Frauen im Nibelungenlied: Kriemhild


Hausarbeit, 2004

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ist Kriemhild eine historisch belegbare oder eine rein fiktive Figur?

3. Charakterisierung Kriemhilds anhand des Textes
3.1. Teil I: 1. - 16. Aventiure
3.2. Übergangsphase: 17. - 19. Aventiure
3.3. Teil II: 20. - 39. Aventiure
3.4. Überblick: Bleibt Kriemhild mit sich identisch?

4. Zentrale Aspekte im Zusammenhang mit Kriemhilds Wesen und Charakter
4.1. Aspekt der Schönheit
4.2. Begriff der triuwe - Beziehung Kriemhilds zu Siegfried

5. Ist Kriemhild eine oder sogar die Hauptfigur im Nibelungenlied?

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Nibelungenlied gilt als eines der bedeutendsten mittelhochdeutschen Heldengesänge. Es entstand Ende des 12.,Anfang des 13. Jahrhunderts und wird im donauländischen Raum angesiedelt. Das Nibelungenlied ist das Ergebnis jahrelanger Entwicklung durch mündliche Überlieferung, das schließlich in unterschiedlichen, zahlreichen Handschriften festgehalten wurde. Die wichtigsten Handschriften werden mit A, B und C bezeichnet.

Meiner Untersuchung liegt, wie dem Großteil der Forschungsliteratur, Handschrift B (St. Gallen)1 zugrunde.

Die Forschungslage in Bezug auf das Nibelungenlied ist sehr umfangreich und einen Überblick über die gesamten Arbeiten zu geben, ist unmöglich. Ein zentraler Forschungsschwerpunkt ist die Grundlage, die Entstehung und Entwicklung des Nibelungenstoffes sowie die verschiedenen Ausführungen der zahlreichen Handschriften. Weitere Forschungsaspekte beschäftigen sich mit der Verfasserfrage sowie diversen Deutungsfragen, die sich meist auf die einzelnen Figuren beziehen. Zusätzlich gibt es umfassende Forschungsliteratur über die Nibelungendichtung im Kontext verschiedener Epochen und Länder.

Ein zentraler Untersuchungsaspekt in der Forschung um das Nibelungenlied sind die Frauen, speziell Brünhild, Königin von Island und später Gattin von Burgundenkönig Gunther, sowie Kriemhild, Gattin von Siegfried, die den Tod ihres Mannes später grausam rächt.

Ausgehend vom Thema „Frauen im Nibelungenlied“, beschäftige ich mich mit der Figur Kriemhild. Zunächst gehe ich auf die möglichen historischen Parallelen und Belege unter dem Aspekt der historischen Kriemhild ein und vergleiche hierzu verschiedene Forschungsmeinungen. Als weiteren Gliederungspunkt beschäftige ich mich mit der detaillierten Charakterisierung Kriemhilds anhand des mittelhochdeutschen Textes. Hierbei gehe ich handlungschronologisch vor und schließe mit der Fragestellung, ob Kriemhild im Verlauf der Nibelungendichtung mit sich identisch bleibt.

Des Weiteren arbeite ich anschließend zwei zentrale wichtige Aspekte von Kriemhilds Charakter noch einmal deutlicher heraus: die Schönheit und die triuwe.

Ist Kriemhild eine oder sogar die Hauptfigur im Nibelungenlied ? Mit dieser Frage, die eine in der Forschung bereits oft gestellte Frage ist, zu der es unterschiedliche Stellungnahmen gibt, werde ich mich auseinandersetzen.

Abschließend werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und einen Ausblick auf mögliche weitere interessante Themengebiete und Teilaspekte im Bezug auf die Figur Kriemhild geben, die in einem größeren Kontext noch untersucht werden können, die den Rahmen meiner Untersuchung jedoch sprengen würden.

