Was wäre, wenn dein Spezialinteresse plötzlich zum Schlüssel eines Mordfalls wird?
Tony liebt Hörspiele, Listen und klare Strukturen. Ein "spezial-gelagerter Sonderfall", wie in ihren Lieblingskrimis, blieb ihr jedoch lange verwehrt – bis jetzt.
Als der Leiter ihrer Hamburger Autismus-Gruppe tot aufgefunden wird, kippt Tonys ohnehin fragile Welt aus dem Gleichgewicht. War es ein Unfall – oder Mord? Und steckt jemand aus ihrer Gruppe dahinter?
Zwischen Reizüberflutung, peniblem Scharfsinn und einer verwirrend neuen Freundschaft stürzt Tony sich in ihre erste Ermittlung. Doch wem kann sie trauen, wenn sie sich nicht einmal auf ihre eigene Wahrnehmung verlassen kann …
Ein ungewöhnlicher Kriminalroman über Wahrnehmung, Vertrauen und Angst – aus neurodivergenter Perspektive.
Auszüge aus dem Buch
1 – NormalFall (15. September)
DingDong.
Wer klingelt denn um 7:03 Uhr an der Haustür?
Tony fuhr sich nervös mit den Fingern durch ihre kurzen, dunklen Haare. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass jemals bei ihr so früh geklingelt worden war. Eigentlich klingelte niemand bei ihr. Ihre Schwester kam selten und meldete sich vorher an. Pakete ließ sie in eine Packstation oder zur Arbeit liefern. Höchstens mal, wenn sie Essen bestellte…
DingDong-DingDong-DingDong! KlopfKlopfKlopf!!!
Wer klingelt denn dreimal und klopft dazu? Wenn man das Klingeln nicht hört, hört man das Klopfen erst recht nicht. Und wenn man das Klingeln hört, ist das Klopfen unnötig.
»Antonia Czerny, sind Sie zu Hause?«
Tony aß gerade ihr Müsli. Wenn ich es jetzt stehen lasse, ist es bestimmt zu matschig, bis ich wieder zurück in der Küche bin. Nehme ich die Schüssel mit oder wirkt das komisch? Egal, ich nehme sie mit… Das ist jetzt aber auch unpraktisch mit einer Hand aufzuschließen, hoffentlich klecker ich jetzt nicht.
Tony öffnete die Tür. Aftershave. Der perfümige Geruch schlug ihr so heftig ins Gesicht, dass ihr die Augen tränten.
»Guten Morgen, Gerda Klöpping, Kripo Hamburg, das ist mein Kollege Stefan Velni. Sind Sie Antonia Czerny?« Sie sprach es wie »Tserni« aus.
»Ja. Czerny wie mit Tsch am Anfang.«
»Tscherny. Wir haben ein paar Fragen an Sie, dürfen wir kurz reinkommen?«
Tony zögerte. Sie hätte gerne »Nein« gesagt. Ihr Rachen war rau, der stachelige Geruch löste Hustenreiz bei ihr aus. Sie wollte das Aftershave nicht in ihrer Wohnung haben. Sie wollte die Menschen nicht in ihrer Wohnung haben.
»Es wird nicht lange dauern und es ist Ihnen bestimmt lieber, wenn wir es nicht an der Tür besprechen, sondern drinnen.«
Es wäre Tony sehr wohl lieber, es an der Tür zu besprechen. Aber sie hatte gelernt, im Zweifel lieber nachzugeben, zumal die Polizistin bereits einen halben Schritt nach vorn andeutete. Sie gingen ins Wohnzimmer. Tony besaß ein kleines, gelbes Sofa. Unschlüssig überlegte sie, ob sie sich hinsetzen sollte, oder nicht. Wenn sich eine der anderen Personen dazu setzte, wäre sie sehr nah dran. Sollte sie den anderen anbieten, sich zu setzen? Wäre es komisch, dann selbst stehen zu bleiben? Sollte sie einen Stuhl aus der Küche holen? Tony blieb unschlüssig stehen. Die Müslischüssel in der Hand. War es unhöflich, jetzt weiterzuessen? Aber es wäre ja auch doof, das Müsli wegschmeißen zu müssen, wenn es nachher ganz aufgequollen war. Allein der Gedanke daran war eklig. Andererseits aß sie nicht gerne vor anderen. Bestimmt würde sie mit der Milch kleckern, wenn sie im Stehen aß…
»Hallo!?! Ich habe Sie etwas gefragt! Sie waren gestern von 17:00 Uhr bis 19:00 Uhr im Regenbogenhaus bei der Gesprächsgruppe für Autisten?«
»Hm? Achso, ja, von 17:00 Uhr bis 18:30 Uhr. Vielleicht 18:33 Uhr.«
»Warum sind sie früher gegangen?«
»Ich bin nicht früher gegangen.«
»Sie haben doch gerade geantwortet, dass sie bereits um 18:30 Uhr gegangen sind.«
»Die Gesprächsgruppe für autistische Erwachsene geht bis 18:30 Uhr. Ich bin also nicht früher gegangen, sondern erst danach. Von 18:30 bis 19:00 gibt es eine offene Runde, um soziale Interaktionen zu fördern.«
»Oh man, so ein Korinthenkacker«, murmelte Velni.
