Der Klassenrat als partizipationsförderndes Instrument in einer 4. Klasse

Auf dem Weg zu mehr Mitbestimmung im Schulalltag


Examensarbeit, 2009

45 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 BegriffsklärungPartizipation
2.2 Partizipation als Herausforderung für die Schule
2.3 Der Klassenrat als partizipationsförderndes Instrument
2.4 Rahmenbedingungen des Klassenrates
2.4.1 Wesentliche Elemente
2.4.2 Mögliche Themen
2.4.3 Der Ablauf.
2.4.4 Die Lehrerrolle

3. Ausgangsbedingungen
3.1 Rechtliche Vorgaben
3.2 Ausgangsbedingungen der Schule
3.3 Ausgangsbedingungen der Schülerinnen und Schüler der Klasse 4a
3.4 Handlungsbedarf.

4. Entwicklung des Konzepts
4.1 Indikatoren für die Erreichung von Teilzielen
4.2 Praktische Umsetzung: Etablierung des Klassenrats in einer 4. Klasse
4.3. Vom ersten Schritt bis zum gefällten Entschluss
4.4 Beobachtungen
4.5 Übersicht der bisherigen Inhalte und gefällten Entscheidungen

5. Reflexion und Evaluation
5.1 Ergebnisse aus der Grundauswertung beider Fragebogen
5.2 Diskussion
5.3 Fazit
5.4 Anregungen für die Weiterarbeit

6. Literaturverzeichnis Anhang

1. Einleitung

Ich habe mich dazu entschlossen, einen Klassenrat exemplarisch in einer 4. Klasse der KGS Alfred Delp einzuführen und die daraus resultierenden Anregungen für die Weiterarbeit ins Kollegium zu tragen, um mich somit an der schulischen Weiterentwicklung beteiligen zu können. Langfristiges Entwicklungsziel der Schule ist es, die Schülermitbestimmung aller Schüler/innen (im Unterricht und im Schulleben) zu erhöhen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es festzustellen, ob und inwieweit die Schülerinnen und Schüler der Klasse 4a durch den Klassenrat gefördert werden können, Partizi­pationsmöglichkeiten im Schulalltag zu erkennen und wahrzunehmen.

Im Verlauf der Arbeit gehe ich darauf ein, wie sich Partizipation definieren lässt und welche Rolle sie im schulischen Kontext spielen kann (vgl. 2.1 und 2.2). Anschließend geht es darum, den Klas­senrat als partizipatives Instrument zu skizzieren (vgl. 2.3) und die rechtlichen und schulischen Aus­gangsbedingungen im Hinblick auf Schülermitbestimmung aufzuzeigen (vgl. Kap. 3). Basierend auf diesen Grundlagen wird das Konzept für die konkrete Umsetzung an der Ausbildungsschule entwi­ckelt (vgl. Kap. 4). Anschließend kommt es anhand meiner Beobachtungen, ergänzt durch einen weiteren Schülerfragebogen, zur kritischen Reflexion der praktischen Umsetzung und der bis dahin gemachten Erfahrungen. Der Kompetenzzuwachs der Schülerinnen und Schüler (vgl. 4.4), sowie die Bandbreite der entwickelten Partizipation werden exemplarisch aufgezeigt und evaluiert (vgl. Kap. 5). Zuletzt wird ein Ausblick zur Weiterarbeit gegeben (vgl. 5.4).

2. Theoretische Grundlagen

Auftrag der Grundschule ist es unter anderem, die Schüler/innen zur Demokratie zu erziehen. De­mokratie lebt von Partizipation, das heißt dem Engagement der in der Gesellschaft Lebendenden. Was genau mit dem vielschichtigen Begriff Partizipation gemeint ist und welche Rolle Partizipation im schulischen Kontext spielt, darauf soll in den folgenden Abschnitten eingegangen werden.

2.1 Begriffsklärung Partizipation

Partizipation wird in der Literatur nicht einheitlich definiert. Der BROCKHAUS versteht unter Partizipation die „Beteiligung von Mitgliedern einer Gruppe an gemeinsamen Angelegenheiten.“ (DER BROCKHAUS: 2006, S. 671). Um den Partizipationsbegriff konkreter de­finieren zu können ist es notwendig im Vorfeld zu klären, was Demokratie bedeutet. Der Kontext, in dem der Partizipationsbegriff genannt wird, muss bestimmt werden. Echte Partizipation basiert auf dem Hintergrund der Demokratie, verstanden als „ Lebens- und Staatsform, die von der Gleichheit und Freiheit aller Bürger ausgeht und daraus die Forderung ableitet, dass nach dem Willen des Vol- kes regiertwerde;...“(ebd., S.177).