2. Ist Kriemhild eine historisch belegbare oder eine rein fiktive Figur?

Teile der Handlungsstruktur sowie diverse Figuren des Nibelungenliedes sind historisch belegbar. „Für den zweiten Teil des Nibelungenliedes […] sind historische Grundlagen verhältnismäßig klar erkennbar, während sie für den ersten Teil […] heftig umstritten sind“ (Hoffmann, 41). In Bezug auf die Figur Kriemhild und ihre Untersuchung auf Historizität werden die politischen Verhältnisse zwischen den merowingischen Königsfamilien im 5. und 6. Jahrhundert herangezogen, die aufgrund der matriarchalischen Strukturen2 an den Hof Etzels unter Kriemhild erinnern. Anzumerken ist, „daß mentalitätsgeschichtliche und vor allem mythische Verhältnisse sich kaum in den historischen Dokumenten niedergeschlagen haben, waren diese ja stets dem Selektionsprozeß einer patriarchalischen Autoren- und Leserschaft unterworfen“ (Classen, 27). Dennoch sind historische Elemente in der Nibelungensage, insbesondere die Figuren, anhand der Chronistik der frühen germanischen Staaten annähernd belegbar.

Der Enkel Chlodwigs des I., Sigibert, König von Austrasien, heiratete 567 Brunichilde. Daraufhin heiratete Chilperich, König von Neustrien und Bruder Sigiberts, aus dem Motiv der Teilhabe an deren Familienruhm Brunichildes Schwester Galsvintha. Diese wurde bald darauf ermordet. Über den Mord gibt es in der Forschungsliteratur unterschiedliche Angaben. Sie wurde entweder von Fredegunde, Chilperichs Geliebter, oder von einem Unbekannten im Auftrag ihres Ehemannes umgebracht (vgl. Classen, 27; Hoffmann, 45).

Daraus entstand eine Feindschaft zwischen Brunichilde und Fredegunde sowie ein Bruderkrieg zwischen Chilperich und Sigibert. Sigibert wurde im Jahr 575 vermutlich auf Anstiftung Fredegundes ermordet, „während Brunhild hinter der Ermordung Chilperichs im Jahre 584 stehen könnte“ (Hoffmann, 45).

Nach Sigiberts Tod übernahm Brunichilde die Herrschaft, sie wurde jedoch letztlich von Chlotar II., Sohn Fredegundes, entmachtet und hingerichtet. „Ihre Regierungszeit läßt sich in vieler Hinsicht als ein zwar gescheiterter, aber grundsätzlich doch erfolgversprechender Versuch bezeichnen, die Einheit des Reiches von Burgund aus erneut zu errichten“ (Classen, 27).

Die historische Figur Brunichilde stellt somit ein fast idealtypisches Modell für Kriemhild dar, da auch sie eine Art Matriarchat nach der Heirat mit Etzel errichtet. „Insoweit repräsentiert die fiktionale Gestalt Kriemhilt in ihrer matriarchalischen Funktion keineswegs eine realitätsfremde Herrscherin“ (Classen, 27).

Siegfried geht hier folglich auf den merowingischen König Sigibert zurück, aus der historischen Brunichilde wurde in der Dichtung Kriemhild, „was eine Folge des Stabreimes in den Namen der Angehörigen der burgundischen Königsfamilie sein könnte“ (Hoffmann, 45). Brunhild steht in Verbindung mit der geschichtlichen Fredegunde.

Zu betonen ist, dass die Forschung hier nicht mit Sicherheit sagen kann, ob diese historischen Begebenheiten als Vorlage für die Gestalten und Ereignisse der Dichtung dienten. Jedoch ist das Motiv des Matriarchats, das Kriemhild an Etzels Hof zum Teil innehatte, an mehreren historisch belegten Königinnen auszumachen, die dasselbe Schicksal wie Kriemhild erlitten (vgl. Classen, 27f.). Die geschichtlichen Grundlagen für den zweiten Teil des Nibelungenliedes sind relativ klar erkennbar (vgl. Hoffmann, 41). Hier entspricht Kriemhild einer historischen Germanin namens Hildico, die Attila heiratete. Dieser starb 453 in der Hochzeitsnacht an einem Blutsturz, jedoch wurde spekuliert, dass Hildico ihn umgebracht hat (vgl. Hoffmann, 43; Müller, 18). Attila, der mittelhochdeutsch Etzel heißt, war seit 445 alleiniger Hunnenkönig.3 Er führte zahlreiche Eroberungszüge nach Mittel- und Westeuropa und am Sieg des Äetius über die Burgunden im Jahre 436/437 waren ebenso hunnische Verbündete beteiligt. „Die Verbindung mit einer Germanin, der plötzliche Tod und der Zusammenbruch des Hunnenreiches danach scheinen die Ausgangspunkte der Sagenbildung um den blutigen Kampf an Etzels Hof gewesen zu sein“ (Müller, 18).

