur Seite zu stehen.

1 Exposition

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Solve et Coagula. – Diese Forderung wird oftmals auf Hermes Trismegistos, jenem mythischen Begründer der westlichen Esoterik, der abendländischen Magie und Al- chemie, zurückgeführt. Besonders in den zahlreichen Kosmologien der Alchimie fin- det der Spruch eine feste Verankerung, weiß er doch die Auflösung eines Stoffes in Bestandteile und die darauf folgende Zusammensetzung jener Bestandteile zu etwas Neuem, besonders anschaulich zu versinnbildlichen. Die magischen Schriften Èli - phas Lévis greifen diese Symbolik auf. So ist in seiner Darstellung des Baphomet zu sehen, wie dessen rechter nach oben weisende Arm mit Solve, der linke nach unten weisende mit Coagula beschriftet ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Baphomet-Darstel- lung nach Éliphas Lévi.

Abgesehen von den vielen weiteren Hinweisen und Symbolen, die im Bild gezeigt werden, möchte ich ein wenig näher auf die Beziehung von oben und unten einge- hen, wie sie auch im solve et coagula enthalten ist. Aus solve wird im Titelbild dieser Arbeit der Adler, aus coagula wird die Kröte. Stünde der Adler allein, würde er sich in den Lüften verlieren und ebenso würde sich der Verstand des Weisen (hier: Avicen- na/Ibn Sina) vollends von den Tatsachen des irdischen Lebens (Symbolisiert durch die Stadt und die Landschaft) ablösen. Aber auch ein bloßes Verlassen auf die ande- re Polaritätsachse, die Kröte, lässt den Weisen nicht besser dastehen. Sie verfügt zwar über die nötige Erdung, jedoch beschränkt sich ihr Sichtfeld, ihr Einflussbereich und Verstand auf einen sehr geringen Radius. Es liegt nun am Weisen, Philosophen, Magier, oder Soziologen den Spruch coagula et solve zu beherzigen und Adler mit Kröte zu vereinigen. Eine ganz und gar unmögliche Aufgabe! Aber eben weil sie un- möglich ist, verspricht sie auch keine endgültige Lösung und muss immer wieder neu versucht werden. Neben der Option des Scheiterns birgt dieses Vorgehen auch die Hoffnung neue fruchtbare Perspektiven zu erarbeiten, Wissen zu erschaffen, das schließlich in das Buch des Weisen eingeht.

2 Was ist Magie? – Statt einer Definition

Es möchte kein Hund so länger leben! Drum hab ich mich der Magie ergeben, Ob mir durch Geistes Kraft und Mund, Nicht manch Geheimnis würde kund. Goethe, Faust I

In besonderer Weise erscheint der Begriff Magie als nebulös und kaum greifbar. Die Vorstellungen, die durch ihn beschworen werden, sind durch eine lückenlose jahr- hundertelange Anreicherung durch die schöne Literatur, die Malerei, Märchen, Volks- lieder und andere Kunstformen beeinflusst. Aufgegeben sind diese Vorstellungen noch lange nicht. Im Gegenteil genießt die Magie derzeit eine umfassende Populari- tät. Was wäre ein Harry Potter, um einen Kassenschlager par excellence zu benen- nen, ohne Magie und kann, um den Fokus zu erweitern, das verkaufsträchtige Fanta- sygenre, das ja nicht nur Literatur umfasst, ohne Magie gedacht werden? – Sicher- lich nicht. Magie tritt allerdings beileibe nicht nur im Fantasy-Gewand zu tage, wo ihr vielleicht noch – mit sehr viel gutem Willen – ein Nischendasein attestiert werden könnte. Sie ist auch in der Werbung omnipräsent und hat längst Eingang in die All- tagssprache1 gefunden, was schon im Wörterbuch der Brüder Grimm anklingt, wo das Adjektiv magisch unter anderem mit geheimnisvoll anziehend für das Auge über- setzt und Magie noch direkt auf den Begriff Zauberkunst bezogen wird. Sich magisch angezogen fühlen kann man sich natürlich auch heute noch. Von daher liefert Grimms Wörterbuch einen wichtigen Hinweis auf eine Facette der Magie, die für die Sprache wichtig ist und sich gängigen Magie-Definitionen, emischen wie etischen, entzieht. Die hier angesprochene Form der Magie tritt meist dann auf, wenn von Ver- blüffung oder überwältigenden Erfahrungen die Rede ist, die das Bekannte überstei- gen. Als Ausdruck meist positiver Emotionen tritt das Synonym Zauber auf („Ich fühle mich wie verzaubert“)2. In nicht allzu großer Distanz vom Mainstream findet sich Ma- gie in den verschiedensten Aufzügen auch in Subsprachen. Nicht nur im Fussballjar- gon erfreut sich das Zaubern größter Beliebtheit3, auch als Ehrentitel wie bei der Bas- ketball- Legende 4 Magic Johnson oder gar als Teamname a´la Orlando Magic. Eine weitere sehr verbreitete Bedeutung von Magie findet sich in den Synonymen5 Ta- schenspielerei und Hokuspokus. Der erste Begriff verweist auf das weite Feld der Tricks, wie sie zum Zweck der Unterhaltung von Magiern und Zauberern präsentiert werden (vgl. Mürner 2010). Ein Phänomen, das freilich längst nicht mehr in kleinen Varietés und Kuriositätenkabinetten zu Hause ist, sondern längst massenmedial ver- marktet wird6.

Abbildung 2: Alltägliche Magie - Zwischen Kitsch, Kommerz und Show.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Begriff Hokuspokus verdeutlicht gewissermaßen jenes Ereignis, das eintritt, wenn auch der letzte Zaubertrick durch Enthüllungsshows7, Blogs und Youtube-Kom- mentare entlarvt ist, nämlich dass es sich hier nicht um Magie handelt, sondern um eine Täuschung. Wir stoßen schon an dieser Stelle auf einen eigentümlichen Wider- spruch: Einerseits treten Magie und Hokuspokus als Synonyme auf, andererseits scheint das eine das andere auszuschließen. Irgendwo scheint es verankert zu sein, dass die echte Magie keine Täuschung braucht. Die Schwierigkeit echte Magie von Scharlatanerie zu trennen, liegt maßgeblich darin, dass oft zwischen Fremd- und Selbstperspektive in der Bewertung was Magie nun ist, und was nicht, ein Abgrund klafft. Es macht einen erheblichen Unterschied aus, ob eine Gruppe Dinge, die sie unternimmt magisch nennt oder ob diese Zuschreibung von Außen erfolgt. In diesem Kontext ist auch das Problem der unzureichenden Definierbarkeit der Magie zu se- hen. Es findet sich deshalb eine solche Unzahl an Magie-Definitionen, weil Magie eine sehr große Bandbreite an Perspektiven umfasst und wichtiger: weil keine dieser Perspektiven als mehr oder weniger grundlegend anerkannt ist. Eine Gemeinsamkeit des sprachlichen Gebrauchs der Magie, ist jedoch ihr transzendenter Charakter, der auf Sphären jenseits der Alltagswirklichkeit verweist. Diese Gemeinsamkeit kann auch innerhalb der geistesgeschichtlichen Auseinandersetzungen mit Magie beob- achtet werden, wobei auch hier ansonsten eher die Differenzen vorherrschen. Allein die wissenschaftliche Literatur zur Magie seit dem späten 19. Jahrhundert weist eine Fülle sehr unterschiedlicher Betrachtungsweisen auf, die im Einzelnen kaum mitein- ander vereinbar sind, was ich nicht allein auf die zeitlichen Abstände zurückführen möchte. Das Forschungsthema Magie ist zudem interdisziplinär. Es bündelt Soziolo- gie, Psychologie, Anthropologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaften, Philosophie und wenn auch die parapsychologische Forschung mit der Tatsache Magie in Zu- sammenhang gebracht wird, auch etwa Physik und Neurowissenschaften8. Dass die- se Disziplinen mit ihrer Vielzahl an Traditionen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, scheint kaum noch zu verwundern. Zusätzlich existiert zur Magie eine hohe Menge populärwissenschaftlicher Literatur, sowie Bildbände und Lexika, die das Thema aus sehr verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Mal wird reißerisch das Fremde in der Magie in den Vordergrund gestellt9, wie es in barbarischen Kulten zum Vorschein kommt. Mal geht es um die Frage, ob es Magie wirklich gibt oder es wird eine Aufzählung magischer Phänomene präsentiert. Ganz anders verhält es sich dann wiederum bei Menschen die selbst Magie praktizieren. Hier kann, wie ich oben bereits angedeutet habe zwischen Selbst- und Fremdzuschreibung unterschieden werden. Werden eigene Unternehmungen als magisch bezeichnet oder erfolgt eine Selbstbezeichnung wie Magier, Druide, Hexe, Schamanin usw., so kann aufgrund dessen beileibe noch kein Schluss auf eine zugrunde liegende Magiedefinition ge- troffen werden. Auch dort zeigt sich ein hohes Spektrum an Strömungen und Tradi- tionen, die, weil sie im klassischen Sinn wenig institutionalisiert sind10, kaum erschöp- fend überblickt und verglichen werden können. Klar ist jedoch, dass zwischen den einzelnen Strömungen, wie, um zwei derzeit praktizierte Formen zu nennen, der Chaosmagie und der Naturmagie, grundlegende Diskrepanzen über den Magiebe- griff vorliegen. Zumal längst nicht alle bekennenden Magier solchen oder ähnlichen Schulen zugeordnet werden können, wobei ich betonen möchte, dass die genannten Kategorien lediglich auf Grundlage der westlichen Magie funktionieren. Noch unüber- sichtlicher wird das Thema, wenn wir uns auf die Gruppe derjenigen konzentrieren, die Magie praktizieren11, sich aber nicht als Magier oder ähnliches bezeichnen. Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass diese Gruppe gegenüber den beken- nenden Magiern wesentlich größer ist. Vielleicht noch größer ist dagegen die Zahl der Menschen, die Magie konsumieren, die also magische Dienstleistungen gegen Bezahlung in Anspruch nehmen, wie es nicht nur beispielsweise bei den zahlreichen Orakel- und Lebenshilfeangeboten im Fernsehen12, in Zeitungen, auf Messen und Jahrmärkten der Fall ist. Daneben existiert zudem ein Bildungsmarkt in Form einer stark verbreiteten Seminarkultur, in der magisches Wissen vermittelt wird. Die Be- trachtung der Fremdzuschreibungen der Magie eröffnet dagegen beinahe eine ganz neue Dimension. In der Geschichte der Wissenschaften taucht die Zuschreibung der Magie überwiegend als eine Form von Diffamierung auf. In den Machtkämpfen zwi- schen den Disziplinen13 oder zwischen konkurrierenden Ansätzen14 ist Magie als Kampfbegriff ein probates Mittel um einen Gegner anrüchig oder lächerlich zu ma- chen. Es sind die Synonyme Schein, fauler Zauber und Hokuspokus, die hier zur Geltung kommen. Sicherlich ist dieser Gebrauch des Magiebegriffs hoffnungslos ver- altet. Obwohl ihm eine bis weit in die Antike reichende Tradition zu Grunde liegt (vgl. Becker 2002) musste er sich bisweilen anderen Formen von Diffamierung z.B. als Ketzerei und Blasphemie unterordnen. Eine neuere Bezeichnung die die Magie in dieser Hinsicht abgelöst hat, sich jedoch nach meinem Dafürhalten passgenau in die entstandene Lücke einfügt, ist die Titulierung als Pseudowissenschaft. Abgeleitet von der neuzeitlichen Wortneuschöpfung pseudo-scientia, also Scheinwissenschaft, wer- den genau die letztgenannten Synonyme zur Magie bedient. Weniger veraltet ist der Gebrauch des Wortes Magie um damit fremde Kulturen zu klassifizieren. So ist es zunächst den christlichen Missionaren zu verdanken, die im Lauf der Jahrhunderte in die entlegensten Erdteile vordrangen, dass aufgrund deren Aufzeichnungen und Er- zählungen eine intellektuelle Auseinandersetzung mit fremdem Denken angestoßen wurde15. Magie wurde auch hier zum Etikett, das in der Regel bezeugt geistig minder- bemittelt, oder zumindest der Zivilisation und je nach Zugriff auch Gott fern zu sein. Präziser ausgedrückt handelt es sich auch bei dieser Benutzung der Magie um eine Form des Machtkampfes, die eigene Traditionen als hochwertig und Fremde als min- derwertig darzustellen bemüht ist. Interessanterweise ist es gerade wieder einmal die Magie, die für diese Zwecke herhalten muss. So gilt beinahe jede Abweichung von der abendländischen, kirchlichen Spiritualität als Magie, aber auch andere Rituale bei gemeinschaftlichen Ereignissen oder andere Mentalitäten und Gebräuche kommen sehr schnell in Verdacht. Oft wird Magie bei einem solchen Zugang zu einem Denk- modus, der archaisch ist und deshalb evolutionär überwunden werden muss. Es geht hier also darum andere oder konkurrierende Positionen als möglichst obskur darzu- stellen, damit sich daraus mit diesen eine antithetische Beziehung mit als wertvoll er- achteten Begriffen herleiten lässt. Solche im Fall der Magie wertvollen Begriffe sind in der Regel: Wissenschaft, Religion, Rationalität mit ihren vielen Synonymen. Gera- de in wissenschaftlichen Diskursen ist Magie oft ein Widersacher dieser Begriffe und gerade solche antithetischen Betrachtungen treten sehr häufig auf.

