Bildende Künstler zwischen Breslau, Prag und Dresden

Eine Untersuchung zu Möglichkeiten und Barrieren von Künstlern und Kunstvermittlern im Hinblick auf ein Zusammenwachsen der trinationalen Euroregion Neiße


Masterarbeit, 2005
81 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Euroregion Neiße
2.1. Kurze historische Streiflichter
2.2. Wo der Westen auf den Osten trifft

3. Bildende Künstler in der Region – ein Leben ohne lautes Kunstgeschrei
3.1. Gesellschaftliche Wahrnehmung und regionale Künstler
3.2. Bildende Künstler im deutschen Teil der Euroregion
3.3. Künstler im Riesengebirge
3.4. Nordböhmische Künstler
3.5. Vermittelnde Instanzen in der Region

4. Das Projekt „Künstler der Euroregion Neiße“ – Versuch einer Annäherung

5. Zu den Barrieren
5.1. Dialog, Distinktionen, Wahrnehmungen
5.2. Von kunstgeschichtlichen Unterschieden und dem Beliebigkeitsspiel post-moderner Kunstausweitung
5.3. Kunstrezeption im Konflikt zwischen Künstler und Publikum
5.4. Barrieren aus der Sicht der Kunstvermittler

6. Zu den Möglichkeiten
6.1. Möglichkeiten von Künstlern und deren kreatives Potential
6.2. Möglichkeiten aus der Kunstvermittlung heraus
6.3. Die Sprache der Kunst und die daraus erwachsenen Möglichkeiten

7. Schlussbemerkungen

L I T E R A T U R V E R Z E I C H N I S

A B B I L D U N G S V E R Z E I C H N I S

Q U E L L E N V E R Z E I C H N I S

1. Einleitung

Die vorliegende Studie befasst sich mit Akteuren und Handlungsräumen auf dem Gebiet der bildenden Kunst in der Euroregion Neiße. Als konkretes Forschungsfeld diente dabei das Projekt „Künstler der Euroregion Neiße“. Die Untersuchung setzte zu einem Zeitpunkt an, als sich die Organisatoren um eine Optimierung des Projektes bemühten.

Die Euroregion Neiße, die im weiteren Sinne Gegenstand der Untersuchung ist, ist nicht etwas in der Realität Gegebenes, sondern im Wesentlichen noch immer ein Postulat. Bestenfalls ist diese Region im Entstehen. Um dem Prozess der europäischen Einigung Gehalt und Dynamik zu geben, wurde der Begriff der Euroregion Neiße als politisches Instrument für koordinierte Strukturmaßnahmen aus der Taufe gehoben. Gemeint ist damit das Dreiländereck, in dem sich die Oberlausitz, die ehemals niederschlesische Region in Polen[1] und das tschechische Gebiet um Liberec (Reichenberg) und Turnov (Turnau)[2] treffen. Der Grenzfluss Neiße liefert die regionale und übergreifende Symbolik. Die vorherige Außengrenze der Europäischen Union (EU) gab dieser trinationalen Region eine zusätzliche Teilung. Seit dem 1. Mai 2004 gilt nun die ganze Region des Dreiländerecks als EU-Binnenland. Euroregion Neiße bezeichnet eine von vier Kooperativen entlang der Sächsischen Außengrenze, die von Kommunen und Landkreisen grenzübergreifend und freiwillig eingegangen wurden, um Aufgaben im Grenzgebiet gemeinsam zu lösen.[3]

Indem das Feld zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung wird, Daten aufeinander bezogen werden, wird auch theoretisch an der Erschaffung dieses Feldes gearbeitet. Dies umso mehr, als die Autorin selbst am Prozess der Entwicklung der Region durch Gestaltung und Begleitung von Ausstellungen und Workshops im Rahmen des Projektes „Künstler der Euroregion Neiße“ beteiligt war und ist. Die Beobachtung schöpft aus eigener Erfahrung und bestimmt insofern den beobachteten Gegenstand mit. Das Wechselverhältnis von Nähe und kritischer Distanz geht als Grundannahme in die Untersuchung ein und hilft bei der Erschließung der für sich oft wenig aussagekräftigen Daten.

Das methodische Vorgehen versucht der Komplexität kultureller Prozesse durch Perspektivismus und Akzentsetzung gerecht zu werden. Obwohl die Untersuchung auf ein Bild der Euroregion Neiße abzielt, musste innerhalb dieses Begriffes differenziert werden, da der Begriffsumfang der „Euroregion Neiße“ in seiner Allgemeinheit wenig dienlich ist.

Die erste Komponente stellt die räumlich und zeitlich begrenzte Situation von Ausstellung und Arbeitstreffen innerhalb des Projektes „Künstler der Euroregion Neiße“[4] dar. Quasi unter Laborbedingungen soll mit diesem Projekt ein Stück „Euroregion Neiße“ erzeugt werden, was nach eigener Beobachtung auch weitgehend gelingt.

Die zweite Komponente, die eigentlich „Euroregion Neiße“ heißen kann, ist der gelebte Alltag von grenzüberschreitendem Austausch, gegenseitiger Ergänzung und Bereicherung auf der Basis eines neu zu gewinnenden Bewusstseins einer geschichtlich zusammenhängenden Kulturlandschaft, die durch politische Wechselfälle oft genug zerrissen worden ist[5]. Die Untersuchung erstreckt sich also auf beide Beobachtungsfelder und auf das mentalitäts- und handlungsgeleitete Überspringen des einen Bereiches in den anderen, auf Chancen der Übertragung des im Modellprojekt Erlernten in den Alltag.

Die Datenerhebung der vorliegenden Dokumentation erwuchs aus Materialien wie Erlebnisberichten teilnehmender Beobachtung zu den Künstlertreffen der Jahre 1998 bis 2004, der Auswertung von elf Interviews mit ausgewählten Akteuren des Projektes aus Deutschland, Tschechien und Polen sowie aus Transkriptionen von Gruppengesprächen, Briefen und Statistiken.