In der vorliegenden Arbeit geht es um Partizipation im schulischen Kontext, welche beispielsweise mit Edelstein verstanden werden kann als ,, Beteiligung an der Gestaltung der Lebenswirklichkeit der Schule...“ (Edelstein, W.: Internetquelle 2, S.2) . Aktive Mitbestimmung kann und sollte sich so­mit auf alle Ebenen von Schule beziehen. Auf der Klassenebene, der Schulebene, das Schulleben betreffend, aber auch auf den Unterricht an sich. Fast überall lassen sich Situationen finden, in de­nen Partizipation im Sinne von echter Mitbestimmung möglich und sinnvoll ist.

Folglich wird in dieser Arbeit Partizipation verstanden als ,, ...das Recht der Kinder auf Mitbestim­mung und Mitgestaltung beim Lernen und Zusammenleben in der Grundschule.“(Prote: 2003, S. 263). Es liegt an den Lehrkräften, die Schüler/innen über ihre Rechte aufzuklären und sie schritt­weise dazu zu befähigen, sie einzulösen.

2.2 Partizipation als Herausforderung für die Schule

§ 2 des Schulgesetzes für das Land Nordrhein - Westfalen besagt, dass die Schüler/innen ,,... im Geist der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen...“ (GEW-NRW: 2008, S. 54) erzogen werden sollen. Dies ist eine der zentralen Aufgaben von Schule, um die Schüler/innen auf das Leben in einer demokratischen Ge­sellschaft vorzubereiten. Gleichzeitig muss ,,... die gemeinsame Arbeit und Verantwortung aller an der Schule Beteiligten...“ (Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule: 2008, S.11) unterstützt und gefördert werden, damit dies gelingen kann. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit für die Schu­len, kindgerechte Formen und Methoden der Partizipation zu ermöglichen, damit die Schüler/innen, wenn auch in einem abgesteckten und transparent gemachten Rahmen, in den Angelegenheiten, die sie betreffen, aktiv mitbestimmen lernen können. Mit dem eben erwähnten Rahmen ist gemeint, dass die Schüler/innen genauso die Erfahrung machen werden, dass Teilhaben und Mitbestimmen auch an Grenzen stoßen bedeuten kann. So werden die Schüler/innen nicht plötzlich über Lehrplan­angelegenheiten oder die Dauer der Ferien mitbestimmen. Vielmehr geht es darum, miteinander ins Gespräch zu kommen um echte, für die Kinder bedeutsame Partizipationsmöglichkeiten zu erken­nen und diese greifbar zu machen.

Damit Partizipation im schulischen Alltag erfolgreich umgesetzt werden kann, sollten im Vorfeld alle schulischen Bereiche, das Schulleben, der Unterricht und auch die Beziehungen unter allen an der Schule Beteiligten daraufhin untersucht werden, inwieweit sie den Schülern bereits Möglichkei­ten zur aktiven Mitbestimmung bieten oder noch bieten könnten. Wird diese Aufgabe ernst genom- men, kommt es zwangsläufig zu Veränderungen innerhalb der Schule. Wedekind betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung einer täglich gelebte(n) und immer aufs Neue hinterfragte(n) Partizipationskultur (...), die getragen wird von einer weitestgehend gleichberechtigten vertrauens­und zutrauensvollen Gestaltung der Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern.“(Wedekind, H.: 2002, S.6).

Angestrebt wird, die Schüler dazu zu befähigen, auf konstruktive Weise ihre Ideen, Vorschläge, Wünsche, aber auch Kritik zu äußern. Gleichzeitig sollen sie erkennen, dass sie mitverantwortlich sind für die Gestaltung der Gemeinschaft, in der sie leben. Entscheidende Entwicklungsprozesse, wie die Fähigkeit zur „Selbstbestimmung“, zur „Mitbestimmung“ und zur „Solidarität“ (Klafki, W.: 1996, S.52) können, wenn man im schulischen Alltag den entsprechenden Raum dafür schafft, in Gang gesetzt und gefördert werden.

