Als der Religionswissenschaftler Johannes Berger auf einer Buddha-Ausstellung der faszinierenden Begleitdame Antonia begegnet, entsteht eine Verbindung, die weit über einen flüchtigen Moment hinausgeht. Gleichzeitig sorgt an einem rätselhaften Ort zwischen Tod und Wiedergeburt das Erscheinen zweier Neuankömmlinge für Unruhe, denn die Fremden scheinen nicht in die Ordnung dieses Zwischenreichs zu passen. Was verbindet die reale Welt mit dieser geheimnisvollen Ebene?
"Bardo oder Der Raum" ist ein vielschichtiger Roman über Liebe, Vergänglichkeit und spirituelle Grenzerfahrungen – inspiriert von der Vorstellung des Bardo, des Zwischenzustands zwischen Tod und Wiedergeburt, der im tibetischen Totenbuch beschrieben wird.
Auszüge aus dem Buch
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DER RAUM
Die Zeichen begannen unruhig zu tanzen, als wollten sie fragenden Blicken jede Deutung verwehren. War dies eine Wand? Oder lediglich ein Vorhang, hinter dem sich ein weiterer Raum verbarg – die Bühne für das wesentliche Geschehen? Ein Behang, der den Raum auf ein abgegrenztes Maß reduzierte, gegenüber einer unbekannten Größe? Purpurroter Brokatstoff, der Falte für Falte dem gefliesten Boden schmeichelte. Oder war es eine Illusion? Ein Trompe-l'œil? In den Stoff eingearbeitet reihten sich liegende Achterschleifen, vergilbte Symbole der Unendlichkeit, Reihe neben Reihe, Schleife über Schleife, in vertikaler Anordnung, als wäre die Wand ein Drei-D-Bild, in dessen Tiefe sich eine weitere Dimension verbarg.
Die antiken Bodenfliesen, schachbrettartig angelegt in dunklem Braun und sandfarbenem Beige zeigten deutliche Spuren von Abnutzungen. In B1/C1 und F1/G1 stand je eine Bank. Den würfelförmigen Raum füllten acht Farbkorridore. In der Anordnung der Schachbrettlinien, von A bis H ausgerichtet auf jene ominöse Wand. Transparente Farbbahnen, beginnend links mit Rot, Orange über Gelb; die Mitte des Raumes teilten sich Grün und Türkis. Rechts folgten Blau, Indigo und schließlich Violett. Die hohe Raumdecke leuchtete als lebhaft blauer Himmel. Aus Wolkeninseln hingen zwei Seile. Als wären sie eben noch geschwungen worden, tänzelten sie über je einem eingelassenen Rosenmosaik im Mittelbereich.
Die Stille des Raumes, getragen vom Pulsschlag eines alten Uhrwerks, unterbrach ein leises Knattern. Zwei Frauen eilten nach hinten. Vor einem schmalen Pfortenrahmen auf Linie D1/E1 blieben sie stehen. Zwei menschliche Gestalten waren nacheinander eingetreten. Ein Mann und eine Frau.
„Butrus, da sind zwei in der Pforte“, rief eine der beiden, gegen die Wand gerichtet. Die andere stellte zudem fest:
„Beide ziert ein Mal in der Brust, mitten im Herzen.“
„Lasciate il vecchio mundo, voi ch‘entrate.” [Verlasst die alte Welt, ihr, die ihr eintretet.] Die blondgelockte Angeli hatte Dantes Zitat aus der „Göttlichen Komödie“ mit einer kleinen Abwandlung zur Begrüßungsformel erkoren. Cherubina, ihre schwarzhaarige Wächterkameradin, sah sie mit einem vorwurfsvollen Kopfschütteln an.
In der Brokatwand erschien ein Kopf. Nein, keine Erscheinung, er ragte deutlich heraus. Weder Vorhang noch Wand, sofern es eine solche gab, hatten eine Regung zu erkennen gegeben. Ein – ja, unverkennbar, ein männliches Haupt afrikanischer Abstammung, kurzgeringeltes, schwarzes Haar, ebenholzfarbene Haut. Die Nase leicht abgeflacht, die Nasenflügel etwas weit auseinandergehend. Auffallend die enganliegenden, nach oben hin ungewöhnlich spitz endenden Ohren, mit einem golden schimmernden Knopf im linken Ohrläppchen. Der Gerufene betrachtete die Ankömmlinge. Sein Blick verriet eine Spur von Mitgefühl, aber auch Routine. Er sagte nichts.
