Der häufige Gebrauch des Ausdrucks „Nation“ scheint zu suggerieren, dass es sich um feste, homogene und überzeitliche Größen handelt. Indes erweist sich der Begriff bei näherer Betrachtung als problematisch. Mit ihm werden pauschal äußerst komplexe Phänomene bezeichnet, was zu einer weitgehenden Vereinfachung und systematischer Unschärfe führen muss. Die „ontologische Armut“ des Nationenbegriffs, auf die der prominente Nationalismus-Forscher Benedikt Anderson verweist, steht in deutlichem Kontrast zu der vielfältigen Verwendung von demselben in unterschiedlichen Diskursen. Da es sich hier um einen Allgemeinbegriff handelt, gehört dessen Bloßlegung und Untersuchung zu den Aufgaben der Philosophie. So wird in der philosophischen Betrachtung grundsätzlich zwischen der essentialistischen und konstruktivistischen Deutung des Nationenbegriffs unterschieden. Der essentialistischen Lesart zufolge, wie sie schon bei Gottlieb Fichte zu finden ist, ist die Nation eine ewig bestehende Entität, die in staatlichen Gebilden lediglich verwirklicht wird. Der Konstruktivismus behauptet hingegen, dass die Nation schon immer gedacht ist und in keinem realen Sinne existiert. Benedict Anderson spricht hierbei von einer „vorgestellten Gemeinschaft", Ferdinand Tönnis von einer „gewollten Gesellschaft".
Die in dieser Arbeit präsentierten Formen des Nationalismus werden nach ihrem ontologischen Status beschrieben sowie nach ihrer jeweiligen ethischen Relevanz ausgewertet. Denn für viele Menschen geht eine bestimmte Konzeption des Nationalen mit ethischen Verpflichtungen einher. Wie diese Verpflichtungen begründet, und inwiefern sie berechtigt sind, wird in dieser Arbeit untersucht. Nach der Charakterisierung der unterschiedlichen Varianten des Nationalismus wird eine besondere Form des nationalen Gedankens analysiert, die für den deutschen Nationalismusdiskurs von großer Bedeutung ist: Das Konzept des Verfassungspatriotismus. Abgeschlossen wird die Arbeit mit Überlegungen zu möglichen Alternativen für den Nationalismus in Europa sowie mit einem Plädoyer für den partiellen Kosmopolitismus.
Inhaltsverzeichnis (Table of Contents)
- I. Einleitung: Die ontologische Armut des Nationenbegriffs
- II. Varianten des Nationalismus und deren ethische Implikationen
- II.I. Realer Nationalismus
- II.II. Konstruktivistischer Nationalismus
- III. Die Idee des Verfassungspatriotismus
- III.I. Der Verfassungspatriotismus bei Dolf Sternberger
- III.II. Der Verfassungspatriotismus bei Jürgen Habermas
- III.III. Die Kritik am Verfassungspatriotismus
- IV. Alternativen für den Nationalismus in Europa
- IV.I. Der Gedanke des Kosmopolitismus
- V. Schlussbemerkung: Die Zukunft des Nationalismus
Zielsetzung und Themenschwerpunkte (Objectives and Key Themes)
Die Arbeit untersucht ethische Aspekte des Nationen- und Nationalismusbegriffs und analysiert die Debatte um den Verfassungspatriotismus. Ziel ist es, die ontologische Armut des Nationenbegriffs aufzudecken und die verschiedenen Varianten des Nationalismus sowie deren ethische Implikationen zu beleuchten.
- Ethische Aspekte des Nationen- und Nationalismusbegriffs
- Kritik am essentialistischen Nationalismus
- Das Konzept des Verfassungspatriotismus
- Alternativen zum Nationalismus
- Die Zukunft des Nationalismus
Zusammenfassung der Kapitel (Chapter Summaries)
Die Einleitung beleuchtet die Vielschichtigkeit des Nationenbegriffs und zeigt seine problematische Definierbarkeit auf. Es werden verschiedene Konzeptionen, wie das politische und das ethnische Verständnis der Nation, vorgestellt. Die Arbeit stellt dar, dass der Begriff Nation komplex und vieldeutig ist, da er in unterschiedlichen Diskursen verwendet wird. Die Arbeit differenziert zwischen essentialistischer und konstruktivistischer Lesart des Nationenbegriffs und beleuchtet die Bedeutung dieses Begriffs für die Philosophie.
Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit unterschiedlichen Formen des Nationalismus, die nach ihrem ontologischen Status und ihrer ethischen Relevanz beschrieben werden. Der reale bzw. essentialistische Nationalismus, der sich auf die Existenz von Nationen als reale und notwendige Entitäten beruft, wird kritisch betrachtet. Der konstruktivistische Nationalismus, der die Nation als eine "vorgestellte Gemeinschaft" begreift, wird in diesem Zusammenhang genauer untersucht.
Der dritte Teil der Arbeit widmet sich der Idee des Verfassungspatriotismus, die von Dolf Sternberger und Jürgen Habermas geprägt wurde. Es wird beleuchtet, wie diese Konzeption den Nationalismus neu interpretiert und ihn mit einer Betonung auf die gemeinsamen Werte und Prinzipien einer Verfassung verbindet. Die Arbeit analysiert auch die Kritik an dieser Konzeption, die sich auf mögliche Widersprüche und potenzielle Probleme fokussiert.
Schlüsselwörter (Keywords)
Die Arbeit beschäftigt sich mit zentralen Begriffen wie Nation, Nationalismus, Verfassungspatriotismus, ethnische Homogenität, kollektives Bewusstsein, "vorgestellte Gemeinschaft", Kosmopolitismus und ethische Verpflichtungen. Es werden verschiedene philosophische Positionen und Argumentationslinien beleuchtet, die die Debatte um Nation, Nationalismus und Verfassungspatriotismus prägen.
- Quote paper
- Adam Galamaga (Author), 2009, Ethische Aspekte des Nationen- und Nationalismusbegriffs und die Debatte um den Verfassungspatriotismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172218