»Ist Ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«, fragte Gerda Klöpping schnell.
Tony überlegte. Ungewöhnlich… nicht gewöhnlich… etwas woran man nicht gewöhnt war…
»Frida trug eine Jogginghose statt Skinny Jeans. Hedwig hat sich mindestens fünfmal einen neuen Zopf gebunden. Sam hat mir ein Glas Wasser geholt, ohne dass ich sie darum gebeten habe. Werner kam 15 Minuten zu spät, weil die U3 gesperrt war. Feuerwehreinsatz auf der Strecke.«
»Hm, aha, naja…«
»Es wundert mich, dass Sie uns gar nicht fragen, warum wir eigentlich hier sind«, unterbrach Kommissar Velni, »Im Normalfall wollen die Leute das immer als erstes wissen.«
Tony blickte aus dem Fenster.
…im Normalfall… Normalfall… Normalfall… Normalfall
Sie griff mit ihrer rechten Hand an das Armband am linken Handgelenk. Klack klack, ließ sie die Regenbogenperlen gegeneinander klicken. Sie musste erstmal diese blöde Müslischüssel wegstellen, es war total bescheuert gewesen, sie aus der Küche mitzunehmen.
»Hallo?! Wir reden hier mit Ihnen! Sie können doch nicht einfach weggehen!«
Klack, klack glitten die Perlen durch ihre Finger.
»Es ist 7.10 Uhr, ich muss in 20 Minuten zur Arbeit. Wenn es länger dauert, würde ich gerne kurz eine Nachricht schreiben, dass ich später komme…« und IM NORMALFALL esse ich in dieser Zeit, dachte Tony. Im Normalfall. IM NORMALFALL.
»Dann machen Sie ordentlich mit, lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen, dann sind wir auch schnell wieder weg.« Aus der Nase ziehen. Aus der Nase. Aus der NASE. Als kämen Wörter aus der NASE.
Natürlich wusste sie, was das hieß. Trotzdem ärgerte es sie.
Aus der Nase. Wie einen Popel. Boah, so eklig. Fast musste sie würgen.
»Sie müssen mir überhaupt nichts rausziehen, weder aus der Nase noch aus dem Mund. Ich habe alle Fragen beantwortet, wenn Sie mehr wissen wollen, dann fragen Sie halt. Oder soll ich SIE jetzt fragen, warum Sie eigentlich hier sind? Wenn das im NORMALFALL so gemacht wird. Ich werde zum ersten Mal von der Polizei befragt. Ich weiß nicht, wie das im NORMALFALL läuft.«
Ihre Finger fuhren über die Perlen. Klack. Klack. Nicht aufregen. Das brachte doch nichts. Klack. Klack. Erstmal das Fenster aufmachen, damit die Nebelschwaden aus Rasierwasser abziehen konnten.
»Wir sind hier, um uns ein Bild davon zu machen, was gestern im Regenbogenhaus abgelaufen ist, wer alles da war, wer wann gegangen ist und ob es einen Streit…«
Normalfall. Normalfall. Normalfall…
»… oder etwas Ungewöhnliches gab, weil gestern Abend der Leiter der Gesprächsgruppe leblos aufgefunden wurde, wir sind dabei, die genaueren Umstände zu ermitteln und mögliche Zeugen zu befragen, das ist reine Routine, wir befragen alle, aus dem näheren Umfeld, insbesondere natürlich die Personen, die gestern im Gebäude waren und dazu gehören auch Sie, genauso wie alle anderen aus der Gesprächsgruppe«, leierte der Kommissar herunter. Er machte eine kurze Pause und wartete auf eine Reaktion.
