Auf welche Weise wird das Abend- und Liedmotiv in dem jeweiligen Gedicht realisiert und welche poetologischen Schlussfolgerungen, insbesondere im Vergleich, lassen sich daraus ziehen?
Die Auswahl der Gedichte, beide mit Abendlied betitelt, erlaubt es, zwei Texte in den Blick zu nehmen, die mit „Abend“ und „Lied“ zwei enorm traditionsbehaftete Motive auf jeweils eigene Art und Weise umsetzen. Die entsprechende Ideengeschichte soll bei der Auslegung beider Gedichte außer Acht gelassen werden, um im vergleichenden Schritt mögliche ästhetische und thematische Implikationen ausschließlich auf Grundlage der beiden Texte abzeichnen zu können.
Die Auswahl der beiden Dichter Gottfried Keller und Georg Trakl ist darauf zurückzuführen, dass das Seminar Lyrik des Ästhetizismus, Symbolismus und Expressionismus um 1900 einen epochenübergreifenden Blick auf die Lyrik um die Jahrhundertwende geworfen hat und Keller und Trakl dabei einen Anfangs- und Endpunkt dieser Zeitspanne bilden. In diesem Zusammenhang besteht jedoch weder der Anspruch noch die Möglichkeit, Veränderungen der gesamten Lyrikproduktion innerhalb dieser Zeitspanne zu erschließen. Eher sollen die beiden Gedichte zwei zeitgeschichtlich voneinander entfernte Augenblicke repräsentieren, nicht zwangsläufig als Vertreter jeweiliger Epochen, aber als Ausgangspunkt, um Leitgedanken miteinander zu vergleichen. Deshalb soll im Rahmen der Analyse nicht mit epochentheoretischen Merkmalen argumentiert werden. Vielmehr werden die Texte anhand ihrer individuellen Strukturen ausgelegt. So wird Kellers Text von der Form ausgehend untersucht, um zu semantischen Feldern und inhaltlichen Strukturen zu gelangen während Trakls Text anhand der in der Forschung angebotenen „methodologischen Ansätze (Analyse der Tempora, der Pronomina, der Farbensprache und der intertextuellen Bezüge)“1 untersucht wird. Was jedoch vorab definiert werden soll, sind die zugrundeliegenden Motive innerhalb der deutschsprachigen Literaturgeschichte, um die Umsetzung dieser ins Verhältnis zu der gängigen Verwendung jener Motive zu setzen.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Gedichtinterpretationen Abendlied
2.1 Symbolik von „Abend“ und „Lied“
2.2 Kellers Abendlied
2.3 Trakls Abendlied
3. Vergleichende Perspektive
3.1 Allgemeine Vergleichspunkte
3.2 Abendmotiv im Vergleich
3.3 Liedmotiv im Vergleich
3.4 Poetologische Schlussfolgerungen
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Vergleich der Gedichte „Abendlied“ von Gottfried Keller und Georg Trakl, um zu analysieren, auf welche Weise die traditionsbehafteten Motive „Abend“ und „Lied“ in den jeweiligen Texten realisiert werden und welche poetologischen Implikationen sich daraus ableiten lassen.
- Analyse der individuellen Form- und Inhaltsstrukturen beider Gedichte
- Vergleich der symbolischen Verwendung von „Abend“ und „Lied“
- Untersuchung von Tempora, Pronomina und Farbsymbolik als methodische Zugänge
- Diskussion der poetologischen Konzepte (Verklärung vs. Sprachkritik)
- Einordnung der Texte in den literaturgeschichtlichen Kontext um 1900
Auszug aus dem Buch
2.2 Kellers Abendlied
Kellers Abendlied wurde erstmals 1879 in der Deutschen Rundschau veröffentlicht und zählt zu den Gesammelte[n] Gedichte[n] unter der Abteilung Buch der Natur. Das Gedicht besteht aus vier Quartetten, die sowohl durch Absätze als auch durch gehäufte Reime mit ausnahmslos männlichen Kadenzen abgeschlossen werden. Es liegt ein fünfhebiger trochäischer Versfuß vor, dessen Rhythmik eine fließend-heitere Stimmung erzeugt. Die Zäsuren in der ersten Strophe „Augen, meine […]“ (K, V. 1) und in der letzten Strophe „Doch noch wandl ich auf […]“ (K, V. 13) und „trinkt, o Augen“ (K, V. 15) lassen diesen Rhythmus jedoch stocken und setzen Akzente.
