Eine Münchner Villa. Ein jahrzehntealtes Verbrechen. Und ein tödliches Geheimnis.
Die pensionierte Grundschullehrerin Ellie Schattenfreund führt ein abgeschiedenes Leben in ihrer Münchner Villa. Zwischen Untermietern, Rosengarten und dem Engagement in ihrer Kinderstiftung wirkt ihre Welt geordnet – fast idyllisch.
Doch die Ruhe endet abrupt, als Konrad Dellhagen vor ihrer Tür steht und behauptet, beweisen zu können, dass Ellie ihren Ehemann vor über vierzig Jahren getötet hat.
Kurz darauf ist Dellhagen tot. Vergiftet – auf Ellies Grundstück.
Die Mordermittlungen setzen ein, und Ellie rückt ins Zentrum der Polizei. Alte Beziehungen, verdrängte Schuld und lang gehütete Wahrheiten kommen ans Licht. Wer hatte ein Motiv? Wem kann Ellie noch vertrauen? Und wie lange lässt sich ein Geheimnis verbergen, das tief unter Beton und Schweigen begraben liegt?
Ein atmosphärisch dichter München‑Krimi über Erpressung, Schuld und Mord, über Loyalität und Abhängigkeit – und über eine Frau, deren Vergangenheit gefährlicher ist, als sie je geglaubt hat.
Auszüge aus dem Buch
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Kapitel 1
Für meine Mama,
die Krimis genauso liebt wie ich.
Kapitel 1
»Schnell Ellie, versteck dich hinter dem Vorhang. Da unten steht wieder einer«, rief Carla und stürzte herein.
»Ich mache mich gerade zurecht.« Ellie legte ihre Strümpfe zur Seite und stand auf. Ohne Hast ging sie zum Fenster und sah hinaus.
In diesem Moment schrillte die Klingel durch das Haus.
Sie kannte den Mann nicht. »Keine Sorge, Kindchen, den werde ich schnell wieder los. Ein Gerichtsvollzieher kann es dieses Mal nicht sein. Ich habe keine einzige unbezahlte Rechnung im Haus.«
Carla presste ihr Gesicht ans Fenster. »Vielleicht noch so ein Immobilienmakler. Dieser Mann sieht geldig aus.«
»Ja, geldig. Und du, meine Liebe, bist goldig.« Ellie lächelte ihrer Untermieterin zu und ging mit geradem Rücken zur Treppe. Sorgfältig legte sie ihre linke Hand auf das kühle Eichenholz des Treppengeländers, während sie die Stufen der über siebzig Jahre alten Villa hinunterging. Das hatte sie zwar nicht nötig, ihr gebrochenes Bein war gut verheilt, aber auf dieser Treppe war genug Schlimmes passiert.
Sie hörte, wie Leo an der Eingangstür mit einem Mann sprach. Nicht schlecht, wenn man einen Untermieter hatte, der aussah, als wäre er ein osteuropäischer Türsteher. Egal ob dieser Besucher Geld eintreiben oder ein Angebot für ihr Anwesen machen wollte, er musste an diesem Brocken von einem Mann mit Augenbrauen á la Theo Waigel vorbei.
»Ellie, hier möchte dich jemand sprechen, persönlich«, sagte Leo angespannt.
Ellie musterte den Fremden, der um die fünfzig Jahre alt war. Erst wirkte er auf sie überheblich, wie er da in einem Polohemd, einer im Ausschnitt eingehängten Gucci-Sonnenbrille da stand und sie mit einer, unter den Arm geklemmten dunklen Leder-Schreib-mappe ansah. Zu seinem Aussehen passte überhaupt nicht, dass er schwitzte und sein Gewicht nervös von einem Bein auf das andere verlagerte.
