Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung von Studenten

Eine empirische Studie


Bachelorarbeit, 2006

80 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Rahmenbedingungen in der Gesellschaft
1.1 Die ökonomischen Bedingungen in Deutschland und ihr Einfluss
1.2 Die historischen Entwicklungen von den 1950ern bis 1980ern
1.3 Der Strukturwandel in Deutschland ab den 1980er Jahren
1.4 Die entgrenzte Jugend
1.5 Entgrenzung - begriffliche Einordnung

2. Junge Erwachsene
2.1 Eine begriffliche Einführung
2.2 Die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt
2.3 Studium als Erweiterung der Zugangsmöglichkeiten
2.3.1 Betrachtung der biografischen Studienverläufe in der Sozialpädagogik

3. Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung
3.1 Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung theoretische Aspekte
3.2 Über die Entstehung des Begriffs soziales Netzwerk
3.3 Charakteristika sozialer Netzwerke
3.4 Formen von sozialen Netzwerken
3.5 Forschungsgegenstand Networking am Beispiel des „YOYO“- Projekts

4. Betrachtung sozialer Netzwerke und soziale Unterstützung bei Erziehungswissenschaftsstudenten der Universität Hildesheim
4.1 Die Idee für die Befragung
4.2 Durchführung und Auswertungsmethode der Befragung
4.2.1 Überprüfung mit der Think-Aloud- Methode
4.2.2 Die Durchführung
4.2.3 Die Auswertung
4.3 Erörterung der Ergebnisse
4.3.1 Das soziale Netzwerk der Studenten
4.3.2 Die soziale Unterstützung der Studenten

Resümee

Literaturverzeichnis

Anhang:
Fragebogen

Einleitung

Das Interesse an sozialen Netzwerken und ihren Wirkungen auf ihre Mitglieder erfährt seit Jahren ein ständig wachsendes Interesse und hielt Einzug in die verschiedensten Wissenschaften. Auch Befragungen zu diesem Thema führten zu dem Schluss, dass Beziehungen zwischen Menschen und ihre informellen Unterstützungsleistungen als wichtigste Ressource in der Biografie gezählt werden (vgl. Röhrle 1994). Diese Verknüpfung von Personen mit ihren daraus gezogenen Hilfen findet mit wachsendem Interesse in der Politik und Wirtschaft größere Beachtung. Diese Entwicklung bringt zum Ausdruck, dass in der sozialen Unterstützung Kräfte und Potentiale schlummern, die es für unterschiedlichste Bereiche im Leben zu wecken gilt.

Angesichts des Strukturwandels als Folge von Technologisierung, Kapitalisierung, Globalisierung und der Krise des Wohlfahrtsstaates (vgl. Röhrle1994) sieht sich auch die sozialpädagogische Beschäftigungsförderung vor der Herausforderung, sich in diesem Bereich neu anzugliedern und neu orientieren zu müssen (vgl. Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005). In diesem Rahmen erhalten soziale Beziehungen mit ihren Unterstützungskomponenten eine neue Bedeutung. Als besonders schwierig werden die Gestaltung und der Einstieg der jungen Frauen und Männer in das Berufsleben gesehen. Sie stehen vor einem wichtigen Schritt: Dem Abschluss des Jugend-Seins und das Eintreten in das Erwachsenen-Sein und befinden sich in Übergangssituationen unter anderem in das Arbeitsleben. Die hauptsächliche Aufmerksamkeit in dieser Literatur wird auf Heranwachsende gelegt, die Probleme mit der Integration in das Berufsleben haben (vgl. Walther 2000; Arnold 2005). Die wachsende Konkurrenz, die zwischen den Bewerbern herrscht, steht im Zusammenhang mit dem steigenden Bildungsstand der Menschen, der niedrigere Abschlüsse verdrängt. Die Komplexität der Lebenssituation, die auf die jungen Frauen und Männer wirkt, macht das Aufstellen des Selbstkonzeptes für die spätere Orientierung auf dem Arbeitsmarkt und letztendlich das Finden einer Arbeitsstelle zu einer Herausforderung.

Während meines Studiums konnte ich mehr über diese Übergangssituationen in den Arbeitsmarkt und die damit aufkommenden Probleme anhand der Darstellungen und Diskussionen in der Literatur kennen lernen. Praktische Einsichten erhielt ich, als ich selbst eine Praktikastelle suchte und erstmals die Konkurrenz der Bewerber bei besonders begehrten Stellen in Institutionen und Unternehmen zu spüren bekam. Erst als ich durch meinen ersten Praktikaplatz Kontakte aufgebaut hatte, erhielt ich im folgenden Jahr ein Angebot für eine bezahlte Stelle. Dies führte mich zu der Einsicht, dass der Wettbewerb um bevorzugte Arbeitsplätze auf dem Markt für Akademiker beziehungsweise der von Sozial- und Organisationspädagogen gewachsen sein muss.

Studenten benötigen zunehmend eine Vielfalt an Kontakten aus unterschiedlichen Bereichen, die Zugang zu den unterschiedlichsten Ressourcen wie lebenspraktische Erfahrungen im Arbeitsleben oder Informationen gewähren. Dies warf bei mir die Frage auf, wo Studenten soziale Unterstützungen durch Freunde oder Bekannte in ihrem Umfeld sehen oder sogar schon haben. Die vorliegende Arbeit setzt deshalb ihren Fokus auf die Situation von Studenten und untersucht ihre sozialen Netzwerke und soziale Unterstützung. Den Schwerpunkt bilden hier so genannte Schlüsselpersonen oder Torwächter, die es herauszufinden gilt. Sie können den Studenten auf ihrem Lebensweg und ihrer Übergangsituation beistehen oder weiterhelfen. Ebenso werden ihre verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten erfragt.

Ich möchte mit dieser Abschlussarbeit das „Rad“ über soziale Netzwerke und soziale Unterstützung nicht neu erfinden, sondern richte mich nach bereits bewiesenen Aussagen aus der Literatur, die ich anhand von Beispielen beleuchte. Wichtig für meine Ausführungen ist herauszufinden, ob Studenten der Sozial- und Organisationspädagogik und der Pädagogischen Psychologie über informelle Beziehungen und nach Bourdieu sozialem Kapital1 für das Studium und den Übergang in das Arbeitsleben verfügen oder wo diese Kontakte im sozialen Umfeld angesiedelt sind.

