»In statistischer Hinsicht wissen wir heute alles über den Selbstmord, aber was das Grundproblem angeht, ist man kaum weitergekommen und wird auch nicht weiterkommen, solange stillschweigend die Gewißheit herrscht, daß das Leben um jeden Preis besser ist als der Tod.«
Statistiken sind bekanntlich wichtige Instrumentarien der Medizin, wenn es darum geht, die Epidemiologie einer Krankheit zu untersuchen. Doch handelt es sich beim Suizid überhaupt um eine Krankheit, welche auf diese Weise erfasst und untersuchbar gemacht werden kann? Der Suizid als »Krankheit zum Tode« also, an der schon Goethes Werther zugrunde ging?
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Betrachtet man verschiedene Philosophen, so zeigt sich schnell, dass der Suizid zu jeder Zeit als weit mehr als eine Krankheit erachtet wurde. Er stellt vielmehr ein moralisches Problem dar, ja sogar das einzig wirklich ernste philosophische Problem, wenn es nach Camus geht, der zu Beginn seines Werkes Der Mythos des Sisyphos feststellt: »Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten.«
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Ziel dieser Arbeit soll es nun sein, den Suizid aus philosophischer Perspektive zu betrachten. Einleitend soll eine Abgrenzung der Begriffe Selbstmord, Freitod, Suizid und Selbsttötung sowie eine Definition vorangestellt werden.
Weil Suizid Sterben bedeutet, ist die Frage danach, was überhaupt Sterben und Tod sowie Leben heißt bzw. die Frage nach dem Sinn des Lebens, ebenfalls wichtig für die Suizidproblematik. Um diese Fragen soll es daher in Kapitel II gehen.
Daraufhin gibt Kapitel III einen Überblick darüber, wie der Suizid in der Geschichte der Philosophie gesehen wird. Grob kann man dabei zwischen zwei Positionen unterscheiden, welche mit dem Streben nach Transzendenz und der Verneinung der Transzendenz einhergehen. Während die einzelnen Ansichten hier horizontal abgearbeitet werden, befasst sich Kapitel IV dann beispielhaft anhand einer Analyse von Amérys Hand an sich legen mit der postmodernen Phase, in welcher der Suizid aufgrund von Überforderung und Selbstverausgabung des Subjekts als letzte Möglichkeit gesehen wird, der Biographie einen Sinn zu geben, bevor eine Zusammenfassung die Arbeit beschließt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Zur Terminologie
1. Selbstmord, Freitod oder Suizid?
1.1 Differenzierung
1.2 Definition
2. Freiheit
2.1 Definition
2.2 Selbstbestimmung am Lebensende
II. Suizid: Bewegung vom Sein zum Tod
1. Lebensbegriff und die Frage nach dem Sinn des Lebens
2. Der Umgang mit dem Phänomen Tod
III. Der Suizid in der Philosophiegeschichte
1. Antike
1.1 Platon und Aristoteles
1.2 Die Stoa
2. Christliches Mittelalter
2.1 Augustinus
2.2 Thomas von Aquin
3. Neuzeit
3.1 Renaissance: Michel de Montaigne
3.2 Aufklärung
3.2.1 David Hume
3.2.2 Immanuel Kant
4. 19. Jahrhundert
4.1 Arthur Schopenhauer
4.2 Friedrich Nietzsche
5. 20. Jahrhundert
5.1 Existentialismus
5.1.1 Jean-Paul Sartre
5.1.2 Albert Camus
5.2 Ludwig Wittgenstein
IV. Jean Amérys Hand an sich legen als Beispiel für den Umgang mit der Suizidproblematik in der Postmoderne
1. Aufbau
2. Inhalt
2.1 Einleitende Begriffsklärung
2.2 Die Gleichheit der Suizidanten vor dem Absprung
2.3 Lebenslogik vs. Todeslogik
2.4 Natur vs. Norm
2.5 Der échec
2.6 Humanität und Dignität
2.7 Der Freitod als letzte Möglichkeit, Humanität und Dignität zu bewahren
2.8 Das Verhältnis vom Ich zum eigenen Körper
2.9 Die Botschaft des Freitodes
2.10 Der Freitod als Akt der Befreiung
2.11 Ultimes Zögern oder Polemik?
3. Das philosophische Potential
4. Würdigung und Kritik
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Suizid als philosophisches Problem. Ziel ist es, die moralischen, existentiellen und geschichtlichen Dimensionen der Selbsttötung zu beleuchten, wobei besonders die Spannung zwischen dem menschlichen Freiheitsanspruch und dem gesellschaftlich-ethischen Wert des Lebens im Mittelpunkt steht.
