Darstellung und Funktion der Figur Mignon in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mignon als Inbegriff der Genie-Ästhetik
2.1 Das Italienlied
2.2 Der Eiertanz

3. Mignon und Wilhelm
3.1 Das Motiv der Spiegelung
3.2 Abkehr vom Theater
3.3 Krankheit und Tod

4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von Johann Wolfgang Goethe ist ein um 1795/96 entstandenes umfangreiches Werk, das auf dem zuvor verfassten Fragment „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ aufbaut und mit dem Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ 1821/29 fortgesetzt wird.

Der Protagonist Wilhelm Meister ist Kaufmannssohn und soll den Erwartungen seines Vaters entsprechend ebenso als Kaufmann tätig werden. Wilhelm jedoch fühlt sich zur Kunst berufen, nicht zuletzt durch die Liebe zur Schauspielerin Mariane. Als er herausfindet, dass sie untreu zu sein scheint, widmet er sich zunächst dem Kaufmannsberuf. Als er aus geschäftlichen Gründen eine Reise unternimmt, trifft er auf eine Schauspieltruppe, die ihn weiter dazu anregt sich der Kunst, dem Theater zu widmen. Hier lernt er Mignon kennen, ein geheimnisvolles, rätselhaftes Mädchen, die im Laufe des Romans eine wichtige Funktion im Hinblick auf Wilhelms Entwicklung hat und Thema meiner Untersuchung ist.

Die Forschung in Bezug auf den Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ ist relativ umfangreich. Allerdings beschäftigt sich die Forschung größtenteils mit bestimmten zentralen Einzelaspekten des Romans wie der Turmgesellschaft, dem Kunstbegriff, der Figur Wilhelms. Nahezu alle Untersuchungen gehen auch auf autobiografische Elemente und die Einbettung in die Epoche ein.

Die Figur Mignon wird meist in Zusammenhang mit dem Harfner und in Bezug auf Wilhelm untersucht. Wie im Folgenden beschrieben, kommt dieser Figur eine tragende Rolle im Gesamtkonzept des Romans zu. Meiner Arbeit liegen einige allgemeinere Beiträge und detailliertere Untersuchungen über spezielle Textstellen zur Figur Mignon zugrunde. Ausgehend vom Thema „Mignon als Inbegriff der Genieästhetik“ gehe ich zunächst auf die Kunstfigur ein. Hier beschäftige ich mich mit dem Italienlied, dem wohl zentralsten von insgesamt vier Liedern Mignons. Anschließend gehe ich auf den Eiertanz ein, den sie nur Wilhelm vorführt. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit der besonderen Beziehung zwischen ihr und dem Protagonisten anhand des Motivs der Spiegelung, der Abkehr vom Theater sowie der Bedeutung von Mignons Tod. Abschließend werde ich resümierende Schlüsse ziehen und einen Ausblick auf mögliche weitere interessante Themengebiete und Teilaspekte in Bezug auf die Figur Mignons geben.

2. Mignon als Inbegriff der Genie-Ästhetik

Mit Mignons Einführung in den Roman gewinnt dieser an Kunst. Abgesehen von ihrer Zugehörigkeit zum Theater beweist sie im Verlauf des Werkes ihr künstlerisches Können. Die Genie-Poetik ihrerseits zeigt sich darin, dass sie andere Menschen inspiriert, insbesondere Wilhelm. Sie „verkörpert Wilhelms abgespaltene Bestimmung zur Kunst“ (Schößler 68). Nachdem Wilhelm sie von den Schlägen des Herrn der Seiltänzergesellschaft befreit hat, redet er durch „göttliche Eingebung“ (Fick, 88).

„Diese Rede, welche Wilhelm in der Hitze, ohne Gedanken und Absicht, aus einem dunklen Gefühl oder, wenn man will, aus Inspiration ausgesprochen hatte, brachte den wütenden Menschen auf einmal zur Ruhe“ (104)1.

