Koevolution von Management und Organisation I


Hausarbeit, 2000

57 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Einführung
I.1. Problemstellung
I.2. Theorie
I.3. Äquivalenzfunktionalismus
I.4. Koevolution
I.5. Kontingenz

II. Manager in Organisationen
II.1. Identität
II.2. Die Form Person
II.3. Identititätswahl
II.4. Identitätswert als Kommunikationsmedium
II.5. Manageridentität (und Narzißmus)
II.6. Heroisches Management

III. Funktionale Äquivalente
III.1. Teamù Hierarchie
III.2. Prominenz ù Anonymität

IV. Schluß

V. Literatur

Vorwort

Management nistet sich parasitär in die Paradoxien der Organisation ein. Diese Perspektive drängt die explizierten Kriterien, nach denen Manager in Organisationen Karriere machen, etwas in den Schatten und führen neue ein.

Daraus folgt die Paradoxie, daß das Management, welches die Organisation intern aufsteigen läßt, die Organisation als Ganzes auf Dauer absteigen läßt.

Die Paradoxien der Organisation bleiben. Möchte man das Management verbessern schauen wir nach etwas anderem, was sich in diese Nische einnisten könnte.

Doch diese Blickrichtung reicht zur Veränderung des chronifizierten Musters aus koevoliertem Management und Organisation nicht aus. Denn um dieses aufzubrechen müssen funktionelle Erfordernisse auf beiden Seiten aufgedeckt und mit funktionalen Äquivalenten versehen werden. Wir müssen also auch nach der anderen Seite, in welche Paradoxien sich die Organisation beim Management nistet, fragen.

Wir folgen dabei dem Verdacht, daß die Organisation von den Auswirkungen der Ausdifferenzierung der Gesellschaft auf diese und die Individuen miterschüttert werden. Damit entsteht als Aufgabe der Umgang mit diesen Auswirkungen des heroischen Managements: als postheroisches Management der Differenz.

I. Einführung

I.1. Problemstellung

Management hat neben seinen funktionalen auch durchaus dysfunktionale Auswirkungen auf die Organisation, welche es managed. Diese Dysfunktionalitäten sind nicht die rechtlichen Fehlhandlungen, die über Aufsichtsräte, Reputationskapital, Massenmedien und dergleichen zu sanktionieren wären. Es sind die alltäglichen Machtspiele, Mikropolitik u.a. vorhandene Lösungen. Diese sind, intuitiv betrachtet, schlichte Abweichungen der Nutzenfunktion der beteiligten Manager von der der Organisation, für diese also Ineffizienzen.

Jedoch scheint es Funktionen der Spielregeln zu geben, welche in diesem Zusammenhang nutzbar zu machen sein könnten, denn die Ausgabe von organisatorischen Regeln zur stärkeren oder andersartigen Strukturierung von Spielen ist immer ein zweischneidiges Schwert: sie binden dem, der sie ausgibt, ebensosehr die Hände wie dem oder denen, für die sie gelten.[1] Dieses sind die „Zwänge kollektiven Handelns“, in welche sich das Management, oft immer noch entgegen der eigenen Auffassung, begibt.

Es wäre jedoch möglich, daß sich die Toleranz der Organisation gegenüber den bisherigen Abweichungen von der eigenen Nutzenfunktion dahingehend verschiebt, daß die Bilanz aus Anreizen und Beiträgen das Management zwingt, sich zu verändern.

Denn: Organisationen suchen sich bestimmte psychische Systeme, und psychische Systeme suchen sich bestimmte Organisationen als Umwelt. Für beide ist dieses eine nach Funktionalitäten selegierte Nische in ihrer selbstgewählten Umwelt.[2] Die Kriterien der Selektion sind interessant, da sie Rückschlüsse auf die Funktionalitäten, für welche dann funktionale Äquivalente zu entwickeln wären, zulassen.

Diese Koevolution entsteht über eine Veränderung des Selektionsdruckes der Umwelt der Organisation. Diese wird, intern transformiert, an das Management weitergegeben. (Auf die Bedingungen gehen wir im Kapital Koevolution genauer ein.)[3]

Wenn man Stellen in Organisationen mit Personen besetzt, so ist die Entscheidung für die Zukunft der Organisation entscheidend. Die in der Ausdifferenzierung der Gesellschaft entstandenen Motive, die eine oder andere Stellenbesetzung in einer bestimmten Organisation anzustreben (Selbstselektion), spielen dabei eine Rolle. Dieses manifestiert sich in der Tatsache, daß von der Erfüllung der funktionalen Erfordernisse die Motivation zur Erfüllung der Aufgaben abhängt.