Festzuhalten ist, dass es zahlreiche mögliche Bezüge zu historischen Ereignissen und Personen im Hinblick auf die gesamte Nibelungensage gibt und dass im Hinblick auf die Figur Kriemhild besonders die historische Figur Brunichilde starke Parallelen aufweist. Meiner Meinung nach kann nicht von einer bestimmten historischen Bezugsperson für die Figur Kriemhild ausgegangen werden, da das Nibelungenlied über Jahrhunderte hinweg entstanden ist und es immer wieder ähnliche Begebenheiten gegeben hat. Die Figur Kriemhild kommt jedoch aufgrund der ähnlichen Handlungsgeschehnisse und Rahmenbedingungen der historischen Brunichilde am nächsten.

3. Charakterisierung Kriemhilds anhand des Textes

Kriemhilds Charakter erfährt parallel zum Handlungsgeschehen im Nibelungenlied Veränderungen. Eine Einteilung in I. und II. Teil, mit einer Zäsur nach der 19. Aventiure ist für die Charakterentwicklung prototypisch.

3.1. Teil I: 1. - 16. Aventiure

Kriemhild steht am Anfang, sie ist die erste Person, die dem Hörer4 entgegentritt (vgl. 2 - 4).5 Zentrale Schlagworte, die in Zusammenhang mit Kriemhild stehen, sind „edel magedîn“ (2,1), „scoene wîp“ (2,3), „minneclîchen meide“ (3,1), „âne mâzen schoene“ (3,3).

Der Aspekt der Schönheit tritt sogleich in den Vordergrund. Attribute, die im ersten Teil in Verbindung mit ihrem Auftreten stehen, sind Sch ö nheit, Adel, Hof, Liebe und das Gute. Auffällig ist, dass dem Hörer im Laufe des gesamten Nibelungenliedes von der außerordentlichen Schönheit Kriemhilds vorgeschwärmt wird, eine nähere Beschreibung wird jedoch nicht gegeben.

Zitaten beziehen sich auf die Primärliteratur. Ich zitiere nach: Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Durchges. u. verbess. Aufl. Stuttgart 2002.

Zweck dessen ist das Einsetzen einer Vorstellung des eigenen persönlichen Idealbilds einer Frau.

„Indem der Erzähler von Kriemhild versichert, sie sei die Schönste, ohne sie aber näher zu beschreiben, wendet er sich an das Schönheitsideal jedes Rezipienten, der gezwungen wird, diesen Äußerungen Glauben zu schenken [...], ohne sie durch objektive Daten selbst nachprüfen zu können“ (De Pol, 424). Diese „Leerstelle“6 aktiviert den Hörer, regt dessen Phantasie an und lässt den Text mit dem Rezipienten kommunizieren.7 Kriemhild ist somit für jeden ein individueller Inbegriff von Schönheit. [siehe auch 4.1 Aspekt der Schönheit] Kriemhild ist eine Figur neben Siegfried, sie wird als seine Ehefrau dargestellt und sie beugt sich ihm. Liebe und Hingabe sind zentrale Merkmale von Kriemhilds Verhalten in Beziehung zu Siegfried.

