Der Erzähler in Gottfrieds von Strassburg "Tristan"

Analyse seines Selbst-Entwurfes und seiner Positionierung in Bezug auf Tristan und Isolde und deren Minne


Seminararbeit, 2008

14 Seiten, Note: Gut bis sehr gut


Leseprobe

1 Einleitung

Der Erzähler als Instanz des Textes ist massgeblich an dessen Wirken beteiligt, da die gesamte Geschichte1 durch ihn vermittelt wird, also alles Erzählte durch seine Brille wahrgenommen und mit seiner Stimme erzählt wird.2 Da dieser Einfluss nicht vernachlässigbar ist, möchte ich nun einerseits untersuchen, wie sich der Erzähler in Gottfrieds von Strassburg Tristan3 selbst entwirft und darstellt, andererseits, wie er sich in Bezug auf die beiden Liebenden Tristan und Isolde positioniert und Einfluss nimmt auf die Legitimation deren Minne.

Bei der Analyse werde ich sowohl die Erzähltheorie von Genette4 wie auch die von Petersen5, der seine etwas einfachere Kategorisierung der erzähltheoretischen Kriterien auf Stanzel stützt, verwenden. Zusätzlich werde ich, wenn auch nur am Rande, interpretatorische Texte von Haug6 und Wehrli7 hinzuziehen. Ich werde ausschliesslich Textstellen aus dem Tristan zur Hand nehmen, in denen der Erzähler seinen Einfluss geltend macht, sei das auf auffällige Weise oder nicht, da solche Stellen für eine Analyse besonders fruchtbar sind. Dafür verwende ich ausgewählte Stellen aus dem Prolog, dem Geständniskapitel mit nachfolgendem Minneexkurs, aus der Minnegrotte-Episode und dem Dichterexkurs.

Ich werde zuerst die wichtigsten erzähltheoretischen Begriffe und ihre Einbettung in die jeweilige Theorie erläutern, anhand derer ich die Textstellen analysiere, danach werde ich auf die unter- schiedlichen Teilaspekte der Textanalyse eingehen, nämlich 1) Wie sich der Erzähler selber ent- wirft, 2) Wie er sich zu den Figuren Tristan und Isolde positioniert und 3) Wie sich das auf die Legitimation der Minne dieser beiden Figuren auswirkt. Diese drei Punkte werde ich am Schluss auf einen Nenner zu bringen versuchen und erhoffe mir davon ein erhellendes Fazit.

2 Erzähltheorie und Kriterien für die Analyse

Der Erzähler wird bei Genette in drei verschiedene Erzählerpositionen eingeteilt: Einerseits gibt es den heterodiegetischen Erzähler, der in der Geschichte, die er erzählt, selber nicht vorkommt, andererseits den homodiegetischen, der darin als Figur vorkommt, und schliesslich den autodie- getischen, der „sozusagen den höchsten Grad des Homodiegetischen repräsentiert“8 und in der Geschichte selbst der Held ist.9

Ausserdem ist für meine Analyse der Aspekt der narrativen Ebenen wichtig. Genette führt das Kriterium der Erzählebene ein, das folgendermassen aufgebaut ist: Der primäre narrative Akt ist der extradiegetische, auf dieser Ebene befindet sich der Erzähler auf gleicher Stufe wie sein(e) Adressat(en), an die er sich wenden kann. Die Ereignisse, von denen erzählt wird, spielen in die- ser ersten Erzählung (dem „primären narrativen Akt“) und werden diegetisch (oder intradiege- tisch) genannt. Wenn innerhalb der ersten Erzählung wiederum von Ereignissen erzählt wird, dann spricht man von dieser zweiten Erzählung als metadiegetischer Erzählung.10

Zu Genettes Erzähltheorie möchte ich noch Petersens Einf ü hrung in die neuere deutsche Litera- turwissenschaft hinzuziehen, welche auf Stanzel zurückgeht,11 und damit die ideale Ergänzung zu Genette darstellt. Bei Petersen gehört zum Erzähler nicht nur die Stimme sondern auch die Per- spektive, was ich für eine sinnvolle und wichtige Vervollständigung halte. Petersen unterscheidet zwischen Erzählform, Erzählverhalten, point of view, Erzählperspektive, Erzählhaltung und Dar- bietungsweise.12

