Historische Leitbilder der Stadtentwicklung


Seminararbeit, 2010
30 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1 Einführung

2 Historische Leitbilder der Stadtentwicklung in Europa
2.1 Die Gartenstadt und „New Towns“
2.2 Die Funktionelle Stadt
2.3 Die gegliederte, aufgelockerte und autogerechte Stadt
2.4 Urbanität durch Dichte und Die Sozialistische Stadt
2.5 Nachhaltige Stadtentwicklung

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Das Modell der idealen Stadt war schon sehr früh ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Denkens. Für die Mächtigen war es von großer Bedeutung die Vorstellungen vom Leben in der Städteplanung zum Ausdruck zu bringen, angefangen von den Idealvorstellungen in der griechischen Antike über die in der Renaissance entstanden Fürstenstädte bis hin zu den Städten, welche vom Sozialismus geprägt wurden. Seit dem 20. Jahrhundert entwickelten sich die Leitbilder des Städtebaus jedoch aus den Unzufriedenheiten in den Städten heraus. Neben der Planung von Gebäuden und Verkehr standen nun auch soziale Aspekte im Vordergrund. Viele der Leitbilder der letzten Jahre können noch heute in den Städten wieder gefunden werden. In der nachstehenden Arbeit werden folglich die unterschiedlichen Stadtentwicklungsphasen in Europa während des 20. Jahrhunderts dargestellt. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf den historischen Leitbildern der Stadtentwicklungsplanung, welche ihren Ursprung in verschiedenen europäischen Ländern haben. Insbesondere wird auf die Entstehungsgeschichte, deren Hintergründe sowie auf die Durchsetzungsarten mit den jeweiligen Zielstellungen eingegangen. Letztlich wird die Umsetzung dieser Leitbilder durchleuchtet. Diese Untersuchungsparameter sind jeweils auf die spezielle wirtschaftliche und politische Lage der Ursprungsländer ausgerichtet. Die Stadtentwicklungsplanung wird allgemein als eine „planerischer Erfassung und Steuerung der städtischen Entwicklung unter Beobachtung der maßgeblichen raumwirksamen Faktoren“ definiert (LESER 2005, S.876). Eine saubere, definitorische Trennung weiterer Begrifflichkeiten der Stadtentwicklung ist hierbei unerlässlich. So ist es zum Beispiel ein Unterschied, ob es sich um stadtplanerisches Konzept oder um ein Leitbild handelt. Der Begriff „Konzept“ stammt von dem lateinischen Wort „conceptum“, das so viel bedeutet wie das (in Worten) Abgefasste oder Ausgedrückte (WAHRIG 1997). Ein Konzept kann in Form einer ersten Niederschrift/ Fassung oder eines Entwurfs konzipiert sein. Wird ein Ideal durch das Empfinden und Handeln eines Menschen bestimmt, handelt es sich also um ein Wunschvorbild, so spricht man von einem „Leitbild“ (WAHRIG 1997). Unterschieden werden diese Begrifflichkeiten durch ihren Charakter. Konzepte besitzen einen programmatischen Charakter, das heißt sie dienen als Bausteine oder Instrumente in einem Planungs- und Entwurfsprozess. Leitbilder hingegen sind normativ, drücken also einen Wertmaßstab für individuelles oder kollektives Handeln und Entscheiden aus (ZIBELL 2004).

Prof. Dr. G. ALBERS, emeritierter Ordinarius für Städtebau und Regionalplanung, definierte 1996 in seinem Werk „Stadtplanung - Eine illustrierte Einführung“ ein städtebauliches Leitbild als eine „umfassende Schau einer wünschenswerten Ordnung“.

2 Historische Leitbilder der Stadtentwicklung in Europa

2.1 Die Gartenstadt und „New Towns“

„Die Stadt ist das Symbol des Gesellschaftslebens, der gegenseitigen Hilfe, der ausgedehnten Beziehungen der Menschen untereinander (…), sie ist Symbol der Wissenschaft, der Kunst, der Religion und der Kultur. Und das Land! Das Land ist das Symbol der Liebe Gottes und seiner Fürsorge für den Menschen (…). Stadt und Land müssen sich vermählen und aus dieser erfreulichen Vereinigung werden neue Hoffnung, neues Leben und eine neue Kultur entstehen“ (HOWARD 1907, S.12).