Die Arbeit besteht aus vier Kapiteln, die einzelne Themenschwerpunkte behandeln. Sie wiederum setzen sich aus einzelnen Abschnitten mit Unterpunkten zusammen. Die ersten drei bilden die theoretische Grundlage mit eigenen Überlegungen für die empirische Untersuchung, die im letzten Kapitel vorgestellt und nach den Gütekriterien der Validität, Reliabilität und Objektivität ausgewertet wird. In meinen Ausführungen habe ich mich dazu entschlossen die männliche Version von Personenangaben und Professionen für eine leichtere Lesbarkeit zu verwenden. Trotzdem beziehen sich meine Aussagen immer auf beide Geschlechter.

Einen Einstieg in das Thema der Arbeit stellt das erste Kapitel über die Rahmenbedingungen in Deutschland dar. Sie werden in Bezug zu den Lebensbedingungen von Menschen im 21. Jahrhundert gebracht und hinterfragt, warum Lebensverläufe an ihrer Linearität verloren haben und welche neuen Konsequenzen dies hat. Es gibt einen zusammenfassenden Überblick über den Stand der Diskussionen in der vorhandenen Literatur.

Durch die Frage, warum soziale Netzwerke mit ihren Unterstützungsleistungen wichtiger werden, sollen die Einflüsse der Strukturentwicklung auf Heranwachsende veranschaulicht werden. Dies soll unter Einbezug der Entwicklung der Bedingungen in Deutschland durch sowohl ökonomische, als auch ökologische Faktoren deutlich gemacht werden. Im weiteren Verlauf wird eine Definition von Jugend und seiner Entwicklung gegeben. Das Thema Jugendliche und ihre Lebensbedingungen beim Übergang in die Arbeit wird anhand der Fragestellung untersucht, mit welchen Besonderheiten sie sich im Zuge der Entwicklungen in Deutschland konfrontiert sehen. Dies führt zu einer weiterführenden Definition von jungen Erwachsenen und ihren Lebensbedingungen. In diesem Abschnitt wird speziell auf die Übergangssituationen und den Faktor Entgrenzung durch die Veränderung der Rahmenbedingungen in Deutschland eingegangen und ihre Auswirkungen auf die Situation der Heranwachsenden mit Hilfe verschiedener Beiträge in der Literatur beleuchtet. Danach wird das Studium als eine Chance zur Erweiterung der Zugangsmöglichkeiten vorgestellt und biografische Verläufe anhand einer Studie über individuelle Studienverläufe bei Hochschülern der Sozialpädagogik von Cornelia Schweppe vorgestellt.

Das zweite Kapitel bietet eine theoretische Hinführung zu dem Konstrukt des sozialen Netzwerks und deutet auf Zusammenhänge im Hinblick auf das Thema soziale Unterstützung. Dabei interessiert besonders der Blick auf die Übergangsituationen junger Erwachsener und ihre mannigfachen Gestaltungsmöglichkeiten anhand unterschiedlicher Netzwerke. Aus diesem Grund ist es wichtig, vorab den Begriff soziales Netzwerk historisch einzuordnen und in Verbindung zu den Leistungen von sozialer Unterstützung zu bringen. Zudem werden theoretische Grundlagen über die Charakteristika und Arten von sozialen Netzwerken geben.

Im weiteren Verlauf spezialisiert sich das Thema auf die Erfolgskriterien und Typen von sozialer Unterstützung in sozialen Netzwerken, indem ein Projekt der EU- Kommission über „Youth Policy and Participation and Informal Learning for Young People`s Transistions to the Labour Market“ (kurz: YOYO) aus dem Text von Axel Pohl u.a. (2005) vorgestellt wird. Dieses Projekt mit seinen Forschungsergebnissen bietet eine gute Basis für die eigene empirische Studie, auf die im darauf folgenden Kapitel näher eingegangen wird.

Im letzten Abschnitt dieser Arbeit wird eine eigene empirische Studie vorgestellt. Entsprechend der Themenstellung beziehe ich mich hier auf Studenten mit ihren sozialen Netzwerken. Das Augenmerk soll auf Personen und Institutionen gelegt werden, die als Schlüsselfiguren für Informationen und Unterstützung für die Gestaltung und über den Einstieg ins Berufsleben wichtig werden können. Diese werden als real erhaltende oder vorstellbare Unterstützungsleistungen betrachtet. Abschließend wird ein Resümee die erhaltenden Erkenntnisse zusammenfassen.

1. Rahmenbedingungen in der Gesellschaft

1.1 Die ökonomischen Bedingungen in Deutschland und ihr Einfluss

Um tiefer in das Thema soziale Netzwerke und soziale Unterstützungen von Studenten eingehen zu können, müssen zuerst die sozialen Rahmenbedingungen in Deutschland vorgestellt werden. Die darin bestehenden Bedingungen für studierende junge Menschen werden in Bezug zu dem ökonomischen Strukturwandel der Gesellschaft und den daraus abzeichnenden Entwicklungen gestellt (vgl. Arnold 2005, S. 163). Diese bilden die Rahmenbedingungen, in denen sich Menschen bewegen und geprägt werden. Um den Zugang zum Begriff „Übergang in die Arbeit“ erhalten zu können, wird in diesem Abschnitt auf der Grundlage von historischen Hintergründen ein Verständnis von Arbeit und ihren Entwicklungen eröffnet. Weiterhin wird aufgezeigt, wie gesellschaftliche Ausprägungen im Ökonomischen als auch im Privaten im Hinblick auf den Begriff der Arbeit einzuordnen sind. Letztlich soll dadurch ein Verständnis für die Lebensläufe von Individuen vermittelt werden, die als Mitglieder dieser Gesellschaft von den Entwicklungen geprägt wurden und im Rahmen von sozialer Integration eine Chance zur Etablierung auf dem Arbeitsmarkt erhalten.