2.3 Der Klassenrat als partizipationsförderndes Instrument

In der Literatur gibt es nicht nur unterschiedliche Definitionen für Partizipation, es werden auch verschiedene Partizipationsformen und -stufen genannt. So lässt sich beispielsweise nach Angelika Eikel Partizipation ausdifferenzieren in „Mitbestimmung und Mitentscheidung“, „Mitsprache und Aushandlung“ und „Mitgestaltung und Engagement“ (Eikel, A.: 2007, S.16 ff). Hermann Josef Abs bietet mit dem Partizipationswürfel ein Raster zur Beschreibung unterschiedlicher Partizipationsfor­men, Modi und sozialer Bereiche für die Schule an, in denen Partizipation stattfinden kann. Er un­terscheidet folgende PartizipationsfOrmen, wobei das (Mit-)Repräsentieren die höchste Stufe dar­stellt (vgl. Abs: Internetquelle 1, S.2f):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Untersucht man den Klassenrat mithilfe des Partizipationswürfels auf dessen Eignung als partizipa- tives Instrument für die Schule, liegt die Annahme nahe, dass die Realisation aller von Abs genann­ten Partizipationsformen durch den Klassenrat gefördert und gewährleistet werden kann. Beginnend mit dem „Informiert werden“ über das „Mitgestalten“ hin zum „Mitentscheiden“ und „Mitreprĝųen­tieren“ (vgl. oben). Die Art der durch den Klassenrat initiierten Partizipation lässt sich primär als „institutionell“ und „problemlösend“ (vgl. Internetquelle 1, S.3) beschreiben, da der Klassenrat in einem regelmäßigen und verlässlichen Rahmen stattfindet und die gemeinsamen Problemlösungen einen bedeutenden Bestandteil seines Wirkens darstellen.

Prote betont hinsichtlich des schulischen Partizipationsbegriffes zwei andere Facetten von Partizipation. Einerseits „Partizipation als Angebot“ von Seiten der Lehrkraft und andererseits „Partizipation auf Eigeninitiative der Kinder“ (Prote: 2003, S. 263). Letzteres beinhaltet gewissermaßen schon die Zieldimension, die aktive, selbstbestimmte Teilhabe der Kinder innerhalb der Schule. Es lässt sich also festhalten, dass durch den Klassenrat Partizipation von der Lehrkraft als Angebot initiiert wird, um erste Erfahrungen der Mitbestimmung zu ermöglichen, welche langfristig in der Partizipation auf Eigeninitiative der Schülerinnen und Schüler münden sollen.

In Schulen die sehr offen unterrichten, wird der Klassenrat auch genutzt, um gemeinsam mit den Schülern Unterricht zu planen. Beispielsweise in der Grundschule Harmonie in Eitorf wird zu Be­ginn des Tages im Kreis besprochen, an welchen Aufgaben die einzelnen Schüler arbeiten wollen, wie und mit wem. Die Moderation wird von einem Kind, dem „Kreischet“, übernommen (Peschel: 2003, S.146). Dieses Partizipationsverständnis bezieht sich auf alle Ebenen und Aspekte von Schu­le, auch auf den Unterricht. Meistens sind die Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Grundschule jedoch primär auf die Gestaltung des Schullebens und eher selten auf den Unterricht (vgl. Göb, M.: 2002, S.64) bezogen.

Im Allgemeinen haben die Schülerinnen und Schüler durch einen Klassenrat die Chance „... an ihren eigenen Fragestellungen und damit an Themen, die wirklich relevant für sie sind, anspruchs­volle Fähigkeiten...“(Friedrichs, B.: 2009, S.13), Kenntnisse und Haltungen zu entwickeln (vgl. 4.1). Die Schüler/innen lernen Verantwortung zu übernehmen, bereichern durch ihre Anregungen wie auch durch sachlich geäußerte Kritik das Zusammenleben innerhalb der Klasse und setzen neue Impulse zur aktiven Mitgestaltung des Schullebens. Gelingt dies in Schulen, in denen Schülermitbe­stimmung noch kaum verwirklicht wird, ist (zumindest im Bereich Schulentwicklung) schon eini­ges erreicht.

Es zeigt sich, den Klassenrat gibt es nicht. Anjeder Schule gelten andere Bedingungen und Voraus­setzungen, aus denen heraus sichjeweils ein eigener, den Bedürfnissen der Kinder und Rahmenbe­dingungen vor Ort entsprechender Klassenrat entwickeln muss, mit teilweise unterschiedlichen Schwerpunkten.

2.4 Rahmenbedingungen des Klassenrates

In der Praxis gibt es viele Variationen des Klassenrats, der ursprünglich auf Celestín Freinet zurück­geht (vgl. Student, S. / Portmann, R.: 2007, S.77). Gedacht war er bei Freinet als Medium, um „... gemeinsam über das Leben unserer Klasse zu beraten, eine Aufgabe, die auf diese Weise weitge­hend zu einer ganz persönlichen Angelegenheit einesjeden Kindes wird.“( Freinet, C.: 1979, S.78). Bestimmte Merkmale finden sich in fast jedem Klassenrat wieder. Diese wesentlichen Elemente (z.B.: die Gleichberechtigung aller Beteiligten, die Ämterteilung oder das Protokollieren der Sitzun­gen) verleihen dem Klassenrat seine Struktur und helfen den Schülern/innen, sobald der Ablauf erst einmal ritualisiert ist, sich auf die inhaltliche Arbeit zu konzentrieren.