2.1 Was ist Magie in dieser Arbeit?

Aus sozialwissenschaftlichem Blickwinkel erscheint es als hinreichend, all jenes als Magie zu bezeichnen, was Akteure als Magie ansehen. Ich möchte jedoch, um auch den Zugriff dieser Arbeit zu begrenzen, versuchen, die Dimensionen von Magie noch etwas weiter aufzufächern und stelle zwei zusätzliche Fragen: (1) Wird eigenes Erle- ben als Magie bezeichnet (Selbstzuschreibung) oder erfolgt die Zuschreibung von außerhalb (Fremdzuschreibung)? (2) Wird an die tatsächliche Existenz von Magie16 geglaubt (echte Magie) oder nicht (als-ob-Magie)? Es versteht sich, dass diese Diffe- renzierung lediglich einer besseren Orientierung geschuldet ist und dass die Grenzen der genannten Kategorien in manchen Beispielen durchaus verschwimmen. Ich habe nun in einem kurzen Aufriss das vielschichtige Auftreten der Magie in unserer Gesellschaft skizziert, wobei nur einige Beispiele aufgegriffen wurden und deshalb längst nicht von einem Überblick die Rede sein kann. Herausgekommen ist dabei, dass Magie ein nicht wegzudenkendes zentrales Thema in den verschiedenen Kunstformen ist. Zudem begegnet uns Magie in der Sprache, wo sie ebenfalls einen großen Fächer an Facetten entfaltet. Als Form der Unterhaltung findet sie Verwen- dung in Zaubershows, in Gesellschafts-, Rollen- und Computerspielen und das in ei- nem Ausmaß, dass von einem Nischendasein keine Rede sein kann. Diese Zugän- ge zur Magie haben alle einen als-ob-Charakter, das heißt, dass hier in der Regel nicht von der Existenz echter Magie ausgegangen wird und dies sowohl aus der Per- spektive der Praktizierenden als auch aus der Sicht von Beobachtern. Diese liegt erst dann vor, wenn Magie als probates Element der Beschreibung von Realitäten ver- wendet wird. Der Kunstfreund ebenso wie der Künstler wird nicht unbedingt davon ausgehen, dass es die auf einem Gemälde oder in einer Plastik abgebildeten Putten tatsächlich gibt17. Die Frau, die sich frisch verliebt von ihrem Schwarm magisch ange- zogen fühlt, wird in der Regel nicht davon ausgehen, dass dieser sie durch die Durchführung eines magischen Rituals im echten Sinn verhext hat. Und kaum ein Gamer, der im Spiel nach belieben18 Flammenwände emporschießen lassen kann, wird daran glauben, dass diese Fähigkeit auch in seine Alltagswirklichkeit übertrag- bar ist.

Abbildung 3: Als-ob-Magie: Theodor Bamberg und die schwebende Kugel.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Echte Magie taucht in westlich-modernen Gesellschaften dagegen hinter völlig unzu- reichenden Begriffen wie Esoterik- oder Magieszene und New Age auf. Unzurei - chend sind sie allein schon deswegen, weil der Begriff Szene ein engeres Bündel an Themen impliziert. So wie etwa bei der Hooligan- oder Heavy Metal Szene ein be- stimmter Habitus, bestimmte Kleidung, bevorzugte Musik und Treffpunkte sowie ähn- liche sozioökonomische Daten der Mitglieder beobachtet werden mögen, verhält es sich mit der sogenannten Magieszene eben nicht19. Es bestehen dort etliche Unter- schiede, die nicht so leicht überbrückt werden können20. Der Jugendliche, der beginnt sich für Satanismus zu interessieren und entsprechende Rituale durchführt21 ist mit der professionellen und kommerziellen Geistheilerin und der Lehrerin, die sich als Neuhexe bezeichnet und an den Äquinoktien mit Gleichgesinnten Rituale abhält wohl kaum in einen Topf zu werfen22. Der zweite Fehler, der den Szenebegriff hier unpas- send erscheinen lässt, ist der partikuläre Charakter von Szenen, der vielleicht auf einzelne Kategorien23, wie dem angesprochenen Jugendokkultismus, zutreffen mag, aber keinesfalls auf das hier verwendete weite Magieverständnis passt24. Der Begriff New Age ist ebenso unpassend. Er wird der Protestbewegung der 1960er Jahre zu- geschrieben und entfaltete seine volle Popularität in den 80ern. Abgesehen davon, dass der Begriff bereits in den 90ern an Bedeutung verlor, war er überwiegend ein externes Etikett, das insbesondere von Buchverlagen gerne aufgegriffen wurde und ein recht diffuses Sammelsurium an Inhalten von Bewusstseinserweiterung mittels Drogenkonsum bis hin zu Channeling und sektenähnlichen Bewegungen bot. Zu- sammengenommen ist New Age kaum eine Tradition auf die sich berufen wird, son- dern eher ein von außen aufgedrückter Sammelbegriff für das Aufkommen nicht eta- blierter Spiritualität in der Regel in Verbindung mit der 68er-Generation und ist außer- dem längst gerade aus emischer Perspektive völlig aus der Mode gekommen25. Ech- te Magie kann also schwerlich durch einen Überbegriff zusammengefasst werden, zumal es auch variiert, ob sie als ein Bündel von Techniken, als Weltanschauung, als verborgene Kunst oder – und das meist aus der Beobachterperspektive – schlicht als Humbug betrachtet wird. Eine weitere Gruppe, die sich mit echter Magie befasst, be- steht aus denjenigen, die sie nicht im engeren Sinne selbst betreiben, sondern viel- mehr konsumieren. Hierzu gehören die gelegentliche Lektüre esoterischer Ratgeber- literatur, der Besitz von Talismanen oder Traumfängern und die Konsultation eines Mediums und vieles Weitere. Sicherlich ist es hier nicht notwendig über ein ausge- prägtes magisches belief-system zu verfügen oder sich in den zugrunde liegenden Wissenssystemen gründlich auszukennen. Zuweilen reicht eine Prise Faszination aus, um einen Konsumenten zum Kauf zu bewegen, der nicht vollends an alle Aspekte der magischen Dienstleistung oder des magischen Objektes zu glauben braucht, er wird jedoch in der Regel das Produkt nicht vollends als Humbug bezeich- nen, irgendwo wird zumindest für ihn an der Magie etwas dran sein. Wo an echte Magie geglaubt, diese jedoch vornehmlich anderen zugeschrieben wird, beginnt die Sphäre eines meist religiös motivierten Zauberwahns. Fremder Glaube wird hier nicht etwa als bloßer Humbug, sondern als Bedrohung des eigenen empfunden. Der Aberglaube verführt die Menschen, den wahren Glauben zu verleugnen. Dabei sind fremde Götter und Dämonen reale Entitäten, die es zu fürchten gilt. Das zentrale Mo- tiv dieser Kategorie besteht in der Angst vor den Welten jenseits der Alltagsrealität. Solche Positionen, die sich bisweilen zu Inquisitionen und Hexenjagden verdichten, sind im Alltag sicher seltener geworden. Die Angst vor dem Fremden kann natürlich weiterhin, jedoch nicht nur im Kontext wissenschaftlicher Abhandlungen beobachtet werden. Der wissenschaftliche Magiebegriff ist, wenn hier auch zusätzliche Differen- zierungen nötig sind, auch in die bisher von mir aufgestellten Kategorien einfügbar. Mit als-ob Magie beschäftigen sich Sprach-, Literatur – und Kulturwissenschaften, wo Magie vornehmlich als Stilmittel auftaucht. Mit echter Magie beschäftigen sich vor al- lem Geistes- und Sozialwissenschaften und zwar in der Regel in Form eines kultur- geschichtlichen Phänomens, der Begriffsgeschichte oder innerhalb der Kontroverse um fremdes Denken. Die Unterscheidung zwischen Fremd- und Selbstzuschreibung der Magie kontrastiert den Zugriff der Wissenschaften schärfer. Die Magie ist der Wissenschaft per se fremd, eine Vermischung beider Begriffe wird seitens der Wis- senschaften tunlichst vermieden26. Insbesondere Wissenschaft kann daher Magie zu- schreiben und sie ist diesbezüglich ein nahezu klassischer Akteur. Es ist ein unauf- hörlicher Diskurs, den die Wissenschaft betreibt, um ihre Grenzen zu definieren. Den Konstruktionen, mit der die Gesellschaft ihre Wirklichkeiten in ständigem Wandel schafft, unterliegt als ein Teilbereich der Gesellschaft auch die Wissenschaft. Magie liegt immer außerhalb der Grenzen der Wissenschaft, nichtsdestotrotz besteht zwi- schen jenem Innen und Außen eine Wechselwirkungsbeziehung, so dass beispiels- weise die Magie von Heute durchaus Anregungen für die Wissenschaft von Morgen bereithalten kann27. Es ist daher nahezu offensichtlich, dass auch aus wissenschaftli- cher Sicht die Inhalte von Magie sehr stark variieren. Dabei ist es sehr schwierig, ausgehend vom Begriff, bestimmte empirische Tatsachen zu umgreifen. Vielmehr lie- fert Magie in der Regel eine Position des mit ihr angesprochenen Inhalts, nämlich au- ßerhalb geläufiger Alltagswirklichkeiten. Dennoch kann ihr genauer Ort nicht ver- zeichnet werden. Sie entzieht sich letztlich jedweder Grenzziehung, lässt sich etisch wie emisch kaum befriedigend definieren. Selbst wenn der Kontext, in dem sie auf- tritt, durch und durch alltagsweltlich ist, beinhaltet sie zumindest einen Verweis auf jenseitige Sphären. Ich nenne den Gegenstand dieser Arbeit bewusst Magie und nicht etwa fremdes Denken, Esoterik, (neue) Religiosität, oder Spiritualität, da dieser Begriff am besten die soziale Dimension der Grenze von Diesseits und Jenseits ab- bildet, dabei jedoch nicht allein im Religiösen verhaftet bleibt. Einschlägige Work- shops, Esoterikmessen oder Hexenstammtische werden durch die Überschrift Reli- giosität nach meiner Ansicht nicht stimmig repräsentiert28. Es braucht eine Offenheit für diese teils neuen Formen der Spiritualität, die der Begriff Magie bietet. Die Magie bildet kulturgeschichtlich einen besonderen Bereich, der eine tradierte Menge an Wissensformen und Handlungen umfasst. Bei der Bewertung dessen was Magie ist und was nicht, gehe ich pragmatisch vor. Dort wo das Wort Magie auftaucht, sei es in Form einer Fremd- oder Selbstzuschreibung, liegt Magie vor. Zusätzlich nehme ich es mir heraus – man möge es mir verzeihen – auch willkürlich Zuschreibungen vor- zunehmen, wenn mir eine Tatsache diesem skizzierten Kontext zugehörig erscheint. Ich bezeichne daher beispielsweise die Kontaktaufnahme mit Verstorbenen, mit wel- cher Methode auch immer, als Magie, da es im klassischen Sinn auf ein Jenseits ver- weist und etwa Assoziationen wie die Figur des Totenbeschwörers oder Nigromanten weckt und auch an Séancen und Mediumismus erinnert. Der verwendete Magiebe- griff ist hier daher sehr weit gefasst und bezieht sich ausdrücklich auf die in dieser Arbeit aufgezeigte soziologische Perspektive. Die möglichen Ungenauigkeiten, die diese recht ungewöhnlich und willkürlich erscheinende Begriffsbestimmung mit sich bringt, spiegeln die charakteristische Ambivalenz der Magie wider. Jeder weitere Ver- such die Magie zu rubrizieren würde die Argumentation dieser Arbeit verwässern, zu- mal der dadurch erhoffte Erkenntnisgewinn nur auf sehr wackeligen Beinen stünde und den sozialen Tatsachen nicht gerecht wird. Die hier vorgestellte Diskussion der Magie beschäftigt sich mit der sozialen Bedeutung selbstzugeschriebener echter Ma- gie, sowie der fremdzugeschriebenen als-ob-Magie, wie sie in den Wissenschaften stattfindet. Ziel dieser Arbeit ist es, das Spannungsfeld dieser beiden Bereiche zu un- tersuchen sowie einen soziologischen Zugang aufzuzeigen, der sich den aufgestell- ten Kategorien letztlich entzieht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Magie – Das Schmuddelthema