»Guten Tag. Frau Schattenfreund?« Seine Stimme war höher als erwartet. »Ich möchte Sie sprechen, unter vier Augen.« Mit einem raschen Seitenblick auf Leo fügte er hinzu. »Ich kann gerne wieder kommen, wenn es Ihnen besser passt.«
Gelassen schaute Ellie den Fremden an. Seine Augen huschten zwischen ihr und Leo hin und her. Er rang mit sich. Sollte er sich mit durchgedrücktem Rücken behaupten oder doch lieber aus Leos Reichweite fliehen.
Ellie schmunzelte. »Worum geht es bitte?«
Der Besucher überlegte, wie er anfangen sollte.
Ich muss wohl ein bisschen nachhelfen. Sie schnappte sich einen ihrer Wanderschuhe und nestelte am Schnürsenkel, als wollte sie ihn anziehen. »Sie müssen entschuldigen, aber ich habe nicht viel Zeit.«
»Also, es geht darum, dass Sie meinen Vater gut gekannt haben. Wir haben früher nebenan gewohnt.«
Ellie sah den Mann überrascht an und stellte fest, dass er sie intensiv beobachtete.
»Ich heiße Dellhagen.«
Ellie erstarrte mit dem Schuh in der Hand. Sie überlegte, wie sie reagieren sollte. Sag endlich etwas. Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Ach ja, das ist aber schon sehr lange her. Über vierzig Jahre.« Vor ihr tauchte das Bild eines kleinen Jungen im Vorschulalter auf. »Sind Sie etwa Konrad Dellhagen?«
Er nickte. »Es geht um etwas Wichtiges, das ich mit Ihnen besprechen möchte.«
Ellies Kiefer verspannte sich. Was meinte er? Es konnte nur um seinen Vater gehen. Was will sein Sohn nach so langer Zeit von mir?
Carla war in der Zwischenzeit ebenfalls in der Diele erschienen und blickte Ellie mit schräg gestelltem Kopf und gerunzelter Stirn an.
Leo trat einen Schritt näher an den Besucher heran, die Arme vor der Brust verschränkt.
Ihr fiel auf, dass sie immer noch den Wanderschuh in der Hand hielt. »Es tut mir leid, aber ich habe jetzt überhaupt keine Zeit für Sie. Ich werde erwartet.« Sie hob den Schuh wie zum Beweis.
Dellhagen blieb unbewegt stehen, die Arme ebenfalls verschränkt.
Sie musste ihm eine Art Zugeständnis machen. »Haben Sie eine Visitenkarte?« Die Worte kamen widerstrebend. »Dann melde ich mich morgen bei Ihnen. Sie könnten zum Tee kommen.« Ellie klopfte auf ihre Armbanduhr. »Ich muss mich beeilen.«
Dellhagen zog langsam eine Karte hervor. »Ich bin im Hotel Menzinger Hof abgestiegen.« Er machte Anstalten, etwas hinzuzufügen, doch als Leo näher trat, presste er die Lippen zusammen und trat zurück.
Nachdem ihr riesiger Mitbewohner die Haustür hinter dem Besucher wieder geschlossen hatte, ging Ellie schwer atmend in die Küche und ließ sich auf die Küchenbank fallen.
Leo und Carla folgten ihr. Leo räusperte sich, als wollte er etwas sagen, aber Carla sah ihn an und schüttelte den Kopf. Sie goss Ellie eine Tasse Tee ein und nahm schweigend neben ihr Platz. Leo folgte ihr mit gerunzelter Stirn an den Küchentisch. Niemand sagte ein Wort.
Schließlich blickte Ellie die beiden an. »Was schaut ihr denn so? Werdet ihr nur mal so alt wie ich, dann habt ihr auch Bekannte, deren Namen ihr ein paar Jahrzehnte nicht gehört habt.«
»Er hat dich durcheinandergebracht.« Carlas Worte waren keine Frage.
Ellie war klar, dass Carla sich so leicht nicht abwimmeln ließ.