Normalfall. Normalfall. Normalfall…
»Frau Czerny?«
»Hm? Ja?«
»Wann und wo haben Sie Herrn Gültekin zuletzt gesehen?«, hakte Frau Köpping nach.
»Ungefähr 18:30 Uhr, als ich rausgegangen bin, Denniz saß da noch bei der Gruppe, glaube ich.«
»Wer war noch im Raum?«
»Ähm… Sam, Frida, Dunja, Mojib, Hedwig – Werner war schon kurz vor mir gegangen.«
»Hatte Herr Gültekin mit jemandem Streit? Gab es Konflikte in der Gruppe?«
»Das weiß ich nicht.«
»Es scheint Sie nicht sonderlich mitzunehmen, dass Herr Gültekin tot ist.«
»Was? Denniz ist tot?«
»Alter, das habe ich doch gerade gesagt.« Kommissar Velni wurde rot im Gesicht. Seine Kollegin zupfte ihn am Ärmel. »Lass mal, Stefan, die ist doch auch eine von denen.«
Von denen. Von denen. Von denen.
Klack. Klack. Tony fing an zu schwitzen. Ihr Herz pochte unangenehm laut in ihrem linken Ohr.
»Hier ist meine Karte, Frau Czerny, bitte rufen Sie mich an, wenn Ihnen noch etwas Besonderes einfällt.«
»…zum Beispiel, ob Hedwig doch nicht fünfmal ihren Zopf neu gebunden hat, sondern nur viermal…«, nuschelte Kommissar Velni.
»Wir werden uns vermutlich in den nächsten Tagen nochmal bei Ihnen melden, bitte geben Sie uns Bescheid, falls Sie vorhaben, die Stadt zu verlassen.«
»Ich verlasse nie die Stadt.«
*
Tony kam zwanzig Minuten zu spät zur Arbeit. Sie hatte Kopfschmerzen. Nachdem die Polizei gegangen war, hatte sie sich wütend und erschöpft auf ihr Sofa gesetzt und ein Glas Wasser getrunken. In kleinen Schlucken. Ein neues Müsli hatte sie nicht runterbekommen. Ihr war übel. Die Wohnung roch immer noch nach Männerparfüm. Sie hatte sich die Haare gewaschen und frische Sachen angezogen, um den klebrigen Gestank loszuwerden.
»Hey Tony, alles ok? Du kommst doch sonst nie zu spät.«
»Polizeibefragung.«
»Oha, bist du in einen Mord verwickelt?«, ihr Schwager lachte zu laut. Bernd lachte viel und laut und machte dabei den Mund immer so weit auf. Tony war das immer unangenehm, obwohl sie Bernd mochte.
»Vielleicht.«
Tony ging zu ihrem Schreibtisch, während das Lachen ihres Schwagers in ein Husten überging.
Sie hatte gerade ihren Laptop angeschaltet und die Programme in richtiger Reihenfolge gestartet – erst Adobe Indesign, Photoshop, Dateimanager, dann Outlook – als ihre Schwester anrief.
»Tony! Bernd hat erzählt, du wurdest von der Polizei zu einem Mord verhört? Muss ich mir Sorgen machen? Brauchst du Hilfe? Kann ich irgendwas für dich tun? Bist du ok?«
»Bernd übertreibt. Die Polizei hat mir Fragen gestellt zu gestern Abend. Denniz von der Gesprächsgruppe ist tot, von Mord hat niemand etwas gesagt.«
»Was?! Oh nein, wie schrecklich. Der war doch immer so nett und hilfsbereit. Wie furchtbar, seine arme Frau, weißt du, wie es ihr geht? Das muss sie ja total aus der Bahn werfen. Was ist denn die Todesursache gewesen? Wenn die Polizei ermittelt, ist Fremdverschulden ja anscheinend nicht ausgeschlossen, oder? Gibt es einen Verdächtigen?«
»Marie«, versuchte Tony zu unterbrechen.