- Terminologische Abgrenzung der Begriffe Selbstmord, Freitod und Suizid
- Die philosophische Bedeutung von Freiheit und Selbstbestimmung am Lebensende
- Analyse des Suizids in der Philosophiegeschichte von der Antike bis zum 20. Jahrhundert
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Suizidbegriff bei Jean Améry in der Postmoderne
Auszug aus dem Buch
3.2.1 David Hume
Hume löst sich von der klassischen Kasuistik und plädiert dafür, den individuellen Suizidmotiven in aller Breite Aufmerksamkeit zu schenken. Er bricht damit mit dem antiken, im Christentum tradierten Tabu, die Entscheidung für den Suizid nie nach rein persönlichen Interessen zu treffen. Für Hume ist der Einzelne fähig, sich, von Vernunft und gesundem Menschenverstand geleitet, frei für den Suizid entscheiden zu können, ohne befürchten zu müssen, der Gesellschaft Unrecht zu tun:
»Wenn er [Anm. d. Verf.: der Suizid] kein Verbrechen ist, dann sollten uns sowohl Einsicht wie Mut dazu anhalten, uns von unserem Dasein mit einem Schlag zu befreien, wenn es eine Last wird.«
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik und Gegenüberstellung der medizinischen sowie philosophischen Betrachtungsweisen von Suizid.
I. Zur Terminologie: Abgrenzung und begriffliche Analyse der Bezeichnungen Selbstmord, Freitod und Suizid sowie Erörterung des Freiheit-Begriffs.
II. Suizid: Bewegung vom Sein zum Tod: Untersuchung des Lebensbegriffs, der Sinnfrage und des Umgangs mit dem Phänomen Tod.
III. Der Suizid in der Philosophiegeschichte: Detaillierter Überblick über die philosophische Bewertung von der Antike bis zum 20. Jahrhundert.
IV. Jean Amérys Hand an sich legen als Beispiel für den Umgang mit der Suizidproblematik in der Postmoderne: Analyse von Jean Amérys Essay hinsichtlich existentieller Freiheit, Dignität und dem Konzept des échec.
Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der philosophischen Diskurse und Reflexion über die eigene Haltung zur Selbstbestimmung.
Schlüsselwörter
Suizid, Selbsttötung, Freitod, Philosophie, Ethik, Freiheit, Selbstbestimmung, Lebenssinn, Tod, Existentialismus, David Hume, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Jean Améry
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt den Suizid als philosophisches Problem und untersucht, wie dieses Phänomen über die Jahrhunderte in der Philosophiegeschichte bewertet wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zu den Schwerpunkten zählen die begriffliche Klärung, die Freiheitsfrage, die Bedeutung des Lebenssinns, der Umgang mit dem Tod sowie die ethische Einordnung durch verschiedene Philosophen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine philosophische Auseinandersetzung mit der Suizidproblematik, um die Spannung zwischen dem Wunsch nach individueller Selbstbestimmung und den gesellschaftlich-ethischen Normen zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche, philosophische Analyse, die auf einer Literaturstudie und einer phänomenologischen Betrachtung (insbesondere bei Jean Améry) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische philosophische Einordnung der Begriffe, einen historischen Abriss von der Antike bis zum Existentialismus und eine vertiefende Analyse von Jean Amérys Werk „Hand an sich legen“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Suizid, Freiheit, Selbstbestimmung, Lebenssinn, Philosophiegeschichte und Existentialismus.
Wie unterscheidet sich die Bewertung des Suizids in der Antike von der christlichen Tradition?
Während in der Stoa der Freitod unter bestimmten Umständen als Ausdruck von Vernunft und Freiheit gelten konnte, verurteilte die christliche Tradition – maßgeblich geprägt durch Augustinus – den Suizid als Sünde und Verbrechen gegen die göttliche Schöpfung.
Warum spielt Jean Améry in der Untersuchung eine zentrale Rolle?
Jean Améry liefert ein postmoderne Beispiel einer existentialistischen und biographisch motivierten Auseinandersetzung, die den Suizid als einen Akt der Behauptung von Humanität und Würde gegen das Scheitern (échec) verteidigt.
- Quote paper
- Nadine Heinkel (Author), 2010, Suizid als philosophisches Problem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172089