Ebenso geschieht es bei dem im Folgenden näher betrachteten Italienlied und dem Eiertanz. Beides hat immer eine Wirkung auf andere Menschen, unter anderem auf Wilhelm (siehe 2.1 und 2.2).

Mignon als Künstlerin ist eine unbedingte, originale Individualität (vgl. KeppelKriems, 225). Der Kunstbegriff ist unabhängig. Mignon repräsentiert eine Persönlichkeitskultur, die autonom Kunst schafft. „Mit der Präsentation des italienischen Kindes wird eine Allusion auf ein autonomes Kunstschaffen gegeben, […] Mignon ist also Konfiguration der Autonomie des schöpferischen Individuums, sowie einer in der Antike hervorgebrachten Kunstwahrheit“ (ebd., 226).

Mit ihrem Tod stirbt somit auch die Kunst in den Lehrjahren. Wilhelm wendet sich der Turmgesellschaft zu und schließt endgültig ab mit dem Theater, der Kunst (vgl. 569ff.). Mignon als Kunstfigur hat keinen Sinn mehr in dieser Umgebung. “Neben dem dominanten poetologischen Aspekt verkörpern Mignon und der Harfner darüber hinaus Haltungen, die in der sich ankündigenden Welt keinerlei Geltung mehr besitzen werden - eine bis zur Liebesreligion gesteigerte Hingabe und Dienerschaft sowie den Glauben an das Schicksal und an die tragische Schuld“ (Schößler, 63).

2.1 Das Italienlied

Mignons Italienlied ist das im Werk wichtigste Lied von ihr, da es sie, die zu Beginn nur schwer erfassbar ist, selbst charakterisiert und bei genauerer Betrachtung ihre Gefühle, Sehnsüchte und ihr Wesen preisgibt (148).

Der Leser wird mit dem Lied nicht unkommentiert konfrontiert, der Erzähler gibt wichtige Informationen zur Vortragsweise und Stimmung.

„Sie fing jeden Vers feierlich und prächtig an, als ob sie auf etwas Sonderbares aufmerksam machen, als ob sie etwas Wichtiges vortragen wollte“ (149).

Dies verstärkt den Eindruck, dass dieses Lied für die Figur von starker Bedeutung und Aussagekraft ist.

Es beginnt mit einer Frage: „Kennst du das Land“ (V.1) und spricht hier jemanden persönlich und vertraulich an. In den abschließenden Versen der jeweiligen Strophen wird dieses „Du“ konkretisiert: „mein Geliebter“ (V. 7), „mein Beschützer“ (V. 14), „Vater“ (V. 21). Die Bezeichnungen wirken hier innerhalb des Liedes auch als Steigerung. An diesen wird deutlich, dass Wilhelm angesprochen wird. Bereits zuvor wird die Vater-Kind-Beziehung der beiden unterstützt:

„»Mein Vater!« rief sie, »du willst mich nicht verlassen! willst mein Vater sein! - Ich bin dein Kind«“ (147).

Verstärkt wird die Wertigkeit des Liedes für Mignon im Hinblick auf Wilhelm dadurch, dass sie nach Beendigung ihm die bereits gesungene Frage stellt.

„Nachdem sie das Lied zum zweitenmal geendigt hatte, hielt sie einen Augenblick inne, sah Wilhelmen scharf an und fragte: »Kennst du das Land?« - »Es muß wohl Italien gemeint sein«, versetzte Wilhelm; […] »Italien!« sagte Mignon bedeutend; »gehst du nach Italien, so nimm mich mit, es friert mich hier«“ (149).

Mignons Heimatland Italien wird genannt. Ihre Herkunft und weitere Details werden verschwiegen. Der Nachdruck, mit dem sie Wilhelm nach dem Land fragt, steigert die Bedeutung des Liedes, da sie ihm indirekt etwas von sich preisgibt. Dies wird auch durch die Wiederholung der Phrase (V. 5) vor der Zäsur bestärkt, die Mignon „geheimnisvoll und bedächtig“ ausdrückt (149). Wilhelms Reaktion bestärkt das Geheimnisvolle, Fremdartige weiter:

„Melodie und Ausdruck gefielen unserm Freunde besonders, ob er gleich die Worte nicht alle verstehen konnte“ (ebd.).