Zum Zwecke dieser Studie wurde ein Fragengerüst aufgestellt, um erstens aus der großen Zahl möglicher Fragen Anhaltspunkte für die Relevanz der besonders praktisch bedeutsamen, näher zu verfolgenden oder auch zu modifizierenden Problemstellungen zu gewinnen. Zweitens sollte im Verfolg der Fragenerhebung das methodische Vorgehen in diesem sehr komplexen Feld abgeklärt werden. Drittens sollte die Breite der unterschiedlichen Einflussgrößen abgeschätzt werden um Maßstäbe für ein geeignetes Forschungsdesign zu erhalten. Die Umfrage diente dazu, die analytischen Überlegungen praktisch mit einem empirischen Beispiel zu illustrieren.

Der Bereich, aus dem die Daten gewonnen wurden, gliedert sich in drei Akteursebenen: die Akteursebene der Künstler (Ebene A), der Organisatoren bzw. Museen (Ebene B) und der Rezipienten bzw. Besucher und Galerien (Ebene C). Die Fragen beziehen sich auf Erfahrungswerte der jeweiligen Akteursebenen, weshalb mit drei leicht modifizierten Fragebögen gearbeitet worden ist. Zur Auswertung hinzugezogen wurden weiterführende Interviews aus dem Lehrforschungsprojekt „Kulturelle Potenzen im Prozess der EU-Osterweiterung im sächsisch-tschechisch-polnischen Grenzgebiet“[6].

Eine Untersuchung, die auf den Auskünften und Erfahrungen der handelnden Akteure beruht, ist notwendigerweise auf deren Offenheit und Gesprächsbereitschaft angewiesen. Dies konnte durch sorgfältige Auswahl der Interviewten gewährleistet werden. Der Übertrag der Interviews in eine schriftliche Form unterwarf sich insofern dem Ziel der Arbeit, dass qualitative Erzählstränge herausgefiltert wurden. Den Gesprächspartnern wurde Anonymität zugesichert, deshalb auf eine namentliche Bezeichnung der zitierten Person in der Regel verzichtet und ausschließlich die maskuline Form verwendet[7].

Wahrnehmungen sind abhängig von der Lebenssituation aus der heraus man betrachtet. Wenn Äußerungen von Künstlern zum Gegenstand wissenschaftlichen Interesses gemacht werden, wird das Problem methodologisch virulent. Inwieweit und wie kann es gelingen, die Welt annäherungsweise mit den Augen dieser Menschen zu sehen?[8] Künstler reflektieren weitgehend intuitiv. Inwieweit verweben sich solche Reflexionen mit der angestrebten Empirie? Gleichzeitig ist die Kartographie der Betrachtungen eine Partikularisierung, denn jeder Künstler, jedes Kunstwerk ist singulär. Diese Risiken stellten sich in der Auswertung der Interviews evident dar. Der Gehalt der mit dem Fragenkatalog erhobenen Daten machte es nötig, eine andere Form der Arbeit zu wählen. Trotz exemplarischer Thematik sollte ein großangelegter Essay entstehen, der in seinen ineinandergreifenden Facetten die Tragweite des Spannungsfeldes zu zeigen hat. Im Text werden, um ein hohes Maß an Authentizität zu erzielen und um Kernaussagen zu belegen, Zitate aus den Interviews verwandt. Auf eine Auswertung von Besucherzahlen wurde verzichtet, da sie in einem umfangreichen Kontext interpretiert hätte werden müssen. Um die Ergebnisse der Umfrage rückbeziehend einzubetten und um sie sprechen zu lassen, wurde eine Bestandsaufnahme des Umfeldes von Künstlern und Kunstvermittlern in der Region weitestgehend aus eigener Erkenntnis vorangestellt.

2. Die Euroregion Neiße

Die Region zwischen den drei Metropolen Breslau, Prag und Dresden offenbart sich auf den ersten Blick mit einer bisher randlagebedingten Strukturschwäche. Das Zusammentreffen von drei Staatsgrenzen schuf in den vergangenen Jahrzehnten eine Zone geringer Investitionen und regionaler Disparität als eine Konstante mit räumlicher Ausprägung.

Abbildung 1

Die Lage der Euroregion im Dreiländereck von Polen, Tschechien und Deutschland.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: www.trebendorf.de, Stand 05.01.2005

Nach der Wende war im Dreiländereck, in dem sich Tschechien, Deutschland und Polen treffen, der Aufbau grenzüberschreitender Zusammenarbeit aufgrund der vorhandenen und aufgestauten Probleme zwingend notwendig. Am 21. Dezember 1991 kam es auf der konstituierenden Sitzung in Zittau zur Gründung der Euroregion Neisse-Nisa-Nysa[9]. Der freiwilligen Interessengemeinschaft gehören mehr als 800 Städte und Gemeinden an.

In dem 13033 km²[10] umfassendem Gebiet leben ca. 1 669280 Einwohner[11].[12]

Die Gebirgsketten des Oberlausitzer Berglandes, des Iser- und des Riesengebirges bilden eine natürliche Grenze zwischen dem tschechischen, dem polnischen und dem deutschen Teil der Euroregion.

Abbildung 2

Die Gebietskörperschaften der Euroregion Neiße

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: www.ibz-marienthal.de. Stand 01.12.2004.

