Was passiert mit Helden, wenn deren soziokulturelles Umfeld kritisch hinterfragt und ethische Normen des zeitlichen Kontexts mit aktuellen Maßstäben reevaluiert werden?
Durch Literaturkritik wie die Theorie des Postkolonialismus werden etablierte gesellschaftliche Normen subvertiert und damit auch die Figur des Helden dekonstruiert. Dabei wird die singuläre Literatur und Geschichtsschreibung zugunsten einer pluralistischen Weltsicht aus verschiedenen kulturellen Blickwinkeln erweitert.
Dies soll im Folgenden mit Albert Camus‘ berühmtem Roman "L’Étranger" geschehen, welcher durch Kamel Daouds moderneren Roman "Meursault, contre-enquête" im Hinblick auf den politischen Kontext der Kolonialisierung Algeriens durch Frankreich neu interpretiert wurde. Dafür wird zunächst die Rolle des Protagonisten Meursault bei Camus hinsichtlich ihres Helden- und Antiheldenpotentials analysiert und anschließend die Figur vor seinem kulturellen Hintergrund, dem kolonisierten Algerien, betrachtet. Dann soll gezeigt werden, welche Helden- und Antiheldenentwürfe dem in "Meursault, contre-enquête" entgegengesetzt werden und wie diese vor dem Hintergrund der Kolonialisierung interpretierbar sind. Abschließend soll am Beispiel des narrativen Stils gezeigt werden, wie Daouds Roman den Stil Camus subvertiert und dem Rezipienten damit ein Beispiel für eine postkoloniale Literatur anbietet. Es soll gezeigt werden, dass es in einer postkolonialen Lesart den ausschließlich positiven Helden nicht geben kann, da Heldenlegenden abhängig von der Art der Erzählung sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Camus‘ L‘Étranger
2.1 Konzeptionen von Helden und Anti-Helden
2.2 Camus‘ absurder Held
2.3 Meursault als typischer Kolonialist
3. Daouds Meursault, contre-enquête
3.1 Helden und Antiheldenkonzeptionen bei Daoud
3.2 Kolonialistische Bedeutung bei Daoud
3.3 Subversion durch narrativen Stil
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion und Subvertierung von Helden- und Antiheldenkonzeptionen in Albert Camus’ Roman L’Étranger und dessen postkolonialer Gegendarstellung Meursault, contre-enquête von Kamel Daoud, um die Auswirkungen kolonialistischer Ideologien auf die literarische Charakterzeichnung zu analysieren.
- Analyse des Helden- und Antiheldenpotenzials von Meursault bei Camus.
- Untersuchung von Meursault im Kontext der algerischen Kolonialgeschichte.
- Kontrastierung der Heldenentwürfe in Daouds Meursault, contre-enquête.
- De- und Rekonstruktion postkolonialer Erzählstrukturen und Identitäten.
- Subversion des literarischen Stils als Instrument postkolonialer Literatur.
Auszug aus dem Buch
3.1 Helden und Antiheldenkonzeptionen bei Daoud
In seinem 2016 erschienenen Roman Meursault, contre-enquête interpretiert Kamel Daoud, ein algerischer Autor und kritischer Journalist, Camus‘ Klassiker neu und verschiebt dabei den traditionell-philosophischen Fokus auf den bekannten Text zu seinem kolonialistischen Hintergrund. Im Folgenden soll gezeigt werden, wie das Verständnis des Helden und Antihelden bei Daoud von Camus‘ Text abweicht und welche Bedeutung für das postkoloniale Algerien daraus entsteht.
In Meursault, contre-enquête gibt es, anders als in L’Étranger, drei Figuren, die als Helden bzw. Antihelden betrachtet werden können: der Erzähler und Protagonist Haroun, sein Bruder Moussa sowie Meursault, der Mörder Moussas. Moussa verkörpert die Figur des bei Camus unbenannt gebliebenen erschossenen ‚Arabe‘. Der Roman gibt dem Opfer Meursaults einen Namen, dies ermöglicht es, die Geschichte von seiner Warte aus, aus der Sicht des colonisé zu sehen. Haroun fragt den Rezipierenden: « Qui est Moussa? C’est mon frère. C’est là que je veux en venir. Te raconter ce que Moussa n’a jamais pu raconter. » Das im Text häufig wiederkehrende Beharren auf den Namen des Erschossenen dient der Versicherung seiner Existenz. Diese Thematik zieht sich Leitmotiv-artig durch den Text und wird in der weiteren Analyse noch vertieft betrachtet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob unter postkolonialen Vorzeichen ein klassischer Heldenbegriff überhaupt Bestand haben kann, und skizziert die methodische Vorgehensweise anhand der beiden Romane.
2. Camus‘ L‘Étranger: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen zu Helden- und Antiheldenkonzeptionen erarbeitet, Camus' Protagonist als absurder Held analysiert und sein Handeln im kolonialen Kontext als Ausdruck kolonialistischer Denkweisen kritisch hinterfragt.
3. Daouds Meursault, contre-enquête: Hier wird die Gegendarstellung von Kamel Daoud untersucht, wobei die Figur des Opfers Moussa sowie der Erzähler Haroun im Mittelpunkt stehen und die Subversion des narrativen Stils von Camus durch Daoud aufgezeigt wird.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Daouds Roman durch die postkoloniale Dekonstruktion tradierter Heldenfiguren eine notwendige Ergänzung darstellt, die den kolonialisierten Akteuren eine Stimme gibt.
Schlüsselwörter
Postkolonialismus, Heldenbegriff, Antiheld, Albert Camus, Kamel Daoud, Meursault, Algerien, Kolonialismus, Literaturwissenschaft, Dekonstruktion, Erzählstil, Identität, Meursault contre-enquête, L’Étranger, Subversion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Helden und Antihelden in den Romanen L’Étranger und Meursault, contre-enquête unter Berücksichtigung postkolonialer Theorieansätze.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Dekonstruktion von Heldenbildern, die Auswirkungen des Kolonialismus auf die Literatur sowie die narrativen Unterschiede zwischen den beiden Werken.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Daouds Roman die philosophische Perspektive von Camus durch eine postkoloniale Sichtweise subvertiert und die Figur des namenlosen Opfers in den Vordergrund rückt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Methoden der Textanalyse und verknüpft diese mit postkolonialer Literaturtheorie nach Autoren wie Edward Said und Achille Mbembe.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Meursaults Rolle als (Anti-)Held bei Camus und die Analyse der neuen Heldenkonzeptionen sowie des subversiven narrativen Stils bei Daoud.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Postkolonialismus, Heldenkonzeptionen, Absurdismus, Subversion, algerische Kolonialgeschichte und intertextuelle Bezüge.
Warum wird Meursault bei Camus oft als Held gesehen?
Da er die philosophische Figur des "absurden Helden" verkörpert, der der Sinnlosigkeit der Welt ohne Illusionen entgegentritt und damit ein spezifisches menschliches Ideal darstellt.
Inwiefern ändert Daoud die Wahrnehmung des Opfers?
Daoud gibt dem bei Camus namenlosen, marginalisierten "Arabern" einen Namen und eine Identität (Moussa), wodurch dieser vom Objekt des Mordes zum Protagonisten einer eigenen heldenhaften Familiengeschichte wird.
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- Anonym (Author), 2018, Gibt es den postkolonialen Helden?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1718696