Damit dies gelingen kann, muss den Schüler/innen auch die Intention des Klassenrats bewusst wer­den. Denn „Sach- und Methodenkompetenz werden nur erlangt, wenn die Schule den Schülerinnen und Schülern Sach- und Sinnzusammenhänge erschließt und dadurch erst wirkliches Verstehen er­möglicht.“ (Arbeitskreis Grundschule e.V.: 2005, S.13). Den Kindern muss also klar werden, dass es sich um ihre Stunde handelt. Eine Stunde, in der es um ihre Themen geht, die von ihrem gemein­schaftlichen und persönlichen Engagement getragen wird und in der alle gleichberechtigt sind (mit Ausnahme des Vetorechts der Lehrkraft in pädagogisch oder rechtlich bedenklichen Situationen). Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass die Klassenlehrerin / der Klassenlehrer erst einmal bereit sein muss, Entscheidungen (die den Unterricht oder das Klassenleben betreffen) dem Klas­senrat zu überlassen. „Wie viele und welche das im Einzelnen sind, hängt vor allem von dem Ver­trauen ab, dass die Lehrerin oder der Lehrer dem Klassenrat übertragen will.“ (Bartnitzky, J./ Bosse, U. / Gravelaar, G.: 2007, S.23). Die Kinder müssen verstehen, dass sie das Recht haben mitzube­stimmen, was in ihrer Klasse und Schule passiert und noch viel wichtiger, dass dies auch erwünscht ist. Dazu benötigen sie Sicherheit, die Unterstützung der Lehrkraft und genügend Zeit zur Entwick­lung. Es bedarf einer klaren Markierung des Wechsels vom Fachunterricht zum Klassenrat.

2.4.1 Wesentliche Elemente

Das Grundgerüst des Klassenrates setzt sich aus dem sich stets wiederholenden Ablauf, den wesent­lichen Elemente (Ämter, Wandzeitung etc.) und aus gemeinsam erarbeiteten Regeln zusammen. Auf diese Faktoren müssen sich die Kinder verlassen können, da sie sich an ihnen orientieren und sich innerhalb des vertrauten Rahmens in der aktiven Beteiligung erproben können. Im Folgenden wer­den die einzelnen Elemente und ihre Bedeutung im Klassenrat näher erläutert.

Der Kreis symbolisiert die Gleichberechtigung aller Mitglieder. Der Wechsel vom Fachunterricht zum Klassenrat muss für die Schüler/innen klar sein und wird hervorgehoben, indem sie, aufgefor­dert durch die Klassenratsleitung, einen Sitzkreis bilden. Alle sollen „...auf Augenhöhe...“ ( Beck: 2003, S.257), also gleichberechtigt innerhalb eines vertrauensvollen Rahmens, miteinander kommu­nizieren können.

Die Ämter werden innerhalb der Klassenratsvariationen unterschiedlich benannt. Zudem gibt es Un­terschiede bei der Anzahl der Personen in der Besetzung wie auch den vorhandenen Ämter an sich. Ein erfolgreicher Klassenrat hängt mit von der Art der Ausübung der einzelnen Ämter ab. Damit alle Kinder die Möglichkeit haben, sich in unterschiedlichen Aufgaben zu erproben, wechseln die „Amtsinhaber“ in regelmäßigem Rhythmus. Eine Fülle von administrativen und organisatorischen Aufgaben wird somit nach und nach von der Lehrkraft an die Schüler/innen abgegeben, beziehungs­weise von Freiwilligen wahrgenommen. Die unterschiedlichen Aufgabenbereiche werden im Vor­feld gemeinsam besprochen. Die Schüler/innen lernen durch die Arbeit im Klassenrat was es bedeu­tet, Verantwortung zu übernehmen, aber auch Macht zu haben. Zentrales Amt ist das der Klassen­ratsleitung (oder beispielsweise auch Moderator (Daublebsky / Lauble / Frank: Internetquelle 4, S. 21), Versammlungsleitung (Göb: 2003, S. 212) oder Vorsitzender (Friedrichs: 2009, S. 28) genannt). Ihr obliegt es, den Klassenrat zu eröffnen, zu moderieren, das Wort zu erteilen, Beschlüsse in die Wege zu leiten und den Klassenrat zu beenden. Der Wandzeitungschef ist dafür zuständig, die je­weils aktuelle Wandzeitung (aus der sich die Tagesordnung ergibt) der Klassenratsleitung zu über­geben und neue Blätter aufzuhängen. Es kann auch ein zusätzliches Amt eingerichtet werden für die Bestimmung der Reihenfolge und Anzahl der Wortmeldungen, um die Zeit im Klassenrat möglichst effektiv zu nutzen und mehrere Themen pro Sitzung besprechen zu können. Die wesentlichen Punk­te einer Sitzung und die gefällten Beschlüsse werden durch einen Protokollanten festgehalten. Wei­tere Ämter können sein: Ruhewächter, Regelwächter (dessen Hauptaufgabe im Beobachten liegt), Assistent (für Kinder, die sich Hilfe bei der Ausübung ihres Amtes wünschen), Zeitwächter etc.. Vi­sualisierungen und Erklärkarten können den Schülerinnen und Schülern als Hilfe dienen.

