Orientbilder in Texten deutscher Schlagerproduktionen zwischen 1960 und 1967


Seminararbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aus maurischer Wüste nach Antalya Beach - Geschichte des Orients im Schlager
2.1. Skandal im Harem - Orientschlager vor 1960
2.2. Nordafrika ist dran - Die Orientwellen von 1960 und 1967
2.3. Mit der 18 nach Istanbul - Von 1970 bis heute

3. Sieben Wochen nur Sand - Orientkennzeichen
3.1. Im Café Oriental - Wie viel Orient im Orientschlager steckt
3.2. Abessinien am Meer - Die geografischen Bezüge
3.3. Durch das Opernglas - Kulturelle und erzähltechnische Perspektiven

4. Legionäre mit hungrigen Augen - Menschen- und Gesellschaftsbilder
4.1. Nichts zu küssen - Erotik und Exotik
4.2. Heldenmut und Mais - Geschlechterrollen
4.3. Mustafa nimm dich in acht - Der koloniale Aspekt

Zusammenfassung

Literatur

Musik

1. Einleitung

Untersucht werden deutsche Schlagerproduktionen aus den Neunzehnhundertsechzigerjahren, die den Orient, hier begrenzt auf Nordafrika und das westliche Asien mit der Türkei, thema-tisieren, wobei auf eine eingehende Definition des Begriffs Schlager oder eine allgemeine Wertung von Schlagern verzichtet wird. Als Schlager sollen hier populäre deutschsprachige Musikproduktionen gelten. Schlager mit klar erkennbarem Orientbezug möchte ich hier als Orientschlager bezeichnen. Darunter fallen sowohl Produktionen aus Westdeutschland, als auch aus der DDR, denn "der Naturschnulzpark der DDR gleicht dem Westdeutschlands aufs Haar".[1]

Die Neunzehnhundertundsechzigerjahre sollen weder als besonders bedeutend in Bezug auf Orientverarbeitungen in Schlagern dargestellt werden, noch als kulturell homogener Zeitab-schnitt. Allerdings scheinen die im Titel zur Eingrenzung angegebenen Jahre 1960 bis 1967 eine vergleichsweise vermehrte Anzahl an Veröffentlichungen von Orientschlagern aufzuwei-sen.

Die Liste der angeführten Produktionen erhebt keinen Anspruch auf Vollzähligkeit, jedoch wurde sich nicht wie in den meisten anderen Publikationen zum Thema Schlager nur auf er-folgreiche Produktionen mit Chartsnotierung beschränkt.[2] Die Aussagekraft der offiziellen Hitparaden war im betrachteten Zeitpunkt ohnehin begrenzt.[3]

Für Werner Hahn bedeutet "das Untersuchen von Schlagertexten losgelöst von ihrer musika-lischen Verpackung soviel, als nähme man das Studium eines Reiseprospektes für die Reise selbst".[4] In diesem Sinn wurden hier nicht nur Texte analysiert, sondern an Stellen, an denen es unerlässlich schien, auch auf musikalische Merkmale eingegangen.

Zitate ohne Quellenangabe beziehen sich auf Textstellen der jeweils in dem betreffenden Ab-schnitten behandelten Schlager.

Zum Thema des Orients im Schlager konnte außer einem kurzen Zeitschriftenartikel von 1960,[5] aus dem die Begriffe Orientschlager und Orientwelle übernommen wurden, keine Pub-likation gefunden werden. Jedoch konnte auf eine Arbeit von Sunka Simon zurückgegriffen werden, die kolonialistische Symbolik in Schlagern untersucht hat,[6] sowie auf verschiedene Arbeiten zum allgemeinen Thema Schlager vor allem das von Siegmund Helms herausgege-bene Buch Schlager in Deutschland.[7]

Die Arbeit will einen knappen Abriss zur Geschichte von Orientverarbeitungen im Schlager bieten. Dann wird untersucht, was eine Produktion zu einem Orientschlager macht, aus wel-cher Perspektive der Orient betrachtet wird und auf welche Weise er dargestellt wird. Es soll untersucht werden, welche Funktion der Orient in den Schlagern einnimmt und was die Lie-der ihren Hörern über ihre Orienthematisierungen vermitteln wollen.

2. Aus maurischer Wüste nach Antalya Beach - Geschichte des Orients im Schlager

Orientexotik hat eine lange Tradition in der deutschsprachigen Musik. Schon die erste origi-när deutschsprachige Oper Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart, urauf-geführt in Wien 1782, bediente sich der Türkei als Handlungsort. Ein späteres Beispiel ist In-digo und die 40 Räuber, uraufgeführt 1871, die erste Operette von Johann Strauss, deren Handlung an Motive aus den Märchen aus tausendundeiner Nacht anknüpft. Im Zusammen-hang mit Strauss' Operetten wurde erstmals von Schlagern gesprochen, als Liedern mit präg-nanter Melodie, die Resonanz bei einem großen Publikum fanden.