Mehrfach wird in der Literatur bestätigt, dass sich die Menschen in Deutschland im 21. Jahrhundert mit neuen Ansprüchen konfrontiert sehen (vgl. Schröer 2002; Stauber 2002; Arnold 2005). Es wurde weiterhin ein Strukturwandel der „Arbeitsgesellschaft hin zum digitalisierten Dienstleistungskapitalismus“ (Schröer 2002, S. 9) beobachtet, der eine „Politik der Privatisierung und Ökonomisierung des Erziehungs- und Bildungswesens“ (Schröer 2002, S. 11) zur Folge habe. Schröer (2002) führt dazu aus, dass traditionelle Formen von Eingliederungen von jungen Menschen in die Gesellschaft mehr und mehr verschwimmen würden (vgl. ebd.). Dieser Wandel habe laut dem Autor Auswirkungen auf die bisher bekannten sozialen Strukturen und Sicherheiten, in denen sich Menschen in Deutschland bewegen, während „Raum - zeitlich unterschiedlich getaktete und verortete Lebenssequenzen“ (Schröer 2002, S. 9) die Werdegänge der Individuen formen (vgl. ebd.).

Aufgrund eines gestiegenen Interesses an den Lebensläufen von Menschen in den Sozialwissenschaften werden die Entwicklungen in der Wirtschaft und Politik mit denen der individuellen Laufbahnen in Verbindung gebracht. Das Resultat, welches sich durch diese Betrachtungsweise in der Entwicklung abzeichnet, bedeutet nicht nur für Studierende eine Veränderung der Zugangsmöglichkeiten in die vom Strukturwandel geprägten Organisationen und Unternehmen, sondern auch für Menschen mit geringeren Abschlüssen. Stauber betont, dass durch die Epoche des gesellschaftlichen Prozesses der Modernisierung die Ansprüche an junge Menschen nicht nur gestiegen, sondern gleichzeitig vielschichtiger geworden seien (vgl. Stauber 2002, S. 113). Die Tendenzen dafür benennen Arnold u.a. in ihrer Einleitung im Buch „Sozialpädagogische Beschäftigungsförderung“ (2005), indem sie die Entwicklung sowohl seitens des Arbeitsmarktes als auch seitens der Arbeitnehmer darstellen. Sie führen die Ergebnisse dieser Entstehung auf die geschichtlichen Hintergründe in Deutschland zurück, die im Folgenden aufgezeigt werden sollen.

1.2 Die historischen Entwicklungen von den 1950ern bis 1980ern

Die Epoche der 50er und 60er Jahre wurde von den Folgen des zweiten Weltkrieges geprägt, die Deutschland in zwei Hälften spaltete. Das Land war zum einen in den ostdeutschen und „plansozialistisch gesteuerten“ (Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005, S. 17) Teil getrennt und zum anderen in den westdeutschen Bereich gesplittet. Ersterer war volkswirtschaftlich geprägt und eine sichere und langfristige Arbeit in der DDR galt als ein Garant, der vom Staat gegeben wurde und vom Volk einklagbar war (vgl. ebd.). In dem westdeutschen Abschnitt, der BRD, war diese Zeit von der „Vollbeschäftigung“ (vgl. ebd. S. 16) und dem konstanten Wachsen der Wirtschaft gekennzeichnet (vgl. ebd.).

Auf den sich entwickelnden „arbeitsgesellschaftlich orientierten“ (ebd. S. 169) Staat bezogen, werden von den Autoren positive Effekte dieser Phase der bewegliche und empfängliche Arbeitsmarkt benannt, der neue Beschäftigungsmöglichkeiten schuf. Durch die Ausbildung des „Postfordismus“2

(Walther 2000, S. 52) wurde die größtenteils stabile und wachsende Konjunktur begünstigt. Sie garantierte steigendes Kapital und soziale Sicherheit in der Gesellschaft (vgl. Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005, S. 17ff). Daneben bildete die wachsende Konjunktur die Rahmenbedingungen, welche den heutigen Vorstellungen des „Normalarbeitsverhältnisses“ (ebd. S. 18) und des „erwerbsgesellschaftlichen Lebensentwurfes“ zugrunde liegen (ebd. S. 17) und an denen die Menschen in Deutschland beständig festhalten.

1.3 Der Strukturwandel in Deutschland ab den 1980er Jahren

Seit den 1980er Jahren wird in der Bundesrepublik ein Strukturwandel in der „Arbeitergesellschaft hin zum digitalisierten Dienstleistungskapitalismus“ (Schröer/ Struck/ Wolff 2002, S. 9) sichtbar. Diese Entwicklung wird in der Literatur durch den Rückgang der Produktivität des bisher angewandten fordistisch-tayloristischen Modells3 der Arbeitsteilung und seiner Weiterentwicklung zum Post-Fordismus4 begründet, welches in der Wirtschaft sowie in dem Dienstleistungsbereich und dem privatwirtschaftlichen Zweig angewendet wurde (vgl. ebd.). Es hatte die Schritte für die Arbeitsabläufe beziehungsweise einzelnen Arbeitsschritte zu sehr vereinfacht und für die Beschäftigten geradezu stupide rationalisiert, was seitens der Arbeiterschaft in wachsendem Maße auf Ablehnungen und Protest stieß (vgl. ebd.).

Arnold u.a. führen die weitere Entwicklung seit der Epoche von 1980 in Deutschland auf die wachsenden Einflüsse von Automatisierung, Globalisierung und einer vermehrt technisierten Welt zurück, die eine soziale Veränderung von einer arbeitsgesellschaftlich geprägten hin zu einer „wissensbasierten Informationsgesellschaft“ (2005, S. 19) auslösten. Als ein Ergebnis davon wird in der Literatur vom „jobless growth“5 (ebd.) gesprochen. Der Begriff definiert, dass der bislang zentrale industrielle Zweig, der ungeachtet des Wirtschaftswachstums bisher die Hauptbeschäftigungsquelle für Arbeitnehmer bot, trotzdem nur geringfügige positive Auswirkungen auf die Arbeitsstellenentwicklung hatte (vgl. ebd.). Gleichbleibende Anzahl der Arbeitsplätze bei schneller Ausweitung des Sortiments und ihrer Produkte, Reorganisation der Arbeit und fortschreitende technologische Rationalisierungen bilden hier die Ausgangsbedingungen für diese Entwicklung in der Wirtschaft (vgl. ebd.).

