Professionalisierter Wahlkampf - Reaktion auf verändertes Wählerverhalten?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
24 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorien zur Erklärung des Wählerverhaltens
2.1. Soziologischer Ansatz
2.2. Sozialpsychologischer Ansatz
2.3. Rational-Choice-Ansatz

3. Historische Wahlkampfentwicklung
3.1. Vormoderne Wahlkämpfe
3.2. Moderne Wahlkämpfe

4. Professionalisierte Wahlkämpfe
4.1. Begriffsdefinitionen und –abgrenzungen
4.2. Merkmale professionalisierter Wahlkämpfe

5. Beantwortung der Fragestellung

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wahlkämpfe stellen wohl einen entscheidenden Teil der Politik dar. In einer Zeit, in der die Globalisierung die Menschen weltweit miteinander vernetzt und zugleich ein Vertrauensverlust in politische Entscheidungsträger und deren Handlungen zu beobachten ist, wird es für politische Parteien immer wichtiger, sich auf die neuen Medien wie z.B. das Internet einzulassen und sie zur Kommunikation mit dem Bürger und im Wahlkampf zu nutzen, um die steigende Anzahl der Nutzer elektronischer Medien zu erreichen und auch Erstwähler, Wechselwähler und Nichtwähler zur Stimmabgabe zu animieren.

Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Fragestellung, ob die Professionalisierung der Wahlkämpfe, die seit den 90er Jahren zu beobachten ist, eine Reaktion der deutschen Parteien auf verändertes Wählerverhalten darstellt. Der erste Teil stellt drei verschiedene Theorien dar, die das Wählerverhalten erklären, nämlich der soziologische, der sozialpsychologische und der Rational-Choice-Ansatz. Der nächste Abschnitt handelt von der chronologischen Entwicklung der Wahlkämpfe, wobei man hier zwischen vormodernen und modernen Wahlkämpfen unterscheiden kann. Danach wird detailliert auf die professionalisierten Wahlkämpfe eingegangen. Der erste Abschnitt des Kapitels über professionalisierte Wahlkämpfe nimmt Begriffsdefinitionen und -Begriffsabgrenzungen zwischen den Termini „Amerikanisierung“ und „Professionalisierung“ vor, wobei auch die Disparität des Wortes „Amerikanisierung“ und die Kontroverse darüber aufgezeigt wird. Anschließend werden Merkmale des professionalisierten Wahlkampfes dargestellt, die man unter den drei Kategorien Kommunikationsmanagement, -inhalte und –möglichkeiten zusammenfassen kann. Im Anschluss daran wird die Fragestellung wieder aufgegriffen und dargelegt, ob die Wahlkampfprofessionalisierung auf das veränderte Wählerverhalten zurückzuführen ist und/oder ob andere Aspekte diesen Wandel auch beeinflusst haben. Das Schlusswort fasst die Arbeit konzise zusammen und stellt die gefundenen Ergebnisse dar.

2. Theorien zur Erklärung des Wählerverhaltens

2.1. Soziologischer Ansatz

Der soziologische Ansatz zur Erklärung von verändertem Wählerverhalten kann in zwei Modelle gegliedert werden: das mikrosoziologische Modell[1], welches v.a. mit dem Namen des Soziologen Paul F. Lazarsfeld verknüpft ist und hier nur kurz angerissen werden soll[2], und das makrosoziologische Modell, das man mit den Namen Lipset und Rokkan verbindet. Das mikrosoziologische Modell geht davon aus, dass jeder Mensch in verschiedene soziale Kreise, wie z.B. Familie, Freunde, Arbeitsplatz, Vereine etc. eingebunden ist. Lazarsfeld fand nun durch Studien heraus, dass sich innerhalb eines sozialen Kreises eine bestimmte politische Präferenz manifestiert hat und sich diese auch auf den einzelnen Menschen auswirkt, sodass er jene meist übernimmt. Dies liegt wohl daran, dass er mit seinem Umfeld in einem möglichst spannungsfreien Verhältnis leben möchte, und er deshalb, um die politische Homogenität nicht zu stören und die Harmonie zu fördern, sich hinsichtlich der Wahlentscheidung seinem Umfeld angleicht.[3]

Im Zuge der Individualisierung der Lebensbereiche kommt das Individuum bei der Wahlentscheidung in sog. „Cross-Pressure“-Situationen, d.h., wenn er verschiedenen, diametral liegenden sozialen Kräftefeldern angehört (z.B. ein christlich geprägter Kirchgänger aus der Arbeiterklasse), gestaltet sich für ihn die Wahlentscheidung wesentlich schwieriger. Die Folgen dieses Dilemmas sind Verzögerung der Wahlentscheidung oder sogar Wahlenthaltung.[4]