Zum polnischen Teil der Euroregion gehören neununddreißig Gemeinden der Woiwodschaft Niederschlesien (Województwo Dolnośląskie) und vier Gemeinden der Woiwodschaft Lubuskie. Zu den größten Städten gehören die kreisfreie Stadt Jelenia Góra, Bolesławiec (Bunzlau), Zgorzelec (Görlitz) und Jawor (Jauer) sowie touristische Gebirgs- und Kurorte wie Szklarska Poręba (Schreiberhau), Karpacz (Krummhübel), und Świeradów Zdrój (Bad Flinsberg). Das nächstgelegene Zentrum, Breslau, ist vom Mittelpunkt der Euroregion ungefähr einhundert Kilometer entfernt. Die Industrie umfasst Unternehmen aus verschiedenen Industriezweigen, beispielsweise Brennstoff- und Energieindustrie, Glasindustrie, Baumaterialienindustrie, Keramik, Textilindustrie, Metallverarbeitung und Maschinenbau, Elektrotechnik. Ein wichtiger Vorteil ist die gute Lage an einem Verkehrsweg, der den Süden Europas mit dem Norden verbindet (E65) und der sich mit der Autobahn Breslau-Berlin und den internationalen Wegen nach Dresden (E40 und A4), Leipzig und München kreuzt. Trotz oder wegen des Wunsches nach Ausbau der Tourismusbranche ist das Verständnis für den Schutz der Landschaft gestiegen.

Der tschechische Teil umfasst das Gebiet von Nordböhmen. Zu den größten Städten gehören Liberec (Reichenberg)[13], Jablonec nad Nisou (Gablonz), Turnov (Turnau) und Česká Lipá (Böhmisch Leipa), Prag liegt etwa einhundert Kilometer entfernt.

In künstlerischer Tradition des Barock und der Romantik entwickelte sich hier im 19. und 20. Jahrhundert ein Netz von Fachschulen des Kunsthandwerks, das die Grundlage für Glasmacherei und Bijouterie wurde.[14] Das Herz der Region bildet das Naturschutzgebiet, das sogenannte Böhmische Paradies. Die Region besitzt heute eine gute Infrastruktur, Industrie und große Möglichkeiten in den Bereichen des Natur-, Kultur-, Sport- und Agrotourismus.

Der deutsche Teil der Euroregion Neiße setzt sich aus dem Niederschlesischen Oberlausitzkreis, den Landkreisen Bautzen, Löbau-Zittau und Kamenz und den kreisfreien Städten Hoyerswerda und Görlitz zusammen. Die größten Städte der ostsächsischen Region sind Görlitz, Hoyerswerda, Bautzen und Zittau. Die mittlere Entfernung zur Landeshauptstadt Dresden beträgt ungefähr fünfundsiebzig Kilometer. Zu den wichtigsten identitätsstiftenden Merkmalen des regionalen Identitätskonstrukts zählen hier die prägende Kraft von Bergbau- und Energiewirtschaft sowie der Glas- und Textilindustrie, der Seen als Bergbaufolgelandschaft bzw. der Heide- und Teichlandschaft sowie die Dominanz der Alltagskultur einer „arbeiterlichen Gesellschaft“ und die Existenz der Sorben bzw. der sorbischen Kultur.[15]

Vorrangiges Ziel der Kooperative „Euroregion Neiße“ ist der Abbau von Hemmnissen und von trennenden Faktoren in dieser Region, letztlich die Überwindung der Grenze bzw. das Absinken ihrer Bedeutung als Verwaltungsgrenze[16]. Dabei stehen die Förderung der Hochschulzusammenarbeit, der Ausbau der Grenzübergänge und der Infrastruktur, die Entwicklung des Fremdenverkehrs sowie der trilaterale Umweltschutz im Vordergrund. Der virtuelle Besuch der Euroregion Neiße auf deren Internetseite im Monat Mai des Jahres 2005 gibt Einblick in den noch großen „Handlungsbedarf“ (um in der Diktion der Webseitentexter zu sprechen): Im Aktionsfeld der Expertenkommission Small-Fund (E.KOM-SF) findet man neben den Rubriken Statistik, Denkmalschutz, Geschichte etc. neuerdings auch die Rubrik Kultur – allerdings wird man darauf verwiesen, dass diese Rubrik erst im Entstehen ist.[17]

2.1. Kurze historische Streiflichter

Folgt man der Definition Max Webers, wonach Geschichte das soziale Handeln des individuellen Menschen im Wandel von Gesellschaft und Kultur sei, so muss sich das historische Interesse dieser Arbeit den handelnden oder leidenden Menschen dieser Region zuwenden, im Grunde der ganzen Gesellschaft, darüber hinaus dem Land selbst mit seinen großen Zeugnissen alter Kultur, die von diesen Menschen geschaffen wurden. Beides gehört zusammen und wurde nach dem verlorenen Krieg gewaltsam voneinander getrennt. Die Euroregion Neiße, die heute mühselig und gegen allerlei Widrigkeiten aufgebaut wird, existierte in früheren Jahrhunderten fast selbstverständlich als ostmittel-europäischer Kulturraum. Für das handeltreibende Bürgertum, für Gelehrte und Künstler, für die durch Ehen über Landesgrenzen hinweg verflochtenen Adelsfamilien war der freie Verkehr von Menschen, Ideen und Waren eine Grunderfahrung in dieser europäischen Zentralregion. Zeitweilig, in Teilen oder als Ganzes Böhmen zugehörig, dann Sachsen, Preußen und Schlesien und heute Polen, verbinden sich hier deutsche und slawische Kulturen. Wichtige Handelsstraßen bildeten Jahrhunderte lang Basis und Quelle des Reichtums, brachten Innovation, Kunst, Wissen aber auch Krieg.