Zwei Arten des Klassenrates sind zu unterscheiden: der regelmäßig (einmal in der Woche) stattfin­dende und der bei aktuellen Problemen oder Entscheidungen kurzfristig einberufene (vgl. Internet­quelle 4, S.7). In dieser Arbeit soll es um den regelmäßig stattfindenden, ritualisierten Klassenrat gehen. Fähigkeiten wie aktives Zuhören, an Diskussionen teilnehmen, die eigene Meinung begrün­den und vertreten, Verantwortung zu übernehmen brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Deshalb ist es essentiell, dem Klassenrat eine feste Stunde pro Woche einzuräumen, auf die sich die Schüler verlassen können. Friedrichs erwähnt in diesem Kontext den Begriff der Frustrationstoleranz und meint damit, dass die Schüler/innen lernen müssen auszuhalten, dass ihre „Anliegen“ nicht sofort besprochen werden können, sondern erst im Klassenrat. Dies würde von den Lehrkräften als Entlas­tung des Fachunterrichts begrüßt werden (vgl. Friedrichs, B.: 2009, S.23). Inwieweit dies im Alltag der Grundschule realistisch ist, hängt sicherlich vom Alter und denjeweiligen Anliegen der Schüler/ innen ab.

Die Dauer des Klassenrats ist abhängig von der Aufmerksamkeitsspanne der Kinder und beträgt im 1. Schuljahr ungefähr 15 Minuten. Im 3. und 4. Schuljahr kann der Klassenrat auch 45 Minuten in Anspruch nehmen. Wenn trotz Zeitwächters einzelne Themen der Tagesordnung nicht behandelt werden können, werden diese auf die nächste Sitzung verschoben. Langfristig gesehen sollen die Schüler lernen, effektiv mit der ihnen verfügbaren Zeit umzugehen.

Kritik innerhalb der Klasse (und an der Schule), Lob und Vorschläge können von den Schüler/innen während der Woche auf der Wandzeitung für alle sichtbar eingetragen werden. Themen der Wand­zeitung sind solche, die mit der Klasse gemeinsam besprochen werden sollen und die die gesamte Klasse, einzelne Schüler, die Schule oder die Lehrkräfte betreffen können. Auch Lehrkräfte müssen ihr Anliegen erst auf der Wandzeitung eintragen, bevor sie es im Klassenrat einbringen dürfen. Sie sollen ebenfalls von den Schülerinnen und Schülern ohne Angst vor Sanktionen kritisiert werden können. Anonyme Einträge werden nicht berücksichtigt. Somit werden die Schüler/innen dazu an­gehalten, ihre Kritik sachlich zu äußern und zu ihren Aussagen zu stehen. Unterstützen einzelne Schüler/innen einen Eintrag oder ein Anliegen, haben sie die Möglichkeit, dies kenntlich zu ma­chen, indem sie ihre Namen unter den jeweiligen Eintrag dazuschreiben. Hat sich ein Problem be­reits im Vorfeld geklärt, kann es wieder von der Wandzeitung gestrichen werden. Die Wandzeitung ist letztlich das zentrale Medium, welches zur gemeinsamen Reflexion über das Geschehen in der Klasse anregen soll und zugleich für die Schüler/innen ein Mittel zur konkreten Einflussnahme dar­stellt. Bereits Freinet sah, dass die Wandzeitung ,,... die Gelegenheit zu einer vertiefenden Betrach­tung über das in der vergangenen Woche abgelaufene Leben der Schulgemeinde bietet.“ (Freinet C.: 1979, S.76). Er spricht vom Leben der Schulgemeinde, da es sich in der in seinem Buch beschriebe­nen Schule um eine einklassige jahrgangsübergreifende Dorfschule handelt (vgl. ebd., S.75). Das Eintragen von Beiträgen auf der Wandzeitung ist den Schüler/innen derjeweiligen Klasse und den in der Klasse unterrichtenden Lehrkräften vorbehalten.