Bei der Erzählform kann man die Ich -, Du - und Er - Form unterscheiden,13 beim Erzählverhalten zwischen auktorialem, neutralem und personalem Erzählverhalten (was mit Genettes Null-Foka- lisierung, externer und interner Fokalisierung zusammenfällt)14, wobei sich diese Unterteilung auf die Erzählweise bezieht, unabhängig von der gewählten Erzählform.15 Ausserdem führt Peter- sen die Erzählperspektive an, unter dem die Aussen - oder Innensicht des Erzählers verstanden wird (auf dieses Kriterium werde ich jedoch kaum eingehen, da es im zu untersuchenden Text nicht ausgeprägt ist), und den point of view (Standort des Erzählers), welcher das räumliche Ver- hältnis des Erzählers zu Figuren und Vorgängen bezeichnet. Dieses kann sich durch grosse Nähe (Details, begrenzter Blick), oder durch grosse Entfernung (gesamthafter Überblick, Vor-/Nachge- schichte etc.) auszeichnen.16 Die Erzählhaltung bezeichnet die Haltung des Erzählers zum Ge- schehen und wie er dieses darstellt. Das kann neutral, ironisch, kritisch, affirmativ, parodistisch etc. sein.17 Unter der Darbietungsweise schliesslich versteht Petersen die verschiedenen Möglichkeiten der Darbietung, die ein Erzähler wählen kann, wie z.B. den Kommentar, den Bericht, den Inneren Monolog etc.18

Diese Kriterien möchte ich für die Analyse mit Genettes kombinieren um so eine möglichst um- fassende Untersuchung vornehmen zu können. Als erstes Kriterium werde ich deshalb Genettes Erzählebene ansetzen, als zweites seine Erzählerposition, als drittes Petersens Erzählform, da- nach das Erzählverhalten, und schliesslich die Erzählhaltung, die Darbietungsweise, die Erzähl- perspektive und den point of view. Ich werde Schritt für Schritt vorgehen und jedes Kriterium be- rücksichtigen, je nach seiner Wichtigkeit für die Interpretation jedoch einige stärker und andere schwächer gewichten. So erhoffe ich mir ein möglichst genaues Bild des Erzählers und dessen Einfluss auf die Erzählung, im Besonderen auf die Legitimation der Minne Tristans und Isoldes.

3 Der Erzähler als textuelle Instanz in Gottfrieds von Strassburg Tristan

3.1 Der Erzähler im Tristan: Ein Entwurf seiner/seines Selbst

Der Prolog ist für die Analyse der Selbstdarstellung des Erzählers deswegen so wichtig, weil er als extradiegetischer19 Teil der Erzählung am Rande der eigentlichen Erzählung steht, das Geschehen der Erzählung erst nach dem Prolog richtig losgeht, und der Erzähler somit als sich selbst in den Vordergrund treten und sich vorstellen kann. Weil der Prolog extradiegetisch ist, spielen die Figuren und Geschehnisse vorerst nur indirekt eine Rolle und der Erzähler hat noch die Möglichkeit aus einer homodiegetischen Erzählerposition zu fungieren. Sobald die Geschehnisse einsetzen, ist die Erzählerposition eine heterodiegetische.20 Dass im Prolog noch das Homodiegetische vorherrscht, sieht man an den vielen Ich-Formen:

Trîbe ich die zît vergebene hin,

sô zîtic ich ze lebene bin,

sône var ich in der werlt sus hin

niht sô gewerldet, alse ich bin. (V. 41-44)

„Wenn ich die Zeit unnütz vertrödelte, obwohl ich doch reif bin zum Leben, dann wäre ich in dieser Welt nicht so sehr ein Teil der Gesellschaft, wie ich es tatsächlich bin.“ (Tristan, S. 13, Hervorhebungen des Verf.) In dieser und vielen anderen Textstellen des Prologs geht es eindeutig um den Erzähler selbst - man könnte also sogar von einer autodiegetischen Erzählerposition sprechen. Beim folgenden Ausschnitt würde ich von einem personalem Verhalten des Erzählers sprechen, da er aus seiner eigenen Perspektive erzählt:

und begunde mich des pînen,

daz ich in sîner rihte

rihte dise tihte. (V. 160-162)