Die Geschichte der Region kennt das Gegenbild, zuletzt den sich überstürzenden Untergang regionaler Kultur und regionalen Lebens Mitte des 20. Jahrhunderts. Unvergleichliches folgte in den Jahren aufeinander. Das totalitäre Regime des Nationalsozialismus, dann die Kriegszeit, begleitet von den Morden an Juden, Polen und Russen in der Nachbarschaft. Schließlich wurde die Region selbst zum Kriegsschauplatz. Das Land war Objekt im Planspiel jener Machthaber und Täter, die damals im deutschen Namen Politik betrieben. Sie haben den Weltkrieg entfesselt, der dann den Gegenschlag der kleinen und großen Mächte auslöste. Niemand wird leugnen, dass der Nationalsozialismus auch in dieser Region einen Nährboden fand. Hier war der Anteil an dieser Entwicklung weder größer noch kleiner als in anderen deutschen Provinzen. Mit Kriegsende bemächtigten sich die Sieger des Landes und vertrieben seine deutschen Bewohner.[18] Zurück blieb eine sensible Stelle in Europa, die nun wieder einen radikalen und widersprüchlichen Prozess gesellschaftlicher Umstrukturierungen durchläuft. Ihre Grenzen sind im Gegensatz zu den anderen Außengrenzen keine historisch gewachsenen Grenzen. Die Bevölkerung auf polnischer Seite wurde zum großen Teil erst nach 1945 dort angesiedelt, diese Menschen lebten in ihrer Geschichte zuvor also nie in Nachbarschaft mit Deutschland. Auf der Westseite der Neiße lebte die Bevölkerung bis 1945 mitten in Deutschland. Die geschichtliche Bürde wog schwer. Der Warschauer Zeithistoriker Edmund Dmitrów stellte 1992 fest, dass, wenn es um die gegenseitige Verantwortung und Schuld zwischen Polen und Deutschen geht, die Polen die Geschichte genauso unbedenklich im Mai 1945 enden lassen, wie sie für viele Deutsche erst mit diesem Datum beginnt.[19]

Der Nachholbedarf an gegenseitiger Verständigung und am Willen, aufeinander zu zugehen, besteht dessen ungeachtet auch als Überkommenschaft der DDR-Abgrenzungspolitik in den grenznahen Regionen. Es gab weder in der DDR, noch in der Volksrepublik Polen oder der Tschechoslowakei eine Infrastrukturpolitik, die über die Staatsgrenzen hinausdachte.[20]

Die Grenzfrage war zum Tabu erklärt. Die öffentliche Tabuisierung der Grenzprobleme war allerdings auch die Kehrseite der hermetischen Abriegelung der Grenzen zwischen den sozialistischen Staaten. Zugleich verschwanden weitere Problemkreise des deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Verhältnisses aus dem öffentlichen Bewusstsein der DDR und der zeitgeschichtlichen Forschung und Literatur, so die Geschichte der Deutschen in Polen seit dem hohen Mittelalter. Zum Tabu wurden vor allem Flucht und Vertreibung einschließlich der dazugehörenden Termini.[21] Zur Verwurzelung in der neuen Heimat bedurfte es ebenso der emotionalen und geistigen Verarbeitung, die auf beiden Seiten der Grenze durch Ideologie und Propaganda gestützt war. Die gleichartigen Erfahrungen der Menschen diesseits und jenseits der Grenzen mit Vertreibung, Umsiedlung, Industrialisierung und sozialistischem Staats- und Gesellschaftsaufbau schufen eine gewisse Verbundenheit, auf die ältere Gesprächspartner häufig verweisen. Das Arrangement mit den Verhältnissen erleichterte der wirtschaftliche Erfolg, der sich in den drei sozialistischen Staaten[22] während der goldenen Jahre des Sozialismus zwischen 1950 und 1975 einstellte.

Wie auf der deutschen Seite der Grenze half auch auf der polnischen und der tschechischen Seite die Ideologie bei der Bewältigung von Geschichte und Gegenwart. Der Hass auf die Deutschen blieb noch lange Jahre nach dem Krieg ein einigendes Band für die heterogene Bevölkerung östlich der Neiße. Dem Tabu verfiel hier beispielsweise die deutsche Vergangenheit des polnischen und tschechischen Nordens und des polnischen Westens[23].

Von der Grenze schien eine Bedrohung auszugehen, die in den Teilen des Dreiländerecks politisches Denken und Existenzformen nachhaltig prägte. Sie bestimmte den Alltag und die Wahrnehmung.[24] Die Verhältnisse in der Grenzregion im Dreiländereck waren nach allem Gesagten so, dass eigentlich keine Nachbarschaft daraus werden konnte, bestenfalls ein ruhiges Nebeneinander. Commercium et Connubium, Handel und Heirat, verbinden die Völker miteinander, doch in dieser Grenzregion war dies kaum möglich.

Die „sanfte Revolution“ und die Demontage des „Eisernen Vorhangs“ vermochten diese Auswirkungen nicht schlagartig zu verändern. Zu tief hatten sich Erinnerungen und Gewohnheiten festgesetzt. Ein tschechischer Akteur erinnert sich daran, wie die Benutzung der deutschen Sprache in der damaligen Tschechoslowakei gebraucht wurde, um eine gewisse Abneigung gegenüber den Deutschen zu demonstrieren:

„Dass ich Deutsch gelernt habe am Gymnasium, konnte ich nur deswegen, weil wir gute Freunde getroffen haben, dass ich meine Familie in Deutschland habe und dass ich die hässliche (...) Nazisprache als schön erfahren habe. (…) Und die Tschechen schämen sich auch, richtig Deutsch zu sprechen. Das ist ein ganz seltsames Phänomen, wenn man tschechisches Deutsch spricht: Ich durfte nicht zu gut Deutsch aussprechen. Jetzt ist das eher möglich. Weil jetzt ist ein bisschen mehr erlaubt. Es war so: man machte den Mund nicht so deutsch, um zu zeigen, ich bin ein Tscheche. Das ist ganz seltsam, noch am Gymnasium bin ich eben aus Deutschland gekommen und es war praktisch unmöglich in der Klasse so richtig deutsch zu sprechen. Auch die Lehrerin hatte eine ziemlich tschechische Deutsch-Aussprache. Sie war perfekt, grammatisch alles, Wortschatz alles perfekt, aber irgendwie war das eben diese seltsame Art, die Abneigung zu zeigen. (...) ich spüre das persönlich emotional, wenn man in der Straßenbahn fährt und die jungen Deutschen sind oft sehr laut. Und ich spüre, wie die tschechischen Menschen Gänsehaut kriegen, nur von dem lauten Sprechen dieser Deutschen, werden sie gleich aggressiv, das spürst du auch, und deswegen sprechen auch viele tschechische Menschen nicht gern deutsch“.