Ändert man diese Erfüllbarkeiten, ändert sich auch die Struktur des attrahierten Managements. Damit entstehen aus Sicht der Organisation zwei Ansatzpunkte für Veränderungen der strukturellen Kopplung:

Erstens die funktionalen Erfordernisse des vorhandenen Managements nicht mehr zu erfüllen und gleichzeitig zu einer Erfüllung der funktionalen Erfordernisse des neuen, gewollten Managements überzugehen, und zweitens die eigenen funktionalen Erfodernisse anders zu decken („Rezeptorverstopfung“).

Betrachtet man also Management und Organisation als koevolierende autopoietische Systeme, welche sich aktuell in einem Lock-In[4] befinden, dann entstehen vier Interventionspunkte, welche, im günstigen Fall, alle gleichzeitig angegangen werden. Auf jeder Seite findet dann eine Andersdeckung alter/ungewollter funktionaler Erfordernisse und die Attraktion einer neuen/gewollten strukturellen Kopplung (Nischenbesetzung) durch Bereitstellung funktionaler Äquvalente statt.

Organisationstheoretische Erkenntnisse über Macht (Größe der Unsicherheitszonen), Führung (sozial emergierend, die Geführten tragen genauso dazu bei, wie die Führenden), Kontrolle (Spieltheorie, Prinzipal-Agenturtheorie: Hidden Action / Hidden Information)[5] und Spielen tragen zu einer Neubeschreibung möglicher relevanter Selektionskriterien bei.

I.2. Theorie

Diese Arbeit ist ein Beispiel für selbstreferentielle Prozesse: mit der Vergleichstechnik der Systemtheorie, der funktionalen Analyse, werden Äquivalente für die Auswirkungen, die die Vergleichstechnik Kultur auf Individuen und Organisationen hat, gesucht. Schreierischer formuliert: Vergleichstechnik sucht Vergleichstechniken für Vergleichstechnik.[6]

Wir beschreiben ökonomische Probleme mit soziologischen Unterscheidungen und soziologische mit ökonomischen, um andere, durch willkürlich gesetzte Unterscheidungen verhinderte, Perspektiven einzunehmen. Diese Arbeit zieht unorthodox die Unterscheidungen einiger Disziplinen (Soziologie, Psychologie) auf, um Probleme anderer Disziplinen (Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre) zu beschreiben. Interdisziplinarität wird hier mit Notwendigkeit der Re-Integration zuvor ausdifferenzierter Perspektiven genutzt.[7]

Wir beobachten die Schnittstelle des strukturell gekoppelten psychischen Systems mit der Organisation und des psychischen Systems mit der Gesellschaft, insbesondere jedoch die jeweiligen Rückwirkungen dieser Verhältnisse aufeinander. Da die Organisation Teil der Gesellschaft ist, ist es eine Beobachtung komplexer, selbstreferentieller Rückkopplungen, deren Sezierung dennoch für die funktionale Analyse vonnöten ist. Die Kybernetik II. Ordnung, welche dabei verwendet wird, beansprucht, sich auf strikt zirkuläre, und paradoxe Verhältnisse einzulassen und hebt damit die Postulate ontologischer, klassischer Erkenntnistheorie samt zweiwertiger Logik und Subjektivismus auf.

Da es sich um die Untersuchung von Schnittstellen handelt, die nur unter Einbeziehung von Kommunikation, nicht nur verstanden als Austausch von Informationen, sondern als Konditionierung von Möglichkeiten des Erlebens und Handelns durch benachbarte Möglichkeiten des Erlebens und Handelns, entstehen und beobachtbar werden, ist, der Systemtheorie folgend, die Bezugnahme auf Kommunikation als Grundeinheit, unverzichtbar.

Die systemtheoretische Perspektive läßt im Zusammenhang Management und Organisation einiges in den Blick treten, was für die Betriebswirtschaftslehre in den Bereich der blinden Flecken fällt. Die Organisation selbst als das Unsichtbare Dritte zwischen Mensch und Technik, die Beobachtung 2. Ordnung, die Unterscheidung als blinder Fleck der Beobachtung, Kontingenz, Paradoxien, sind Beispiele für diese fruchtbare Verbindung und Anwendung.