Dieses Unergründliche bezieht sich sowohl auf das Lied - Mignon singt es vermutlich auf italienisch2 - als auch auf die Figur Mignons selbst, die im Roman bereits zu Beginn als „Rätsel“ vorgestellt wird (vgl. 98)3.

Das Lied ist insgesamt sehr ausdrucksstark. Farben, Lichtkontraste und starke Symbolik machen es bedeutungsschwer. Metaphorisch aufgeladenes Vokabular prägt das Stück.

„Im dunklen Laub die Goldorangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht“ (V. 2f.)

Gegensätze werden kontrastiv und zugleich ergänzend eingesetzt, sodass ein idyllisches Bild der Natur entsteht. Die Farben Blau, Grün (Myrte und Lorbeer, V. 4) und Grau (Nebel, V. 16) sind symbolisch für Himmel und Erde und stehen für das Glück und Leid Mignons. Der blaue Himmel glänzt Mignon entgegen und stellt somit einen Kontrast zu Mignons enger Realität und der inzestuösen Geburt dar (vgl. Ahn, 22).

Abgesehen von der letzten Strophe beschreibt das Lied keinerlei Bewegung. Die Thematik Land - Haus - Berg ist als Steigerung anzusehen. Zunächst geht es um die Natur Italiens, dann widmet es sich dem menschennahen Raum, der direkten Kunstbezug hat und anschließend dem Berg, der hier für Mignons Entwicklung steht. „Der Berg stellt das Ziel der Wanderschaft und des Aufstiegs Mignons dar, darum bedeutet er psychologisch den Edelmut Mignons“ (ebd., 152).

Die beschriebene malerische Idylle trägt romantischen Charakter. Die Natur steht für innere Gefühle, sie zeigt deutlich Mignons Sehnsucht nach Italien. Die Kunst im Lied steht für die Sehnsucht. „»Kennst du das Land« ist das Lied Mignons, worin sich des Kindes irdisches Leben, sein Sein und sein Sehnen komprimieren“ (Lienhard, 33).

Zitronen und Goldorangen, Myrte und Lorbeer sind erotische Motive, sie unterstreichen das Sehnsuchtsmotiv (vgl. Ahn, 118). Die Natur reift heran, es ist Frühling. Mignons Gefühle für Wilhelm werden symbolisch angedeutet. Die Naturpoesie, wie sie hier vorliegt, dient Mignon als Mitteilungsmedium. „Ein Höchstmaß an Transparenz des Ausdrucks erreicht Mignon im fließenden Gesang. Die Poesie der Lieder löst die Zunge und hilft, ihre Mitteilungsschwierigkeiten zu überbrücken“ (Bäumer 1993, 122).

In der zweiten Strophe wird der weite Raum Natur, der in der ersten Strophe beschrieben wird, zu einem Haus fokussiert. Künstliches wird personifiziert und die Begriffe Säule, Dach, Saal, Gemach und Marmorbilder stellen einen Wirklichkeitsbezug her. Eine lediglich in der zweiten Strophe zusätzlich eingeschobene Frage zeigt, dass es sich hier um Mignons Wirklichkeit handelt:

„Was hat man dir, du armes Kind, getan?“ (148).

Hier ist anzumerken, dass es sich sowohl um eine Rückerinnerung an ihre Entführung aus Italien, als auch um eine Vorausahnung ihres späteren Todes handelt. „Das lyrische Ich, das in der 1. Strophe als Teil des Naturhintergrundes auftritt und damit das individuelle Verhältnis zu seinem Gegenstand darstellt, beginnt in der 2. Strophe mit der künstlichen und archäologischen Bedeutung. […] Die Kunst hier entlarvt die Sehnsucht nach der Schöpfungskraft in der schmerzvollen Wirklichkeit“ (Ahn, 144).