Die Soziologische Theorie wird, so zumindest eine gängige Lehrbuchmeinung (vgl. dazu exemplarisch Arbeitsgruppe Soziologie 1993), erst durch empirische Vorgänge in der Gesellschaft konstituiert. Da letztere jedoch ständigem Wandel unterliegen, wird Soziologie die sozialen Tatsachen nie einholen oder umfassen können (vgl. Benkel 2006: 105f). Das Damoklesschwert der Soziologie besteht darin, von den Tat- sachen überrundet zu werden oder – noch schlimmer – auf einer ganz anderen Bahn unterwegs zu sein. Der Freiburger Psychologe Gerhard Mayer (2008: 9), dessen Zu- griff auf das Thema Magie ich als für die Wissenschaft charakteristisch herausstellen möchte, stellt in seiner Studie zu Biographien, Erfahrungen und Praktiken zeitgenös- sischer Magier die etwas resignierte Frage: „Wen also könnte das Thema interessie- ren, ein marginales Thema, fast ein `Schmuddelthema´, das dennoch zentral mit un- serer Kulturgeschichte bis in die Moderne hinein verbunden ist“. Bemerkenswert er- scheint die Einordnung der Magie, die bei dieser Beschreibung zum Vorschein kommt. Eine solche Bemerkung erzwingt geradezu eine sorgfältige Rechtfertigung dafür, dass Thema überhaupt für einen wissenschaftlichen Zugriff auszuwählen. Ma- gie wird als anrüchig („schmuddelig“), unwichtig („marginal“) und als uninteressant („Wen also könnte das Thema interessieren“) charakterisiert. Ein Schmuddelthema erwirbt seine soziologische Relevanz allein schon dadurch, dass eine Beschäftigung mit ihm seitens bestimmter Gruppen (hier: Wissenschaftler) aus sozialen Gründen anrüchig ist, oder – um enger am Schmuddelbegriff zu bleiben – die Gefahr der Be- sudelung besteht indem ein solcher Fauxpas begangen wird. Nicht weniger bezeich- nend ist die Frage danach, wen das Thema interessieren könnte. Wenn, wie ich im obigen Aufriss illustriert habe, das Phänomen Magie in der Gesellschaft so breit ge- streut ist und auch innerhalb einzelner Auftrittsfelder oft eine wichtige Position ein- nimmt, wie soll davon ausgehend noch behauptet werden können, das Thema sei marginal oder uninteressant29 ? Sicherlich liegt der Fokus Mayers auf einem Teila- spekt des hier umrissenen Magiebegriffs, nämlich bekennende Magier, die unter an- derem „elaborierte magische Systeme und Schulungswege“ (Mayer 2008: 16) reprä- sentieren. Dennoch halte ich es für irreführend wenn ausgehend von einer in dieser Studie notwendigerweise stark eingegrenzten und daher kleinen Bezugsgruppe dar- auf geschlossen wird, dass Thema sei uninteressant, zumal Mayer eine Vielzahl an Facetten der Magie aufzeigt, die auch für andere Zusammenhänge wie der Soziolo- gischen Theorie bedeutsam sind, was ich weiter unten erörtern möchte. Entgegen der behaupteten oder befürchteten Schmuddeligkeit und Irrelevanz steht die Aussa- ge, die Magie habe eine weitreichende kulturgeschichtliche Bedeutung, was die bei- den Etikette auch schon wieder entkräften müsste. Mit der kulturgeschichtlichen Bril- le lässt sich Magie allerdings auch leicht als Kuriosum auffassen, das anekdotenhaft aufgegriffen zwar kurzweilig ist, aber auch einen Abstand bewahrt. Es entsteht somit ein eigentümlicher Spagat zwischen zugesprochener Marginalität auf der einen und einer Heraushebung auf der anderen Seite30. In einem Vortrag der Historikerin Moni- ka Neugebauer-Wölk wird dieses Spannungsverhältnis besonders anschaulich um- rissen:

„ […] [D]enn akademische Themen sind oft sperrig und bieten selten unmittelbaren Zu- gang zu allgemeinem Interesse. Ganz anders bei dieser Ringvorlesung: „Zauber und Ma- gie“. Was könnte reizvoller sein? Die Fragestellung bietet das Außergewöhnliche, das Bi- zarre, das Fremde und Andere geradezu von selbst. Wer kann von „Zauber und Magie“ sprechen, ohne das Geheimnisvolle und Aufregende hervorzurufen und gleichsam im Raum stehen zu lassen? Das Problem daran ist: Magie in diesem Sinne ist zwar ein reiz - voller Gegenstand, ganz sicher aber kein Gegenstand der Forschung. Ob es magisches Handeln entsprechend seinem eigenen Selbstverständnis tatsächlich gibt, ob also Men- schen zaubern können, das ist eine Frage, die die Wissenschaft weder stellen kann noch stellen will. Man wird sagen können, dass sich das akademische Selbstverständnis der Moderne ganz wesentlich durch die Entscheidung konstituiert hat, die Frage nach den ok- kulten Beziehungen des Kosmos, nach dem, was möglicherweise hinter der Oberfläche unserer Realitätswahrnehmung liegt, nicht nur nicht zu beantworten, sondern nicht mehr zu stellen. Magie ist kein Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Ich kann also nicht darüber sprechen. Worüber ich allerdings sprechen kann, das ist der Magieglaube. Die Existenz magieorientierter Vorstellungen ist ein Phänomen von hoher historischer Rele- vanz. Geheimnisvoll ist es nicht, auch nicht bizarr oder gar fremd. Es handelt sich um ein Gebiet der Religionsgeschichte, ein Element aus dem großen Spektrum der Glaubens- überzeugungen, die uns in Geschichte und Gegenwart Europas begegnen, und die aus wissenschaftlicher Sicht rein sachbezogen und mit großer Nüchternheit zu behandeln sind – und genau das möchte ich tun [...]“ (Neugebauer-Wölk 2010: 131f).

Die Distanz, die Neugebauer-Wölk zu ihrem Thema aufbaut, würde bei fast jedem Thema etwas deplaziert wirken. Wie wäre es schließlich, wenn sie gesagt hätte:

„Über den Islam kann ich nicht sprechen, nur über Islamglauben“? Zudem lohnt das Experiment auch einmal Wörter wie Quantenphysik, Systemtheorie, Kapitalismus, oder Handball gedanklich in diesen Satz einzufügen und ihn dann auf sich wirken zu lassen. Wovor hat die Autorin Angst, was würde geschehen, wenn sie das Thema, aus ihrer Sicht, weniger sachbezogen und weniger nüchtern aufbereiten würde. Of - fensichtlich glaubt sie, sie wäre mit dieser Richtigstellung aus dem Schneider, ihre wissenschaftliche Integrität, die sie womöglich bedroht sieht, bliebe weiterhin be- wahrt. Jedoch sind ihre Aussagen schon rein aus wissenschaftlicher Sicht natürlich streitbar. Hanebüchen ist beispielsweise die Aussage, dass Magie kein Gegenstand der Forschung ist und einen Vortrag „Magieglaube und Esoterik“ zu nennen und sich darin fast ausschließlich mit Hexenverfolgungen und deren Hintergründen zu be- schäftigen, halte ich zumindest für sehr gewagt. Es ist, wie ich finde, schon erstaun- lich, in welch hohler Weise hier versucht wird den Anschein zu erwecken, wie sehr die Wissenschaft über den Dingen steht.Ein Grund für das Spannungsverhältnis, das die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Magie produziert, ist dabei die traditio- nelle Gegnerschaft beider Begriffe, die, wie gezeigt, oft in Abschottungsstrategien, freilich nur seitens der Wissenschaft, münden31. Dies bezeugt unter anderem, dass wissenschaftliches Geschehen als Wirklichkeitsrelevant und damit im weiteren Sinn als gut und richtig angesehen wird32. Ein weiteres Beispiel eines solchen autoritären Auftretens der Wissenschaft ist die Erklärung „Objections to Astrology“33, die in der Zeitschrift „The Humanist“ (September/Oktober 1975) erschien und von 186 „leading scientists“ unterzeichnet ist (darunter 18 Nobelpreisträger). Die Wissenschaftler äu- ßern sich hier besorgt über das vermehrte Aufkommen der Astrologie und versichern

„that there is no scientific foundation for ist tenets“. Weiterhin sei die Astrologie ein Relikt archaischer Zeiten in denen sie ein fester Bestandteil der „magical world“ war. Es entsteht der Eindruck als sei es überflüssig sich den Inhalten der Astrologie zu widmen, als genüge der Verweis auf eine magische Herkunft34 um einen von „astrolo- gical charlatans“ (ebenda) heraufbeschworenen „growth of irrationalism and obscu- rantism“ (ebenda) festzustellen. Es ist ein totaler Anspruch auf die Wirklichkeitsdefi- nition, der sich hier offenbart, indem die Existenzberechtigung anderer Traditionen in Frage gestellt wird, weil sie eigenen Maßstäben mutmaßlich nicht entspricht35. Die Fraktion jener, die sich der Grenzbewachung (und Bewahrung) der Wissenschaft verschrieben hat, wendet sich auch gegen Wissenschaftler, die über einen vermeint- lich jenseitigen Gegenstand forschen, dabei jedoch durchaus im Rahmen der in der Wissenschaft gängigen Methoden bleiben. Ein Beispiel hierzu findet sich in der Dis- kussion um die Anerkennung der Parapsychologie. Der Freiburger Psychologe und „primus inter paras“ (vgl. Schiebeler 2004) Hans Bender sah sich im Verlauf seiner Forschungen häufig Anfeindungen anderer Wissenschaftler ausgesetzt. Einer seiner Kontrahenten ist der Jurist Wolf Wimmer, der in seinem Artikel „Die merkwürdige Wissenschaft der Spuk-Professoren“ (1970) schreibt:

„Es muss mit grober Deutlichkeit gesagt werden, dass eine enge psychologische Ver- wandtschaft besteht zwischen dem blutigen und ekelhaften Hexenaberglauben und der Parapsychologie. Wir wollen aber keine neuen Hexenbrände. Wir haben die Nase noch voll von dem Leichengeruch, den die Greuelmärchen früherer Professoren erzeugt ha- ben. Wenn solche Afterwissenschaft sich heute wieder im Schatten der Universitäten breitmacht, dann frage ich mich, ob denn v. Spee, Bekker und Thomasius umsonst gelebt haben. Hat die Sonne der Aufklärung wirklich 1782 gesiegt […]?“ 36

Die Beschäftigung mit Grenzwissenschaften reicht nach diesen Angaben schon aus, um mit Hexenjägern moralisch auf einer Stufe zu stehen. Es wird ein düsteres Bedro- hungsszenario entworfen in der die Integrität der Universitäten und selbst das Ideal der Aufklärung in Not geraten. An einer anderen Stelle (1979: 16) erläutert Wimmer, dass die Parapsychologie eine Pseudowissenschaft37 im klassischen Sinn sei. Er for- dert, dass wissenschaftliche Hypothesen wahnfrei38 zu sein haben39 und wer wissen- schaftliche Erkenntnisse mit unbedingter Beweiskraft ignoriere, müsse sich der For- derung nach einer psychiatrischen Behandlung stellen (vgl. ebenda: 15). Diese und ähnliche Postulate wurden vor mehr als dreißig Jahren formuliert. Heute würden Statements in dieser Form eher nicht an die Oberfläche wissenschaftlichen Diskur- ses gelangen. Dennoch bestehen Ressentiments und Berührungsängste weiterhin. Es scheint als seien Themen rund um die Magie in einer Art negativ aufgeladen, dass die Gefahr bestünde, sie könnten den sich mit ihnen beschäftigenden Wissen- schaftler in einen Sog des Irrationalen hineinziehen, sodass er am Ende auch nur noch ein Pseudowissenschaftler ist. Die Methoden sich dieser Gefahr zu entziehen erstrecken sich über die Ignoranz des Themas, der gängigsten Form, sowie den an- gesprochenen Marginalisierungen, bis hin zu Rechtfertigungsdruck und dem Hinein- zwängen der Magie in ein Korsett von Anführungszeichen40, die auch als Schutz da- vor dienen, sich der drohenden Schmuddeligkeit zu entziehen. Daneben existieren auch aktuell noch Beiträge, die sich zwar inhaltlich mit Phänomenen im Kontext der Magie beschäftigen, dabei jedoch sehr darauf bedacht sind, dass diese draußen bleibt41, wobei mit durchaus streitbaren wissenschaftstheoretischen Modellen operiert wird. Ein Beispiel einer solchen Instanz ist die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP), deren Geisteshaltung schon anhand des Namens sichtbar wird. So könnte man meinen, sogenannte Parawissen - schaften hätten schon per se eine Kontrollinstanz nötig, die sie wissenschaftlich un- tersucht. Das wäre allerdings völlig obsolet wenn man in den Parawissenschaften eine wissenschaftliche Disziplin sehen würde. Dies ist jedoch nicht der Fall. Das Suf- fix Para soll vielmehr mit Pseudo konnotiert werden, wodurch die Marschrichtung der GWUP bereits definiert ist. Es gilt ein bestimmtes Bündel an Methoden und Weltan- schauung genannt Wissenschaft, als das einzig wahre zu verkaufen und alles was jenseits dieser Sammlung – zum Bedauern der GWUP freilich – existiert als zumin- dest anrüchig zu klassifizieren. Dazu gehören aber beileibe nicht nur Traditionen, die einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben. Daher finden sich auf der GWUP- Website42 unter der Rubrik Themen auch mehrheitlich Bereiche, die diesen An- spruch in der Regel nicht stellen. Dennoch haben auch diese Bereiche eine wissen- schaftliche Untersuchung nach Ansicht der GWUP bitter nötig, da Wissenschaftlich- keit hier ein moralisches Argument ist. Sehr schön wird dies auch anhand eines Arti- kels von Jürgen Windeler in der GWUP-Postille Skeptiker deutlich:

„Menschen, die sich aus freien Stücken, von Problemen unbelastet, mit Parawissenschaf- ten beschäftigen wollen, können das tun. Menschen jedoch, die auf der Suche sind, ihre wirklich existierenden Probleme zu bewältigen, die dadurch auch unsicher und beeinfluß- bar sind, sollten durch Information vor möglichem Schaden bewahrt werden“ ( Windeler 1997: 124).

Der hier ergriffene und kaum zu übertreffende gönnerhafte Impetus, steht Pate für eine Liga sogenannter Skeptiker, die nicht nur ganz genau zu wissen glauben wie Wissenschaft auszusehen hat, sondern darüber hinaus und scheinbar darauf aufbau- end eine ganze Reihe Tipps bei der Hand haben, wie Menschen, von deren Proble- men sie offensichtlich keine Ahnung haben, ihr Leben ausgestalten sollen. Zudem scheinen diese Skeptiker genau zu wissen, welche Probleme wirklich existieren und welche eingebildet sind. Auch die offizielle politische Beurteilung von echter Magie spricht meist diese Sprache. Das Magie ein Defizit ist, steht auch hier außer Frage. Um dies jedoch besonders auf politischer Ebene eindrucksvoll darzulegen, wird eine Symbiose der Esoterik mit Neonazismus und Satanismus behauptet43. In der von der Landesjugendbehörde Hamburg in Auftrag gegebenen Schrift Brennpunkt Esoterik klingt dies so:

„Irrationalismus, Karma, Rassismus, Gurus und dogmatische Heilslehren hingegen sind zentrale Bestandteile des esoterischen Glaubens und machen ihn anfällig für autoritäre und rechtsextremistische Ideologien“ (Landesjugendbehörde Hamburg 2006: 235).

Es ist charakteristisch wie hier ein Bedrohungsszenario entworfen wird, das vor allem durch die fehlende Kenntnis seines Gegenstands und stets erhobenen Zeigefinger auffällt:

„Insofern verdient das esoterische Spektrum weit mehr Aufmerksamkeit in der Beobach- tung und Analyse verfassungsfeindlicher Positionen, als ihr bisher zu Teil geworden ist“ (ebenda).

Solche selbsternannte Kontrollinstanzen besetzen seitens der Wissenschaft auch ak- tuell noch die Themenfelder, die in der Magie zum Vorschein kommen. Es kann da- her kaum verwundern, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Magie auch heute nur sehr spärlich und mit großer Vorsicht und Zurückhaltung unternommen wird, zumal zwei Resultate drohen: Die Skylla gezwungenermaßen den Ton der oben skizzierten Grenzsoldaten anzuschlagen44 und die Charybdis sich den drasti- schen und oft karriereschädigenden Anfeindungen von Seiten dieser auszusetzen, wenn dieser Ton nicht angeschlagen wird, oder gar Magie nicht von vorne herein als moralisch bedenklich klassifiziert wird. Soll beides vermieden werden bleibt lediglich eine allzu distanzierte Herangehensweise übrig. Hierin liegt auch der Grund für den vermeintlichen Schmuddelcharakter der Magie und das jeweils besonders charakte- ristische Vorgehen, der sich mit ihr beschäftigenden Autoren. Bei diesem Diskurs bleibt vor allem eines gewiss: Er geht völlig an den sozialen Tatsachen der moder- nen Gesellschaft vorbei45.

2.3 Das Programm

Nach dem allgemeinen Aufriss und der Diskussion um das Schmuddelthema Magie, möchte ich nun mit einer ausführlicheren Begründung dafür beginnen, dass ich die Magie für ein wertvolles soziologisches Thema halte, das auch in der Gegenwart nicht etwa an sozialer Bedeutung verliert. Ich werde mich dabei nur an einigen mar- kanten Punkten im wissenschaftlichen Diskurs der Magie orientieren, wie er in ver- schiedenen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen auftritt. Dieser verfügt über ein so großes Volumen, dass an dieser Stelle darüber kein befriedigender Über- blick gegeben werden kann. Insbesondere wird hier jene, vornehmlich ethnologische, Tradition der Auseinandersetzung mit der Magie weitgehend ausgeklammert, die mit den Namen Frazer, Tylor, Malinowski, Radcliffe-Brown, Evans-Pritchard und Mauss verbunden ist46. Wiewohl diese Tradition immer noch in Nachschlagewerken domi- niert47, gelingt es ihr nicht der Magie den Nimbus des Fremden und Kuriosen zu neh- men. Sie löst sich letztlich nicht von der Behandlung der Magie als ein Defizit und „In the post-colonial period Western scholars have become more sensitive about issues of ethnocentrism and Eurocentric arrogance, but the logical step of discarding the catego- ry of „magic“ has not been taken“.

Eine zweite Einengung besteht darin, dass hier vornehmlich Magie als Phänomen in modernen Industriegesellschaften behandelt wird. Die gelegentlich dafür trotzdem benötigten historischen Beispiele sollen vornehmlich Parallelen und Kontraste zur heutigen westlichen Welt aufzeigen. Letztere bleibt jedoch der zentrale Bezugspunkt. Drittens tritt die Magie in dieser Arbeit vor allem als eine Ausdrucksform der kollektiv konstruierten Scheidung von Transzendenz und (Alltags-)Wirklichkeit auf. Die hier gewählte Perspektive ist schon allein daher eine genuin soziologische.