„dô mêrte sich ir varwe, die si vor líebé gewan.“ (561,4) Der Streit zwischen Kriemhild und Brünhild ist zentraler Wendepunkt im Nibelungenlied (14. Aventiure). Stärke, Macht und Ansehen, Zorn und Hass sind hier zentrale Schlagworte. Brünhild ist gekränkt, da Kriemhild ihr öffentliches Ansehen am Hof einzuschränken droht. Sie spielt ihr Wissen um Brünhilds Schicksal gegenüber dieser aus (vgl. 838 - 854). Kriemhild handelt hier aus verletztem Stolz heraus und versucht ihre Würde zu demonstrieren. „Die erbarmungslosen Schläge, die sie ihrer Beleidigerin versetzt, lassen die Härte ahnen, deren die aus verwundetem Herzen Hassende, die Rächerin, fähig sein wird.“ (Schröder, 72) Hier findet der Hörer bereits eine Andeutung von Kriemhilds Stärke, ihrer Durchsetzungskraft, die sich später in viel stärkerer Form als Rächende zeigen wird.

Des Weiteren besitzt Kriemhild eine prophetische Begabung8, sie ahnt Geschehnisse voraus. Bereits zu Beginn hat Kriemhild einen Traum der eine Vorausdeutung für das gesamte Werk darstellt.

„In disen hôhen êren tróumte Kriemhíldè, wie si züge einen valken, starc, scœn’ und wíldè, den ir zwêne arn erkrummen. daz si daz muoste sehen, ir enkúnde in dirre werlde leider nímmér gescehen.“ (13)

Ein weiteres Beispiel ist ein Gespräch zwischen Kriemhild und ihrem Bruder Gunther. Hier erkennt sie intuitiv die Verhältnisse im Brünhild-Reich und warnt Gunther vor einer Reise dorthin. Indirekt wird Kriemhild mit ihren Bedenken Recht behalten.

„Si sprach:´vil lieber bruoder, ir möhtet noch bestân unt wurbet ander frouwen (daz hiez’ ich wol getân), dâ iu sô sêre enwâge stüende niht der lîp. Ir mugt hie nâher vinden ein alsô hôchgeborn wîp.’

Ich wæn’ in sagt’ ir herze, daz in dâ von geschach.“ (372 - 373,1)

[...]


1 vgl. Hoffmann 73f.

2 Matriarchat: Bezeichnung für eine Gesellschaftsordnung, in der die Frau, im Besonderen die Mutter, die Vorherrschaft innehat. - Ggs. Patriarchat (Meyers Gro ß es Taschenlexikon, Mannheim 2001).

3 Attila war nach dem Tod seines Bruders Bleda Alleinherrscher. In der Nibelungendichtung tritt dieser als Blödelin, der jedoch hier als Untertan Etzels rangiert, auf (vgl. Müller 18).

4 Im Mittelalter wurde die Dichtung durch einen Minnesänger vorgetragen, daher spreche ich hier primär von dem Rezipienten des Nibelungenliedes als Hörer. Selbstverständlich sind hierbei aber auch die Leser mit inbegriffen, die ursprüngliche Form verlangt jedoch einen Hörer.

5 Die Zahlen in Klammern, bei denen kein Autorenname davor steht, bzw. die Zahlenangaben nach mittelhochdeutschen

6 De Pol, 424.

7 „Nun liegt es gerade in der Eigengesetzlichkeit der literarischen Kommunikation, daß jeder Leser die Lücke des Textes

durch seine persönliche Einbildungskraft auffüllt, welche sich wiederum teils auf individuelle Geschmacksentscheidungen, teils auf überpersönliche, gesellschaftlich bedingte Phänomene stützt, ohne daß der Autor auf mögliche unterschiedliche Antworten auf denselben Appell Rücksicht zu nehmen braucht“ (De Pol, 424).

8 vgl. Classen, 5.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Frauen im Nibelungenlied: Kriemhild
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V172182
ISBN (eBook)
9783640919321
ISBN (Buch)
9783640919499
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriemhild, Frauen, Nibelungenlied, Siegfried, Schönheit
Arbeit zitieren
Kathrin Schweizer (Autor), 2004, Frauen im Nibelungenlied: Kriemhild, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172182

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