»Diese Bekanntschaft ...« Ellie schluckte. »...ist aus der Zeit, als mein Mann noch lebte«. Sie stand abrupt auf, der Tee unberührt. »So und jetzt muss ich zusehen, dass ich nicht zu spät komme.«
Langsam stieg Ellie die Treppe wieder in den ersten Stock. Ihre rechte Hand fasste automatisch nach dem Geländer. Oben angekommen, blieb sie stehen, starrte ins Leere. Die Vergangenheit, die sie so sorgfältig vergraben hatte, war zurückgekehrt.
Schließlich schnalzte sie mit der Zunge und riss sich aus ihrer Starre. »Jetzt muss ich mich fertig machen, die Kinder brauchen mich.«
Ihre Stimme klang hohl in dem leeren Flur.
***
»Ah, tut das gut«. Ellie platzierte ihre Füße vorsichtig auf zwei gestapelten Kissen und lehnte sich auf ihrem Biedermeiersofa zurück.
Die Wohnzimmertür öffnete sich und Julia streckte den Kopf herein. Ihre blonden Locken wippten.
»Ja, du bist ja schon zurück. Hat dir der Wandertag mit der 1a Spaß gemacht?« Sie lehnte sich gegen den Türrahmen, die goldgeränderte Brille blitzte im Nachmittagslicht.
Ellie lächelte und ihre blauen Augen strahlten intensiver als sonst: »Es war prima. Die Kinder waren begeistert, als sie nach der S-Bahn-Fahrt direkt beim Aussteigen vom Bahnsteig aus den Starnberger See sehen konnten.«
Ellie merkte, dass Julia sie aufmerksam ansah, und ergänzte: »Aber ich muss zugeben, dass es anstrengend war. Ich bin froh, dass ich nur zur Verstärkung eingesprungen bin und nicht mehr am nächsten Morgen Unterricht halten muss.«
Julia setzte sich zu Ellie und fragte: »Soll ich heute Abend das Kochen übernehmen? Dann kannst du dich erholen.«
»Unsinn.« Ellie richtete sich energisch auf. »In ein paar Minuten bin ich wieder ganz die Alte.«
Julia nestelte kurz an ihrer Brille und wagte sich dann vor: »Hast du gesehen, dass ein Brief vom Dachdecker gekommen ist? Ziemlich dick – bestimmt der Kostenvoranschlag.«
Ellie hatte den Brief sehr wohl gesehen und mit zum Sofa genommen. Als Julia ins Wohnzimmer kam, hatte sie ihn unauffällig zwischen sich und die Sofalehne geschoben.
»Ja, ja, den sehe ich mir später an.«
»Wollen wir heute Abend überlegen, wie wir das stemmen?« Julia trat einen Schritt näher, Besorgnis in ihrem Blick.
Ellie schüttelte entschieden den Kopf. »Das wäre ja noch schöner, wenn sich meine Untermieter mit meinen Problemen beschäftigen müssten.«
»Ich bin eben eine Kümmerin, genau wie du.« Julia lächelte verschmitzt. »Und nachdem ich keine Mutter oder Großmutter mehr habe, musst du eben dafür herhalten. Schließlich habe ich auch meine Bedürfnisse.«
»Ruh du dich lieber aus. Immerhin ist morgen deine große Bewährungsprobe«. Ellie stand auf, um das Thema zu wechseln.
»Ja, das erste Mal ganz alleine den Unterricht für die 3c abhalten.« Julia rieb sich nervös die Hände. »Mir ist bange. Ich arbeite mal besser noch ein bisschen an der Unterrichtsgestaltung.« Mit diesen Worten verschwand Julia aus der Tür.