Abbildung 4: Ebenen wissenschaftlichen Sprechens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei meiner Begründung der obigen These möchte ich mich wiederum an das bereits zitierte Schema der Ebenen wissenschaftlichen Sprechens (vgl. Arbeitsgruppe So- ziologie 1993: 35) halten. Hierin wird die Verbindung von Metatheorie, Theorie und Empirie erörtert. In diesem Text werde ich mich dem Gegenstand Magie von Weitem nähern. Es werden daher zunächst einige wissenschaftstheoretische Positionen vor- gestellt, die einen direkten oder indirekten Bezug zur Magie aufweisen und die den Charakter der Magie als eine Art Grenzstein zur Transzendenz schärfen. Ausgangs- punkt soll hier eine kurze Auseinandersetzung mit der Wissenschaftstheorie Karl Poppers sein. In einem kleinen Exkurs in die Sigillenmagie, eine Disziplin innerhalb der echten Magie, wird der Ansatz Poppers reflektiert. Darauf aufbauend ist nament- lich die Wissenschaftsphilosophie Paul Feyerabends, in besonderer Art und Weise dafür geeignet eine andere, fruchtbarere Herangehensweise bereitzustellen, weshalb für die Diskussion ihrer Anwendung auf die Magie ein besonderer Wert gelegt wird. Weitere metatheoretische Bezugspunkte bestehen besonders im Konzept des Wech- selverhältnisses von Wildnis und Zivilisation, wie es eindrucksvoll von Hans Peter Duerr beschrieben wird. Diese Konzepte sollen im Kontrast zu anderen Wissen- schaftstheorien diskutiert und anhand einiger Beispiele illustriert werden. Ebenfalls sollen einige philosophische Formen des Konstruktivismus mit der Magie in Verbin- dung gebracht werden. Der vierte größere Abschnitt widmet sich der Anwendung von Soziologischer Theorie auf die Magie. Konzepte fremden Denkens nehmen in der Soziologie, wie auch die Magie in der frühen Soziologie, einen wichtigen Platz ein. Daher möchte ich auch jene soziologische Tradition thematisieren, die in der Über- windung der Magie als Denktypus, einen wichtigen Kernpunkt eines evolutionisti- schen Entwicklungsmodells sehen. Der berühmte französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss setzt sich mit dieser Tradition sehr kritisch auseinander, ohne sich je- doch vollends von ihr zu emanzipieren, was in einem Unterkapitel behandelt werden soll. Evolutionistische Positionen, wie sie von großen Soziologen wie Auguste Com- te und Norbert Elias vertreten werden, üben nach wie vor einen spürbaren Einfluss auf die Gegenwartssoziologie aus. In Reinform wird diese Tradition derzeitig von Ge- org W. Oesterdiekhoff vertreten, dessen Ideen ich deshalb weiter ausführen und re- flektieren möchte. Eine klassische sozialwissenschaftliche Herangehensweise an die Magie, die von evolutionistischen Modellen abweicht, repräsentiert die Entzaube- rungsthese Max Webers, die in einem weiteren Unterkapitel behandelt wird. Ein be- sonderes Licht soll schließlich auf eine wissenssoziologische Erörterung der Magie geworfen werden. Aus der Sicht eines solchen Zugangs können unter dem Begriff Magie eine Fülle unterschiedlicher Wissenskulturen zusammengefasst werden, die untereinander dynamische Verhältnisse eingehen. Es soll der Frage nachgegangen werden, welche soziologisch bedeutsamen Gemeinsamkeiten diese Kulturen aufwei- sen und inwiefern in ihnen ein Spannungsverhältnis zur Alltagsrealität besteht. Hier- zu sollen die frühen Konzepte der Wissenssoziologie bei Karl Mannheim und Max Scheler sowie das in der Soziologie enorm einflussreiche Werk Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit von Peter Berger und Thomas Luckmann (2004) die- nen. Ein fünfter Abschnitt wendet sich schließlich an die Quelle der Soziologischen Theorie, die sozialen Tatsachen, also empirische Vorgänge in der Gesellschaft. Hier gilt es, unter Zuhilfenahme des erarbeiteten wissenssoziologischen Hintergrunds, ei- nige Tendenzen und Vermutungen zum Verhältnis von Magie und moderner Gesell- schaft aufzuzeigen. Es ist im Rahmen dieser Arbeit, die das Thema global und theo- riebezogen aufbereitet, nicht passend eine eigene empirische Untersuchung zu prä- sentieren, zumal dadurch lediglich eine Facette der Magie beleuchtet werden könnte. Es sollen jedoch sehr wohl einige qualitative und quantitative Studien und deren Er- gebnisse mit einbezogen werden, um einen groben Überblick über die unter Begrif- fen wie Esoterik oder New Age zusammengefassten Strömungen und Traditionen zu liefern. Nicht nur in Studien, sondern auch in anderen zeitgenössischen Beiträgen wird auf die Rolle der Magie für die moderne Gesellschaft hingewiesen. Eine beson- dere Berücksichtigung soll dabei Hubert Knoblauchs Buch Populäre Religion - Wege in eine spirituelle Gesellschaft finden. Am Ende dieser Arbeit werden die gewonnen Resultate zusammengefasst. Ein Ausblick soll schließlich einige mögliche Anknüp- fungen an die hier ausgeführten Überlegungen vorstellen.

3 Wissenschaftstheorie

Sonnet – To Science

Science! true daughter of Old Time though art! Who alterest all things with thy peering eyes. Why preyest though thus upon the poet´s heart, Vulture, whose wings are dull realities?

How should he love thee? or how deem thee wise, Who wouldst not leave him in his wandering

To seek for treasure in the jewelled skies, Albeit he soared with an undaunted wing? Hast though not dragged Diana from her car? And driven the Hamadryad from the wood

To seek a shelter in some happier star?

Hast though not torn the Naiad from her flood, The Elfin from the green grass, and from me The summer dream beneath the tamarind tree?

Edgar Allan Poe

Warum ist ein Ausflug in die Wissenschaftstheorie bei einer sozialwissenschaftlichen Arbeit über die Magie notwendig? Diese und ähnliche Fragen, die sich um die Ver- bindung von Wissenschaftstheorie und Magie drehen, mögen sich zunächst aufdrän- gen. Wäre dieses Verhältnis nicht ein besonderes, müssten schließlich alle soziologi- schen Texte ihren Gegenstand wissenschaftstheoretisch einordnen48. Mit der Magie hat es allerdings an dieser Stelle sehr wohl etwas besonderes auf sich. Der Kern die- ser Besonderheit liegt darin, dass Magie auf jenseitige Vorgänge verweist. Gemeint ist das Jenseits von Erfahrungen der Alltagswirklichkeit. Die Magie liegt, so wird es meist empfunden, außerhalb der Wissenschaft. Magie, verstanden in diesem enge- ren Sinn, ist daher auch selbst nicht wissenschaftlich erklärbar49. Wird der Versuch einer wissenschaftlichen Erklärung gemacht, entfällt die Magie. Sie wird wegerklärt, weil sie aus einigen wissenschaftstheoretischen Perspektiven keinen Stellenwert ha- ben darf. Zumindest den Verdacht der Magie ziehen jene Vorgänge an, die in den Rahmen des Methodenkanons, der gerade in der Wissenschaft en vogue ist, passen. So verhält es sich dann, wenn Wissenschaft das Instrument ist, welches in der Ge- sellschaft die Rolle eines ultimativen Maßstabes für die Erkenntnis der Welt spielt. Andere Erklärungen kommen hier nicht zu Wort. Eine solche Wissenschaftstheoreti- sche Position nimmt daher auf die empfundene Realität der Gesellschaft einen enorm großen Einfluss. Aber nur in den seltensten Fällen wird dieser Anspruch offen erhoben. Es scheint vielmehr so als verstehe sich diese Rolle von selbst, als ent- springe sie dem gesunden Menschenverstand. Auch der nur zaghafte Umgang der Soziologie mit der Magie rührt nicht zuletzt daher, dass sie laut dieser Repräsentati- on von Wissenschaftstheorie erst gar nicht existieren dürfte und es als anrüchig gilt den Kreis der existierenden Dinge zu verlassen.

3.1 Der Wissenschaftler und das Irrationale: Karl Popper

Die insbesondere von Sir Karl Raymund Popper geprägte und sehr einflussreiche wissenschaftstheoretische Position des kritischen Rationalismus setzt auf die Falsifi- zierbarkeit von Aussagen über die Realität. Eine absolute Wahrheit, wie sie bei- spielsweise für Religionen wichtig ist, wird eine so verstandene Wissenschaft nie be- scheinigen können. Es wird davon ausgegangen, dass ein wissenschaftlicher Fort- schritt zur Entwicklung besserer Theorien führt, die den Realitätsgehalt vorheriger Theorien übersteigt und damit obsolet werden lässt. Wissenschaftliche Theorien kön- nen insofern stets nur Hypothesen sein, die durch neues Erfahrungswissen widerlegt werden können. Der kritische Rationalismus repräsentiert zum einen eine explizite Abkehr vom Begriff endgültiger Wahrheit, andererseits suggeriert er, dass durch den Verwurf von Ansätzen, die an der Wirklichkeit scheitern (Falsifikationsprinzip), eine allgemeine, zum gegenwärtigen Zeitpunkt bestmögliche Wahrheit ermittelt werden kann. Der Prüfstein, der eine solche vorläufige Wahrheit festlegt, ist die Erfahrung. Nun braucht es nur wenig Phantasie um festzustellen, dass Erfahrung zu recht unter- schiedlichen Ergebnissen kommen kann, womit die Möglichkeit zur (vorläufigen) Wahrheitsfindung extrem erschwert wird. Hier offenbart sich das Problem inwiefern aufgrund von Erfahrung Wissenschaft von Nicht-Wissenschaft überhaupt getrennt werden kann50. Popper (1979: 4) greift das Problem wie folgt auf:

„Jede Form des Empirismus muss von der Erkenntnistheorie vor allem anderen die Si- cherung der empirischen Wissenschaft gegenüber den Ansprüchen der Metaphysik ver- langen: Die Erkenntnistheorie muss ein strenges und allgemein verwendbares Kriterium aufstellen, das gestattet, Sätze der empirischen Wissenschaften von metaphysischen Be- hauptungen zu unterscheiden („Abgrenzungskriterium“). „Abgrenzungsproblem“ nenne ich die Frage nach dem Abgrenzungskriterium. Anders ausgedrückt: Wie kann man im Zweifelsfall unterscheiden, ob man einen wissenschaftlichen Satz vor sich hat, oder nur eine metaphysische Behauptung?“

Zur Lösung dieses Abgrenzungsproblems schlägt Popper vor:

„Aber wir müssen dazu keineswegs voraussetzen, dass es streng allgemeine Gesetzmä- ßigkeiten gibt; es genügt, wenn wir wissen, dass unser Erkennen darin besteht, nach streng allgemeinen Gesetzmäßigkeiten zu suchen – als ob es sie gäbe“ (ebenda: 79).

Leider vermeidet Popper es darauf einzugehen, worin der Unterschied zwischen spe- kulativer Metaphysik und empirischer Wissenschaft letztlich besteht. Freilich führt er das Ideal der strengen und universellen Gesetzmäßigkeiten ein, es steht bei ihm je- doch bereits a priori fest, dass Wissenschaft und Metaphysik getrennte Bereiche dar- stellen. Die Suche nach allgemeinen Kriterien soll diese Feststellung letztlich bestäti- gen. Dessen ist sich Popper auch voll bewusst, indem er eingesteht, dass auch die von ihm geforderte Allgemeinheit und Strenge nur Annäherungen an ein ideelles Ziel sein können. Letztlich wird dieses Ziel von jenen, die Wissenschaft betreiben, kon- struiert. Es herrscht auch bei Popper nicht der Glaube an eine fast dinghafte Existenz fester Gütekriterien vor. Trotzdem behält er den Gedanken bei, dass Paradigmen- wechsel in der Wissenschaft mehr sind als bloße Änderungen der Perspektive. Wahrheit und Erkenntnis bleiben zwar selbst unerreichbar, sie sind aber dennoch Ziel des Erkenntnisfortschritts51 in der Wissenschaft und in Folge des Kritizismus, der Paradigmenwechseln zugrunde liegt, nähert sich jede neue und bessere Theorie die- sen übrigens hochgradig metaphysischen Begriffen an (vgl. Schülein und Reize 2002). An dieser Stelle beißt sich die Katze in den Schwanz: Einerseits ist Popper um eine Trennung von Metaphysik und Wissenschaft bemüht, andererseits behält diese durch sein Festhalten am Fortschrittsgedanken, der, wenn nicht sogar linear, zumindest recht eindimensional wirken muss. Natürlich kann dieser scheinbare Wi- derspruch Popper kaum übel genommen werden. Er ist sich schließlich selbst voll bewusst, dass so etwas wie objektive Erkenntnis niemals erreicht werden kann und er selbst warnt in seinem wichtigen Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1992 und 2003) eindringlich vor denjenigen Positionen, die das Gegenteil behaup- ten. Schließlich wertet Popper Wissenschaft und Fortschritt als emanzipatorisch und freiheitlich im Kontrast zu Dogmen mit unmittelbarem Anspruch auf Wahrheit. Ein sensibler Punkt bei Poppers Argumentation ist die Frage nach der Wahl der Metho- de, die letztendlich ausschlaggebend für den Fortgang der Wissenschaften ist. Es gilt im Sinn einer Reduktionsrationalität jene harten Kriterien herauszudestillieren, die zu einem methodischen Gütekriterium taugen. Im Geiste Poppers macht Herkner (vgl. 1991: 21) dazu folgende Vorschläge:

- „Eine Theorie muss widerspruchsfrei sein, d.h. man darf aus ihr nicht eine Aussage und ihr Gegenteil ableiten können.
- Eine Theorie ist umso besser, je mehr Phänomene sie erklärt und voraussagt.
- Eine Theorie ist umso besser, je einfacher sie ist (je weniger Begriffe und Hypothesen sie verwendet).
- Eine Theorie ist umso besser, je größer ihre Prüfbarkeit ist (logischer, empirischer Ge- halt und direkte Beobachtbarkeit von Variablen).
- Eine Theorie ist umso besser, je mehr sie durch empirische Daten gestützt ist.“