»Oh mannoman, das ist ja nicht zu fassen, ich kann es noch gar nicht glauben, wie geht es dir damit? Hast du schon mit den anderen aus deiner Gruppe gesprochen?«
»MARIE. Das sind…«
»…zu viele Fragen auf einmal. Ich weiß. Ich muss das nur selbst erstmal verarbeiten. Ich muss jetzt ins Meeting, was hältst du davon, wenn du nach der Arbeit zu uns zum Abendbrot kommst und wir können in Ruhe sprechen?«
»Hmm, eigentlich…«
»…kommst du immer sonntags und nicht am Freitag, ich weiß.«
»Und ich mag es nicht, wenn du meine Sätze zu Ende sprichst.«
»Ich weiß. Dann bis nachher, dann alles ganz in Ruhe, ich hab dich lieb.«
»Hm, eigentlich wollte ich heute die neue Folge von meinem Lieblingspodcast hören.«
Aber ihre Schwester hatte schon aufgelegt.
Heute war alles durcheinander. Klack klack. Da half auch kein Armband mit Regenbogenperlen.
Ihr Schwager, der das Gespräch aus dem Nebenzimmer mitgehört hatte, streckt den Kopf zur Tür herein.
»Tony? Wenn es dir heute zu viel ist, dann machst du einfach früher Feierabend, ok? Dann kannst du noch deine Folge True-Crime-Podcast hören und kommst trotzdem rechtzeitig zum Abendbrot bei uns, ok?«
Tony seufzte. Das war nicht dasselbe, sie würde sich nicht entspannen können, wenn sie wusste, dass sie danach noch mal raus musste. Dafür wollte sie keine neue Folge verschwenden. Aber trotzdem ein nett gemeinter Vorschlag.
»Danke, Bernd! Der True-Crime-Podcast ist mein ZWEITliebster Podcast, mein Lieblingspodcast ist der über Hörspiele. Ich freue mich schon seit Montag darauf, und ich habe schon gesehen, dass es heute um eine Folge von den ‘Verwegenen Vier’ geht, das ist ja auch eine alte Serie von Enid Blyton, aber deutlich weniger bekannt als die ’Fünf Freunde’…«
»Du, Tony, ich muss weiterarbeiten, aber erzähl mir gern heut Abend davon.«
5 – Die zwei Fragezeichen (16. September)
[...]
10 – Recherche und Archiv (22. September)
»Hey Sherlock.«
»Hey Sam, willst du gleich los? Ich habe mich hier gerade so eingekuschelt, wär’s ok, wenn wir noch ein bisschen im Café bleiben?«
»Gerne, ich mag’s hier auch total. Ich komme immer mal nach Feierabend hier rein. Ist dir aufgefallen, dass sie nur ganz leise Instrumental-Musik laufen haben?«
»Es ist mir im Grunde jetzt erst bewusst geworden, als wir angefangen haben uns zu unterhalten, wie angenehm das ist. Und ich mag auch die indirekte Beleuchtung, total gemütlich.«
»Ja, ich lieb’s hier auch, total cozy. Das mit der Musik hast du übrigens mir zu verdanken. Ich hatte mich mit dem Besitzer unterhalten vor ein paar Jahren, dass ich total gerne hier bin, aber laute und unruhige Musik für viele neurodivergente Menschen anstrengend sein kann, vor allem wenn man versucht, einer Unterhaltung zu folgen. Daraufhin hat er seine Playlisten umgestellt. Fand ich mega. Wir sind dann sogar Mal zusammen ausgegangen und haben geknutscht.«
Tonys Ohren waren übermäßig warm, sie nahm ihren Schal ab. Ganz schön warm hier drinnen. »Ich habe mir überlegt, dass wir einen Zeitplan machen sollten.«
»Einen Zeitplan für was?«, fragte Sam etwas verwirrt.
»Für den Tat-Hergang. Also wer war wann wo und so weiter. In den Krimis gibt es doch immer so unterschiedliche Fragen, einmal Motiv und einmal Möglichkeit. Ich glaube, es gibt noch was Drittes, das fällt mir nicht ein… Bei Motiv sind wir ja nicht so richtig weitergekommen. Und das ist auch das schwächste… Dings, hat das nicht Sherlock Holmes gesagt, oder Hercule Poirot?«
»Du musst es wissen, Sherlock«, nickte Sam übertrieben ernst.