»Keine Sorge«, dachte Ellie, »du wirst deine Sache morgen großartig machen.«
Es freute sie, dass sie für Julia wie eine Mutter oder eine Großmutter war. Ja, wenn vor über vierzig Jahren alles anders gelaufen wäre, dann könnte sie so eine tolle junge Frau zur Enkelin haben. Wie immer, wenn sie Wehmut überkam, versuchte sie sich schnell abzulenken. Sie zog hinter dem Kissen den Umschlag mit der Dachdeckerrechnung hervor und riss ohne weitere Ausflüchte das Kuvert auf.
Ein »Dong« ertönte von der Standuhr aus dem Eingangsbereich. Ihm folgten weitere vier Schläge. Währenddessen entfalteten die Zahlen des Handwerkers ihre ganze Wucht. Jetzt war es so weit.
Mit einem tiefen Seufzer blickte Ellie hoch und sah sich in ihrem Wohnzimmer um. Ihre wenigen Antiquitäten, mit einer Patina von über vier Jahrzehnten Erinnerungen, verschleierten den Eindruck, wie schlecht es um ihr Bankkonto bestellt war. Um diese Dachreparatur bezahlen zu können, musste sie sich trennen, von einer dieser Kostbarkeiten. Sie atmete ein paar Mal intensiv ein und aus. Der Geruch der vor wenigen Tagen frisch lackierten Sockelleisten in diesem Raum war noch immer wahrzunehmen.
Sie nahm ihren Aussteuerschrank in der Ecke mit den filigranen Kirschholz-schnitzereien ins Visier. Nein, das war das einzige Stück, das ihr von ihren Eltern geblieben war. Unmöglich.
Der runde Beistelltisch, gekauft in England auf ihrer Hochzeitsreise, gerade groß genug für zwei Personen, um Kaffee zu trinken. Darunter versteckte sich ein Mechanismus für eine Drehung um 180 Grad. Mit einem Schmunzeln gab sie der Tischplatte einen leichten Schubs. Bei ihrer Leidenschaft für pfiffige Details. Nein, auch der nicht.
Ellie ging zum Kamin. Sanft strich sie über das Schmuck-Ei, gefertigt nach Fabergé Art. Sie fühlte den Trost, es in Händen zu halten. Zunächst, sorgsam vor den Augen ihres Mannes versteckt, stand es nun seit über vierzig Jahren auf dem Kaminsims. Ihre größte Kostbarkeit. Undenkbar, sich davon zu trennen.
Sie trat an das Panoramafenster und setzte sich an ihren alten Sekretär. Nachdenklich blickte sie in den großen Vorgarten, mit seinem leicht verwilderten Charme und den sorgsam gestutzten Rosensträuchern. In der verwitterten Vogeltränke aus Stein badeten zwei Finken. Sie beobachtete, wie sie immer wieder hinein hüpften, so, dass ihre Bäuche und Flügel kurz nass wurden. Aber sofort wieder am Rand angekommen, flatterten sie heftig mit den Flügeln, um das Gefieder schnell zu trocknen. Dies war eine weise Maßnahme, denn die Gefahr lauerte bereits in Gestalt der Nachbarskatze. Die versuchte, betont unbeteiligt, den Rasen Richtung Vogeltränke zu überqueren. Noch ein Schritt und die Vögel nahmen Reißaus. Ja, die perfekte Idylle, und von einem Moment zum nächsten war beherztes Handeln nötig.
Ein weiteres Mal erklang die Standuhr mahnend aus dem Flur. Danach war es vollkommen still im Haus.
Ellie konzentrierte sich wieder auf den Dachdecker und seine Zahlen. Sie roch das Bienenwachs, mit dem sie den Schreibtisch vor einigen Tagen imprägniert hatte. Wie viele Diktate ihrer Grundschüler hatte sie hier korrigiert? Sie liebte dieses Stück über alles. Nur sie alleine kannte die Geheimfächer, die sich in den beiden Schubladen verbargen. Ellie zitterte, als sie mit den Fingern über die aufwendigen Intarsienarbeiten des Mahagoniholzes strich.