Natürlich kann auch ein solcher Kriterienkatalog, wenn man ihn denn anwenden will, nur unklar bleiben. Als Lehrbuchtext mag eine solche Liste noch einen ganz plausi- blen Eindruck machen. Für die Praxis der Forschung entpuppt sich schnell, dass hier nur Worthülsen aufgetischt werden. Was bietet die Forderung nach Widerspruchs- freiheit, wo doch der Interpretation dessen, was das Gegenteil eines Begriffes ist, kaum objektive Schranken gesetzt sind? Wie soll der Umfang der Phänomene, die eine Theorie erklärt bemessen werden, kann gezählt werden? Was passiert wenn eine Theorie wenige Begriffe umfasst, die zwar genau prüfbar sind, aber am Ende nur schwammige Allgemeinplätze dabei herauskommen? Wie oft sind große Theori- en durch eine enorme Menge empirischer Daten gestützt und lediglich kleinste Ver- änderungen in der Methode, oder im Bauplan der Theorie bewirken eine komplette Umpolung der Ergebnisse oder gar ein Verschwinden der gesamten Theorie im Meer der Irrelevanz? Ein weiterer, dritter Versuch der Untermauerung des kritischen Ratio- nalismus ist die Drei-Welten-Lehre, eine weitere (metaphysische!) Hilfe, durch die Popper die Vermischung von Metaphysik und reiner Wissenschaft zu verhindern sucht:

„Ohne die Wörter Welt oder Universum allzu ernst zu nehmen, kann man folgende drei Welten oder Universen unterscheiden: erstens die Welt der physikalischen Gegenstände oder physikalischen Zustände; zweitens die Welt der Bewusstseinszustände oder geisti- gen Zustände oder vielleicht der Verhaltensdispositionen zum Handeln; und drittens die Welt der objektiven Gedankeninhalte; insbesondere der wissenschaftlichen und dichteri- schen Gedanken und der Kunstwerke“ (Popper 1984: 109).

Selbstredend überschneiden sich diese Welten in mannigfaltiger Hinsicht, so dass Wechselwirkungseffekte zwischen diesen Sphären entstehen. Der Vorteil des Mo- dells besteht nun darin, dass es die Existenz einer objektiven Welt bestätigt und glaubhaft 52 darlegt, dass die einzelnen Prozesse, die zusammengenommen zum wis- senschaftlichen Fortschritt führen, in sehr komplizierter aber konstruktiver Weise zu- sammenspielen, so dass am Ende etwas vernünftiges dabei herauskommt. Der Nachteil ist, dass es im Sinn Poppers besser vermieden werden sollte die Drei-Wel- ten-Lehre anhand der eigenen und oben dargestellten Kriterien der Wissenschaftlich- keit und der Güte von Theorien zu reflektieren. Tut man es doch, wird das Ausmaß dieses Popperschen Eigentors schnell deutlich: Erst einmal geizen Modelle wie die Drei-Welten-Lehre mit empirischer Fundierung in der Form, dass es schon einen recht hohen Grad der Abstraktion erfordert, um von schieren Beobachtungsaussagen auf dieses Modell zu kommen. Die drei Welten begegnen einem nicht auf dem Weg zur Arbeit. Präzise und harte Kriterien sind es zweitens dann auch eben nicht, die die Existenz der drei Welten bestätigen. Die drei Welten funktionieren und existieren nur dann, wenn auch die Wissenschaftsphilosophie Poppers angenommen wird, die in keinem Punkt solchen, ihren eigenen, Kriterien gehorcht53. Weiterhin erscheint es mehr als schleierhaft welche Prüfungen überhaupt auf diese Theorie angewendet werden können und in welchen Punkten sie damit anderen, ähnlichen Theorien über- legen sein könnte. Wie könnte sich die Drei-Welten-Lehre von anderen Mythen und Modellen, wie die sich im Hochmittelalter etablierende Unterteilung des Jenseits in Himmel, Hölle und das neue Element Fegefeuer, oder die altägyptische Darstellung des Sonnenlaufs als die Reise des Gottes Re in einer Barke qualitativ unterscheiden? Eher ähnelt Poppers Theorie der christlichen Struktur des Jenseits. Letztere ist nämlich ebenfalls aufgrund abstrakter theoretischer Überlegungen, hier mit scholastischem Etikett, erdacht worden (vgl. Minois 2000: 84ff). Die Tag und Nachtfahrt Res´ ist dagegen weniger abstrakt und daher empirisch leichter ableitbar. Darüber hinaus verknüpft dieses Modell die astronomische Dimension der Bewegung der Sonne mit einer Makroebene, dem Funktionieren des Kosmos und einer Meso- ebene, die durch die pharaonische Herrschaft repräsentiert wird. So könnte man mit Popper behaupten, dass dieses Modell wesentlich mehr erklären kann, als spätere Astronomien, wenn man unter diesem mehr eine Verknüpfung verschiedener Sphä- ren verstehen möchte. Popper würde sich sicherlich gegen eine solche Interpretation des kritischen Rationalismus stellen. Dies jedoch aus Gründen, die nicht allein aus der Theorie heraus erklärt werden können, sondern die auf einer normativen Grund- lage fußen. Er würde vielleicht behaupten, dass beispielsweise die ptolemäische Astronomie eine bessere Erklärung des Sonnenlaufs anbietet als der bloße Mythos der Tag und Nachtfahrt Res´. Nur lässt sich diese Präferenz nicht durch seine Kriteri- en der Wissenschaftlichkeit begründen. Diese schließen ja nicht aus, dass Himmels- körper als Götter personifiziert werden können und erst recht ließe sich keine Be - gründung finden für eine Überlegenheit der Methode der Verknüpfung von Beobach- tungsaussagen und Mathematik der ptolemäischen Astronomie54 gegenüber mythi- schen Erklärungen verschiedenster Prägung. Der kritische Rationalismus kann auch seine bevorzugten Werkzeuge, die Falsifikationen, nicht auf objektive, durch harte Fakten untermauerte Gründe zurückführen. Popper weiß das, schlägt jedoch vor so zu tun, als ginge es doch. Es bleibt am Ende nur die Frage warum Poppers Lehre dann noch vorgezogen werden sollte, wenn sie selbst ihren Scheincharakter nicht verhehlt. Religionen orientieren ihre Lehre an göttlichen Entitäten und zumindest mo- derne Theologen würden nicht leugnen, dass göttliches Wirken letztlich nicht im wis- senschaftlichen Sinn beweisbar ist, sondern geglaubt werden muss. Derselbe als-ob- Charakter findet sich natürlich auch im kritischen Rationalismus. Abgesehen von die- sem Charakterzug hängen Poppers Kriterien entschieden von der Wahl der Metho- den ab, nach denen die Prüfung der Theorien erfolgen soll. Die genaue Beschaffen- heit der anzuwendenden Methoden lässt Popper aus gutem Grund offen, schließlich kann kaum jemand einschätzen, welche neue Komposition methodischer Regeln den nächsten großen Quantensprung in der Wissenschaft oder einer ihrer Disziplinen herbeiführen wird. Mythen wie die Fahrt des Re, stark angestaubte Jenseitsvorstel- lungen wie die christliche Differenzierung in Himmel, Hölle und Fegefeuer, aber auch die Tatsache, dass Hexen Penisse abhexen und diese dann in Vogelnestern aufbe- wahren und mit Körnern füttern55, wie im berüchtigten Hexenhammer erklärt wird (vgl. Sprenger und Krämer 1937: II 56), können mit Poppers Regelwerk bequem als das Nonplusultra der Wissenschaft ausgelegt werden, sofern die Methode stimmt. Es versteht sich nicht von selbst, ob ich eine Beobachtung vorziehe, die ich mit bloßem Auge erkannt habe, oder bei der ein Elektronenmikroskop half. Es kann nie festge- stellt werden, ob eine Theorie besser ist, wenn jeder sie versteht, oder dann, wenn es nur derjenige ist, auf dessen Mist sie gewachsen ist und seine Schüler. Mit Pop- pers Rüstzeug kann man streng genommen nicht einmal seinen Kindern darlegen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Insofern sind der Fortschrittsgedanke und der Glaube an die Durchsetzung der jeweils besseren Theorie, die er seinen Überle- gungen verleiht, trügerisch. So könnte der Eindruck entstehen als wäre der Glaube an den Weihnachtsmann ein weniger rationaler, als an eine invisible hand, die das wirtschaftliche Zusammenleben reguliert, oder die Urknalltheorie. Es ist nach Popper jedoch alles rational, was einem bestimmten als hilfreich erachteten Methodenkanon entspringt. Die Komposition dieses Kanons, die ein Wissenschaftler entwirft, obliegt zunächst nur seinem Gutdünken – So die Theorie der freien Forschung –. In der Praxis wird der Wissenschaftler seine Methoden in aller Regel an den für seinen Ge- genstandsbereich bewährten Gepflogenheiten orientieren. Dabei gilt es den Nerv der Zielgruppe, an die sich eine Forschungsarbeit richtet, zu treffen. Ist die Zielgruppe an der kommerziellen Verwertung einer Arbeit interessiert, werden die Methoden dieser Intention angepasst. Besteht die Zielgruppe aus anderen Wissenschaftlern, werden die in der adressierten Wissenschaftsschule üblichen Standards bedient. Nun ist es selbstverständlich so, dass auch die beschriebenen Gewohnheiten beim Methoden- gebrauch nicht statisch sind, sondern auch ihrerseits einem Wandel unterliegen. Ich möchte an dieser Stelle nicht den Eindruck erwecken, dass die Methoden der Wis- senschaft völlig variabel und ohne jegliche Richtlinie sind. So könnten durchaus eini- ge Faustregeln formuliert werden, die in der wissenschaftlichen Tradition mehr oder weniger verbindlich sind. Dazu gehört, dass Vorgänge in der Natur nicht auf das Wal - ten von „mystischen Wesen“, wie Re, Dämonen, Kobolde und eben dem Weih- nachtsmann, zurückgeführt, sondern gerne in eine Formel gebracht werden, um be- rechnet werden zu können. Es schickt sich auch nicht mehr Götter in wissenschaftli- che Überlegungen mit einzubeziehen und sei es um lediglich über aller Wissenschaft eine initiierende oder sinnstiftende Kraft zu beschreiben, wie es der unbewegte Be- weger bei Aristoteles darstellt. Des Weiteren taugen individuelle Empfindungen, Er- fahrungen und Emotionen kaum zu einer Basis wissenschaftlicher Theoriebildung, da diese als nicht verallgemeinerbar gelten und damit auch keine allgemeine Theorie generieren können. Es lässt sich ein zumindest impliziter Glaube vermuten, dass Denken von Fühlen trennbar ist und so gilt es mitunter als besonders chic, wenn Wissenschaftsjargon besonders technisch56 daherkommt, vielleicht weil dadurch ein möglichst objektives Flair verbreitet wird. Diese natürlich überaus holzschnittartige Darstellung von Faustregeln stellt Wissenschaft als eine Tradition unter vielen dar, die mit Hilfe eines groben Rasters aus methodischen Vorschriften operiert, unter dem sich eine Fülle an, in einzelne Fachdisziplinen und oftmals konkurrierende Schulen gegliederte, Methodenbündel verbergen. Trotz dieser starken Varianz tritt sie oft als autoritäre Institution bei der Erörterung von Wahrheiten auf und ist darum bemüht sich der Öffentlichkeit als eine Einheit zu präsentieren, wie es nicht nur in Schulbü- chern der Fall ist. Es kann auch nicht von einem Fortschritt der Wissenschaft gere- det werden, wenn davon ausgegangen wird, dass Fortschritt und Wahrheit Kriterien sind, die aufgrund von Werturteilen definiert werden. Besonders ersichtlich wird dies, wenn versucht wird eine andere historische Perspektive einzunehmen. Der Wissen- schaftstheoretiker Thomas Kuhn beschreibt diesen Zusammenhang mit Hinblick auf Karl Popper so:

„Ist es nun nicht möglich oder sogar wahrscheinlich, dass die zeitgenössischen Wissen- schaftler weniger Kenntnisse über ihre gegenwärtige Welt besitzen als die Wissenschaft- ler des 18. Jahrhunderts über ihre Welt? Man darf nicht vergessen, dass die wissen- schaftlichen Theorien nur hier und da sich mit der Natur berühren. Sind nun die Lücken zwischen diesen Berührungspunkten nicht größer und zahlreicher jetzt, als sie jemals in der Vergangenheit waren? Solange wir derartige Fragen nicht beantworten können, wer- den wir auch nicht genau wissen, was der wissenschaftliche Fortschritt eigentlich ist, und darum können wir auch nicht hoffen ihn erklären zu können. Auf der anderen Seite wer- den die Antworten auf derartige Fragen auch die gesuchte Erklärung liefern. Diese bei- den Dinge gehen sozusagen Hand in Hand miteinander. Es mag wohl schon klar sein, dass die Erklärung, die wir suchen, letzten Endes psychologisch oder soziologisch sein muss. Das heißt, sie muss die Beschreibung eines Wertsystems, einer Ideologie sein, zu- sammen mit einer Analyse jener Institutionen, durch welche dieses System weitergege- ben und erhärtet wird“ (Kuhn 1974: 20)

Wenn es, wie Kuhn sagt, jedoch letztlich ein Wertsystem ist, aufgrund dessen von ei- nem Fortschritt gesprochen werden kann, kann dieser natürlich nicht allgemein oder objektiv sein. Es ist daher prinzipiell möglich jedes Gedankengebäude wissenschaft- lich zu nennen, sofern seine Methoden durch Werte gestützt werden, die eine hinrei- chende Verbreitung aufweisen. Deshalb kann auch nicht die Rede von einer, in der Moderne freilich besonders stark wachsenden, Fortschrittskurve sein. Das Wissen, das Wissenschaftler heute über die Welt verfügen, ist Wissen über unsere Welt. Die Welt der Denker des 18. Jahrhunderts funktionierte noch völlig anders, die Tatsa- chen menschlichen Zusammenlebens waren andere. Dies soll nicht heißen, dass in diesem Beispiel beide Welten isoliert von einander dastehen würden und letztlich in- kommensurabel sind. Natürlich lassen sich strukturelle Gemeinsamkeiten finden, wie beispielsweise, dass es aus ähnlichen Gründen wie heute auch damals Gruppen gab, die auf die Trennung von Magie und Wissenschaft pochten, auch damals gab es ein Gerangel um das Prädikat Wissenschaftlichkeit; einige Theoriekonstrukte ha- ben es dabei erlangt, andere nicht57. Ich halte es zudem für eine klassische soziologi- sche Aufgabe solche Ähnlichkeiten und Unterschiede, wie sie in historischen und räumlichen Kontexten auftreten, herauszuarbeiten. Hier können eindimensionale und lineare Modelle der Geschichte und des Fortschritts nur die Sicht trüben.

[...]


1 Im Grimmschen Wörterbuch wird dieser Eintritt in die Alltagssprache auf das Fortgeschrittene 16. Jahrhundert datiert.

2 Wohingegen die Hexerei in der Alltagssprache eine durchaus negative Verwendung findet.

3 Und zwar nicht nur in dem Sinne als das eine besonders beeindruckende fussballerische Leistung zaubern genannt wird. Zauberei gilt hier sogar als lernbar und obligatorisch für sehr gutes Spiel (Nach- zulesen auf der DFB-Homepage unter der Rubrik „Ballzauber“ <http://www.dfb.de/index.php? id=ballzauber> [Zugriff am 24.09.2009]). In einem Spiegel-Interview aus dem Jahr 2006 stellen die Re- dakteure gar folgende Frage: „Es gehört zum Zauber des Fußballs, dass ein Triumph die Hoffnungen der Menschen steigern kann. Wie wichtig ist der Gewinn einer Weltmeisterschaft für die Psyche einer Nation?“ (Dallach und Matussek 2006). Interessant ist hier wie der Bereich des Psychischen in die Nähe der Magie gerückt wird.

4 Die Legende ist ein weiterer Begriff der nicht recht in die vermeintlich entzauberte Gegenwart passen will. Laut der von der Uni Leipzig betriebenen Website zum Deutschen Wortschatz (<http://wort- schatz.uni-leipzig.de> [Zugriff am 24.09.2009]) ist er mit den Begriffen Gerücht, Gewesenes, Heiligen- erzählung, Lügengeschichte, Ondit, Sage, Unwahrheit und Vergangenes Synonym. Wer mag da noch die Bedeutung von Sport und Sportlern eine profane und nüchterne nennen?

5 Wiederum laut <http://wortschatz.uni-leipzig.de>

6 Ich denke hier besonders an die großen Erfolge von David Copperfield in den 80er und 90er Jahren und, um in Deutschland zu bleiben, an die Uri Geller Show (bislang zwei Staffeln in 2007 und 2008).

7 Wie Die Tricks der größten Zauberer, derzeit ausgestrahlt bei Super RTL.

8 Wie beispielweise im Rahmen der Meditationsforschung oder der Forschung zu veränderten Be- wusstseinszuständen, wie sie unter anderem am Bender Institute of Neuroimaging in Gießen betrie- ben wird.

9 Was allerdings die populärwissenschaftliche Literatur nicht besonders kennzeichnet, zumal wissen- schaftliche Zugänge oftmals ebenso das Fremde in der Magie unterstreichen, wie es auch bei Hans Kippenberg (1987) der Fall ist. Der Titel dieses Sammelbandes „Magie – Die sozialwissenschaftliche Kontroverse über das Verstehen fremden Denkens“ lässt kaum Zweifel daran, dass Magie nur dort stattfinden kann, wo Wissenschaft und westliche Zivilisation (noch) fern sind. Es ist ein wichtiges An- liegen dieser Arbeit mit solchen Distanzierungen zu brechen.

10 Hierzu mehr im fünften Abschnitt dieser Arbeit.

11 und das auch selbst so benennen.

12 Wo es derzeit eine noch wachsende Fülle an eigens dafür eingerichteten Spartensendern gibt

(etwa: Eso TV, Astro TV/ Astro TV Shop) und ähnliche Formate auch im Nacht- und Morgenprogramm größerer Sender auftauchen.

13 Wie der Auseinandersetzung zwischen Theologie und den Naturwissenschaften in der Neuzeit.

14 Wie der Allopathie und der Homöopathie.

15 Noch die beiden Hauptwerke Lucien Levy-Bruhls Die geistige Welt der Primitiven (1959) und Die Seele der Primitiven (1957) stützen sich maßgeblich auf die Berichte von Missionaren.

16 Gemeint sind die mit der Magie verbundenen Handlungen und Denktraditionen, nicht etwa der bloße Begriff und dessen Konnotationen.

17 Und wenn er es tut, muss dies nicht zwingend ein Hinweis auf Magie sein.

18 Oder zumindest in dem Maß wie die im Spiel zugrunde gelegten Ressourcen es hergeben. Magie hat eben auch hier ihren Preis.

19 Das stellen auch Knoblauch (2009, 2010), Mayer (2008) und Rademacher (2010) fest. Dennoch wird an den entsprechenden Begriffen festgehalten, was bezeugt wie dürftig dieses Feld soziologisch erschlossen ist. Es mangelt an neuen Begriffen, die die Tatsachen besser abbilden.

20 So konstatiert Kathrin Fischer in ihrer Studie über das Wiccatum (vgl. 2007:118), das ja nun schon ein recht spezifischer Ausschnitt der magischen Welt zu sein scheint, dass es innerhalb bekennender Wiccaner eine „mangelnde Gruppenidentität“ gibt, da dieser Bereich in eine Reihe spezifischer Schu- len und Traditionen ausdifferenziert ist, die sich nicht immer grün sind. Auch zum „Esoterischen und Okkulten“ nehmen Wiccaner nach Fischers Beobachtungen eine abwehrende Haltung ein (vgl. eben- da: 216), was für den noch wenig informierten Leser schon verwundern mag.

21 Eine Kostprobe davon findet sich hier: (<http://www.chat666.de/> [Zugriff am 06.10.2009]). Darüber Hinaus gibt es eine umfangreiche Menge an Literatur zum Thema wie satanistische Magie betrieben werden kann. Als moderne Klassiker gelten hierbei die Werke des Satanisten Anton Szandor LaVey.

22 Es ist nach meiner Ansicht nicht gewinnbringend zu behaupten, dass allen hier skizzierten Typen eine gleichsam irrationale oder pathologische geistige Struktur gemein ist, oder dass sie an Dingen festhalten, die schlichtweg nicht funktionieren, wie es auch der Theologe Marco Frenschkowski (vgl. 2008: 29) recht lapidar schreibt. Es liegt wohl auf der Hand, dass von Frenschkowski ausgehend der Weg zu einer pathologisierenden Sichtweise nicht weit ist. Zudem müsste er sich die Frage gefallen lassen, auf Grundlage welcher Kriterien die Magie nicht funktioniert und ob die selben Kriterien im- stande sind das Funktionieren von Religion bestätigen.

23 Aber selbst das wird schon schwierig, insofern selbst die Kategorie der Menschen, die etwa als Kar- tenleger mittels Magie ihren Lebensunterhalt verdienen nicht als eine Szene zusammengefasst wer- den können. Genauso wenig würde man den Beruf des Schornsteinfegers als eine Szene verstehen.

24 Der Psychologe Gerhard Mayer hält in diesem Zusammenhang fest: „Obwohl immer wieder von der „Magie-Szene“ die Rede ist, kann man nicht von „Szene“, als soziologische Kategorie verstanden, re- den. Ebenso wenig von einer Subkultur“ (Mayer 2008: 27).

25 Eine ähnliche Kritik dieses Begriffes findet sich auch bei Hubert Knoblauch (vgl. 2009: 100f), der ihn allerdings dennoch nicht fallen lässt.

26 Was andersherum nach meiner Erfahrung keineswegs gilt. Bei meinem Besuch der Frankfurter Eso- terikmesse sowie der Grenzenlos-Messe in Hofheim/Ts. stellte ich fest, dass recht viele für mich magi- sche Praktiken in ihrer Außendarstellung Wissenschaftlichkeit vorgaben. Zudem untermauerten einige der Aussteller, mit denen ich sprach, den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit mit Verweisen auf die Quantenphysik. Besonders Anleihen aus Themen wie morphogenetische Felder, Paralleluniversen oder die viele-Welten-Theorie sorgen hier für mehr Selbstbewusstsein. An anderen Stellen erschien mir der Verweis auf Wissenschaftlichkeit rein dekorativ.

27 Als ein nahezu klassisches Beispiel kann hier die hohe Anerkennung der neuzeitlichen Alchimisten, insbesondere Paracelsus, durch die moderne Chemie angeführt werden. Bezeichnend ist allerdings auch, dass bei älteren Autoren meist nur der Teil ihres Werkes Beachtung findet, der in aktuelle Wis- senschaftsvorstellungen passt. Der – meist recht große – Rest wird ignoriert. Zu den Verflechtungen neuzeitlicher Wissenschaft und Magie vgl. Webster 1980.

28 Markus Hero (vgl. 2010: 25) hält demgegenüber an dieser Überschrift fest, obwohl auch er betont,

29 In ähnlicher Weise stellt der Psychologe Eugene Subbotsky (2010: 4) die Frage: „With so much ma- gic around, why do so many of us fail to take it seriously?“.

30 Ähnlich habe ich das auch selbst empfunden, als ich einen Artikel über den studentischen Soziolo- giekongress 2009 in München in der ersten Printausgabe des studentischen Soziologiemagazins las. Dort wurde gerade mein Vortrag („Magie und die Soziologie der Schmuddelthemen“) als besonders exotisch herausgehoben.