Zwar empfanden viele die Euphorie der ersten Monate nach der Wende, wagten sich Wanderer über die Barrieren ihres Gedächtnisses und des Grenzgeländes in das Nachbarland hinein. Doch bald folgte die Einsicht, dass ein neuer Umgang mit der Grenze nicht allein einem Akt des Willens entspringen kann, sondern ein langwieriger Prozess des Umdenkens ist, der Wahrnehmungen und Begebenheiten nach und nach in ein neues System der Sinnstiftung einbettet.

2.2. Wo der Westen auf den Osten trifft

Seit 1990 befinden sich nicht nur die regionalen Gesellschaften der Grenzregionen in einer völlig neuen Situation, bedingt durch beschleunigte Modernisierungsprozesse, soziale Umschichtungen und ein völlig verändertes internationales Umfeld, einschließlich neuer Nachbarstaaten. Der Übergang zur Demokratie, der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und der Übergang zur Globalwirtschaft, das sind ungeheure, Generationen beanspruchende Aufgaben. Die Transformation wird als nationalstaatlich gesteuerter Systemwechsel vorangetrieben, der teilweise durch Entbettungs- und Fragmentierungstendenzen der Globalisierung untergraben wird[25]. Wie bereits dargestellt, befördern diese Veränderungen regionale Zusammenschlüsse auf wirtschaftlicher[26] und politisch-administrativer Ebene. Viel wurde für die äußere Hülle getan, sichtbar an städtebaulichen, infrastrukturellen Veränderungen[27] und Sanierungen.

Enorme Anforderungen aufgrund der politischen Wenden, von Arbeitslosigkeit und EU-Osterweiterung schufen ein Konglomerat aus Befürchtungen, Ängsten und Hoffnungen, die dazu zwingen, Unterschiede auszuhalten, aber auch die eigene Identität neu zu gestalten.

Obwohl die Zeit der Berührungsängste und der Geschichtsklitterung abgelaufen scheint, sind die Menschen davon geprägt. Noch heute schlägt sich der Gründungsmythos der Westgebiete in dem Begriff wieder gewonnene Gebiete nieder. Die Frage nach der Heimatregion wird auch von jüngeren Menschen mit der Wortwahl beantwortet:

„Meine Heimatregion? Das sind die wieder gewonnenen Gebiete, die einst den Deutschen gehörten.“

Delikate Probleme der Vergangenheit[28] und taktlos geäußerte Meinungen verschärfen in der jüngsten Zeit erneut die Beziehungen zwischen den Nachbarstaaten.

Entsprechend dem Geschichtsbild sind die Hemmungen bei den polnischen Jugendlichen jedoch geringer und die Sichtweisen auf den Annäherungsprozess entsprechend anders gelagert. Den Deutschen wirft ein polnischer Jugendlicher vor:

„Ihr macht Programme für uns, nicht mit uns.“

Die Hauptsorge der polnischen Bevölkerung ist nach wie vor der EU-Osterweiterung die Befürchtung der politischen Vereinnahmung, insbesondere vor dem Ausverkauf des Ländereigentums.

Deutsche dagegen fürchten einen Anstieg der Kriminalität - eine gefühlte Unsicherheit, die keine Grundlage in der Statistik findet, aber trotzdem zu einer mentalen Abgrenzung führt.[29]

Die polnische Bevölkerung wird am ehesten getragen von einer zukunftsorientierten Grundeinstellung, vermischt mit starkem kulturellem Selbstbewusstsein, das von Optimismus und Aktivität getragen wird. Tschechische Akteure begleiten den Annäherungsprozess in einer nachdenklichen, beobachtenden Art und Weise, sich an ihrer eigenen Kultur orientierend. Für Deutsche ist der europäische Annäherungsprozess mehr ein nüchternes Abklopfen der Entwicklungschancen.

Bemerkenswert in den drei Ländern ist jedoch der hohe Stellenwert der Kultur und eine relativ dichte kulturelle Infrastruktur[30]. Trotzdem ist die deutsche, polnische und tschechische Mentalität jeweils sehr verschieden[31], im Stil, in Ressourcen, in Erfahrungen.

Einen weiteren Berührungspunkt in der Region reaktiviert die alte Debatte zwischen Provinz und Metropole. Noch immer schwingt bei der Benutzung des Begriffes „Euroregion Neiße“ die Empfindung einer politischen Minderberechtigung und wirtschaftlichen Schlechterstellung mit. Integrationshoffnungen sind gepaart mit Integrationsängsten. Vor allem ältere Menschen haben Angst vor den praktischen Auswirkungen der Globalisierung und erwarten einen Verlust an demokratischer Souveränität im eigenen Lande. Die Menschen sehen sich marginalisiert, eine defensive Betrachtungsweise, die mit ihren Erfahrungen, Denkweisen und Werten im Zusammenhang steht. Abwandernde junge Menschen suchen Arbeitsplätze in wirtschaftlich dynamischeren Gegenden. Die Verbliebenen widmen ihre Kräfte mitunter in zwei Berufen dem Erwerb. Die Begabten unter den wenigen Heranwachsenden studieren keine Künste, sondern Jurisprudenz oder Ökonomie. Doch gerade sie müssen den Schritt zur Flexibilität erfolgreich meistern, um sich behaupten zu können.

Nur Schritt für Schritt weicht das Gefühl der grenzbedingten Minderwertigkeit[32] schon dem Blick auf die Chancen und den besonderen Reiz, der diese Gegend auszeichnet.

