Erich Fried und Experimentelle Lyrik


Hausarbeit, 1997

17 Seiten

Anja Meisner (Autor:in)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Experimentelle Lyrik
2.1. Merkmale dieser Literaturform
2.2. Wissenschaftliches und künstlerisches Experiment

3. Erich Fried
3.1. Biographie
3.2. Das Besondere bei Erich Fried
3.3. Gedichtbeispiele
Gedicht „Euphorie“
Gedicht „Vom Menschen ausgehende Geschichtsauffassung“

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis
5.1. Aus dem Semesterapparat
5.2. Bücher
5.3. Zeitungsartikel

1. Einleitung

Als im Januar 1974 im Hamburger Strafjustizgebäude Funk, Film, Fernsehen und Presse mit Blitzlichtgewitter auf den kommenden Prozess warteten, hätte man annehmen können, es handele sich um einen Mord, Terrorismus oder Ähnliches. Aber es ging um Beleidigung.1 Angeklagter war ein bekannter Schriftsteller, Sachverständiger war ein Nobelpreisträger für Literatur. Im Spiegel 7/1972 war ein Leserbrief abgedruckt, in dem der Polizeibeamte, der den 24jährigen Georg von Rauch im Dezember 1971 in West-Berlin erschossen hatte, des „Vorbeugemordes“ beschuldigt wurde. Der damalige West-Berliner Polizeipräsident sah darin eine Beleidigung und stellte Strafantrag. Erich Fried war der Schreiber des Leserbriefes und mit ihm wurde die damals für die Leserbriefe verantwortliche Redakteurin angeklagt. Der Sachverständige war Heinrich Böll.

Der Leserbrief war ein Nebenprodukt zu dem eigentlichen Text „Schneibarkeit“ zum Tod von Georg von Rauch. Erich Fried hat den Polizeibeamten, der den 24jährigen erschossen hat, nicht beleidigen wollen. Wie der Schriftsteller selber sagte, galt das Wort „Vorbeugemord“ dem Kompetenzenwirrwarr in West-Berlin. Damals gab es eine „blindwütige Volksfahndung“, der Terrorismus war eine ständige Bedrohung. Heinrich Böll, zum ersten Mal Sachverständiger vor Gericht, sieht einen Zusammenhang zwischen „Notwehr“ und „Vorbeugen“. Er plädiert aber „nicht für eine ungehemmte Verbalität, für Privilegien“ für die Schreibenden, wenn er auch daran erinnert, dass der Ausdruck eines Autors etwas anders ist, als jener der Legislative. Der Fall ist ein Beispiel dafür, welche Verwirrungen Sprache anrichten kann. Um die „neue“ Sprache, um experimentelle Literatur und um Erich Fried soll es in meinem Aufsatz gehen. An zwei Beispielen möchte ich Ausprägungsformen der experimentellen Literatur bei Fried und seine „friedschen“ Besonderheiten zeigen. Eine an den Anfang gestellte Definition des Begriffs „experimentelle Lyrik“ darf natürlich nicht fehlen.

2. Experimentelle Lyrik

2.1. Merkmale dieser Literaturform

Nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht in Deutschland ein neues Sprachbewusstsein. Wann genau dieser Prozeß eingesetzt hat, kann man nicht genau sagen. Manche Wissenschaftler sprechen von den 50er Jahren in Westdeutschland2 und von den 70er und 80er Jahren in Ostdeutschland3. Allen gemeinsam, ob nun in den 50er oder in den 70er Jahren, ist der Versuch, der Sprache eine neue Form und einen neuen Sinn zu geben. Dieser „neue Sinn“ ist nicht eigentlich neu, sondern vielmehr der alte Sinn wird neu ins Bewusstsein gebracht. Die Autoren bezweifelten die Möglichkeiten der „normalen“ Sprache, lehnten ihre Widerspiegelungs- und Repräsentanzfunktion ab. Tradition galt als altmodisch4 und in Ostdeutschland kam die Abscheu gegen die Herrschaftssprache des sozialistischen Regimes hinzu.

Die jungen Autoren verstanden die Sprache als regelhaftes, unerschöpfliches, erweiterbares System5, als konkretes Material. Also machten sie sich ans Werk, diese normale Sprache zu zersetzen, um sie neu zu erschaffen. Reduktion des Materials auf seine kleinsten Bestandteile war der erste Schritt. Die spielerische Kombination von Wörtern, Silben, Lauten und Buchstaben ließ neue Gedichte entstehen, deren Druckbild zum Bestandteil und zur Ausdrucksform wurde.

Hans Magnus Enzensberger warf den experimentellen Dichtern vor: „sie betrieben bloße Wiederholung, Betrug oder Selbstbetrug“6. Eine Kritik, der teilweise zugestimmt werden muss, wenn man sich mit experimenteller Literatur beschäftigt. Liest man viele dieser Gedichte, die den Anspruch erheben, neue Sprache zu schaffen und alte Strukturen aufzubrechen, so bemerkt man, dass sich nach einiger Zeit Gewöhnung und neue Regelmäßigkeit einstellen. Gleichzeitig werden oft mit dem Durchbrechen alter Regeln neue aufgestellt. Mit dem Abschaffen der Großschreibung entsteht ein neues Gesetz: die Kleinschreibung. Nur konsequente Regellosigkeit würde auf Dauer tatsächlich Sprachnormen aufbrechen, ohne neue zu schaffen. Hier sind eindeutig die Grenzen der experimentellen Literatur, für die Schriftsteller, die sie sich zum Credo gemacht haben. Jan Faktor ist einer der Autoren, die nur alte Bedeutungen abbauen, aber keine neuen aufbauen wollen. Experimentelle Literatur ist neben dem allen aber auch einfach nur Spiel mit Sprache.