31 Wohingegen Vertreter von Traditionen denen die Fremdzuschreibung der Magie anhaftet, oftmals eifrig um den Wissenschaftsbegriff buhlen. Ein interessantes Beispiel kann hier: (<http://www.chris- tian-science.de/> [Zugriff am 15.10.2009]) beobachtet werden.

32 Der hier angesprochene Aspekt von Wissenschaft wird auch in einem Vortrag Armin Nassehis (an- schaubar unter <http://videoonline.edu.lmu.de/node/361> [Zugriff am 15.10.2009]), der Wissenschaft als Institution beschreibt, die mit einiger Autorität sagt, was wahr ist. So ist zu verstehen wie diese Funktion von Wissenschaft auch für andere Traditionen attraktiv ist.

33 Eine ausführliche Kritik dieser kurzen Erklärung findet sich auch bei Paul Feyerabend (1977: 30ff). Dieser zeigt deutliche Parallelen zwischen Inhalt und Tonfall der Erklärung und der Bulle Papst Inno- zenz VIII aus dem Jahr 1484, auf dessen Grundlage die Inquisitoren Heinrich Krämer und Jakob Sprenger den Hexenhammer (original: Malleus Maleficarum) verfassten. Dieser stellt die intellektuelle und verfahrenstechnische Grundlage der neuzeitlichen Hexenverfolgung dar. Im Hexenhammer wer- den, so Feyerabend, verschiedene Erklärungs- und Lösungsansätze für die befürchtete vermehrte Ab- kehr von der katholischen Kirche diskutiert, wobei einer Darstellung jeweils letztendlich der Vorrang eingeräumt wird. Die Erklärung unternimmt nicht einmal eine solche Inhaltliche Diskussion, sondern setzt auf pure Autorität, wenn auch die Folgen weit weniger fatal sind.

34 Die sie freilich mit den meisten Naturwissenschaften teilen. Die Trennung von Astrologie und Astro- nomie ist bei Größen wie Kopernikus, Galilei und Kepler noch nicht vollzogen. Sie kündigt sich erst mit Newton an, obwohl dieser wiederum ein nachgewiesener Anhänger der Alchemie war, wobei die Eti- kette seiner Zeit allerdings schon geboten sich nicht öffentlich dazu zu bekennen (vgl. <http://www.- spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,363221,00.html> [Zugriff am 16.10.2009]).

35 Was allerdings auch nicht eindeutig geklärt wird, da ein ernsthafter Versuch die Hauptströmungen der Astrologie, geschweige denn das dort enthaltene Wissen, darzustellen hier erst gar nicht unter- nommen wird.

36 Eine Antwort auf diese Kritik von Seiten Benders findet sich in einem seiner Einführungsbändchen zur Parapsychologie (1976: 23).

37 Das Auftauchen des Begriffs Pseudowissenschaft an dieser Stelle bezeugt die gewollte enge Ver- zahnung der Begriffe Grenzwissenschaft und Pseudowissenschaft. Letztlich ist dies ein Verweis auf Synonyme von Magie, die diese einen Humbug nennen.

38 Als sei es Wimmer selbst der das Recht darauf gepachtet hat, entscheiden zu können was wahnfrei ist und was nicht.

39 In einer Fußnote echauffiert sich Wimmer (ebenda: 15): „Kein Geistesgesunder wird von `Forschung ´ sprechen, wenn z.B. jemand auf dem Brocken ein Institut gründete, um zu `untersuchen´, ob in der Walpurgisnacht Hexen auf Besenstielen angeflogen kommen“. Hiermit wird ein Brief Hans Peter Du- errs an Wimmer angesprochen, der im 7.Band der Zeitschrift Über dem Pflaster liegt der Strand (1980: 96) abgedruckt ist, in dem Wimmer die Polemik Duerrs völlig missversteht und ihm damit völlig auf den Leim geht: „Sehr geehrter Herr Dr. Wimmer, ich trag mich seit längerer Zeit mit der Absicht, auf dem Brocken (Harz) ein Institut zu gründen, das vornehmlich der Aufgabe dienen soll, zu untersuchen, ob in der Walpurgisnacht Hexen auf Besenstielen oder auf Heugabeln angeflogen kommen. Ich halte diese Forschungen deshalb für dringlich, weil seit einiger Zeit ein am Berge ansässiger Bauer namens Paul Feyerabend die wissenschaftlich unhaltbare Meinung verbreitet, es seien mittlerweile elektrische Staubsauger in Gebrauch. Hier gilt es den modernistischen Anfängen zu wehren! – Ich möchte nun der Heinrich Heine Stiftung für kritische Wissenschaft in Freiburg dieses Forschungsvorhaben unter- breiten und um finanzielle Unterstützung bitten. Dazu bedarf es eines Gutachtens, um das ich Sie hiermit freundlichst bitte. Seien Sie versichert, dass nur geistesgesunde und wahnfreie Elemente an den oben genannten Forschungen teilnehmen werden, die auf dem Boden der freiheitlich-wissen- schaftlichen Grunderkenntnisse stattfinden. – Mit vorzüglicher Hochachtung. gez. Dr. Peter Duerr“. Näheres zu Duerrs Beiträgen zur Kontroverse um die Magie erläutere ich weiter unten.

40 Wie es beim Theologen Michael Becker (2002 und 2007) der Fall ist.

41 Weshalb sie sich auch nicht mit der Anrüchigkeit des Themas ansteckt, sondern Aufklärung durch Konservatismus verwirklicht sieht. Sehr nachhaltig verwirklicht ist dieses Prinzip bei Prokop und Wim- mer (1987).

42 <http://www.gwup.org/infos/themen-nach-gebiet/> [Zugriff am 19.10.2009]

43 Beide Themen decken zusammen 143 von 235 Textseiten ab.

44 Womit in einiger Hinsicht der leichteste Weg aufgezeigt ist, da ein wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema und vor allem mit dem eigenen Standpunkt hier obsolet ist.

45 Gleichlautend schreibt auch Markus Hero (2008: 164): „Die Spekulationen über die gesellschaftli- chen Gefährungspotentiale der „Jugendsekten“ stehen dabei in einem krassen Widerspruch zu ihrer tatsächlichen quantitativen Bedeutung“. Auch an anderer Stelle (2010: 3) schreibt Hero, dem Diskurs um Jugendsekten läge „nur in bedingtem Maße ein objektives Erkenntnisinteresse zugrunde“, was wohl heißen soll, dass er die Dinge anders sieht.

46 Einen ersten Überblick über diese Schule(n) vermittelt Hanegraaf (2006: 716) und Kippenberg (1987). Diese Reihung der Autoren soll nicht den Eindruck erwecken, dass auch deren Ideen mitein- ander vollständig kompatibel sind. Gemeint ist vielmehr die Ähnlichkeit der gewählten Perspektive.

47 Nachzulesen im Artikel „Magie“ der Brockhaus Enzyklopädie (2006: 417ff).

greift auch angesichts der Diskussion um das Problem des Ethnozentrismus nicht weit genug. Es nimmt daher kaum Wunder, dass diese Tradition bei der Beschäfti - gung mit moderner Magie, erst recht mit populärer Magie, kaum hilfreich ist. Ich halte diese Art Zugriff daher – besonders im Kontext dieser Arbeit – für überflüssig. In die- sem Sinn schreibt auch Hanegraaf (2006: 718):

48 Ein Vorgehen, das in vielen Fällen sicherlich zur Erhellung des Standpunktes der Autoren und zu ei- nem besseren Verständnis der Schriften anregen würde. Oft würde dies allerdings auch als allzu weit hergeholt erscheinen und die Kapazitäten einer Arbeit erschöpfen.

49 In eine solche Richtung zielt auch die Magie-Definition von Peter Pels, die sich ganz auf das Span- nungsverhältnis zwischen Wissen und Pseudowissen konzentriert. Magie ist demnach „a discursive field, in which different Occidentalist definitions of deluded or illusory beliefs were accompanied by doubts about the extend to which they were deluded, illusory, backward, or irrational“ (Pels 2003:16). Es versteht sich jedoch, dass hier nur eine Facette der Magie präsentiert wird.

50 Implizit vollzieht sich hinter dieser Fragestellung die Forderung nach einer Grenzziehung zwischen Wirklichkeit und Transzendenz.

51 Ein solcher Erkenntnisfortschritt einer Theorie A gegenüber einer Theorie B ergibt sich nach Popper aufgrund folgender Kriterien:

- „A stellt präzisere Behauptungen auf als b und besteht präzisere Prüfungen;
- A berücksichtigt und erklärt mehr Tatsachen als b;
- A beschreibt oder erklärt die Tatsachen detaillierter als b;
- A hat Prüfungen überstanden, die b nicht überstanden hat;
- A hat neue experimentelle Überprüfungen vorgeschlagen, die vor a noch nicht erwo- gen wurden;
- A hat verschiedene bis dahin unzusammenhängende Probleme verknüpft“ (vgl. Pop- per 1994: 339).

52 Glaubhaft in dem Sinn, dass man daran schon glauben muss.

53 Wobei es nach meiner Auffassung per se unmöglich ist solche vermeintlich harten und strengen Maßstäbe auf dieser Metaebene, in der sich die Wissenschaftstheorie befindet, anzuwenden.

54 Wie sie in ähnlicher Weise auch von Wissenskulturen Altägyptens betrieben wurde und das parallel zu den mythischen Erklärungen.

55 Was die Autoren des Hexenhammers folgendermaßen erklären: „Dies alles geschieht durchaus ver- mittels gauklerischer Täuschung durch die Dämonen auf die angegebene Weise, durch Störung des Sehorgans, indem die Sinnesgestalten hinsichtlich der Vorstellungskraft gewandelt werden“ (ebenda).

56 Erich Fromm (vgl. 1980: 384ff) würde ein solches Vorgehen zusätzlich nekrophil nennen, da ange- strebt wird lebendige Zusammenhänge in ein rein mechanisches Kleid zu zwängen, wobei Gefühle und Emotionen auf der Strecke bleiben. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch eine Karikatur des For- schers von Hans Peter Duerr (1978: 140): „Er hat weder Ehrfurcht vor den Dingen, noch liebt er sie. Er wirft ein Netz über sie, er teilt sie und teilt sie ein. Die Dinge werden rubriziert, kontrolliert und von all dem gesäubert, was über die Maschen herauswuchern will. Die Dinge weinen, aber der Forscher sieht keine Tränen. Er rodet den Urwald und legt einen von Unkraut gereinigten Garten an, in dem nur noch Gemüse wächst, das sich verwerten lässt“. Die Konsequenz, die sich daraus für das Leben des „For- schers“ ergibt, wird im Schlussabschnitt von Duerrs Traumzeit (ebenda: 161) angedeutet: „Aber der Forscher wird damit immer ein wenig „zwischen den Welten“ verbleiben, und diese Einsamkeit ist der Preis, den er für seine Erkenntnis zahlt: für immer ausgeschlossen zu bleiben aus der selbstverständli- chen Welt der redenden Tiere und aus der Welt der redenden Ethnologen“.

57 Ein besonders anschauliches Beispiel aus dieser Zeit ist die Auseinandersetzung zwischen Allopa- thie und Homöopathie, bei der es ersterer gelang sich zur Schulmedizin emporzuschwingen, während letztere dennoch bis heute nicht totzukriegen ist und vielleicht sogar ihr Comeback feiert.

163 von 163 Seiten

Details

Titel
Solve et Coagula
Untertitel
Skizzen einer Soziologie der Magie
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
163
Katalognummer
V171686
Dateigröße
3696 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um eine überarbeitete Fassung meiner Diplomarbeit.
Schlagworte
Magie, wissenschaftstheorie, wildes denken, fremdes denken, okkultismus, esoterik, populäre religion, religionssoziologie, wissenssoziologie
Arbeit zitieren
Sebastian Theodor Krebel (Autor), 2010, Solve et Coagula , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171686

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