An die Stelle des alten fordistischen Modells traten neuere Managementtypen wie die „lean production“6 (ebd. S. 19). Sie sollten als neue Führungsstrategie in den Unternehmen den Aufschwung in der wirtschaftlichen Produktivität antreiben. Als weiteres Resultat sollten sie bewirken, dass die Unternehmen und Organisationen dem globalen Wettbewerbsdruck standhalten, der über Kapitalverteilung, Leistungsfähigkeit und Einführung von Neuerungen entscheidet. Als Ideal wird an dieser Stelle der japanische Markt als anschauliches Beispiel genannt, der als führend in der Abwicklung von Anfertigung von Produkten gilt (vgl. ebd.). Diese Entwicklungen beeinflussten, durch die fortschreitenden Veränderungen, die Anforderungen an potentiellen Mitarbeitern, die sich in der Wirtschaft etablieren wollten. Sie beeinflussten aber auch den kommunalen beziehungsweise öffentlichen Sektor bis in das 21. Jahrhundert hinein (vgl. Walther 2000).

Die oben aufgeführten Veränderungen der Anforderungen der Arbeitgeber an den Arbeitsmarkt, führen laut den bisherigen Aussagen hin zu wenigen, aber hoch qualifizierten und aktiv mitwirkenden Arbeitnehmern, die belastbar, teamfähig und an verschiedene Arbeitsbedingungen anpassungsfähig sind (vgl. ebd.). Dazu werden unter anderem Fähigkeiten wie Kombinationsvermögen und Fertigkeiten im Problemlösen gezählt (vgl. Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005). Aufgrund dieser Aussagen lässt sich folgern, dass sich der Wettbewerbsdruck unter den Arbeitssuchenden auf dem Arbeitsmarkt erhöht. Speziell in dem industriellen Sektor findet eine „Höherdotierung für die Leistungsfähigen“ statt (ebd. S. 21).

Arnold u.a. (2005) führen weiter aus, dass sich dieser Trend in einer Bündelung der Fähigkeiten von speziellen Arbeitskräften in wenigen Mitarbeitern deutlich macht. Sie bilden in den Unternehmen einen festen Stamm und ihre Qualifikationen werden durch regelmäßige Schulungen optimiert, weiter ausgebaut und durch weitere Fähigkeiten auch im sozialen Bereich vervollständigt (vgl. ebd.). Dies lässt darauf schließen, dass im Fort- und Weiterbildungsbereich ständig in sie investiert wird. Dieser Mitarbeiterstamm findet für die Ausübung der Tätigkeiten ihre Unterstützung durch einen wechselnden und je nach Arbeitsziel unterschiedlich qualifizierten und befristet eingestellten Arbeiterstamm (vgl. ebd.).

Dies begründet den Wandel zur „unternehmerischen Wissensgesellschaft“ (ebd. S. 23). Unternehmer wird in diesem Sinne die an dem Arbeitsmarkt teilnehmende Person, welche ihre Arbeitskraft als „Humankapital“ (Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005, S. 54) und autonom Handelnder anbietet und vermarktet (vgl. ebd.). Die Autoren beschreiben eine Situation, in der es nur noch wenige fest angestellte Mitarbeiterstämme gibt. Laut deren Aussagen könnte gefolgert werden, dass dieser feste Mitarbeiterstamm auf die befristet angestellten einen Einfluss haben könne. Denn erstere seien die Experten in ihrem Fachgebiet und könnten durch ihre Lehrgänge und Weiterbildungen weitere Personen kennen gelernt haben, die sie für bestimmte Projekte empfehlen könnten. Diese Festangestellten wären laut meiner Definition Schlüssel- und Kontaktpersonen für das Finden einer Möglichkeit für den Berufseinstieg.

Auf der Seite der Personen, die ein solches Beschäftigungsverhältnis oder auch Normalarbeitsverhältnis (vgl. Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005) anstreben, ist anzunehmen, dass sich jene nach dem Bildungsstatus der Festangestellten richten. Studien7 belegen, dass heutzutage von den Heranwachsenden diesem Bild eines Festangestellten als erstrebenswertes Ideal beibehalten wird (vgl. ebd.). Unter diesem Wunschbild verstehen die Autoren den Mitarbeiter, welcher seit der Ausbildungszeit mit seiner erworbenen Qualifikation auf Vollbeschäftigung bei seinem Arbeitgeber arbeitet und nur auf freiwilliger Basis einen Stellenwechsel in Erwägung ziehen würde (vgl. ebd.). Aufgrund der Definition der unternehmerischen Wissensgesellschaft lässt sich ableiten, dass sich der individuelle Erfolgsdruck für einen Einstieg in das Berufsleben erhöht habe, da er von dem eigenen Selbstmanagement und Unternehmertum abhänge (vgl. Stauber/ Walther 2002, S. 115). Weiter könnte vermutet werden, dass die Personen, die ein Normalarbeitsverhältnis anstreben, versuchen ihre verschiedenen Kompetenzen auf dem Standart der fest angestellten Mitarbeiterstämme zu halten oder weiter auszubauen.

Die Anforderungen und Inhalte der Arbeitsplätze, so lässt sich für diese Arbeit zusammenfassen, unterliegen einem ständigen Wandel und sind durch stetige Weiterentwicklungen geprägt. Hintergrund dieser Auswirkung bilden die veränderten Bedingungen in der Gesellschaft und dem durch verfahrenstechnische Einsparungen stetig kleiner werdenden, traditionellen Arbeitsmarkt, welche voraussichtlich den Wettbewerb unter den Beschäftigungssuchenden ankurbeln, da ein sicherer Arbeitsplatz zum knappen Gut geworden ist (vgl. ebd.). Durch neue Technologien werden die alten Arbeitsplätze umgestaltet (vgl. ebd.) und beispielsweise Menschen an Fließbändern durch computergesteuerte Maschinen ersetzt. Arnold u.a. (2005) weisen darauf hin, dass die Menschen allgemein in Deutschland im 21. Jahrhundert an Vorstellungen von einem Normalarbeitsverhältnis weiterhin festhalten, obwohl dies gegensätzlich zu dem Trend in der Wirtschaft verläuft.