„Ja, aber“, begann Cherubina zaghaft, Angeli vollendete den angefangenen Satz: „der Scanner strahlt nicht.“
„Wie – nicht? Absolut nicht?“
Die Wächterinnen schüttelten stumm ihre Lockenköpfe.
„Zwei! Mit Loch im Herzen?“
Kein Zweifel, die vollen Lippen hatten sich bewegt und gaben ein weiteres Merkmal preis: Butrus fehlte ein Schneidezahn. Seine Stimme hatte etwas Gurgelndes, als käme sie tief aus einem Gully der Al-Imam Al-Mahdi Road, der Hauptstraße von Karthum zwischen drei und fünf Uhr morgens. Allerdings wurden die S- und Z-Konsonanten von einem leisen Zischeln begleitet, wohl auf Grund des fehlenden Schneidezahnes. Die großen Augäpfel stierten offensichtlich überrascht erst die Blonde, dann die Schwarzhaarige an. Und ebenso plötzlich wie er in Erscheinung getreten war, verschwand der Kopf auch wieder von der Wand. Den beiden blieb jedoch keine Zeit, fragende Blicke auszutauschen, schon tauchte der Kopf an derselben Stelle wieder auf.
Der Blick des Guardians suchte im Grauschleier, welcher die Pforte einhüllte, die Ankömmlinge. Sie standen beieinander, wirkten etwas verloren, als erwarteten sie abgeholt zu werden. „Unfassbar“, holperten die Silben über die vollen Lippen, als wollten diese jede einzelne sogleich zerreiben, „sie sind nicht verzeichnet! Die gehören nicht hierher.“
Der Kopf verschwand erneut. Durch die ominöse Wand drang ein unverständliches Kauderwelsch in einer nilotischen Sprache mit vielen O- und U-Lauten. Nach kurzer Stille drang Butrus’ feste Stimme mit gesicherter Erkenntnis in den Schachbrettraum: „Nicht verzeichnet! Wie ist das möglich? Hier kann man doch nicht einfach kommen, als wolle man durch den Botanischen Garten von Khartum spazieren!“
Die Schwarzhaarige zog ihre dichten, orientalischen Augenbrauen zusammen und sah ihre Gefährtin fragend an. „Ein botanischer Garten in Khartum?“
Die grazile Blonde meinte mit Blick auf die beiden Gestalten im Grauschleier: „Lassen wir sie eben noch etwas warten.“
∞
[...]
Das Verhör
7 Dienstag
Bens Konzentration galt der Grünteezubereitung. Tisch decken, eine Scheibe einfaches Bauernbrot, Honig oder Marmelade, Joghurt oder etwas Quark. Ein Blick in ein kleines Büchlein. Kurzes Nachsinnen und sich dann dem Frühstück widmen. Insgeheim bewunderte sie ihn dafür. Er hatte dies als tägliche Übung, wohl in Erinnerung an den Ashram, verinnerlicht. Manch anderes in seiner Lebensweise fußte ebenfalls auf jene vier Monate in der hinduistischen Glaubensgemeinschaft. Auch wenn er inzwischen wieder etwas Fleisch aß, so war dieses einfache Leben in der Gemeinschaft in vielen Dingen in ihn übergegangen. Zu diesem Leben gehörte für ihn die Achtung und Dankbarkeit für alles, was die Erde für den Menschen hervorbringt. Von der Atemluft bis hin zur Nahrung für Körper, Geist und Seele. Der Kreislauf des Werdens und Vergehens in allen Dingen. So hatte er sich im Garten einen Kompostplatz eingerichtet, den er regelmäßig durcharbeitete. Er versuchte Kunststoffe so weit wie möglich zu vermeiden.
Die Planung für das Haus in Sachen Umweltverträglichkeit, Energiebilanz und Lebensqualität hatte sie beide zu einer Einheit verschmelzen lassen – über das Band des Füreinander-Daseins hinaus. Es war ihre stärkste gemeinsame Zeit. Er fühlte sich wohl in diesem Zuhause mit Frau, Kindern und Garten. Dazu hatte er einen erfüllenden Beruf. Seiner Frau fehlten allerdings Aktionen wie Tanzen, Konzerte, mit Freunden ausgehen, einfach das Leben genießen. Zum Skiurlaub musste sie ihn mit Hilfe der Kinder überreden.