Mit den Erfindungen der Wachswalze, der Grammophonplatte, des Tonfilms, des Radios, der Musikbox und schließlich der Vinyl Schallplatte gelang es dem Schlager als Teil der populä-ren Musik, ihre Verbreitung zu potenzieren und in alle Gesellschaftsschichten, selbst in abge-legeneren ländlichen Gebieten vorzudringen.

Das Orientmotiv ist dabei bis heute im Schlager präsent geblieben, auch wenn sich seine Bedeutung und seine Gestalt im Lauf der Zeit geändert haben.

2.1. Skandal im Harem - Orientschlager vor 1960

Exotik und fremde Länder bestimmten, oft in humoristischer Verarbeitung, einen großen Teil der Schlagertexte bis zum zweiten Weltkrieg. Italien, Spanien, Ungarn, Russland, Hawaii und Südamerika waren dabei besonders beliebt, aber auch der Orient wurde thematisiert. Orientthemen wurden zum Beispiel bei Gefangen in maurischer Wüste von Harry Steier 1928, bei In Turkestan von den Kardosch Sängern 1932, bei Saison in Kairo von Renate Müller 1933 und bei Der Schlangenbeschwörer von Rudi Schuricke 1939 aufgegriffen.

Mit zunehmender Dauer des Zweiten Weltkriegs ging der Anteil der Exotikschlager vorüber-gehend rapide zurück, ganz abgesehen von staatlicher Kulturkontrolle sicherlich auch weil südliche Strände und die sehnsüchtigen Augen exotischer Frauen in Zeiten von blutigen Kämpfen in Griechenland, Ägypten oder Italien zu einer Bedrohung geworden waren und sich somit nicht mehr zur Projektion eskapistischer Wunschträume eines deutschen Publikums eigneten.

Mit Ende des Krieges gewannen Exotikthemen aber schnell wieder an Bedeutung. Der Orient wurde zum Beispiel bei Skandal im Harem vom Comedian Quartett 1947 und bei Allerdings, sprach die Sphinx von Evelyn Künneke 1949 verarbeitet.

Zwischen 1950 und 1959 waren vor allem Schlager mit Italienbezug populär. Zusammen mit Heimatschnulzen und Seemannsschlagern prägten mandolinenangereicherte Produktionen ü-ber Capri oder Rom das Bild des Schlagers der Neunzehnhundertundfünfzigerjahre. Orient-themen waren weniger verbreitet, wenngleich exotische Themen verschiedener Ausprägung weiterhin sehr präsent waren. Zu den Ausnahmen gehören zwei Neueinspielungen des Traditionals Gefangen in maurischer Wüste von Friedel Hensch und den Cyprys, sowie dem Rodgers Duo 1954, respektive 1956.

Freddy etablierte zur gleichen Zeit das Thema des heimwehkranken Fremdenlegionärs als Pe-dant zu den Matrosen seiner Seemannslieder. Er blieb geografisch dabei aber sehr vage. Lediglich in Heimweh war 1956 von "brennend heißem Wüstensand" die Rede, wodurch ein arabisch-nordafrikanischer Schauplatz zumindestens angedeutet wurde. Simon verortet den Schlager "in the hot desert sand of the Western U.S.".[8] Insgesamt zielten Freddys Schlager nicht auf Fernweh und Exotik ab, sondern im Gegenteil auf Heimweh, Heimat und eine ganz allgemeine Fremde, die jeder Kriegsveteran, Flüchtling, Seemann oder Wanderarbeiter nachzuempfinden eingeladen werden konnte, und die deshalb abstrakt bleiben musste ohne ei-ne nähere geografische Benennung. So sang er 1958 in dem Lied Der Legionär:

Fremd ist die Erde, fremd der Himmel,

fremd sind die Reden, fremd die Lieder,

fremd sind die Herzen. Und keines schlägt für ihn.

2.2. Nordafrika ist dran - Die Orientwellen von 1960 und 1967

Mit dem Sommer 1959 versiegte die Italienwelle in der deutschen Hitparade. "Auf dem deut-schen Schlagermarkt erfolgt eine Orientierung zum Orient",[9] kommentierte ein Sprecher der Schallplattenfirma Ariola im August 1960 ein neues Phänomen auf dem Schallplattenmarkt. Anlass hierfür waren zwei Veröffentlichungen: Laila von den Regento Stars, das im Juli 1960 auf Platz sieben der deutschen Hitparade geführt wurde und Mustafa von Leo Leandros, das es im September des gleichen Jahres bis auf Platz zwei brachte. Rudolf Förster vom Musik-verlag Ufa-Ton versuchte dieses Phänomen im August 1960 zu erklären: "Das Publikum war jahrelang mit der Rock 'n' Roll-Masche überfüttert. Es wollte endlich etwas anderes hören. Und weil Italien durch war, kam Nordafrika dran."[10]

Beide Produktionen - Laila und Mustafa - waren Übernahmen ausländischer Hits.