Unmittelbar zu Beginn werden die Augen syntaktisch durch eine Inversion in den Vordergrund gerückt, sodass erst im zweiten Vers das zugehörige Prädikat in Erscheinung tritt: „Augen, meine lieben Fensterlein, / gebt mir […]“ (K, V. 1f.). Sowohl die syntaktische Umkehrung als auch die lange Ergänzung zu dem Subjekt setzen die „Augen“ des lyrischen Ichs mit der direkten Ansprache personifiziert in den Fokus. Die metrisch erzeugte Heiterkeit mündet durch das Diminutiv „Fensterlein“ (K, V. 1) in eine kindliche Tonalität mit artifiziellem Charakter.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Dieses Kapitel stellt die Auswahl der Dichter Keller und Trakl vor und definiert die leitende Fragestellung zur Umsetzung der Abend- und Liedmotive.
2. Gedichtinterpretationen Abendlied: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse der Motive „Abend“ und „Lied“ sowie eine textnahe Untersuchung beider Gedichte unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Strukturen.
3. Vergleichende Perspektive: In diesem Hauptteil werden die Vergleichspunkte herausgearbeitet, um die Unterschiede in der Welt- und Motivdarstellung beider Autoren synthetisch gegenüberzustellen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, wie Keller die Tradition aufgreift, während Trakl durch Dekonstruktion erweiterte Perspektiven eröffnet.
Schlüsselwörter
Abendlied, Gottfried Keller, Georg Trakl, Motivvergleich, Lyrik um 1900, Abendmotiv, Liedmotiv, Sprachkritik, Verklärungspostulat, Symbolismus, Expressionismus, Poetologie, Zeitgenossenschaft, Seelenlandschaft, Intertextualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht die zwei Gedichte „Abendlied“ von Gottfried Keller und Georg Trakl hinsichtlich der Realisierung der Motive „Abend“ und „Lied“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die literarische Traditionsarbeit, poetologische Konzepte wie die Sprachkritik bei Trakl und das Verklärungspostulat bei Keller sowie die epochenübergreifende Lyrikanalyse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Leitfrage: Wie werden Abend- und Liedmotiv umgesetzt und welche poetologischen Schlussfolgerungen lassen sich im direkten Vergleich ziehen?
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin wählt eine strukturorientierte Textanalyse: Bei Keller liegt der Fokus auf der Form und semantischen Feldern, bei Trakl auf linguistischen Ansätzen wie der Analyse von Tempora, Pronomina und Farbsymbolik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Einzelinterpretationen der Gedichte und eine vergleichende Perspektive, die das Abend- und Liedmotiv sowie gesellschaftskritische Aspekte kontrastiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Abendlied, Poetologie, Sprachkritik, Symbolik, Intertextualität und die epochenspezifische Einordnung der Dichter.
Warum wählt die Autorin genau die Gedichte von Keller und Trakl?
Die Dichter bilden einen symbolischen Anfangs- und Endpunkt des im Seminar behandelten Zeitraums (Ästhetizismus bis Expressionismus) und erlauben einen kontrastreichen Vergleich.
Welche spezifische Schlussfolgerung zieht die Autorin zu Trakls Abendlied?
Trakl nutzt das Gedicht nicht als rein formale Tradition, sondern als „seelische Landschaft“, die durch Sprachkritik und eine Synthese von Gegensätzen gesellschaftliche Entfremdung thematisiert.
- Arbeit zitieren
- Jessica Lanert (Autor:in), 2026, Lyrik im Vergleich. "Abendlied" von Gottfried Keller und Georg Trakl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1719532