Zum Frühstück setzte sich Antonia still zu ihm. Nach dem Vorfall auf dem Arbeitsamt hatte er gestern noch einen Anruf aus dem Polizeipräsidium erhalten, ob er sich gleich am nächsten Vormittag, zehn Uhr dreißig, zu einem Gegenüberstellungstermin und einer Befragung dort einfinden könne. Man wolle eine zeitnahe Entscheidung. Er sagte zu. Den Kindern hatten sie nichts erzählt. Antonia versuchte ihm den Rücken zu stärken: Es würde sich was finden, wenn nicht hier in der Stadt, dann eben anderswo. Benjamin sah sie zweifelnd an. Und wenn – wirst du dann damit aufhören? Sie wusste, worauf er anspielte. Es kam ein leises ‚Ja‘, das für ihn allerdings nicht überzeugend klang. Eine Weile frühstückten sie schweigend.
„Ben, wir schaffen das!“
Er erwiderte nachdenklich: „Da sagt dir plötzlich einer, du kannst ab morgen zu Hause bleiben, wir brauchen dich nicht mehr. Einfach so.“
„Hör auf, das kann jedem passieren. Geh hin, zeig, dass du wieder mitspielst, dass du es willst. Du kannst das. Denk an uns, die Kinder und das alles hier.“
Er nickte. „Vielleicht braucht man einfach auch etwas Glück.“
„Ja. Aber Glück allein ist es nicht, du musst kämpfen, du musst wirklich wollen.“
Das Polizeipräsidium türmte sich als grauer Glasbetonblock vor Benjamin auf. Bisher hatte er nicht einmal gewusst, dass es ein solches Präsidium in der Stadt gab. Dritter Stock, Zimmer 321. Irgendwie gar nicht so viel anders als das Arbeitsamt, dachte er vor dem fünfstöckigen Bau stehend. Beim Hinaufgehen über die Treppe sah er wieder die Situation vor sich, wie der Mann von oben heruntergeeilt war. In der Hand das Messer. Diesen verzweifelten Gesichtsausdruck. Er dachte an Frau Ruhl, hoffte, dass es ihr inzwischen besser gehe. Er wollte sie anschließend im Krankenhaus besuchen.
Zwei Beamte im Zimmer 321 begrüßten ihn ohne Handschlag. Ein Uniformierter hinter einem einfachen Tisch, auf dem einige Blätter Papier lagen, sowie ein Notebook bot Benjamin den gegenüberstehenden Stuhl an. Ein leerer Raum mit Tageslicht durch zwei Fenster und dem Licht der Deckenröhren. Der zweite Mann, in ziviler Kleidung, nahm etwas abseits Platz. Der Uniformierte nahm die Personalien auf, nickte beiläufig zu Benjamins Antworten: verheiratet, zwei Kinder, Beruf? Der Vorgeladene blieb sachlich: zurzeit auf Arbeitssuche. Was sollte ich wohl sonst im Jobcenter zu tun haben, dachte er. Der Beamte blickte kurz auf und sah ihn an. Auf dem ersten der mehrseitigen Fragebögen machte er eine Notiz, dann begann er mit der Befragung zum Hergang, wie Benjamin ihn erlebt hatte.
Er sei aus Syrien, erklärte der Beamte, meinte damit den mutmaßlichen Täter und setzte hinzu: Asylant.
Benjamin hatte den Eindruck, dass für den Beamten der Fall schon klar liege, das Kreuzchen für ‚Abschiebung bald möglichst‘ bereits gemacht war. Schließlich wurde der Mann hereingeführt, es folgte die Gegenüberstellung. Ja, er war es, Ben erkannte ihn sofort. Er trug denselben Anzug wie vor zwei Tagen, den grauen Pullover, ein hellblaues Hemd. Zwei Sicherheitsleute, ebenfalls in Uniform, flankierten die Tür. Der Arbeitslose und der Asylsuchende standen sich gegenüber, sahen sich für einen Moment in die Augen. Unwillkürlich wollte ihm Benjamin die Hand geben, eine spontane, einfache menschliche Reaktion. Auch der Fremde hob die Hand, um sie ihm entgegenzustrecken, doch der Beamte, der das Protokoll führte, sprang auf.