3. Bildende Künstler in der Region – ein Leben ohne lautes Kunstgeschrei

3.1. Gesellschaftliche Wahrnehmung und regionale Künstler

Auch wenn die Region als Kunstmarkt kaum eine Rolle spielt, verfolgen die kulturell interessierte, intellektuell tonangebende Schicht des Mittelstands und ein gewisses Bildungsbürgertum, die sich mit der politischen Situation in der Region auseinander- und für deren Aufbau einsetzen, mehr oder weniger die Kunstszene[33]. Auch ein Teil der im kaufmännischem Bereich Tätigen begrüßt künstlerische Projekte, weil darin die Möglichkeit gesehen wird, dass sich mehr in der Region bewegt und dies sich positiv in der Wirtschaft niederschlägt. Dem schließen sich gesellschaftliche Entscheidungs-träger der Region an und benutzen darüber hinaus Kunst als gelenkte dekorative Offerte.

Kunst wird von diesen Menschen bisweilen auch als ein kreatives Potential zur Entwicklung der Region wahrgenommen, das gebraucht wird, um neue Ideen zu entwickeln. Und ganz allgemein gehört für diesen Personenkreis zur kulturellen Attraktivität eines Ortes einfach auch ein florierendes Kunstleben. Trotzdem ist die gesellschaftliche Akzeptanz von künstlerischer Kreativität sehr gering.[34] Kreativität wird von den Menschen der Region mehr auf den Erhalt der Existenz verwandt. Kunst leistet man sich nur, wenn man die alltäglichen Lebensbedürfnisse finanziell abgesichert hat, als Sinnstiftung ist sie bislang kaum gefragt.

Überdies sind sich die Bürger des künstlerischen Potentials in ihrer Region nicht bewusst. Ungenügende oder ausbleibende Wahrnehmung der Existenz der Künstler verhindert auch, dass im Kulturleben ein Selbstverständigungsprozess über Kunst in Gang kommt.[35] Diese Feststellung kann auch auf große Teile der Regionalpolitiker übertragen werden. Selbst von Kulturpolitikern, die sich nicht vorrangig mit bildender Kunst beschäftigen, sondern mit anderen Sparten der Kunst, kommt auf Nachfrage zu diesem Thema wenig Substanzielles.

In den letzten Jahrzehnten entstanden im sozialistischen Realismus bildungsmäßig Defizite, die sich bis heute auswirken. Von den Menschen, für die Kunst eine Rolle spielt, benötigen viele lange Zeit, bis sie sich überhaupt zeitgenössischer Kunst öffnen können.[36] In ihrer Vorstellung betreiben die Kunstakademien eine fragwürdige Ausbildung, zumindest was gegenstandslose Kunst betrifft. Die Gesellschaft reagiert auf den „irritierenden Bestandteil ihrer selbst“[37] in der Weise, dass sie sich dem Künstler gegenüber möglichst wenig positioniert, dass sie in nur geringem Umfang personelle, institutionelle und ökonomische Handlungsrahmen bereitstellt. Die sozial eher gefährdete Existenz des Künstlers beruft sich dabei nicht auf gesellschaftliche Alimentierung, sondern eher auf eine gesellschaftliche Umgebung, in die hinein er sich mit seinem Gestaltungstrieb einbringen könnte. Andererseits resultiert die geringe gesellschaftliche Wahrnehmung auch aus der Verschlossenheit der Künstler. Nur wenige Künstler wollen und können ihre Ansichten mit anderen teilen. Auch deswegen wird das Talent auf sich selbst und auf Wahlverwandtschaften verwiesen. Kunst entsteht damit weniger in einem gesellschaftsbezogenen Beruf, als in einer privaten Lebensäußerung.

Wesentlich einflussreicher als die Künstler selbst sind die personellen und institutionellen Legitimatoren der Kunst. Die Freizeitgesellschaft und ihre kulturellen Akteure sähen den Künstler gern in der Rolle des Animators. Wenn ein Künstler Narziss genug ist, sich mit dieser Rolle zu begnügen, lässt sich dagegen vielleicht nichts einwenden. Anzunehmen ist jedoch, dass der Künstler in diesem Kunstbetriebsklima und dieser Rollenzuweisung nicht die Erfüllung findet, wie manch anderer Mensch, der neben seiner sozialen und beruflichen Rolle noch ein privates „eigentliches Leben“ führt. Das von Helmuth Plessner so bezeichnete „Doppelgängertum“[38] privater und sozialer Existenz, das im Alltag der Gesellschaft unvermeidlich und üblich sein mag, ist tödlich für künstlerische Arbeit, denn dort kommt es darauf an, authentisch zu sein. Jeder entwickelt seine Überlebensstrategie, niemand könnte sonst als Künstler tätig sein.

Für die Künstler der Region selbst war die Möglichkeit zur Kommunikation mit der Außenwelt, die Chance, Ausstellungen im Ausland zu besuchen und dort auch auszustellen, der wohl wichtigste Zugewinn nach der Wende. Wie magnetisch zog es sie in die Welt. Diese Möglichkeit sowie der Ausfall ihrer Geltung und Funktion im Sozialismus bewirkten Veränderungen, deren Auswirkungen nicht sofort zu spüren waren.