Ein weiteres »Dong« vom Fuße der Treppe ertönte. Energisch zwang sich Ellie zurück in die Gegenwart. Sie überlegte einen Augenblick, dann wusste sie, welche Antiquität sie verkaufen würde.
[...]
[...]
Kapitel 9
Kapitel 9
Der nächste Morgen im Kommissariat begann mit einem Treffer. Julia Weber hatte eine halbe Stunde zuvor ihre Fingerabdrücke abgegeben. Hannah und Artur freuten sich, weil sie ein Stück weiterkamen.
Georg hätte sich mitfreuen können. Aber ausgerechnet Julias Fingerabdruck musste mit dem Abdruck auf Dellhagens Notfall-Pillenanhänger übereinstimmen.
Mit zusammengepressten Lippen betrat er gemeinsam mit Hannah den Verhörraum. Er schaute Julia an und seine Nackenhaare sträubten sich. Nach einer kurzen Diskussion mit seiner Kollegin hatten sie sich darauf geeinigt, dass er das Verhör führen sollte. Es wäre ihm tausendmal lieber gewesen, wenn Hannah das übernommen hätte.
Für einen Moment schien ihm Julia erleichtert, ihn zu sehen. Glaubt sie, dass sie mich um den Finger wickeln kann? – Nein so ein Typ ist sie nicht.
Ihre blonden Locken fielen Julia ins Gesicht und sie schubste sie mit ihrer rechten Hand energisch auf den Rücken.
Georg ging zum Besprechungstisch, zog den Stuhl heraus und setzte sich schwer. Das Quietschen der Stuhlbeine auf dem Linoleum schnitt durch die Stille. Er starrte auf die Akte vor sich, ohne die Worte wirklich zu lesen. Er hatte zu lange geschwiegen, denn neben ihm holte Hannah tief Luft und startete mit den üblichen Anfangsformalitäten.
Georg streckte seinen Rücken. Mit einem kurzen Seitenblick zu Hannah übernahm er die Vernehmung. »Waren Sie letzten Dienstag, am späten Nachmittag, im Hotel Menzinger Hof?«
Julia wurde blass. Ihre Hände, die auf dem Tisch lagen, verkrampften sich.
»Ja.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
»Warum?« Georg hielt seinen Ton neutral, geschäftsmäßig. Jedes Wort fühlte sich an wie ein Verrat.
Julia holte tief Luft. »Als ich am Dienstag aus der Schule zurückgekommen war, läutete das Telefon. Es war Konrad Dellhagen.« Sie schaute auf ihre verschränkten Hände. »Er stellte sich vor und fragte, ob ich von Ellies Erbschaft gehört hätte.«
Sie stockte. Ihr Blick wanderte hoch zu Georgs Gesicht, suchte dort etwas – Verständnis vielleicht, oder Mitgefühl.
»Ich habe schmallippig geantwortet«, fuhr sie fort. »Schließlich ging mich das ja nichts an.«
Georg beugte sich leicht vor. »Aber Sie haben sich trotzdem mit ihm getroffen. Warum?«
»Er wollte mich unbedingt persönlich sprechen.« Julia rieb die Handflächen aneinander. »Er sagte, die Testamentseröffnung würde für Ellie aufwühlende Erkenntnisse bringen.«
In der darauffolgenden Stille war nur die Sirene eines Einsatzfahrzeuges vom Parkplatz zu hören.
Georg spürte einen Tritt von Hannah gegen sein Schienbein. Er räusperte sich schnell. »Wieso hat er sich gerade an Sie aus dem Haus gewandt? Warum nicht an Ellie direkt?«
»Keine Ahnung.« Julia sah ihn spöttisch an und zum ersten Mal blitzte Angriffslust durch. »Aber manchmal halten mich die Menschen für ein Lämmchen, das man leicht beeinflussen kann.«
Georg schaute auf seine Akte und kritzelte mit dem Kugelschreiber am Rand eines Protokolls. Die Linie, die entstand, war hart und zackig. »Was wollte er Ihnen denn sagen?«
»Dellhagen fragte, ob ich von Dr. Schattenfreund und seinem Schicksal wüsste.«
Julia verschränkte die Arme vor der Brust.