»Ich wollte schon mal anfangen, es aufzuschreiben, aber ich hatte nur einen Kassen-Bon als Papier. Hast du vielleicht ein Notizbuch oder so?«
»Collegeblock. Ist ein bisschen zerfleddert. Die meisten Sachen mache ich ja mittlerweile direkt auf dem Handy, aber manches ist auf Papier leichter. Manchmal kann ich Gedanken noch nicht so richtig in Worte fassen, dann fällt es mir leichter, es zu malen.«
»Ach cool, ich wusste gar nicht, dass du malen kannst. Darf ich was sehen?«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich malen KANN. Ich habe gesagt, dass ich es tue. Es geht mir ja nicht darum, ein schönes Bild zu malen. Es ist einfach nur… wie ein Überlaufventil aufzumachen. Einfach erstmal raus. Das ist meistens nicht schön und ergibt für andere garantiert keinen Sinn. Das ist nur für mich.«
Tony antwortete nicht. Sams Stimme war laut geworden. Tony ärgerte sich über sich selbst, warum hatte sie das gefragt? Das war zu persönlich gewesen. Es piekte in ihrem Brustkorb. Etwas brannte. Vielleicht Sodbrennen.
»Ich gehe kurz auf Toilette«, presste sie heraus und huschte die Treppe runter. In der Klokabine lehnte sie sich gegen die Tür. Einatmen. Ausatmen. Sie hatte das Gefühl, gleich heulen zu müssen, ohne so richtig zu wissen, wieso. Einatmen. Ausatmen. War die Klotür überhaupt sauber? War das hygienisch, sich da so gegenzulehnen? Zu Hause würde sie gleich einen frischen Pullover anziehen.
Drei Minuten später war sie zurück, immer noch durcheinander, aber wieder okay. Okay. Alles okay. Alles okay.
»Guck mal, ich habe mit der Liste angefangen«, empfing sie Sam, als wäre nichts gewesen.
»Hier links können wir eintragen, wann wer den Gruppenraum verlassen hat und rechts, wann die Person das Gebäude verlassen hat. Und in der Mitte, wo man dazwischen war. Je größer die Lücke zwischen der linken und der rechten Spalte, desto größer die Möglichkeit für die Tat.«
»Ja, das ist super. Die linke Spalte ist am einfachsten, fangen wir mit der an. Ah super, Werner und mich hast du schon eingetragen, da müssten noch die genauen Zeiten rein.«
»Genau, ich war mir nur nicht ganz sicher, ihr seid ja nicht ganz gleichzeitig los«, überlegte Sam, »und ich bin der Meinung, dass wir etwas früher Schluss gemacht hatten mit dem offiziellen Teil, oder?«
»Stimmt, das hatte ich komplett vergessen. Dann war die Zeit gar nicht richtig, die ich der Polizei gesagt habe… Sollte ich da direkt anrufen? Nicht dass sie mir eine Falschaussage vorwerfen können… Kann man wegen sowas nicht auch ins Gefängnis kommen?«
»Ich glaube nicht wegen 5 Minuten, außerdem hast du ja nicht absichtlich gelogen, du hattest es vergessen.«
»Hm, vielleicht sollte ich nächste Woche trotzdem lieber Bescheid sagen. Sicher ist sicher.
Ok, aber zurück zu den Zeiten… Ich würde sagen Werner ist um 18:26 Uhr los und ich um 18:29 Uhr, ich habe Werner ja noch sehen können, der hatte nicht viel Vorsprung.«
»Alles klar, ist notiert. Wie lange braucht man durchs Gebäude? Zwei Minuten?«, fragte Sam.
»Hm, mit dem Fahrstuhl vermutlich sogar drei. Ich glaube, ich war auf der Treppe bestimmt schneller, vielleicht 90 Sekunden insgesamt. Dafür habe ich länger gebraucht mit Mütze aufsetzen, Kopfhörer aufsetzen… ja, rechne mal grob mit 2 Minuten.«
»Ok, also Werner 18:28 Uhr Gebäude verlassen, du 18:30 Uhr.