Vielen Künstlern fiel in der kommunistischen Ära die leitbildhafte Rolle des Provokateurs zu, der die Ordnungsmuster und die kanonisierten Weltbildschemata spielerisch und in Form des Probehandelns außer Kraft setzte. Er vermittelte Kommunikation zwischen Menschen, die unzufrieden mit dem System waren. Die Kunst musste in dieser Funktion verständlich sein, in einer latent aufsässigen Art und Weise auf Probleme zeigen. Diese gesellschaftliche Verantwortung hat viele Künstler auf einen Aktionsraum verpflichtet, der Kritik an und in der Gesellschaft möglich machte. Die Sprache der bildenden Künstler und ihrer Werke wurde Teil der sanften Revolution. Viele Künstler haben dieser ihnen zugefallenen Funktion gedient und waren plötzlich nach der Wende scheinbar von ihr entlastet. In der den Künstlern eigenen emotionalen Intensität stellten sie sich neue Fragen: Wer bin ich in dieser neuen Ordnung? Welchen Richtungslinien folge ich? Die jeweiligen Antworten brachten auch Veränderungen in der Kunst, ein Künstler beschreibt diesen Wirkungsprozess:

„Das heißt die Kunst hat sich langsam (…) geändert. Ich habe Figurmalerei gemacht, das heißt, Figuren die fast hyperrealistisch gestaltet waren, schrecklich depressive Bilder, düster und ohne Farbe, halt Gefängnisbilder. (...) Die Figuren, die haben dann auch die Fähigkeit gehabt, sich zu befreien“.

[...]


[1] Im Kapitel 2 werden diese schwer fassbaren Begriffe graphisch dargestellt.

[2] Im Bemühen um sachliche Ordnung und zur besseren Orientierung des Lesers wurde der Gebrauch der deutschen, jetzt polnischen oder tschechischen topographischen Bezeichnungen geregelt: Es werden die aktuellen landessprachlichen Namen verwendet und der historisch deutsche Name in Klammern gesetzt, ausgenommen sind die Textabschnitte, die sich auf Ereignisse vor 1945 beziehen. Um die Textstruktur übersichtlich zu halten, werden die Ortsnamen lediglich in der ersten Erwähnung zweisprachig bezeichnet, danach wird auf die Doppelbezeichnung verzichtet und nur der jeweils landessprachliche Namen verwendet. Bei international klar verständlichen Bezeichnungen wie Breslau und Prag wird ebenfalls auf eine Doppelbezeichnung verzichtet.

[3] Die drei weiteren Euroregionen Sachsens sind die Euroregion Elbe/Labe, die Euroregion Erzgebirge und die Euroregion Egrensis.

[4] Seit 1997 treffen sich polnische, deutsche und tschechische Künstler aus der Region zwischen Breslau, Prag und Dresden um sich kennen zu lernen, gemeinsam zu arbeiten und auszustellen. In der kurzen Geschichte der Euroregion ist das eine lange Zeit. Das Projekt „Künstler der Euroregion Neiße“ wird vom Regionalmuseum im polnischen Jawor (Jauer) mit den Begleitveranstaltern, dem Schlesischen Museum zu Görlitz und dem tschechischen Museum des Böhmischen Paradieses Turnov (Turnau), zyklisch organisiert und durchgeführt.

[5] Letztere Tatsache sollte als Verpflichtung zur Gemeinsamkeit begriffen werden.

[6] Ein Forschungsprojekt der Technischen Universität Dresden, Studiengang Kultur und Management, in Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, durchgeführt unter Leitung von Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg im Wintersemester 2003/2004.

[7] Es gibt Zitate, bei denen der Inhalt Rückschlüsse auf den Zitierten zulässt. In solchen Fällen, wurde das Zitat erst nach Genehmigung des Interviewten verwendet.

[8] Vgl. Plessner, Helmuth: Mit anderen Augen. In: Gesammelte Schriften VIII. Frankfurt am Main,

S. 88-104.

[9] Vgl. dazu: www.euroregion-neisse.de, Stand 12.09.2004

[10] Davon entfallen 30,3% auf den polnischen Teil, 31,2% auf den tschechischen und 38,5% auf den deutschen Teil.

[11] Davon wohnen 27,1 % im polnischen Teil, 29.8 % im tschechischen und 43,1 % im deutschen Teil.

[12] Vgl. dazu: www.statistik.sachsen.de, Stand 05.05.2005

[13] Liberec ist zugleich die größte Stadt der Euroregion (über 158 520 Einwohner). Es folgen: das polnische Jelenia Góra (etwa 88 030), Görlitz (etwa 58 500) und Hoyerswerda (etwa 45 000).

[14] Das Material entstammt dem Interview mit einem tschechischen Gesprächspartner.

[15] Klaus Winterfeld: Bilder der Region – Oberlausitzer Identitäten im Spiegel der Akteure. In: Kulturelle Potenzen regionaler Entwicklung. Leipzig 2003, S.77-98.

[16] Das schwerwiegendste Problem bei der Schaffung eines organisatorischen Rahmens für Grenzregionen besteht darin, dass zu wenige Rechtsformen zur Verfügung stehen, die beiderseits einer Grenze Gültigkeit besitzen.

[17] Vgl. dazu: www.euroregion-neisse.de, a.a.O.

[18] Vgl. Conrads, Norbert: Schlesien. In: Deutsche Geschichte im Osten Europas. Berlin,

1994, S.13-36.

[19] Kobylińska, Ewa / Lawaty, Andreas / Stephan , Rüdiger (Hg.): Deutsche und Polen. 100 Schlüssel-begriffe, München 1992, S. 420.

[20] Daran konnte auch der zeitweise visafreie Grenzverkehr nichts ändern: Im Gegenteil, die Folgen der Grenzöffnung Anfang der siebziger Jahre offenbarten die Unangepasstheit der Wirtschaftsstrukturen beiderseits der deutsch-polnischen Grenze.

[21] Die Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler, die im September 1945 in der sowjetischen Besatzungszone gebildet wurde, erklärte Umsiedler zum einzig zulässigen Begriff. Nur in der Literatur waren diese Themen noch präsent und verhalfen Büchern wie Kindheitsmuster von Christa Wolf oder Der Aufenthalt von Hermann Kant zu großer Popularität.

[22] Das waren im Einzelnen die Deutsche Demokratische Republik, die Volksrepublik Polen und die Tschechoslowakische Sozialistische Republik.

[23] Dazu zählte der Versuch der Tilgung aller deutschen Zeichen im öffentlichen Raum.