2.2. Wissenschaftliches und künstlerisches Experiment

Harald Hartung setzte sich in dem Aufsatz „Experimentelle Literatur und konkrete Poesie“ unter anderem mit dem Begriff Experiment und seiner Verwendbarkeit in der Literatur auseinander. Nachdem unter der letzten Unterschrift die Merkmale der experimentellen Dichtung dargelegt wurden, möchte ich nun auf die Ausführungen Hartungs zum Begriff der experimentellen Lyrik kommen. Das konnte erst nach der Charakterisierung geschehen, da Harald Hartung von einem Allgemeinwissen und Allgemeinverständnis dieser Literaturform ausgeht.7

Was heißt „Experiment“? Experimentum (aus dem Lateinischen) heißt: Probe, Versuch, Versuchsobjekt, Beweis.8 Hartung schreibt dazu: „Das lateinische Wort als Unterbegriff bezeichnet eine spezielle, methodische Weise der Erfahrung, zumeist ein wissenschaftliches Verfahren zur Überprüfung von Theorien und Hypothesen durch die methodische Beobachtung von Naturprozessen.“9 Dabei werden durch zielbewusste Veränderungen der Versuchsbedingungen neue Erfahrungen gewonnen. Das physikalische Experiment folgt dem induktiven Verfahren. Zu Beginn wird eine Hypothese aufgestellt, dann die passende Fragestellung. Nach erfolgten Untersuchungen kommt man durch die Synthese der Teilmessungen zu einer allgemeingültigen Aussage. Bedingungen für ein solches Experiment sind die Isolierbarkeit des aufzuklärenden Vorgangs, die begrenzte Anzahl der Variablen und die Reproduzierbarkeit des Experiments.

Alfred Andersch sagt, dass diese klassische Vorstellung von einem Experiment nicht auf die Literatur übertragbar ist. Der Künstler kann keine Versuchsreihen veröffentlichen. Der Dichter experimentiert zwar, legt auch ein Ergebnis aber niemals das Experiment als solches vor.10

Die Definition des Begriffs Experiment hat sich mit der Weiterentwicklung der Wissenschaften verändert. Die klassische Physik ist längst nicht mehr klassisch, sie hat sich von der strengen Kausalität11 zu Wahrscheinlichkeitsvorhersagen der Quantenphysik entwickelt.

In der Thermodynamik gibt es den Begriff der Entropie, die das Maß der Unordnung der Teilchen in einem Gas ist. Max Bense, auf den sich Harald Hartung beruft, überträgt diesen Begriff auf die gesamte Physik. Schlussfolgerung nach Hartung: die Physik erkundet die Unordnung und damit die Ordnung, und strebt somit die Wahrscheinlichkeit, das Vorhersehbare an. Ästhetik, die von Hartung der Kunst gleichgesetzt wird, lebt von der Spontanität, von einem Maß an Ursprünglichkeit und an Unwahrscheinlichkeit. Deshalb ist die Kunst und die Ästhetik entgegengesetzt zur Physik, und dem entsprechend sind auch das künstlerische und das wissenschaftliche Experiment Gegensätze. Dennoch darf der Begriff des Experiments in der Kunst und in der Literatur verwendet werden, da das Wort „Experiment“ über die wissenschaftliche Sprache definiert wird, aber nicht das eigentlich klassische Experiment meint.

[...]


1 Vgl.: Mauz, Gerhard: Ein ernster, fürchterlicher Fall, Spiegel, 24.01.1974.

2 Vgl. Wucherpfennig, Wolf: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Klett Schulbuchverlag, Stuttgart 1986, Seite 289.

3 Vgl. Emmerich, Wolfgang: Vom Vorschein der Freiheit im Spiel der Sprache, Seite 169.

4 Vgl. Fricke, Harald: Literatur und Literaturwissenschaft, Paderborn 1991, Seite 167.

5 Vgl. Emmerich, Wolfgang: Vom Vorschein der Freiheit im Spiel der Sprache, Seite 171.

6 Emmerich, Wolfgang: Vom Vorschein der Freiheit im Spiel der Sprache, Seite 172.

7 Hartung, Harald: Experimentelle Literatur und konkrete Poesie, Göttingen, Kapitel 1 bis 4.

8 Langenscheidts Schulwörterbuch Lateinisch, Langenscheidt KG, Berlin/München 1991, Seite 160.

9 Hartung, Harald: Experimentelle Literatur und konkrete Poesie, Göttingen, Seite 11.

10 Ebenda: Seite 12.

11 Vgl. Fremdwörterbuch: notwendiger Zusammenhang von Ursache und Wirkung, Ursächlichkeit.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Erich Fried und Experimentelle Lyrik
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Experimentelle Lyrik
Autor
Jahr
1997
Seiten
17
Katalognummer
V172033
ISBN (eBook)
9783640917310
ISBN (Buch)
9783640917068
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fried, Lyrik, Gedichte, Neuere deutsche Literatur
Arbeit zitieren
Anja Meisner (Autor:in), 1997, Erich Fried und Experimentelle Lyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172033

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