Der Vorschlag dieser Arbeit ist es, die Perspektive des sozialen Systems, der Organisation einzunehmen und mit den Unterscheidungen die effizient ù[8] ineffizient, viabelù nicht-viabel, funktional ù dysfunktional, die strukturelle Kopplung mit dem Management zu analysieren. Diese Perspektive weicht sowohl von der Managementliteratur, die Anleitung für die Individuen, die diese Stelle besetzen, sein soll, als auch von der betriebswirtschaftlichen oder organsiationspsychologischen Literatur ab.

Möchte man ökonomisch formulieren (d.h. Unterscheidungen der Volkswirtschaftslehre und der Betriebswirtschaftslehre zulassen), so läßt sich das hier behandelte Phänomen grob dem Problem der Trennung von Eigentum und Kontrolle zuweisen: „Die Aktionäre sind Prinzipale, die mit Sicherheit nicht im einzelnen beobachten können, ob das Management, ihr Agent, die richtigen Entscheidungen trifft. Mit Hilfe der PA-Theorie lassen sich die logischen Grundlagen des Problems der „Trennung von Eigentum und Kontrolle“ erörtern, das schon Adam Smith beschäftigte und das Berle und Means (1932) 157 Jahre später zu einem allgemeinen Thema machten.“[9]

Mit diesen institutionenökonomischen Unterscheidungen fallen die Kosten des vom Interesse des Prinzipals abweichenden Agentenverhaltens („moral hazard“, möglich durch versteckte Information und versteckte Aktion aufgrund von asymmetrischer Informationsverteilung) unter den Begriff Transaktionskosten (in diesem Fall Überwachungskosten).[10]

Diese lassen sich bekanntlich über Beherrschungs- und Überwachungsstrukturen (die Organisation ist eine andere als der Markt) minimieren, aber nie ganz auflösen, was Williamson unter dem Begriff „Economizing“ subsumiert.[11] Damit hat die Institutionenökonomie bei der Erklärbarkeit der Phänomene im Verhältnis zur Neoklassik Fortschritte gemacht.

Hier soll es jedoch um das Residual dieser Transaktionskosten gehen, das mit dem positiven Pricipal-Agent-Ansatz, über Interne Disziplinierung, Verträge, Anreize, nicht als „first best“ Lösung möglich ist, da über die Annahme des Opportunismus das Verhalten der Individuen festgelegt ist.

Einige institutionenökonomische Ansätze[12] versuchen, durch Aufbrechen der Verhaltensannahmen transaktionskostensenkende funktionale Äquivalente für Verträge bzw. deren Vollständigkeit einzuführen, dennoch führten diese Analysen nie ganz aus dem Problem der Ausnutzung von Informationsasymmetrien und Machtspielräumen hinsichtlich der verzerrenden Nutzenfunktion des einzelnen „entscheidenden“ Akteurs, hinaus. In diesem Sinne versteht sich diese Arbeit als Komplement , nicht als Substitut, zu Anreiz- und Kontrollmechanismen, die die positive Principal-Agenturtheorie anbietet.

Warum die Anreiz- und Kontrollmöglichkeiten der Motivation qua Geld, der Überwachung und Kontrolle usw. nicht die einzigen und nicht einmal die am effizientesten wirkenden Parameter beim Individuum sind, läßt sich ökonomisch nicht erklären. Daß die Größe der Macht die zu bestimmende Größe an Ungewißheitszonen ist, daß Führung sozial, gleichzeitig durch Führenden und Geführten emergiert, daß Organisationen nicht steuerbar im Sinne einer Nicht-trivialen-Maschine[13] sind, sind Erkenntnisse, die durch soziologische und organisationstheoretische Perspektiven gewonnen werden. Die Transaktionskostenökonomie kann nur feststellen, daß eine vollständige „Heilung“ mit ihren Unterscheidungen nicht möglich ist. Transaktionskosten sind vorhanden und lassen sich, abhängig von Governance Strukturen oder Verträgen, minimieren.

Diese Arbeit will analog zu der Vorgehensweise der positiven Prinzipal-Agentur-Ansatzes, insbesondere des Williamsonschen Economizing, mit den Erkenntnissen und Instrumenten der Systemtheorie, für das formulierte Problem nutzen.

Die Systemtheorie kann Unterscheidungen anbieten, die nutzenbringend für diese Perspektive einzusetzen sind. Man kann, ähnlich wie im Fall der systemischen Familientherapie, funktionale Äquivalente und neue Denkmodelle suchen und ist zusätzlich, anders als im Fall der Familientherapie, in der Lage die Ressourcen der psychischen Systeme in der Umwelt auszutauschen. Damit ist eine Konstante der Familientherapie in eine Variable überführt. Erst diese Freiheit macht ein Economizing auch über die Variable der strukturell gekoppelten psychischen Systeme möglich.