[24] Kaum eine zwischenstaatliche Grenze des sozialistischen Lagers war wohl nach dem Krieg so gesichert wie die Westgrenze Polens. Nach dem Ende der Kampfhandlungen im Frühjahr 1945 musste sie gegen die zurückflutenden Flüchtlingsströme der Deutschen abgeriegelt werden, dann wurde sie zu einem militärischen Schutzwall gegen den deutschen Revanchismus ausgebaut und schließlich eine der militärischen Sperrlinien im Bündnis des Warschauer Paktes.

[25] Ein polnischer Interviewpartner dazu: „Was die polnische Kultur momentan aufsaugt, ist nicht die deutsche Kultur, die tschechische oder so was, sondern sie überspringen ganz Europa und gehen gleich nach Amerika.“

[26] Rationale Kalkulierer haben sich untereinander verständigt und arbeiten seit langem zusammen. Gesprochen wird darüber wenig, lamentiert wird nur, wenn die Geschäfte schlecht laufen. Beispielsweise unterhält der japanische Autokonzern Toyota im nieder-schlesischen Wałbrzych (Waldenburg) seit 2002 eine Fertigungsstätte für Getriebe. Trinationale Wirtschaftsforen in Jelenia Góra (Hirschberg) haben bereits Tradition. Angesichts der Tatsache, dass zwischen Bautzen, Jelenia Góra und Liberec mehr als 1,5 Millionen Menschen zu Hause sind, das Gebiet also einen riesigen Absatzmarkt darstellt, darf man gespannt sein, welche Potentiale wirtschaftliche Grenzgänger hervorbringen.

[27] Als wichtige regionale Veränderung in der Zeit nach der politischen Wende wird der Autobahn-Anschluss an die A4 gesehen.

[28] Es wurde beispielsweise versucht, den Eindruck zu vermitteln, dass die Ostdeutschen nichts mit dem Hitlerfaschismus zu tun hatten. Dieses Thema wurde niemals ernsthaft aufgenommen und aufgearbeitet.

[29] Belegt durch Ergebnisse des Forschungsprojektes „Kulturelle Potenzen für die Osterweiterung der Europäischen Union. Eine Untersuchung in der sächsisch-polnisch-tschechischen Grenzregion“, durchgeführt im Wintersemester 2003/2004 an der Technischen Universität Dresden unter Leitung von Karl-Siegbert Rehberg, die auf der 3. Kulturraumkonferenz in Annaberg-Buchholz vorgestellt wurden.

[30] Eine Ursache insbesondere auf polnischer Seite war, dass in den Neusiedelgebieten Kultur der Verwurzelung in der neuen Heimat dienen sollte. Zunächst wurden die vorhandenen Institutionen, wie beispielsweise die deutschen Theater einfach weiter- und fortgeführt. In den fünfziger Jahren kam die Breitenkultur in Form von Bibliotheken und Kulturhäusern dazu.

[31] Ein Interviewter bemerkte scherzhaft dazu: Deutsche steigen auf einen Berg und schauen von oben auf die Kirche und das Restaurant. Polen und Tschechen sehen die Kirchen von außen, die Berge von unten und die Restaurants von innen.

[32] Vor einigen Jahren wurde die Oberlausitz umgangssprachlich noch als S ächsisches Sibirien verspottet.

[33] Wenn nicht besonders gekennzeichnet, basieren die folgenden Ausführungen auf Daten, die mit der Auswertung der Interviews gewonnen wurden. Eine anonymisierte Liste ist bei der Verfasserin hinterlegt.

[34] Dagegen wird von Künstlern außerhalb dieser Region registriert, dass Aufmerksamkeit und Dankbarkeit in den Provinzen größer sind. Künstler würden mehr als in den Großstädten wahrgenommen, weil dort das Angebot viel zu groß sei.

[35] Abweichungen davon werden im Kapitel 3.2.2. beschrieben.

[36] Für den Görlitzer Raum lässt sich anmerken, dass sich das gesellschaftliche Kunstinteresse vorwiegend auf die historische Architektur und deren Erhalt fokussiert. Neues hat wenig Platz und es scheint, als wäre die Balance zwischen Gegenwart und Geschichte auf dem Gebiet der Kunst verschoben. Auf den Erhalt von vergangenen Kunstepochen wird viel Wert gelegt, Gegenwartskunst eher ignoriert. Die Bewerbung zur Kulturhauptstadt könnte diese Starre allmählich auflösen, da Gegenwartskunst als unverzichtbarer Bestandteil einer Kulturhauptstadt gesehen wird.

[37] Vgl. Thurn, Hans Peter: Die Suche des Künstlers nach Identität. In: Kunstsoziologie. Bildende Kunst und Gesellschaft. Köln, 1979, S.143-156

[38] Vgl. Plessner, Helmuth: Die Frage nach der Conditio humana. Aufsätze zur philosophischen Anthropologie. Frankfurt / Main 1976.

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Bildende Künstler zwischen Breslau, Prag und Dresden
Untertitel
Eine Untersuchung zu Möglichkeiten und Barrieren von Künstlern und Kunstvermittlern im Hinblick auf ein Zusammenwachsen der trinationalen Euroregion Neiße
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophische Fakultät / Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Kultursoziologie
Note
2,1
Autor
Jahr
2005
Seiten
81
Katalognummer
V172004
ISBN (eBook)
9783640916412
ISBN (Buch)
9783640916566
Dateigröße
1139 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Untersuchung zu Möglichkeiten und Barrieren von Künstlern und Kunstvermittlern im Hinblick auf ein Zusammenwachsen der trinationalen Euroregion Neiße am Fallbeispiel des internationalen Gemeinschaftsprojektes „Künstler der Euroregion Neiße“
Schlagworte
Euroregion Neiße, Künstler Breslau Prag Dresden
Arbeit zitieren
Ramona Faltin (Autor), 2005, Bildende Künstler zwischen Breslau, Prag und Dresden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172004

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