Die bisherigen Aussagen führen zu der Annahme, dass die Rahmenbedingungen (durch Globalisierung, Technologisierung) in der Gesellschaft mit ihren sozialen Gefügen weitgehend gleich geblieben sind, obwohl sich ursprünglich die Rahmenbedingungen durch den strukturellen Wandel des Arbeitsmarktes (Arbeitsplatz, Normalarbeitsverhältnis) hin zu einem „digitalisierten Dienstleistungskapitalismus“ (Schröer / Struck/ Wolff 2002, S. 9), einer „entgrenzten Arbeitsgesellschaft“ (Arnold / Böhnisch/ Schröer 2005, S. 172) und einer „wissensbasierten Informationsgesellschaft“ (Arnold / Böhnisch/ Schröer 2005, S. 19) geändert haben. Sie schufen Möglichkeiten durch Offenlegen von Räumen, die mehr Autonomie und Handlungsfreiheit versprachen. Diese Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt werden auch in der Jugend widergespiegelt. Inwieweit sie sich den neuen Bedingungen anpassen und zu welchen Ergebnissen dies führte, soll im Folgenden gezeigt werden.

1.4 Die entgrenzte Jugend

Der strukturelle Wandel in der Gesellschaft führte im Zuge der Globalisierung, Technologisierung und Automatisierung zu veränderten Zugangsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Die beruflichen Integrationsperspektiven, die aufgrund der Veränderungen hin zu einem „digitalen Kapitalismus“ (Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2002, S. 163) in Deutschland an Verlässlichkeit eingebüßt haben, wirken auch auf die Heranwachsenden und bilden eine neue Gestalt von Jugend, mit einer Erweiterung dieses Begriffes (vgl. Schröer 2002).

Der Begriff Jugend ist ein soziales Konstrukt, welches gegen Ende des 19. Jahrhunderts in die Gesellschaft als eigene Lebensphase im Zeitalter der fortschreitenden Industrialisierung eingeführt wurde (vgl. Arnold 2005, S. 168). Laut Arnold (2005) bedeutete diese Gruppe von Heranwachsenden eine Verbindung zu den bereits erwachsenen Mitbürgern, die durch „öffentliche Bildung und den Generationenvertrag“ (ebd. S. 169) miteinander verknüpft waren. Das Ende dieser Lebensphase wurde, abgekoppelt von der sozialen Wirklichkeit und dem endgültigen Einstieg ins Erwachsenenleben, abgetrennt durch das „Moratorium“8 (ebd.) der öffentlichen Bildung aufgeschoben (vgl. ebd.).

Durch Bildung und den Zugang zu ihr haben Menschen die Möglichkeit sowohl geistige und personelle als auch lebenspraktische, kulturelle und soziale Fähigkeiten zu erweitern (vgl. Bernhard 2001). Folglich könnte die Aneignung von Wissen hierbei als Mittel zur Erreichung von Bildung gesehen werden. Sie gilt als ein lebensbegleitender Entwicklungsprozess. Laut verschiedenen Aussagen in der Literatur ist zu schließen, dass Bildung im Zuge der Entwicklung der Wirtschaft eine stetige Aufwertung erfuhr (vgl. Walther 2000; Solga 2006; Arnold 2005). Als entscheidende Fähigkeit spielt das Lernen eine zentrale Rolle (vgl. Bernard 2001). Zertifikate und Abschlüsse gelten daneben als Nachweis für die erworbene Bildung und können bei besonders hohen Bildungsabschlüssen einen sozialen Aufstieg ermöglichen (vgl. Solga 2006). Solga (2006) führt die Tatsache, dass Individuen danach streben sich Wissen anzueignen auf eine „ funktionale Notwendigkeit “ (S. 28) hin, wenn Menschen in höhere soziale Schichten aufsteigen möchten. Die Autorin selbst sieht jedoch die „ Bildungsgesellschaft “ (ebd.) als ein Konstrukt an, in dem der mögliche Zugang zu Wissen und Bildung soziale Ungleichheit schafft, da sie durch „Begabungsunterschiede“ (ebd. S. 35) innerhalb der Individuen die Bildung eine ungleich zugänglich verteilte Ressource darstellt (vgl. ebd.).

Aus diesem Grund ist zu vermuten, dass der durch die Moderne industriekapitalistisch geprägte Sozialstaat mit seinen verschiedenen wissensvermittelnden Institutionen als Moratorien, einen erheblichen Einfluss auf Heranwachsende und die Bildung hat. Arnold (2005) schlägt deswegen vor, die Wahl der Abschlüsse und Ausbildung immer in Beziehung zu den sozialpolitischen Entwicklungen zu betrachten (vgl. ebd.). Einen Beweis für diese These lieferte Paul Larzarsfeld bereits in der Zeit der Weimarer Republik. Er untersuchte 1931 die Berufswahl in großen Städten, die sich voneinander durch ihren Erfolg in der Konjunktur und anhand ihrer Industriezweige unterschieden. Der Forscher erkannte in seinen Studienergebnissen, dass der Berufswunsch der Jugendlichen sich in „den ökonomischen Aufbau der Städte und den Konjunkturschwankungen“ (vgl. ebd., S. 169) reflektierte.

Entwicklungsprozess, der beruflichen Orientierung und Ablösen vom Elternhaus finden. Seit dieser Epoche sind Verlängerungen dieser Entwicklungsphasen bis Mitte des dreißigsten Lebensjahres zu verzeichnen, welches auf veränderte Bedingungen in der Gesellschaft zurück zu führen ist (vgl. ebd.).