Eine Alternative zur Wandzeitung ist der Klassenbriefkasten. Entscheidender Unterschied zur Wandzeitung ist, dass sich die Schüler/innen nicht bereits im Vorfeld einen Überblick über die aktu­ellen Themen verschaffen können, um sich beispielsweise auf die Sitzung vorzubreiten. Vermutlich werden manche Kinder ihre so verfassten Anregungen weniger sorgfältig bedenken als Einträge auf der Wandzeitung, die sofort und für jeden lesbar sind. Für Schreibanfängerjedoch ist der Klassen­briefkasten sicherlich die geeignetere Variante.

2.4.2 Mögliche Themen

Der Klassenrat bietet Gelegenheit, gemeinsam mit der Klasse über bestehende Regeln nachzuden­ken, Regeln zu erstellen, Dienste zu organisieren, Vorschläge für Projekte/Projektwochen zu bespre­chen, Konflikte zu thematisieren oder beispielsweise über aktuelle Ereignisse zu reflektieren. Daub- lebsky, Lauble und Frank fassen potentielle Themen des Klassenrates übersichtlich zusammen in: „Planungen“ , „Umgang miteinander“, „Verantwortung füreinander“, „Mitgestaltung von Unter­richt“ und „Sonstige Themen“ (vgl. Internetquelle 4, S.23 ff). Mit anderen Worten, grundsätzlich sind alle die Schüler/innen, das Schulleben und den Unterricht betreffende Angelegenheiten mögli­che Themen für den Klassenrat.

2.4.3 Der Ablauf

Der Ablauf des Klassenrats folgt einem sich stets wiederholenden Muster, wobei dieses auf Grund zahlreicher Klassenratsvariationen unterschiedlich aussehen kann. Nachdem die Schüler/innen auf Aufforderung der Klassenratsleitung oder auf ein akustisches Signal hin einen Sitzkreis gebildet ha­ben, eröffnet die Klassenratsleitung mittels einer entsprechenden Formulierung den Klassenrat. Be­vor die Tagesordnung vorgelesen wird, welche sich aus den Punkten der Wandzeitung ergibt, wer­den die Ämter verteilt. Es bietet sich anschließend an, mit einer Lobrunde zu beginnen, wobei sich jeder melden kann, aber nicht muss. Die Schüler/innen sollen durch die Lobrunde für die positiven Dinge in ihrer Klasse sensibilisiert werden. Anstelle einer spontanen Lobrunde kann auch mit der „Ich lobe-“Liste (einem Teil der Wandzeitung) begonnen werden. Die Punkte werden von der Kreis­leitung vorgelesen und die Schüler bekommen bei Bedraf Gelegenheit, ihren Eintrag zu erklären oder sich dazu zu äußern.

Gilt es ein Problem zu klären, bekommen zuerst die direkt Betroffenen das Wort und können sich dazu äußern. Anschließend dürfen sich die Mitschüler/innen äußern und ihre Einwände, Unterstüt­zung, Fragen oder Vorschläge anbringen. Die Einhaltung gemeinsame entwickelter Gesprächsre­geln, an die sich alle halten müssen, ist besonders bei den oft „emotionalen“ Themen im Klassenrat wichtig (vgl. Abb. 5.1 im Anhang). Der Ruhewächter und auch der Regelwächter versuchen, die Umsetzung und Einhaltung der Regeln zu unterstützen. Ebenso wichtig ist es, die Reihenfolge und gegebenenfalls die Anzahl der Wortmeldungen nicht aus dem Blick zu verlieren, damit das Kom­munizieren miteinander gelingen kann.

Der Zeitwächter informiert die Klassenratsleitung kurz vor Ende der Sitzung über die noch verblei­bende Zeit. Die Leitung regt nun gegebenenfalls dazu an, zum Wesentlichen zu kommen, führt Be- oder Entschluss durch Abstimmung herbei oder vertagt die noch verbleibenden Themen der Wand­zeitung auf die nächste Sitzung. Durch eine angemessene Formulierung beendet die Klasseratslei­tung den Klassenrat. Um die Fähigkeit zur aktiven Mitgestaltung und Weiterentwicklung des Klas­senrats auszubilden und die Handlungskompetenz aller Beteiligten bewusst zu erweitern, bedarf es gelegentlich einer gemeinsamen Reflexion über die Qualität des Klassenrats und den Klassenrat an sich.