Der makrosoziologische Ansatz von Lipset und Rokkan geht von grundsätzlichen Konfliktlinien innerhalb einer Gesellschaft aus, die ein Resultat der Nationenbildung im 18./19. Jahrhundert und der Industriellen Revolution im 19. Jhdt. darstellen.[5] Sie werden auch als „Cleavages“ bezeichnet und sind Ausdruck des Protestes gegen die nationale Elite und ihre kulturelle Hegemonie und stellen zugleich eine breite Welle der Emanzipation und der Mobilisierung dar. Man definiert vier Cleavages (die ersten beiden sind kulturell-ideologisch, letztere ökonomisch geprägt): Zentrum vs. Peripherie, Staat vs. Kirche, Arbeit vs. Kapital und agrarische vs. kommerziell-industrielle Interessen.[6] Infolgedessen schufen die von einem solchen Konflikt betroffenen Bevölkerungsgruppen Organisationen für ihre Interessenvertretung, die in der Phase der Demokratisierung ein Bündnis mit einer politischen Partei eingingen.

Etwa ab den 70er Jahren ist eine langsame Erosion dieser sozialen Konfliktlinien zu verzeichnen.[7] Der graduelle Bedeutungsverlust gesellschaftlicher Institutionen wie Ehe, Familie, Parteien und Vereine wird von individualisierten Lebensstilen flankiert, die ein Ergebnis anderer starker Strömungen wie der Pluralisierung, der Säkularisierung und der Entideologisierung darstellen.

In den 90er Jahren fand eine Diskussion über eine mögliche Neuformulierung des Cleavage-Modells statt, welches z.B. Ökologie, den Geschlechterkonflikt, Materialismus/Postmaterialismus oder den Generationenkonflikt als neue soziale Konfliktlinien definiert, allerdings hält keines der Überprüfung nach Lipset/Rokkan stand.[8]

2.2. Sozialpsychologischer Ansatz

Im sozialpsychologischen Modell nimmt das Individuum einen größeren Stellenwert ein. Grundlage des Ansatzes ist eine Mischung aus kurz- und langfristigen Einflussfaktoren, die den Wähler für eine bestimmte Partei stimmen lassen. Die Theorie geht davon aus, dass kurzfristige Faktoren wie die Wahrnehmung von Kandidaten und Sachthemen[9] eine wichtige Rolle spielen, als Langfristfaktor wird die sog. „psychologische Parteimitgliedschaft“ genannt.[10]

Kandidaten- und Sachthemenwahrnehmung sind nur dann für individuelles Wahlverhalten relevant, wenn drei Faktoren erfüllt sind: sie müssen vom Wähler erstens wahrgenommen und zweitens, anschließend, als wichtig angesehen werden, und zum Dritten muss der Wähler dem Parteiprogramm mindestens einer Partei eine positive oder negative Zuordnung seiner Einstellung zuweisen können.[11]

Die Parteiidentifikation eines Individuums beeinflusst ebenfalls die Wahlentscheidung. Sie entwickelt sich von Kindheit an, indem die persönlichen Erfahrungen und politischen Orientierungen, die seitdem erworben worden sind, zu einer bestimmten Parteineigung führen. Sie überträgt sich meist von den Eltern auf die Kinder und wird im Alter zunehmend stabiler und fester.[12]

An der Anwendung des sozialpsychologischen Ansatzes auf die Bundestagswahl 2005 zeigte sich, dass dieses Modell eine große Erklärungskraft besitzt.[13]

2.3. Rational-Choice-Ansatz

Der Rational-Choice-Ansatz basiert auf der Annahme, dass, wie der Name impliziert, der Wähler seine Wahlentscheidung nach Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten abwägt und dementsprechend entscheidet.[14] Er bindet, nach dem Ansatz V. O. Keys, auch retrospektive Elemente in seine Überlegungen mit ein, wie z.B. die Arbeit der in der letzten Legislaturperiode in der Regierungsverantwortung stehenden Partei(en) und auch weiter zurückliegender Regierungen. Wenn dieses Ergebnis die Leistung der gegenwärtigen Regierung übersteigt, wird die Regierung abgewählt, wenn es schlechter als das der gegenwärtigen ausfällt, erfolgt eine Wiederwahl der Regierung.[15]

Neben Keys´ Theorie existieren aber auch noch andere Modelle. Anthony Downs z.B. stellt das sog. prospektive „Eigennutz-Axiom“ auf, das besagt, dass ein Individuum seinen eigenen Interessen alles andere unterordnet und ergo die Partei wählt, die für ihn selbst den größten materiellen Nutzen verspricht, wobei das politische Konzept derselben unwichtig ist. Um diesen Vorteil berechnen zu können, braucht der rationale Wähler möglichst vollständige Informationen über die Vorgehensweise der Partei in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Hier setzt jedoch die Kritik an Downs´ Theorie an, die moniert, dass man in der Realität niemals über vollständige Informationen verfügt und deshalb in einem Zustand der Unsicherheit entscheiden muss.[16]

Es existieren zwei Möglichkeiten, um diese Ungewissheit einzudämmen: zum einen überlässt der Wähler die Informationssammlung, -analyse und -darstellung anderen Organen wie z.B. Medien und Interessengruppen, um dann seine Entscheidung zu treffen. Zum anderen wird er, wenn er erkennt, dass seine Ziele ideologisch gesehen mit denen der Partei übereinstimmen, selbige auch wählen, ohne noch weitere Analysen vorzunehmen.[17]

Morris P. Fiorina hat obige Theorien weiterentwickelt und mit dem sozialpsychologischen Ansatz verbunden. Er verknüpft die retrospektiven und prospektiven Modelle von Key und Downs und fügt ihnen das sozialpsychologische Element der Parteiidentifikation hinzu. Allerdings unterscheidet er zwischen einer retrospektiven und einer gegenwärtigen Parteiidentifikation, wobei erstere stark von gegenwärtigen Erfahrungen beeinflusst wird.