Arnold (2005) führt weiter aus, dass auch die Pädagogik des 20. Jahrhunderts auf diese strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen reagierte und sich an die neuen sozialen Konditionen anpasste. Vor diesem Hintergrund kam der Begriff des „institutionalisierten Lebenslaufes“ auf (vgl. ebd., S. 170), der besagt, dass die industriell geprägte Gesellschaft an die Lebensphasen unterschiedliche Erwartungen hat (vgl. ebd.). Grundlage für diese Annahmen bildete die Vorstellung, dass Menschen verschiedene Entwicklungsstufen absolvieren, die von Lernprozessen begleitet werden und Schritt für Schritt in die nächste Lebensphase führen. Diese durchliefen sie in Bildungsinstitutionen (Moratorien), die sie durch Isolierung von der Gesellschaft und Bildung oder besser gesagt der Ausbildung entsprechend sozialisieren sollten (vgl. ebd.).

Durch die bereits oben beschriebenen weiteren technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, so lässt sich für diese Arbeit zusammenfassen, ließ eine Vielzahl an Möglichkeiten für die Selbstverwirklichung wachsen. Durch „das Konzept der Individualisierung“ (Stauber 2002, S. 113) haben sich mehr Gelegenheiten für einen Einstieg in die freie Wirtschaft ergeben und Grenzen zwischen verschiedenen Zugangsmöglichkeiten in Bildungseinrichtungen sich verschoben oder erweitert. Das bedeutet für den Einzelnen, sich eine individuelle Daseinsberechtigung auf dem Arbeitsmarkt selbst erstellen zu können, aber sie dann auf diesem bestmöglich verkaufen zu müssen (vgl. ebd.). Solga (2006) führt in ihren Überlegungen neben den Problemen, die aus der Biografie für einen Eintritt in den Beschäftigungsmarkt stammen noch eine weitere Ebene hinzu. Die Grundbedingung, die diese Individuen für eine Arbeitsstelle zu erfüllen haben, sind die Abschlüsse oder Zertifikate. Diese müssen bei besser bezahlten Stellen, für den jeweils nächsten höheren Bildungsschritt und Zugang zu mehr Wissen ausgebaut werden (vgl. Solga 2006). Die Autorin bemängelt, dass sich in der Politik das eindimensionale Verständnis von Bildung (vgl. ebd. S. 311) durchgesetzt habe und dass Menschen mit ihren individuellen Fähigkeiten nur nach ihren Abschlüssen beurteilt werden.

Es erhöhte sich nicht nur der Wettbewerbsdruck durch Rationalisierungen, sondern auch die Komplexität auf dem Arbeitsmarkt (vgl. ebd.). In dieser schnelllebigen Zeit (vgl. Schröer/ Struck/ Wolff 2002) stellt es sich als eine besondere Herausforderung dar, die Ausbildungswahl so zu gestalten, dass sie bei Eintritt in den Arbeitsmarkt immer noch gefragt ist. Dies deutet auf den Faktor der Entgrenzung hin, der im Folgenden erläutert werden soll.

1.5 Entgrenzung - begriffliche Einordnung

Der Begriff Entgrenzung setzt sich aus dem Präfix „ent“ und dem Nomen „Grenze“ zusammen und bildet eine Wortkreation, dessen Herkunft dem sozialwissenschaftlichen Globalisierungsdiskurs zuzuschreiben ist (vgl. Huber/ Hess/ Moser 2003). Er bezeichnet, dass - allgemein gesehen - ehemals vorhandene Grenzen entweder wieder rückgängig gemacht werden oder einen verminderten bis gar keinen Einfluss mehr haben (vgl. ebd.).

Im Spezielleren und im Hinblick auf das Thema betrachtet, ist sie ein Faktor, der im Mittelpunkt der Ursachen für Veränderungen im politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Bereich steht (vgl. ebd.). Das bedeutet für die Regierung in Deutschland, dass Entscheidungen der Staatsmacht über Angelegenheiten in der Bildung, aufgrund der internationalen Vergleichbarkeit, Folgen über die Landesgrenzen hinaus haben können. In der Zeit des digitalisierten Dienstleistungskapitalismus bleibt nur wenig Raum für Sicherheiten, verlässliche Strukturen oder Beständigkeit im sozialen Leben. Antrieb für diese Veränderungen gab und gibt Menschen eine Vielzahl an Möglichkeiten in Raum und Zeit, die durch das Verschwinden von Grenzen wuchsen und die die Biografien der Individuen prägen (vgl. ebd.). Stauber beschreibt diese Epoche als eine Zeit, in der die biografischen Übergänge für heranwachsende Männer und Frauen durch den Einfluss der Entgrenzung zeitlich länger und strukturell komplexer geworden sind (vgl. Stauber 2002, S. 113).

Der Begriff wurde seit den 1990er Jahren anstelle von Jugendarbeitslosigkeit, Berufseinmündung, Arbeitslosigkeit oder Statuspassagen verwendet und weist unter anderem auf den sozialwissenschaftlichen Perspektivenwandel hin (vgl. Walther 2000). Der Begriff erweiterte sich, als anstelle von Übergängen in den Beruf verstärkt von Übergängen in die Arbeit gesprochen wurde (vgl. ebd.). Sie beschreiben seitdem eine immer größer werdende Zeitspanne zwischen einzelnen Lebensphasen (vgl. ebd.), in der sich Heranwachsende zum Beispiel in einem Wechsel zwischen Schule und Studium oder zwischen Studium und Beruf befinden. Übergänge sind a priori ein Wandel, der sie vor eine Vielzahl an Entscheidungsmöglichkeiten stellt, die durch den Einfluss der Entgrenzung gewachsen sind. Dies liegt laut Arnold u.a. (2005) an dem erhöhten Konkurrenzdruck, der eine Steigerung des Bildungsanspruchs seitens der sich in den Übergängen befindenden Menschen zur Folge hat. Auch die Zugangsmöglichkeiten für eine berufliche Position werden mehr und mehr spezialisiert und beschränkt (vgl. Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005).