„Was soll das? Kennen Sie sich etwa? Hatten Sie bereits vorher mit ihm in irgendeiner Weise Kontakt?“
Der zweite Beamte beschwichtigte seinen Kollegen, bedeutete Seborn, sich wieder zu setzen. Der Protokollführer ging noch einmal auf den als Zeugen vorgeladenen Seborn ein, den er mit dieser Handbewegung quasi als Komplizen verdächtigte. Schließlich wandte er sich an den vor ihm stehenden Mann: „Sie heißen Aikam Abadi, stammen aus Syrien, kurdischer Abstammung, lebten in Damaskus.“ Abadi sprach zunächst wenig, wirkte sehr niedergeschlagen. Ob er bei der Kurden-Miliz aktiv gewesen sei? Was er verneinte. Ob er der PKK angehöre?
„Nein!“, rief er impulsiv. Ja, er habe Kontakte zur PYD, das sei die Partei der Demokratischen Union.
„Wie sollten wir Kurden uns wehren, gegen alle Feinde“, rief er leidenschaftlich. Assad sei ein Verbrecher, der als Puppe des russischen Diktators das Land ruinieren werde. Das syrische Volk sei nur noch dazu da, für oder gegen Assad in den Krieg zu gehen. Und Erdogan nutze diese Situation für sich aus, um die Kurden zu vernichten.
Warum er nach Deutschland geflohen sei. Er sei in Assads Folterkellern misshandelt worden, grausam: „Sie können nicht wissen, was Hölle ist, aber das ist Hölle. Assad ist wie Hitler.“
„Was weißt du schon von Hitler“, fuhr ihn der erste Beamte harsch an. Sein Kollege zog die Augenbrauen zusammen, sah ihn mit einem leichten Kopfschütteln mahnend an. Benjamin hatte den Eindruck, dass der Einschätzung des zweiten Beamten mehr Gewicht beizumessen war. Ein stiller Beobachter, der abschließend diese oder jene Empfehlung weitergeben würde. Er nickte dem Fremden zu, er solle weitererzählen. Nach vier Wochen ohne Tageslicht konnte er entkommen, ein glücklicher Zufall. Zwei Männer, die mit ihm geflohen waren, wurden erschossen.
„Sie ließen mich gehen. Sie lachten, schrien: Wir kriegen dich! Sie dachten ich gehe nach Hause zu meiner Frau. Aber ich bin geflüchtet aus der Stadt.“
„Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?“
Unterwegs habe ihm ein syrischer Bauer geholfen, ein Christ, betonte er. Der Bauer habe ihm erlaubt, seine Frau und die Familie anzurufen. Abadi beteuerte, dass er nicht fliehen wollte, aber die Familie habe ihn dringend darum gebeten, da er sie sonst in Gefahr bringe. Sie hatten die Flucht telefonisch verabredet. Ihr Weg führte sie über die Türkei nach Griechenland, weiter nach Mazedonien. Dort haben er und seine Frau sich diesem Flüchtlingsstrom angeschlossen, der sie über Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich schließlich nach Deutschland geführt habe.
„Wie lange waren sie unterwegs“, fragte der Mann in Zivil.
„Zwei Monate. Länger… fast drei Monate.“ Es schien, als stünde ihm jeder Tag der Flucht wieder in die dunklen, leidvoll blickenden Augen geschrieben. Benjamin sah ihm an, dass er sein Herz ausschütten wollte über all das, was er in den letzten zwei Jahren erlebt hatte. Nur mühsam konnte er sich zurückhalten.
Der Uniformierte übernahm wieder: Warum Deutschland?