Damit ist der thematische Rahmen dessen, was diese Arbeit will, abgesteckt: Eine systemtheoretisch fundierte Betrachtung der Koevolution von psychischen und sozialen Systemen soll, unter der Bedingungen der Verbesserung der Viabilität, das Verhältnis von Management und Organisation aus der Perspektive der Organisation reformulieren.

I.3. Äquivalenzfunktionalismus

Die funktional-strukturelle Systemtheorie Niklas Luhmanns verwirft im Gegensatz zur (strukturell-funktionalen) soziologischen Systemtheorie von Parsons die Annahme, daß soziale Systeme auf spezielle, nicht substituierbare Leistungen notwendig angewiesen sind. Soziale Systeme hören nicht zu existieren auf, wenn bestimmte Systemleistungen ausfallen, vielmehr besitzen sie die Möglichkeit, die ausgefallenen Beiträge durch Alternativen zu ersetzen. Somit geht es nicht mehr um die Frage, welche konkreten Beiträge den Bestand des Systems kausal bewirken und damit seinen Fortbestand gewährleisten, sondern um die Frage, welche Funktionen bestimmte Systemleistungen erfüllen und durch welche funktionalen Äquivalente diese ersetzt werden können.

Die funktionale Analyse benutzt Relationierungen mit dem Ziel, Vorhandenes als kontingent und Verschiedenartiges als vergleichbar zu erfassen. Sie bezieht Gegebenes, seien es Zustände, seien es Ereignisse, auf Problemgesichtspunkte, und sucht verständlich nachvollziehbar zu machen, daß das Problem so oder auch anders gelöst werden kann. Die Relation von Problem und Problemlösung wird dabei nicht um ihrer selbst willen erfaßt; sie dient vielmehr als Leitfaden der Frage nach anderen Möglichkeiten.

Damit ist der Äquivalenzfunktionalismus eine Methode, zu vergleichen und Vorhandenes mit Seitenblick auf andere Möglichkeiten zu eröffnen.

Für die Beziehungsanalyse in der vorliegenden Arbeit bedeutet diese Vorgehensweise, daß nicht die Motive und Bedürfnisse des Individuums selbst, sondern die funktionalen Erfordernisse der Strukturen und Prozesse für die sozialen oder psychischen Systeme betrachtet werden. Im Unterschied zur alteuropäischen linearen Ursache-Wirkungs-Unterscheidung unterstellen wir Selbstreferentialität d.h. gegenseitige Bedingtheit und Voraussetzung der funktionalen Erfordernisse. Will man etwas am eingeschlagenen Pfad, am Lock-In oder an den „strange Attractors“ der koevolierenden Systeme ändern (oder nur daran denken und darüber reden), muß man für die gegenseitigen funktionalen Erfordernisse Äquivalente finden. Welche Ereignisse für welche Systeme relevant sind ist Folge von Koevolution und nicht systemeigene Leistung. Anhand von struktureller Kopplung entwickeln sich so „Mehrsystemereignisse“, welche auf der Ebene des Ereignisses synchron, jedoch innerhalb der Systeme nach jeweiliger Eigenzeit ablaufen (Übersetzungen).[14]

Sowohl psychische, als auch soziale Systeme werden im folgenden unter der Vorgehensweise des Äquivalenzfunktionalismus beobachtet,[15] d.h. sie selegieren hin zu einer und nicht zu einer anderen strukturell gekoppelten Umwelt.

I.4. Koevolution

Koevolution beschreibt die Tatsache, daß sich Systeme niemals in einer statischen Umwelt entwickeln, sondern auf ihre Umwelt zurückwirken und deren Entwicklung (im Sinne einer Wechselwirkung zwischen Systemen und ihrer Umwelt) mitbestimmen. Die Zusammenhänge des füreinander-relevante-Umwelt-seins werden mit der Konzeptionalisierung der Ökologie begriffen. Ist das Verhältnis in der Zeit koevolutiv, so läßt sich die oben beschriebene Situation als Symbiose bezeichnen. Man kann auch institutionenökonomisch formulieren: Wir befinden uns in einem dauernden Lock-in der Institutionen (Strukturen Sozialer Systeme), die auf psychische Systeme restriktiv wirken (= unspezifisch i.S. der unwritten rules = Kultur) und psychischer Systeme, die mit ihren Eigenwerten die Möglichkeiten der sozialen Systeme bereitstellen und eingrenzen (ebenfalls unspezifisch). Damit ist die Theorie autopoietischer, selbstreferentieller Systeme mit der Theorie ko-evolutiver Systeme kombiniert.