2.4.4 Die Lehrerrolle

In der Regel wird der Klassenrat durch die Klassenlehrerin/den Klassenlehrer eingeführt und von ihr/ihm begleitet. Es ist Aufgabe der Lehrkraft, die Schüler/innen schrittweise auf dem Weg zur selbstständigen Ausübung des Klassenrates zu unterstützen. Sie stärkt das Selbstvertrauen, die Mo­tivation und die Eigenverantwortung der Schüler/innen, indem die Kinder mit Unterstützung der Lehrkraft den Klassenrat aktiv (mit-)gestalten lernen und sich als gleichberechtigte Mitglieder in ihm erleben können. Es geht nicht vorrangig darum, die Schüler/innen zu kompetenten „Amtsinha­bern“ (Bruner, C. F./ Winklhofer, U./ Zinser, C.: 2001, S.89) zu befähigen, sondern vielmehr, sie für ihre Rechte zu sensibilisieren und sie zu ermutigen, diese wahrzunehmen. Die Lehrerkompetenz des Unterrichtens wird gefordert, indem die Lehrkraft die Sach-, Selbst-, Sozial-, und Methodenkompe­tenz der Schüler/innen durch den Klassenrat gezielt fördert und mit den Kindern gemeinsam reflek­tiert.

Ein gelungener Klassenrat ist folglich ein Klassenrat, in dem die Schüler/innen die Erfahrung von „...Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit...“ (Deci / Ryan: 1993, S.236) erleben und entwickeln können. Dies stellt vielfältige Anforderungen an die Lehrkraft. So ist beispielsweise ihr Rollenverständnis gefordert, da im Klassenrat tradierte Normen und Strukturen von Schule aufge­geben werden müssen und durch die Gleichberechtigung aller Beteiligten ersetzt werden. Das ver­änderte Rollenverständnis muss sich auch im Umgang mit den Kindern bemerkbar machen, indem die Lehrkraft darauf vertraut, dass ihre Schüler/innen grundsätzlich dazu in der Lage sind, ihre Um­welt verantwortlich mitzugestalten und ihnen eine entsprechende Wertschätzung entgegenbringt. Die Schülerinnen und Schüler müssen ohne Angst vor Sanktionen Fehler machen dürfen und in ih­rer Entwicklung gefördert werden. Das heißt, sie müssen darin unterstützt werden, ihre Fähigkeiten und Einstellungen weiterzuentwickeln, indem sie lernen, Verantwortung zu übernehmen und dazu angehalten werden, über „...ihre selbstverantwortete Arbeit...“ (Bartnitzky, J./ Bosse, U./ Gravelaar, G.: 2007, S.10) nachzudenken.

Um die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler angemessen diagnostizieren und fördern zu kön­nen, bedarf es der kontinuierlichen Beobachtung des Geschehens. Gleichzeitig muss die Lehrkraft - besonders zu Beginn - die Gespräche im Klassenrat initiieren und begleiten, um die Kommunikati­on der Kinder miteinander anzuregen und auszubauen. Dies sollte sichjedoch hauptsächlich auf die Anfangsphase des Klassenrates beschränken. Die Lehrkraft macht auf Widersprüche aufmerksam, ermutigt Kinder ihre Meinung zu äußern, Fragen zu stellen, setzt Impulse und hält sich dabei an die Gesprächsregeln. Mit der Zeit ritualisieren sich der Ablauf und die Verfahrensweise des Klassenra­tes und die Kinder haben soweit an Handlungskompetenz gewonnen, dass die neue Aufgabe der Lehrkraft darin besteht, sich bewusst weitestgehend zurückhalten und die Durchführung der Klas­senratssitzungen den Kindern zu überlassen. Somit kann sie schließlich mehr Zeit zur Beobachtung und Analyse der Lernprozesse aufbringen, um daraus Konsequenzen für die weitere Förderung zu ziehen.

Inwieweit die Lehrerkompetenzen Unterrichten und Erziehen, Diagnostizieren und Fördern und Evaluieren, Innovieren und Kooperieren im Rahmen dieser Arbeit wahrgenommen wurden, darauf wird in Kapitel 5.2 eingegangen.

3. Ausgangsbedingungen

Im folgenden Abschnitt werden die rechtlichen Vorgaben zum Thema Mitbestimmung genannt so­wie die Ausgangsbedingungen der Schule und der Schüler/innen der Klasse 4a aufgezeigt, um daran anknüpfend den Handlungsbedarf zu erläutern.