Die zentralen Elemente rationalen Wählerverhaltens können z.B. an der Bundestagswahl 2005 nachvollzogen werden: das größte Problem war die Arbeitslosigkeit, und der Union traute man am ehesten die Lösung desselbigen zu. Allerdings verlor dieser Aspekt im Laufe des Wahlkampfes durch andere Probleme an Bedeutung und wurde überlagert. Eine Umfrage ergab, dass eine Mehrheit der Wähler in Ost und West ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut einschätzten und ihren Arbeitsplatz als gesichert betrachteten. Als rationale Wähler hätten sie also keinen Grund gehabt, die Union zu wählen, da sie andere Probleme als wichtiger erachteten, die, wie das Wahlergebnis zeigt, wohl besser von der SPD gelöst werden sollten.[18]

[...]


[1] Für eine detaillierte Beschreibung der drei im Folgenden dargestellten Wählerverhaltenstheorien siehe Roth, Dieter (2008): Empirische Wahlforschung. Ursprung, Theorien, Instrumente und Methoden, 2. Aufl., Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.29-55 (im Folgenden zitiert als „Roth, Wahlforschung“).

[2] Vgl. auch Rhomberg, Markus (2009): Politische Kommunikation. Eine Einführung für Politikwissenschaftler, Paderborn, W. Fink Verlag, S.205ff. (im Folgenden zitiert als „Rhomberg, Kommunikation“).

[3] Roth, Wahlforschung, S.30f.

[4] Ebd., S.31.

[5] Arzheimer, Kai/Schoen, Harald: Mehr als eine Erinnerung an das 19. Jahrhundert? Das sozioökonomische und das religiös-konfessionelle Cleavage und Wahlverhalten 1994-2005, S.91 (im Folgenden zitiert als „Arzheimer, Erinnerung“), in: Rattinger, Hans/Gabriel, Oscar W./Falter, Jürgen W. (2007): Der gesamtdeutsche Wähler. Stabilität und Wandel des Wählerverhaltens im wiedervereinigten Deutschland, 1. Aufl., Baden-Baden, Nomos.

[6] Roth, Wahlforschung, S.32f.

[7] Das sozioökonomische und das religiös-konfessionelle Cleavage, welche als einzige noch relevant sind, haben sich zwar abgeschwächt, sind aber durchaus noch einflussreich, was sich am Wahlverhalten ablesen lässt: Arzheimer, Erinnerung, S.107f.; bei Rhomberg wird der Anteil der Stammwählerschaft in Deutschland immer noch auf 40 % geschätzt (Rhomberg, Kommunikation, S.199). Ähnlich äußert sich Roth, Wahlforschung, S. 36 u. S.41.

[8] Roth, Wahlforschung, S. 162.

[9] Sachthemen werden in zwei Stufen operationalisiert: in Form der relativen Wichtigkeit von Problemen und als Kompetenzen zur Problemlösung.

[10] Roth, Wahlforschung, S.42.

[11] Ebd., S.44.

[12] Ebd., S.42f.

[13] Die hohe Arbeitslosigkeit wurde als das wichtigste Problem erachtet, und da die meisten Wähler der CDU/CSU auf diesem Gebiet die größte Kompetenz zuschrieben, gewann sie wohl auch die Wahl. Andererseits war die SPD stark auf Gerhard Schröder zentriert, der in der Bevölkerung große Beliebtheit genoss und dadurch ein schlechteres SPD-Wahlergebnis verhinderte (Roth, Wahlforschung, S. 50f.).

[14] Rhomberg, Kommunikation, S.208f.

[15] Roth, Wahlforschung, S.51f.

[16] Ebd., S.52

[17] Ebd., S.52f.

[18] Ebd., S.55.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Professionalisierter Wahlkampf - Reaktion auf verändertes Wählerverhalten?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Die deutschen Parteien nach der Bundestagswahl
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V171781
ISBN (eBook)
9783640913855
ISBN (Buch)
9783640912735
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
professionalisierung, professionell, wähler, wählerverhalten, internet, amerikanisierung, wahlkampfberater, personalisierung, web 2.0, cleavage, rational choice, tv-duell
Arbeit zitieren
Fabian Fuchs (Autor), 2010, Professionalisierter Wahlkampf - Reaktion auf verändertes Wählerverhalten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171781

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