»Natürlich wollte ich hören, was er zu sagen hatte. Von dem morgendlichen Besuch und der Erpressung wusste ich da ja gar nichts.«
»Also haben Sie sich mit ihm getroffen. Wo genau?«
»Im Foyer des Menzinger Hofs.«
Georg merkte, dass er den Klipp seines Kugelschreibers abgebrochen hatte.
Unauffällig legte er Stift und Klipp in einer Handbewegung zur Seite und blickte kurz auf seine Notizen. Er bereitete sich mit aller Energie darauf vor, dass das, was er hören würde, sie Kopf und Kragen kosten könnte.
»In Ordnung.« Er zwang sich, Julia direkt anzusehen. »Schildern Sie bitte das Gespräch, und zwar so genau, wie sie nur können.«
Der Knopf des Aufnahmegerätes leuchtete weiterhin unerschütterlich rot auf.
Julia berichtete vom Treffen im Foyer des Hotels. Von Dellhagens großspurigem Gehabe. Von seinen Anspielungen auf das Grundstück, auf dem die Villa Schattenfreund steht. Von seinen Versuchen, sie über Ellies finanzielle Situation auszufragen.
Georg schrieb mit, jedes Wort. Zusätzlich zur Aufnahme auf Band. Bereit, jede kleine Möglichkeit für weitere Ermittlungsansätze zu nutzen.
»Als ich ihn gefragt habe, was er denn von Dr. Roman Schattenfreund wüsste, machte er so eine Anspielung.« Julia griff nach dem Wasserglas vor ihr. »Ellie könne das besser sagen, als irgendjemand sonst, der noch lebte.«
Sie trank. Ihre Hand zitterte leicht, sodass das Wasser im Glas schwappte.
Wie süß sie aussieht mit ihrer Goldrandbrille, die eigentlich zu groß für ihren zarten Kopf ist. Georg schüttelte den Gedanken ab. Reiß dich zusammen!
Die Unschuld von Julia zu beweisen, würde keine leichte Angelegenheit werden. Insbesondere, da es seine Aufgabe momentan war, das Gegenteil zu tun.
Sie erzählte alles so gefasst. Zu gefasst vielleicht. Er beugte sich gespannt nach vorne. »Wie fanden sie denn das, was Sie da von Konrad Dellhagen hörten?«
Er beobachtete, wie Julia sich ebenfalls nach vorne beugte und ihn streng ansah. Ihre Augen blitzten hinter den Gläsern.
»Dass da ein Mann mit jeder Menge Dreck um sich warf.« Sie setzte sich wieder gerade hin, reckte das Kinn vor. »Klar war er sauer. Das Vermögen seines Vaters würde er nicht kriegen.«
Julia schwieg ein paar Sekunden. Georg wartete, ließ die Stille arbeiten.
»Er hat gekocht und sich in Rage geredet«, fuhr sie schließlich fort. »Ich konnte heraushören, dass er in den Augen seines Vaters nie gut genug gewesen war.«
Georg sah, wie seine Kollegin mit ihrem Kugelschreiber über den Notizblock flitzte und wartete darauf, dass Julia fortfuhr.
Julia schniefte. Ihre Augen glänzten feucht. »Ich gebe zu, ich wurde sauer. Ich sagte ihm, was für ein guter Mensch Ellie ist und er sich schämen soll, ihr Schwierigkeiten zu bereiten.«
»Und dann?« Georg beugte sich noch weiter vor.
»Dann habe ich ihm einen guten Tag gewünscht und bin gegangen.« Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.