„Andere Verwandte sind schon nach Deutschland geflohen, deshalb wollten wir auch hier her.“
„Wo haben sie Deutsch gelernt?“
„Bei syrischen Leuten in der Stadt, in der Asylgruppe, und über die private Abendschule.“
Zeuge Seborn platzte unbeherrscht dazwischen: „Sie sehen doch, dieser Mann ist im Grunde unschuldig. Er war verzweifelt, aber er ist kein Verbrecher.“
„Sie kennen ihn also doch“, hakte der Protokollführer nach. „Was wissen Sie über diesen Mann, wieso setzen Sie sich für ihn ein? Sie machen sich strafbar, wenn Sie Aussagen zurückhalten.“
Benjamin schüttelte verständnislos den Kopf. Auch der Festgenommene beteuerte: „Entschuldigung, aber wir kennen uns wirklich nicht. Ich sehe ihn heute das zweite Mal.“
Der Ermittler gab sich damit nicht zufrieden. „Der Angriff auf die Frau hätte tödliche Folgen haben können. Das ist keine Bagatelle. Wieso haben sie ein Messer dabeigehabt? Hatten Sie die Absicht, jemandem zu schaden?“
Nein, er habe immer ein Messer dabei, seit sie auf der Flucht waren. Auch vorher schon, zuhause, man war nicht mehr sicher.
„Warum haben Sie auf die Frau eingestochen?“
„Ich wollte das nicht … Wut, Verzweiflung“, brachte er stockend heraus. „Mein Sohn wurde zwei Tage vorher getötet, bei Luftangriffen. Angriff von Erdogans Armee auf unsere Stadt. Aram, mein Sohn, ist tot und meine Frau und ich können nicht nach Hause, ihn zu beerdigen.“ Er musste mehrmals Luft holen. „Ich kann nicht dort sein. Und jetzt, hier keine Arbeit mehr, immer warten, Nummer ziehen und warten.“
Sie ließen ihn etwas zur Ruhe kommen. So beteuerte er: „Ich wollte das nicht, es tut mir leid. Ich möchte die Frau um Verzeihung bitten. Bitte nicht abschieben, bitte!“
Hartnäckig versuchten die beiden Beamten, den Hergang zu rekonstruieren. Herr Abadi schilderte knapp, er habe wieder lange warten müssen, zu lange. Als eine Frau aus dem Zimmer kam, sei er einfach hineingegangen, wollte fragen wegen Arbeit. Frau Ruhl habe den Kopf geschüttelt, er sei so verzweifelt, so voller Klage gewesen, er wisse nicht, warum er zugestochen habe, er sah das Blut an ihrem Arm, dann sei er aus dem Zimmer gerannt, die Treppe hinunter, unten sei er gestürzt.
Moment! Der am Schreibtisch hakte nach: Ob er, als er die Treppe herunterrannte, diesen Mann gesehen habe?
Ja, habe er gesehen, sei aber gleich weitergerannt.
Ob der Zeuge den Eindruck hatte, dass er, Abadi, auch ihn angreifen wollte. Seborn verneinte die Frage des zweiten Ermittlers. Ob er das Messer noch in der Hand gehalten habe, ob er unten auch jemand angreifen wollte, ob er Kampfrufe ausgestoßen habe, oder nach Allah gerufen habe? Ben Seborn schüttelte den Kopf. Er habe nicht extra darauf geachtet. Jedenfalls wollte der niemanden angreifen, er wollte einfach raus. Etwas überraschend für Ben bedeutete nun der zweite Beamte, er möge das Protokoll unterschreiben, dann könne er gehen. Für ihn sei die Sache erledigt.
Das sei sie nicht, widersprach Seborn heftig. Er könne den Mann verstehen, der in höchster Not aus seiner Heimat fliehen musste, er hoffe, dass er einen Anwalt bekomme und man ihm eine faire Chance gebe, zu bleiben.
Niemand könne einfach so abgeschoben werden, entgegnete der Protokollführer. Sein Blick und seine Miene sagten Benjamin, dass er dabei wohl gerne ‚leider‘ hinzugefügt hätte.
„Mein Herr“, rief der Fremde, an Benjamin gewandt, „können Sie die Frau besuchen im Krankenhaus? Sie müssen ihr sagen, dass es mir sehr leidtut. Ich möchte mich entschuldigen.“
Der Zeuge wollte das Protokoll unbelesen unterschreiben, sie bestanden jedoch auf korrekte Durchsicht.
Abschließend nickte Benjamin dem Herrn Abadi zu.
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- Quote paper
- K J Schönweiler (Author), 2026, Bardo oder Der Raum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1718251