Die dritte Strophe ist motivisch vielfältig angelegt: Der Berg symbolisiert einen Prozess, einen beschwerlichen Weg. Er stellt hier auch eine Trennung zwischen dem Standort und dem Wunschort her (vgl. Keppel-Kriems, 146). Die Höhle ist Symbol für Geborgenheit, das Weibliche, wonach Mignon sich sehnt4. Die Flut beschreibt hier den Fluss des Lebens, das Wilde, Dynamische, an dem Mignon nicht teilhat. „Mignon selbst bleibt statisch“ (Ahn, 199).

Die einzelnen Strophen zeigen unterschiedliche Stimmungen: Zunächst wird die Abgeschiedenheit und Geborgenheit der schönen ungestörten Natur geschildert, in der zweiten Strophe breitet sich „eine friedliche Stimmung über dem Ganzen aus“, Harmonie und Idylle sind zentral und in der dritten Strophe wird auf die Ferne verwiesen, das schier Unerreichbare (Keppel-Kriems, 145).

Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Italienlied schon früh im Roman die Beziehung zwischen Wilhelm und Mignon aufzeigt. Sie sieht ihn als Geliebten und Vater, er kommt am nächsten an ihre Gefühle heran. Sehnsucht und Wunsch, Erinnerung und Heimat sind hier zentrale Begriffe, die das Lied aufgreift. Das „Sehnsuchtsland besteht in Mignons Gedicht aus optischen und akustischen Reizen (Struktur, Licht, Farbe, Bewegung), die in Mignon die Sehnsucht immer mehr bestärken. Das Gedicht umkreist damit die biographischen Gedanken Mignons und bezieht sie auf das typische Italienbild in Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts von einem verlorenen Paradies als den Erlös ihrer Wirklichkeit“ (Ahn, 10f.).

2.2 Der Eiertanz

Mignon als Figur impliziert einen Kunstbegriff. Im gesamten Verlauf des Romans wird immer deutlicher, dass Mignon und auch der Harfner für die Kunst stehen. Ihre Musik und ihre Lieder bestärken dies. Eine weitere zentrale Bedeutung hat der Eiertanz, den Mignon für Wilhelm tanzt (vgl. 116f.).

Wichtig ist hier, dass der Eiertanz der eigentliche Auslöser für den Kauf Mignons durch Wilhelm ist. Sie weigert sich, den Eiertanz vor Publikum vorzuführen und wird deshalb vom Herrn der Seiltänzergesellschaft geschlagen. Wilhelm fährt „wie ein Blitz“ auf den Mann zu und befreit Mignon von den Schlägen (103). Der Seiltänzer versichert aber, dass er sie töten will, weil sie ihre Schuldigkeit nicht erfüllt hat.

[...]


1 Die Zahlen in Klammern, bei denen kein Autorenname davor steht, beziehen sich auf die Primärliteratur. Zitiert wird nach: Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre . Stuttgart: Philipp Reclam, 1982.

2 Wilhelm übersetzt das Lied ins Deutsche. „Er ließ sich die Strophen wiederholen und erklären, schrieb sie auf und übersetzte sie ins Deutsche“ (149).

3 Siehe auch 3. Wilhelm und Mignon.

4 Ihr Androgynie bedeutet Zwitterartigkeit, sie ist mannweiblich und fühlt sich somit sowohl von Weiblichem als auch Männlichem angezogen (vgl. Bäumer 1993, 116).

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Details

Titel
Darstellung und Funktion der Figur Mignon in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Goethes Lehr- und Wanderjahre
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V172177
ISBN (eBook)
9783640919307
ISBN (Buch)
9783640919505
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Lehrjahre, Wanderjahre, Mignon, Wilhelm Meister
Arbeit zitieren
Kathrin Schweizer (Autor), 2006, Darstellung und Funktion der Figur Mignon in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172177

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