Georg lehnte sich zurück. »Das war’s? Sie sind einfach gegangen?«
»Ja. Nein.« Julia schüttelte den Kopf. »Nachdem ich ihm das gesagt hatte, hob er theatralisch die Hände und meinte, ich solle es doch direkt mit Ellie besprechen.«
Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Da löste sich sein Schlüsselring, mit dem er die ganze Zeit herumgespielt hatte, und die Schlüssel flogen in alle Richtungen.«
Hannah meldete sich zum ersten Mal zu Wort. »Haben Sie ihm beim Einsammeln der Schlüssel geholfen?«
Julia blickte sie mit gefurchter Stirn an: »Ja? Warum sollte ich nicht?«
Hannah hakte sofort nach, ihre Stimme scharf. »Wie lief das genau ab?«
Verwundert beschrieb Julia: »Da stand so ein kleines Schälchen, das hat er mir hingehalten. Ich legte die Schlüssel, die ich eingesammelt hatte, hinein. Er meinte, der Verschluss würde immer wieder haken.«
Georg Kiefer schmerzte, so angespannt war er. »Wie wirkte er, als Sie gingen?«
»Er hatte sich wieder unter Kontrolle und grinste überheblich.«
So wiederholten sie dieses Gespräch immer wieder und wieder. Sie fragten Julia, ob sie weitere Gegenstände aufgehoben hätte. Ob andere Gäste dieses Treffen mitbekommen hätten. Ob er während ihres Treffens aufgestanden und beispielsweise zur Toilette gegangen wäre. Sie fragten, ob Dellhagen andere Dinge bei sich gehabt hätte, etwa ein Notebook oder eine Schreibmappe. Sie befragten sie dazu, ob sie Dellhagen vorher schon einmal gesehen hätte, und klopften sie auf ihre Medizin-Kenntnisse ab.
Julia blieb konsistent. Ihre Geschichte änderte sich nicht.
Schließlich ließ Georg die Bombe platzen. Er räusperte sich, faltete die Hände auf dem Tisch. »Frau Weber, ich muss Ihnen etwas mitteilen.«
Julia sah ihn an. Ihre Augen weiteten sich leicht.
»Auf dem Anhänger, der Konrad Dellhagens Notfallpillen enthielt, wurden Ihre Fingerabdrücke gefunden.« Er machte eine bedeutungsschwere Pause. »Das Gift, das ihn getötet hat, war anstelle seiner Notfallpillen in diesem Gefäß.«
Die Farbe wich aus Julias Gesicht. Sie öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus.
»Verstehen Sie, was das bedeutet?« Georg zwang sich, weiterzusprechen, obwohl er am liebsten aufgesprungen wäre und ihr gesagt hätte, dass alles gut werden würde. »Sie hatten Zugang zu dem Behälter. Sie hatten die Gelegenheit, die Pillen auszutauschen.«
»Aber ich habe doch nur ...« Julias Stimme brach.
»Sie haben nur was?« Hannah lehnte sich vor, ihr Blick bohrend.
»Ich habe nur geholfen, die Schlüssel aufzuheben!« Julias Stimme wurde lauter, verzweifelter. »Das war alles! Ich wusste nicht mal, dass da ein Pillenanhänger dran war!«
Georg und Hannah tauschten einen Blick. Dann erhob sich Georg. »Wir machen eine Pause. Bleiben Sie bitte hier.«
Die Kommissare ließen Julia für eine Zwischenbesprechung im Verhörraum zurück. Schnell besorgten sie sich Sandwiches, um sie nebenher in ihrem Büro zu essen.
Artur hatte das Verhör aus dem Nebenraum verfolgt und war begierig darauf zu schildern, wie die Verdächtige auf ihn wirkte. »Sie scheint so harmlos und unschuldig.« Er lehnte sich gegen den Schreibtisch, die Arme vor der Brust verschränkt.
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- Quote paper
- T. C. Ehmann (Author), 2026, Villa Schattenfreund, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1719511