Die Regento Stars waren ein polnisch-holländisches Trio, das das Lied zuerst auf niederlän-disch veröffentlicht hatte. Die Schallplattenfirma Philips war darauf aufmerksam geworden und hatte eine deutsche Version aufnehmen lassen und veröffentlicht. Laila (auch in der Schreibung Leila auf den Markt gekommen) speiste sich aber aus weit älteren Quellen. Die Originalversion war 1928 von Dol Dauber und Fritz Lohner geschrieben worden. Bruno Maj-cherek von den Regento Stars hatte den Schlager mit abenteuerlicher Grammatik frei aus dem Gedächtnis rekonstruiert und ihn zusätzlich um Textfragmente von Liedern von Peter Igelhoff und Erich Jaksch angereichert. Insgesamt ließen die Regento Stars Laila bei nicht weniger als sieben Schallplattenfirmen veröffentlichen, Artone, Philips, Tivoli, Moonglow, Linda, Fonta-na und Telstar, was ein Rekapitulieren der Veröffentlichungsgeschichte schwierig gestaltet. Teilweise war Majcherek als Mitkomponist von Laila angegeben, teilweise nur Dauber und Beda. Weder Igelhoff, noch Jaksch oder Lohner tauchen jedoch auf. Tantiemenstreitigkeiten waren die Folge, so dass die Regento Stars eine zweite Version mit dem Originaltext aufnah-men, bereinigt um die Elemente von Igelhoff und Jaksch.

Die Schallplatte erschien in mindestens vier verschiedenen Bildhüllen, wobei auf einer ein Fremdenlegionär und eine Frau in nordafrikanisch anmutender Tracht zu sehen sind, die sich mit besorgten Gesichtsausdrücken gegenseitig an den Armen festhalten. Eine andere Version zeigt eine Bauchtänzerin, wieder eine andere eine Frau im Bikini und eine vierte zeigt eine blonde Frau, die sich vor einem Tisch mit teilweise umgefallenen Gläsern und Flaschen die Haare rauft. Es scheint, als wollte jede dieser Bildhüllen die Titelheldin anders interpretieren.

Mustafa wurde ursprünglich 1951 durch eine Vermischung von zwei Volksliedern für die ägyptische Band Les Mustafas kreiert. 1960 veröffentlichte der libanesische Sänger Bob Az-zam eine Neuaufnahme unter dem Titel Ya Mustafa in Frankreich, die dort sehr erfolgreich wurde und sehr schnell auch in einer deutschen Version von Leo Leandros veröffentlicht wur-de. Mustafa war hier so erfolgreich, dass es auf dem deutschen Markt in mindestens sieben verschiedenen Versionen kursierte. Zusätzlich war auch die französische Version von Bob Azzam präsent.

[...]


[1] Reginald Rudolf: Schlager in der DDR. In: Schlager in Deutschland. Hrsg. von Siegmund Helms. Wiesbaden 1972. S. 127.

[2] Alle Chartsnotierungen in dieser Arbeit aus Günther Ehnert (Hrsg.): Hit Bilanz. Deutsche Chart Singles 1956-1980. Norderstedt 2000.

[3] Siehe: Ohne Verfasserangabe: Der K(r)ampf der Hitparaden. Ein Trauerspiel in mehreren Akten. In: Star Club News 6/1965. S. 7 - 9.

[4] Werner Hahn: Texte. In: Schlager in Deutschland. Hrsg. von Siegmund Helms. Wiesbaden 1972. S. 25

[5] Ohne Verfasserangabe: O Mustapha. Orient-Schlager. In: Der Spiegel 33/1960. S. 60 - 61

[6] Sunka Simon: Der vord're Orient - Colonialist Imagery in Popular Postwar German Schlager. In: Journal of Popular Culture Vol. 34.3. Bowling Green 2000. S. 87 - 108.

[7] Siegmund Helms (Hrsg.): Schlager in Deutschland. Wiesbaden 1972.

[8] Simon, S. 104.

[9] ziziert nach O Mustapha. S. 60. Auch alle anderen Informationen in diesem Abschnitt zu den Titeln Mustafa und Laila, die nicht Chartsnotierungen, Schallplattenfirmen oder Bildhüllen betreffen, wurden diesem Artikel entnommen.

[10] ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Orientbilder in Texten deutscher Schlagerproduktionen zwischen 1960 und 1967
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Sprache und Literatur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V172166
ISBN (eBook)
9783640919222
ISBN (Buch)
9783640919703
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orient, Schlager, Torriani, Ramsey, Rassismus, Kolonialismus, Sexismus, Wüste, Islam, Sixties, Beat, Stereotype im Schlager, Deutscher Schlager, Vorurteile
Arbeit zitieren
Dirk Kranz (Autor), 2010, Orientbilder in Texten deutscher Schlagerproduktionen zwischen 1960 und 1967, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172166

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