„Und ich bemühte mich eifrig darum, nach seinem korrekten Vorbild diese Dichtung abzufas- sen.“ (Tristan, S. 19) Nicht nur in diesem Ausschnitt schildert der Erzähler die Ereignisse aus sei- nem eigenen Blickwinkel, sondern in erstaunlich vielen Stellen im Prolog. Normalerweise spricht man von personalem Erzählverhalten, wenn der Erzähler die Sehweise einer Figur wählt, hinter die er so zurücktritt,21 hier jedoch wählt der Erzähler seine eigene Sehweise und deklariert sich selbst somit als Figur (was wiederum dafür spricht, den Prolog als autodiegetisch zu klassifizie- ren). Dieser Abschnitt ist gerade deswegen auch ein Beispiel für einen Autor-Erzähler, also einen Erzähler, der sich als Autor ausgibt - es aber nicht ist, da er nur eine textuelle Instanz ist.22 Es ist nicht Gottfried, der erzählt, nicht einmal da, wo der Erzähler sich selbst so nennt - das Verhältnis von Erzähler zu Erzähltem ist konstruiert und unterliegt einer (poetischen) Intention. Das ist eine Authentizitätsstrategie des Erzählers, denn indem er sich selbst als Autor ausgibt (nämlich z.B. (poetologisch) über den Schreibvorgang spricht), lässt er vergessen, dass er selbst nur geschrie- ben ist - und gewinnt an Authentizität.

Authentizität kann aber auch auf andere Weise vermittelt werden, wofür der Erzählerkommentar bei der Minnegrotte-Episode ein gutes Beispiel ist.

ich hân die fossiure erkant

sît mînen eilif] jâren ie

und enkam ze Curnewâle nie. (V. 17136-17138)

Durch das Versichern des Erzählers, er kenne die Minnegrotte, und zwar schon seit seinem elften Lebensjahr, erschafft er die Illusion, bei ihm handle es sich um eine (reelle) Person mit einer eigenen Lebensgeschichte - den Autor. Das macht ihn sofort viel glaubwürdiger, da er dann nicht nur zum Text gehört und ebenso Fiktion ist wie die Erzählung selber. Der letzte Vers jedoch, dass er nie in Cornwall gewesen sei, irritiert vorerst. Wie kann er die Minnegrotte, die sich in der Erzählung in Cornwall befindet, je gesehen haben, wenn er noch nie in Cornwall war? Den Vers kann man als Hinweis darauf verstehen, dass man eben nicht wörtlich, sondern ü bertragen lesen soll - die Minnegrotte kann als Allegorie gelesen werden und steht dann für die Liebe, es gibt die Grotte also so nicht wirklich. Das tut der Authentizität des Erzählers aber keinen Abbruch, denn wenn man die Minnegrotte-Episode als Allegorie liest, kann der (Autor-)Erzähler sehr wohl dort gewesen sein, im Tempel der Liebe, obwohl er nie in Cornwall war. Er beteuert seine Authentizi- tät also auch nicht wörtlich auf den Ort bezogen, sondern übertragen: Ich kenne die Liebe, so wie ich sie jetzt beschreibe, also glaubt mir. Diese Authentizitätsbeteuerungen sind eines der wichtig- sten, wenn nicht sogar das herausragende Merkmal der Erzählers im Tristan.

Bevor ich zum nächsten Punkt übergehe, möchte ich noch auf die Darbietungsweise im Prolog eingehen, die zwar auch nicht eindeutig bestimmbar ist, jedoch gewisse Züge trägt, die sehr inte- ressant sind. So ist die Stelle Hei tugent, wie smal sint d î ne stege, wie kumberl î ch sint d î ne wege! (V. 37-38) in monologischem Stil gehalten, der auch an anderen Stellen durchschimmert. Ach Tugend, wie schmal sind deine Stege, wie kümmerlich sind deine Wege! Das „Ach“ hier ist kennzeichnend für subjektive, persönliche Figurenrede, also für Mündlichkeit, die auch Monolo- ge auszeichnet. Aber treffender als Monolog wäre wohl trotzdem die Bezeichnung Rede - denn der Prolog ist der Auftakt, die Einleitungs- und Begrüssungsrede vor dem eigentlichen Schau- spiel. Das wird bei 3.3 wichtig werden.