Durch die Erweiterung der Spielräume und Handlungsoptionen auf dem Arbeitsmarkt, findet in dieser Hinsicht eine Entgrenzung der Zugangsschranken statt (vgl. Schröer 2002). Aufgrund der bisherigen Aussagen lässt sich schließen, dass ein Offenlegen der Altersgrenzen im Zuge dieser Entwicklung wichtig ist, damit die Individuen Wege in die verändernden Zugänge finden. Dies hat eine inhaltliche Entgrenzung zur Folge, die eine Vermischung von Arbeit und Freizeit als Resultat hat und die subjektiven Handlungsspielräume von Männern und Frauen komplexer gestaltet (vgl. ebd.). Ursachen werden in der Literatur anlässlich der Öffnung der Landesgrenzen hin zur bereits oben erwähnten Globalisierung genannt, die eine „entgrenzte Arbeitergesellschaft“ zur Folge haben (vgl. Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005, S. 163). Dies wirft die Frage auf, wie sich junge Frauen und Männer dem Konkurrenzkampf stellen werden, der über die Landesgrenzen hinausgeht.

Nach den bisher getroffenen Aussagen lässt sich zusammenfassend sagen, dass sich die „Übergänge zwischen Jugend und dem Erwachsen-Sein“ (Stauber/ Walther 2002, S. 113) im Zuge der Entwicklungen verändert haben. Sie unterliegen komplexen und längeren Anforderungen, die in der Erweiterung der Lebensphase Jugend ihre Reaktion findet. Sie sind nicht mehr als jungendlich einzustufen, da sie bereits den Ansprüchen des Erwachsenen-Seins genügen müssen, aber trotzdem wie ein „Yoyo“ (ebd. S. 115) immer wieder ins Jugendlich-Sein zurückfallen (vgl. ebd.). Aus diesem Grund hat sich der Begriff „junge Erwachsene“ (ebd.) in der Literatur bewährt.

2. Junge Erwachsene

2.1 Begriffliche Einführung

Die „gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse“ (Stauber/ Walther 2002, S. 113) in der digitalisierten Wissensgesellschaft, welche die Übergänge ins Erwachsenen-Sein aufgrund der Komplexität verlängerten (vgl. Stauber/ Walther 2002; Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005), führten zu einer Ausdifferenzierung der Jugendphase. Die sozialen Kontexte, die bis in die 80er Jahre noch weitgehend als stabil galten (vgl. Arnold u.a. 2005, S. 170ff), verloren zusehends an Sicherheit und Zuverlässigkeit. Es entstand eine Verlängerung der Phase, in der sich junge Frauen und Männer mit wechselseitigen Anforderungen aus dem Erwachsenen-Seins und dem Jugendlich-Seins ausgesetzt sehen und sie werden deshalb als junge Erwachsene bezeichnet (vgl. Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2002).

Die Jugendphase galt als beendet, wenn der Übergang zum Erwachsenenstatus als bewältigt galt (vgl. Walther 2000). Die Übergänge verlängerten sich zeitlich und gewannen an Einfluss, so dass die Jugendphase ausgedehnt wurde. Heranwachsende in der Altersgruppe zwischen vierzehn und Mitte dreißig (vgl. ebd.) versuchen den parallel aufkommenden jugendlichen und erwachsenen Ansprüchen gerecht zu werden, was laut Stauber und Walther (2002) eine Widersprüchlichkeit zur Folge hat. Die Autoren schließen daraus, dass der Begriff Jugend, wie er bisher in den Wissenschaften und der Gesellschaft gebraucht wurde, nicht mehr ausreicht und er infolgedessen durch diese entstandene „Zwischenphase“ (Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2002, S. 82) mit dem Ersatz junge Erwachsene erweitert werden muss (vgl. ebd.).

Walther (2000) deutete diese Entwicklungen folgendermaßen: „Dieser Begriff bedeutet zunächst erstmal nichts anderes, als die Feststellung, dass die Linearität des Verlaufs von Übergängen abnimmt“ (ebd. S. 17). Als Forderung gilt, letztlich anzuerkennen, „dass es Lebensphasen bzw. Lebenslagen gibt, die weder eindeutig als „jugendlich“ noch eindeutig als „erwachsen“ beschrieben werden können.“ (ebd. S. 17). Der Begriff wurde 1990 mit dem Bericht über Untersuchungen zur „Lebenslage von jungen Erwachsenen in der Großstadt“ von Hans- Ulrich Müller eingeführt (Walther 2000, S. 17).

Seitdem ist es bisher in der Literatur umstritten, ob diese Lebensphase sich zu der „verlängerten Jugend“ (ebd.) zählen lässt oder eher zu dem „entstandardisierten Erwachsenenstatus“ (ebd.) gehört. Denn es besteht „keine Einigkeit über eindeutige empirische Indikatoren für die Einordnung der „jungen Erwachsenen“ in den institutionalisierten Lebenslauf und darüber in die Sozialstruktur“ (ebd. S. 59). Laut den bisher gegebenen Faktoren, wird diese Lebensphase immer in Bezug zu den politischen, sozialen und ökonomischen Entwicklungen gesehen. Sie gilt als eine eigenständige Entscheidungsphase zur Lösung der Widersprüchlichkeiten, die durch die gegensätzlichen Anforderungen zwischen Jugendlich- und Erwachsenen-Sein entstehen (vgl. ebd.). Walther schlägt deshalb vor, diese Entwicklungsstufe als „heuristisches Konzept“ (2000, S. 49) zu betrachten, da sie sowohl von den Dispositionen der „Offenheit und Ungewissheit“ (vgl. ebd.) als auch von den vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Übergänge geprägt ist (vgl. ebd.). Dieses heuristische Konzept soll als eine Strategie für die Gestaltung des Übergangs hilfreich sein, indem es Möglichkeiten für das Finden von Lösungen für die auftretenden zwiespältigen Probleme bietet.