Soziale Systeme gliedern sich in Interaktionssysteme, Organisationen und Gesellschaftssysteme als übergeordnete Einheit.[16] Die hier beschriebene Koevolution umfaßt die Wechselwirkungen zwischen psychischen Systemen und jeder der drei Systemarten.

Das Verhältnis von Management und Organisation wird hier, mit Luhmann, als strukturelle Kopplung im systemtheoretischen Sinne begriffen. „Über strukturelle Kopplung kann ein System an hochkomplexe Umweltbedingungen angeschlossen werden, ohne deren Komplexität erarbeiten oder rekonstruieren zu müssen. (...) Das gilt bereits für die physikalischen Umweltkopplungen des Nervensystems und besonders eindrucksvoll auch für die Kopplung des Kommunikationssystems an die individuell verstreuten Bewußtseinssysteme.“[17]

Welche Ereignisse für welche Systeme "relevant", im Sinne von funktional sind, ist eine Folge von Koevolution und nicht systemeigene Leistung. Für diese Form von Selektion steht der Begriff der strukturellen Kopplung. Strukturelle Kopplung steht für alle Ereignisse, die als "Mehrsystemereignisse" in verschiedenen Systemen nach je herrschendem Eigensinn vorkommen.

Der hier behandelte Strukturwandel wird mit dem Begriff Evolution bezeichnet, da es sich um eine eigendynamische Veränderung in der Zeit handelt. Über den Dreischritt der Variation, Selektion und Restabilisierung findet eine kontinuierliche oder diskontinuierliche, eine allmähliche oder eine sprunghafte evolutionäre Veränderung statt.

„Die Theorie selbstreferentieller Evolution verlegt den „Grund“ des Geschehens also nicht mehr an den Anfang (arché, principium). Sie ersetzt diese traditionelle Weise der Erklärung durch eine differenztheoretische, nämlich durch Spezifikation der Differenz der evolutionären Funktionen und eine möglichst genaue Lokalisierung der besonderen Bedingungen ihres Auseinandertretens in der empirischen Realität evolierender Systeme.“[18]

Wir beschreiben also die über Selektionsdruck entstehende und in den Mechanismen der Evolution stattfindende Veränderung von Organisationen und Management anhand von bestimmten, im folgenden spezifizierten und begründeten, Unterscheidungen.

Die evolutionstheoretische Betrachtungsweise setzt jedoch anders als die neoklassische Theorie, ökonomische Entscheidungen nicht mehr durch den Markt determiniert, sondern im Unternehmen unter den Bedingungen der Unsicherheit und mangelnder Information entstanden, voraus. Damit ist die Zusammensetzung der Unternehmenspopulation der Selektion durch den Markt zu verdanken.[19]

[...]


[1] Vgl.: Crozier/Friedberg (1979), Macht und Organisation. Die Zwänge kollektiven Handelns, Königstein, S. 75.

[2] Diese Aussage ist eine grobe Vereinfachung, welche sich nur durch die Perspektive der Arbeit rechtfertigen läßt: Da beide über die Person strukturell gekoppelt sind läßt sich nicht immer eindeutig auf funktionale Erfordernisse des psychischen oder sozialen Systems auf der Außenseite dieser Koppelung rückschliessen. Die Motive und daher die systeminternen Ursachen einer Nischenwahl in der Umwelt lassen sich schon alleine durch die Kontingenz der beobachtungsleitenden Unterscheidung des Beobachters nicht eindeutig klären. Die hier vorgenommenen Beobachtungen geben uns mehr Auskunft über die Beobachterin (Autorin) als über die beobachteten Systeme. Die Beobachterin hofft jedoch auf die zugrundeliegenden “real assets”, als auch auf ihre Beobachtungen der Beobachtungen der beobachteten Systeme.

[3] Siehe Kapitel I.4. , S. 8

[4] Vgl.: North, Douglass, C. (1997), Institutionen, Institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung, Tübingen, S. 8

[5] Zur Definition vgl.: Richter/Furubotn (1997), Neue Institutionenökonomik, Marburg, S. 164 f.