Abschliessend kann man sagen, dass sich der Erzähler durch die homo- oder sogar autodie- getische Erzählerposition und das personale Erzählverhalten als eigenständige Person positio- niert, die eine eigene Meinung hat und diese auch kundtut, die Authentizität vermittelt, als Autor auftritt und schliesslich über den Ereignissen steht, da es ein extradiegetischer Erzähler ist. Er lässt uns glauben, dass er nicht bloss eine Instanz des Textes, sondern eine reelle Person ist. Das alles vermittelt den Eindruck einer starken Präsenz sogar dort, wo der Erzähler hinter das Geschehen und hinter die Figuren zurücktritt - er beeinflusst die Lektürehaltung. Auch dies wird besonders bei 3.3 wichtig werden.

3.2 Positionierung des Erzählers zu den Figuren Tristan und Isolde

Bereits im Prolog ergreift der Erzähler deutlich Partei für die beiden Hauptpersonen Tristan und Isolde, indem er sich in ein ganz bestimmtes Verhältnis zu ihnen stellt. Die erzähltheoretische Analyse des Erzählers im Prolog habe ich oben schon durchgeführt,23 weshalb ich hier nur noch ein Beispiel für seine Positionierung zu den Hauptpersonen anführen möchte.

[...]


1 Ich stütze mich auf die Definition von Genette (1994), Die Erzählung, S. 16.

2 Genette (1994), Die Erzählung, Vgl. die Kapitel Modus und Stimme, S. 115-188.

3 Ich zitiere aus folgender Ausgabe: Gottfried von Strassburg: Tristan. 3 Bde. Nach dem Text von Friedrich Ranke neu herausgegeben. Stuttgart 2006 (Reclams Universal-Bibliothek 4471 und 4472).

4 Genette, Gérard (1994), Die Erzählung.

5 Petersen, Jürgen H./ Wagner-Egelhaaf, Martina (2006): Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft.

6 Haug, Walter (1985): Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts.

7 Wehrli, Max (1969): Formen mittelalterlicher Erzählung: Aufsätze.

8 Genette (1994), Die Erzählung, S. 176.

9 Genette (1994), Die Erzählung, S. 175f.

10 Genette (1994), Die Erzählung, S. 163.

11 Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 49.

12 Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 56.

13 Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 46ff.

14 Genette (1994), Die Erzählung, S. 134ff.

15 Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 49ff.

16 Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 51f.

17 Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 56.

18 Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 51ff.

19 Vgl. Theoretische Einbettung und Beschreibung der Vorgehensweise oder: Erzähltheorie und (deren/die) Kriterien für die Analyse

20 Vgl. Theoretische Einbettung und Beschreibung der Vorgehensweise oder: Erzähltheorie und (deren/die) Kriterien für die Analyse

21 Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 50f.

22 Genette (1994), Die Erzählung, S. 152.

23 Vgl. Der Erzähler im Tristan: Ein Entwurf seiner/seines Selbst

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Erzähler in Gottfrieds von Strassburg "Tristan"
Untertitel
Analyse seines Selbst-Entwurfes und seiner Positionierung in Bezug auf Tristan und Isolde und deren Minne
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Basismodul ÄDL II Methoden mediävistischer Literaturwissenschaft
Note
Gut bis sehr gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V171882
ISBN (eBook)
9783640915545
ISBN (Buch)
9783640915996
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erzähler, gottfrieds, strassburg, tristan, analyse, selbst-entwurfes, positionierung, bezug, isolde, minne
Arbeit zitieren
Allegra Schiesser (Autor), 2008, Der Erzähler in Gottfrieds von Strassburg "Tristan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171882

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