Eine weitere Differenzierung bietet Gunhild Hagestad. Sie unterscheidet zwischen drei Faktoren, die beim Übergang eine wechselseitige Rolle spielen (vgl. Walther 2000). Zu den Übergängen kommen Trajekte hinzu. Sie stellen die strukturellen Bahnen dar, in denen einzelne Übergänge integriert sind (vgl. ebd.). Im Fall von stark institutionalisierten Übergängen lassen sich „Trajekte oder strukturelle Bahnen“ (Walther 2000, S. 50) zuordnen. Sie geben in Übergängen den Weg durch eine klare Struktur vor. Als ein Beispiel könnte der Bereich der (Weiter-) Bildung gelten, an dessen Anfangs- und Endpforten „gate-keepers“ (vgl. ebd. S. 50) stehen. Sie stellen Menschen dar, die in den Institutionen arbeiten (vgl. ebd.). Weiter könnte man schließen, dass diese gate-keepers, die übersetzt Torwächter bedeuten, einmal Zugang in beispielsweise die Hochschule bieten können und an dessen Ende möglicherweise einen Zugang zur Gesellschaft oder eine Integration in das Berufsleben erleichtern (vgl. ebd.).

[...]


1 Genauere Definitionen befinden sich im Kapitel 3 „Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung“.

2 Der Postfordismus kam aus der Massenproduktion und gilt als eine Weiterentwicklung des Fordismus. Diese Wirtschaftsform, die besonders in den westlichen Industrienationen eingeführt wurde, bedeutete eine Aufwertung des geistigen Eigentums durch Einführung von Patenten. Der einzelne Arbeiter an der Maschine galt als Experte der Arbeit (mehr Informationen siehe Fußnote 3; 4).

3 Der Fordismus bezeichnet die Entwicklung der Arbeitsteilung in der Massenproduktion mittels Fließbandarbeit, die von Henry Ford in seiner Automobilfirma im Jahr 1913 eingeführt wurde (vgl. Hirsch/ Roth 1986). Sie beruht auf den Überlegungen von Frederick Winslow Taylor, der Arbeiter in seinen Unternehmen als Teile seiner Maschinen sah, die durch Ausbeutung der Naturreserven die Produktion erhöhten (vgl. ebd.). Er führte in seinem Scientific Management (übersetzt bedeutet dies wissenschaftliche Geschäftsführung) das Prinzip der hohen Arbeitsteilung mit Konzentration auf kleine Arbeitsschritte ein (vgl. Todesco 1994).

4 Die Weiterentwicklung von Fordismus zum Postfordismus in den 1970ern wurde auf die Stagnation der Produktion in der Massenproduktion und der wachsenden Konkurrenz mit Amerika zurückgeführt. Das spezifische Wissen der Arbeiter über die Herstellung der Produktionsmittel war von größerer Bedeutung als die Maschinen, die sie herstellten (vgl. ebd.). Die Literatur führt weiter aus, dass geistiges Eigentum über die natürlichen Reserven als wichtiges Investitionsmittel zur Steigerung von der Produktivität gelte (vgl. ebd.). Dies führte dazu, dass die Arbeiter sowohl körperlich als auch geistig in Anspruch genommen werden.

5 Obwohl die Wirtschaft ein ständiges Wachstum zu verzeichnen hat, hat dies indifferente Auswirkungen für die Entwicklung des Beschäftigungsmarktes (vgl. Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005). Jobless growth bedeutet kurz, ein Stagnieren der Arbeitsplätze während die Produktion ständig wächst und sich ausdehnt.

6 Als ein Beispiel dafür sind die Maßnahmen der lean production aufzuzählen, die auf der einen Seite einen optimierten Gebrauch der Reserven innerhalb eines Betriebes, dadurch Kosteneinsparungen und eine Verbesserung der Rentabilität versprechen. Diese werden erreicht, indem beispielsweise unnötige Produktionswege gekürzt oder ganz weggelassen werden. Auf der anderen Seite bedeuteten diese Ausführungsbestimmungen eine „Verschlankung“ (Arnold u.a. 2002, S. 20) des Unternehmens und für die Arbeitnehmer ein Wegfall von Arbeitsplätzen (vgl. ebd., S. 20ff).

7 Diese oben beschriebenen Ergebnisse war eine Regionalanalyse zur Überganssituation in den 1990er Jahren im Ostalbkreis (Baden- Württemberg) (vgl. Walther 2000). Durchgeführt wurden sie von Helmut Arnold, Barbara Stauber und Andrea Walther. Sie sollten erforschen, inwieweit ein „Wandel in der biografischen Arbeits- und Beschäftigungsperspektive“ (Arnold/ Böhnisch/ Schröer 2005, S. 17) stattgefunden hat und wie sich dies auf die beruflichen Vorstellungen der Jugendlichen auswirkte (vgl. ebd.).

8 Der Begriff Moratorium bezeichnet in der erziehungswissenschaftlichen Sichtweise eine Übergangsphase der Lebensabschnitte von Jugendlich-Sein hin zum Erwachsenen-Sein (vgl. Walther 2000). In der heutigen Zeit stellen sie Bildungsinstitutionen dar, welche unter anderem Schulen oder Universitäten sind, in denen den Heranwachsenden einen Raum für den Entwicklungsprozess, der beruflichen Orientierung und Ablösen vom Elternhaus finden. Seit dieser Epoche sind Verlängerungen dieser Entwicklungsphasen bis Mitte des dreißigsten Lebensjahres zu verzeichnen, welches auf veränderte Bedingungen in der Gesellschaft zurück zu führen ist (vgl. ebd.).

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung von Studenten
Untertitel
Eine empirische Studie
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Sozial- und Organisationspädagogik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
80
Katalognummer
V172047
ISBN (eBook)
9783640917389
ISBN (Buch)
9783640917570
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Interesse an sozialen Netzwerken und ihren Wirkungen auf ihre Mitglieder erfährt seit Jahren ein ständig wachsendes Interesse und hielt Einzug in die verschiedensten Wissenschaften. Auch Befragungen zu diesem Thema führten zu dem Schluss, dass Beziehungen zwischen Menschen und ihre informellen Unterstützungsleistungen als wichtigste Ressource in der Biografie gezählt werden (vgl. Röhrle 1994). Diese Verknüpfung von Personen mit ihren daraus gezogenen Hilfen findet mit wachsendem Interesse in der Politik und Wirtschaft größere Beachtung.
Schlagworte
Junge Erwachsene, Technologisierung, Netzwerke, Globalisierung, Lebensentwurf
Arbeit zitieren
Pamela Hackel (Autor), 2006, Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung von Studenten , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172047

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