3.1 Rechtliche Vorgaben

Im Schulgesetz für das Land Nordrhein-Westfalen heißt es bezüglich der Mitwirkung:

Schülerinnen und Schüler haben das Recht, (...) an der Gestaltung der Bildungs- und Erziehungsarbeit der Schule mitzuwirken und ihre Interessen wahrzunehmen. Sie sind ihrem Alter entsprechend über die Unterrichtsplanung zu informieren und an der Gestaltung des Unterrichts und sonstiger schuli­scher Veranstaltungen zu beteiligen (GEW-NRW: § 42 (2), S.79).

Auch die Ausbildungsordnung der Grundschule sieht keine konkrete Regelung der Schülermitwir­kung innerhalb der Grundschule vor. Es besteht danach lediglich die Möglichkeit, einen Klassen­sprecher/ eine Klassensprecherin zu wählen. Eine entsprechend festgelegte Mitwirkung gibt es in der Grundschule nicht, da diese durch das Schulgesetz erst ab der 5. Klasse ermöglicht wird (vgl. ebd. § 74 (2), S. 107).

Der SV-Erlass in der BASS bestimmtjedoch Folgendes:

Art und Umfang der Mitwirkung sowie der Grad der Selbstständigkeit und Verantwortlichkeit bei der Wahrnehmung der Aufgaben hängen von der Entwicklung der Schülerinnen und Schüler ab. Schüle­rinnen und Schüler der Grundschule sollen auf die Arbeit und die Aufgaben der SV dadurch vorberei­tet werden, dass ihre Selbstverantwortung und Selbstständigkeit möglichst früh im Unterricht und durch Übertragung ihnen angemessener Aufgaben entwickelt und gefördert werden. (BASS NRW: 2009/2010, S. 17/3 (17-51 Nr.1.4))

In der Grundschule soll eine Heranführung an die Aufgaben erfolgen, welche laut Schulgesetz in der Sekundarstufe zu übernehmen sind.

Zum Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule heißt es im Schulgesetz:

„Schülerinnen und Schüler werden befähigt, verantwortlich am sozialen, gesellschaftlichen, wirt­schaftlichen, beruflichen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen und ihr eigenes Leben zu gestalten.“ (GEW - NRW: §2(4),S. 54)

Die Förderung der Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler ist somit ein Leitziel der Bildungs­und Erziehungsarbeit der Schule.

3.2 Ausgangsbedingungen der Schule

Bei meiner Ausbildungsschule, der katholischen Grundschule Alfred Delp in Troisdorf, handelt es sich um eine Bekenntnisschule, allerdings mit einem hohen Migrantenanteil. Ca. 60 Prozent aller Schüler/innen haben einen Elternteil mit nichtdeutscher Muttersprache. Der sozioökonomische Hin­tergrund der Familien innerhalb des Einzugsgebiets ist größtenteils eher schwach. Aktuell kämpft die Schule zunehmend mit dem Rückgang der Schüleranmeldungen. Den Unterricht können die Kinder oft nur in der Freien Arbeit „mitbestimmen“, wobei sie aus einem entsprechenden Materi­alangebot wählen dürfen. Dies erfolgt ab der ersten Klasse. Das Schulleben wird hauptsächlich von den Lehrkräften bestimmt und geplant. Das Kollegium besteht inklusive der Schulleitung und mir aus 8 Lehrkräften, wovon 4 bereits lange im Schuldienst tätig sind. Ich bin die einzige Referendarin und seit August letzten Jahres an der Schule.

3.3 Ausgangsbedingungen der Schülerinnen und Schüler der Klasse 4a

Die Klasse, in der ich den Klassenrat einführe, besteht aus 20 Kindern. Davon sind elf Mädchen und neun Jungen. Teilweise haben die Kinder sprachliche Defizite. Das selbstständige Verstehen und Ausführen von Arbeitsaufträgen fällt einigen Kindern noch schwer. Offener Unterricht wird sel­ten praktiziert.

[...]

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Details

Titel
Der Klassenrat als partizipationsförderndes Instrument in einer 4. Klasse
Untertitel
Auf dem Weg zu mehr Mitbestimmung im Schulalltag
Hochschule
Studienseminar für Lehrämter an Schulen Siegburg  (Hauptseminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
45
Katalognummer
V171853
ISBN (eBook)
9783640916351
ISBN (Buch)
9783640916528
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Partizipation, Klassenrat, Grundschule, NRW
Arbeit zitieren
Alexandra Künzler (Autor), 2009, Der Klassenrat als partizipationsförderndes Instrument in einer 4. Klasse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171853

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