[6] Den Schluß, daß Luhmanns Unbehagen mit dem Begriff Kultur aus der Parallelität zwischen seiner Theorie und der Kultur als Vergleichstechnik entsteht, weil beide mit doppelter Kontingenz starten und enden, zieht Dirk Baecker in seinem Aufsatz “Unbestimmte Kultur” in: ders. (2000) Wozu Kultur?, Berlin, S. 149. Jedoch stellt Systemtheorie darüber hinaus Fragen nach der Konstitution und Reproduktion sozialer Phänomene, womit der Systemtheoretiker sich dem Vergleich mit dem mittels Kultur (selbstreferentiell) Assymmetrie produzierenden Intellekutellen nicht wirklich stellen muß. “Denn im Unterschied zu dem Intellektuellen, der die soziale Wirklichkeit prinzipiell für disponibel hält und alle gegenteilige Evidenz auf selbstverschuldete Unmündigkeit (immer: der Anderen) zurückführt, bewahrt sich der Soziologe einen Blick nicht nur für die Selbstverständlichkeit einer nicht reflektierten Normalität, sondern auch für soziale Intelligenz der Ablehnung von Reflexion.” Dirk Baecker (2000)“Unbestimmte Kultur” in: ders. (2000), Wozu Kultur?, Berlin, S. 153

[7] Aber man muß ja kein Regenwurm sein um Regenwürmer beschreiben zu können.

[8] ù ist das formentheoretische Zeichen für Unterscheidung vgl.: Spencer-Brown, George (1969), Laws of form, New York

[9] Jensen/Meckling (1976), Theory of the firm: Managerial behavior, Agency Costs and ownership structure, Journal of financial economics 3, S. 327

[10] Vgl. Richter/Furubotn (1996), Neue Institutionenökonomik, Marburg, S.164 f.

[11] Williamson, O.E. (1985), Markets and Hierachies

[12] Vgl.: Wieland, Josef (1999), Die Ethik der Governance, Marburg; North; D.C. (1990), Institutions, Institutional Change, and Economic Performance, Cambridge; Commons, J.R. (1934/1990), Institutional Economics, New-Brunswick-London; Alchian, A., Demsetz, H. (1972), Production, Information Cost and Economic Organizations. In: American Economics Review 62 (5): S. 777- 795

[13] Zum Begriff der Nicht-trivialen-Maschine vgl.: Von Foerster, Heinz (1993), Das Gleichnis vom blinden Fleck in: G. Lischka (Hrsg.) Der entfesselte Blick, Bern

[14] Ein einfaches Beispiel aus der Wiege der Evolutionstheorie, der Natur: Was für die Blattläuse Abfallprodukt nach dem Verdauen von Pflanzenfasern ist, ist für die Ameise genießbare Nahrung. Deswegen schützen die Ameisen die Blattläuse und “melken” sie indem sie sie mit ihren Fühlern kitzeln. Auf beiden Seiten ist diese koevolierte Kopplung eine Erwartungserwartung, die sich über Generationen von Ameisen und Blattläusen tradiert hat. Hier lassen sich nichtintentionale funktionale Erfordernisse auf beiden Seiten als Mehrsystemereignisse erkennen. Die Blattläuse verdauen ja nicht intentional für die Ameisen, sie wollen nur in Ruhe essen und überleben. Die Ameisen finden die Blattläuse nicht so nett, daß sie sie per se beschützen, sie wollen deren Ausscheidungen. Analog zu diesem Beispiel soll hier die Symbiose aus Mangement und Organsation beobachtet werden.

[15] Da es sich in dieser Arbeit nicht um die Sammlung der Einzelmotive der in Frage kommenden Individuen handeln kann, werde ich im folgenden den Versuch einer strukturellen Lösung dieser Frage, mittels des Äquivalenzfunktionalismus wagen.

[16] Luhmann, Niklas (1984), Soziale Systme – Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main, S.16

[17] Luhmann, Niklas (1997), Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main , S. 107

[18] Luhmann, Niklas (1997), Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main , S. 500

[19] Vgl.: Luhmann, Niklas (1997), Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main , S. 559

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Koevolution von Management und Organisation I
Hochschule
Universität Witten/Herdecke  (Institut für Unternehmenskultur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
57
Katalognummer
V17218
ISBN (eBook)
9783638218412
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Koevolution, Management, Organisation
Arbeit zitieren
Marion Flötotto (Autor), 2000, Koevolution von Management und Organisation I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17218

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