Dann kommen wir zu den nächsten: Denniz und Hedwig haben ungefähr zur selben Zeit den Raum verlassen und sind zu ihren Büros gegangen. Ob sie da auch tatsächlich reingegangen sind, weiß ich natürlich nicht, aber vielleicht so um 18:30 sind die beiden rausgegangen. Bei Denniz wissen wir, dass er am Ende in seinem Büro war, oder zumindest an der Tür zu seinem Büro, das schreibe ich in die mittlere Spalte, und rechts bleibt frei, weil er das Gebäude nicht verlassen hat.«
Tony schaute auf die Tabelle »Gut, wen haben wir dann als nächstes? Du warst dir letztes Mal nicht ganz sicher, ob Frida oder Dunja zuerst gegangen ist, aber nach allem, was wir danach besprochen haben, würde ich sagen, Frida ist zuerst raus, richtig? Weißt du wann das gewesen ist?«
»Puh, keine Ahnung, wir hatten erst kurz alle zusammen geredet, ich war eigentlich schon total erschöpft und wollte los, ich glaube, da hatte Frida dann gesagt, sie geht auch, und dann hatte Mojib aber noch von der App erzählt und war so begeistert, dass er mich da noch mal mitgerissen hat. Ich vermute, das war dann vielleicht 18:40 Uhr… echt schwer zu schätzen… vielleicht auch früher… 18:35 Uhr. Ja, es muss vor 18:40 Uhr gewesen sein, weil Mojib einen Timer hatte, der um 18:35 gepiept hatte und dadurch waren wir auf die App gekommen und als wir uns die angeguckt haben, war Frida dann schon raus.«
»Gut, aber wir wissen nicht, ob sie dann direkt rausgegangen ist«, ergänzte Sam.
»Ja, das lassen wir erstmal offen. Aber Hedwig meinte, Frida war vor Dunja draußen.«
»Dann ist die nächste Dunja, die hatte noch eine ganze Weile im Raum gesessen und ihr Brot gegessen und ein bisschen zugehört. Schreib mal auf: 18:50 Uhr Dunja, und dann am Ende Mojib und ich 19:00 raus aus dem Raum.«
»Und Hedwig hatte erzählt, dass sie draußen mit Dunjas Vater gewartet hatte, die müsste bestätigen können, wer wann auch tatsächlich aus dem Gebäude gekommen ist.«
»Hm, ja, aber sie ist ja auch eine Verdächtige, oder nicht?«, gab Sam zu bedenken.
»Dann kommen wir aber nicht weiter.«
»Naja, du hattest ja schon mit Dunja geschrieben, dass sie zum Waschraum gegangen ist zum Händewaschen. Also ungefähr 18:50 Uhr Raum verlassen, 18:51 Uhr am Büro von Denniz vorbei und ins Bad, dann 18:52 Uhr wieder zurück zum Fahrstuhl und 18:54 Gebäude verlassen.«
»Ja, aber die Zeiten sind jetzt alle geschätzt, nicht wirklich bewiesen.«
»Pff, bewiesen ist hier ja eh alles nicht, wir machen das ja nach Gefühl. Wir haben doch keine Stempelkarten oder Türchips oder so, wo man das nachgucken könnte.«
»Aber eigentlich müssten wir es besser machen als nach Gefühl, Sam. Lass uns doch mal gucken, ob wir noch mal mit den anderen sprechen können, ob die die Zeiten genauer wissen.«
»Wir könnten uns mit Mojib treffen, der hatte eh gefragt, ob wir nachher noch zusammen was trinken gehen wollen, dann können wir alle drei zusammen was machen.«
»WAS? NEIN! ICH? Was trinken gehen? Nein, das wäre doch auch total komisch, wenn ihr eigentlich verabredet seid, das… nein, das… das…« Konnten die hier nicht mal ein Fenster aufmachen? Warum musste es hier so warm und stickig sein?
»Heee, reg dich mal ab, das ist kein Date, wir verstehen uns nur gut und gehen manchmal zusammen weg was trinken. Ja, ok, wir haben auch schon mal geknutscht, aber das ist echt ewig her.«
»Irgendwie dreht sich bei dir heute alles ums Knutschen.« Ihr Hals fühlte sich rau an.
»Hä, das ist doch quatsch, es dreht sich die ganze Zeit um Uhrzeiten und Listen. Bist du etwa eifersüchtig, oder was? Willst DU mal mit Mojib knutschen? Kannst ihn ja mal fragen, er ist der Typ, bei dem man das total direkt ansprechen kann. Aber ich glaube, du bist eh zu alt für ihn.«
»WAS? Was soll das denn jetzt? Du tust ja so, als wäre ich eine alte Jungfer, die keinen mehr abbekommen kann.«
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- Maren Guillaumon (Author), 2026, Mord im Spektrum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1719483