Der Begründer der städtebaulichen Gartenstadtkonzeption war ein englischer Genossenschaftssozialist, welcher nach einem gescheiterten Projekt in Amerika nach England zurückkehrte und als Parlamentsstenograph und Gerichtsschreiber in London tätig war. Im Jahre 1902 publizierte E. HOWARD (1850 - 1928) sein überarbeitetes Planungsmodell „Garden Cities of Tomorrow“, in dem der zuvor nie in der Stadtplanung tätige Stenograph das erste polyzentrische Modell einer Raumplanung in Ballungszentren in der Neuzeit beschrieb. Inspiriert wurde der Erfinder der Gartenstadt während seines fünfjährigen Aufenthaltes in Amerika durch die Dichter W.WHITMAN (1819 - 1892) und R. W. EMERSON (1803 - 1882). Durch deren humanistischen Einfluss begann Howard über das Leben und dessen Verbesserungsmöglichkeiten nachzudenken.

Sein städtebauliches Leitbild resultierte vor allem aus den negativen Folgen der boomenden Industrialisierung Englands und der Welt. Das unkontrollierte Städtewachstum, die schlechten sozialen und hygienischen Lebens- und Wohnverhältnisse, nicht zuletzt auch die übermäßig steigenden Bodenpreise führten zu dem Leitgedanken HOWARDS, die formlose, inhumane Stadt neu zu organisieren. Ziel des Gartenstadtmodells war die Entwicklung eines hybriden Siedlungstyps, der die Vorzüge der Stadt mit denen des Landes verbindet. Neben der Idee die Landflucht und das damit verbundene planlose Städtewachstum zu verhindern, war ein Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsrecht der zukünftigen Bewohner vorgesehen.

Die Basis der so genannten „Social City“ bildet ein polyzentrisches Städtenetz, welches aus sieben Siedlungseinheiten mit jeweils ca. 30.000 Einwohnern besteht. In der geographischen Mitte liegt die Stadt mit den ranghöchsten zentralen Einrichtungen, die Zentralstadt. Um einen grünen, zentralen Platz liegen wichtige Verwaltungsgebäude, umgeben von einem 58 ha großen Parkring. Die übrigen sechs mittelgroßen Städte ordnen sich in einer Entfernung von 6,4 Kilometern um die Zentralstadt auf den Ecken des imaginären Hexagons an.

Durch ein radial- konzentrisches System von Straßen und Kanälen sind die Trabantenstädte miteinander verknüpft. Zusätzlich sind die sechs Städte durch ein ringförmiges Schienennetz miteinander verbunden (ZEHNER 2001, S.125). Außerdem sind die einzelnen Gartenstädte durch den Grüngürtel von der Zentralstadt getrennt gebaut (vgl. Abb. 1). Diese Grünflächen sollen land- und forstwirtschaftlich genutzt werden, weisen aber auch stadtbezogene Nutzungen (Schulen, Kirchen, Spielplätze) auf. Jede einzelne Gartenstadt soll für jeden Einwohner über einen Arbeitsplatz und zentrale Einrichtungen für die jeweilige Bevölkerung verfügen. So wollte HOWARD die Entstehung langer Pendlerwege unterbinden. Des Weiteren sollten zweistöckige Doppelhäuser umgeben von Garten- und Ackerland zur Selbstversorgung als vorherrschende Wohnform realisiert werden. Dabei befand Howard eine Dichte von zwölf Häusern auf 0,4 Hektar als ideal. Durch zusätzliche sozialreformerische Elemente wollte Howard die Lebens- und Wohnverhältnisse seines imaginären Stadtmodells verbessern. Der Boden solle in genossenschaftlichen Gemeinbesitz bleiben und nur in Erbpacht verliehen werden. Außerdem sollen die darauf erwirtschafteten Erträge in die Erschaffung bzw. Instandsetzung der Infrastruktur der einzelnen Gartenstädte fließen. Neben der Zusicherung von Mitbestimmungsrechten bezüglich der Planung, solle neben den geringen Mietkosten auch das Mietrecht lebenslang gelten (CLAAßEN 2008, S.25).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 Zentralstadt und Gartenstädte von Ebenezer Howard

Quelle: HOWARD 1902, Fig.7

Zur visuellen Verdeutlichung seines Modells entwarf HOWARD das Modell „The Three Magnets“. Diese Abbildung zeigt drei Magneten, die ein Spannungsfeld zwischen Stadt und Land darstellen. Der erste Magnet steht für den Faktor Stadt mit seinen damals überwiegend negativen Faktoren z.B. schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen. Demgegenüber erscheint der Landmagnet zunächst vorteilhafter, bei genauerer Betrachtung offenbaren sich jedoch auch hier zahlreiche Nachteile. Beispielhaft erwähnt seien Arbeits- und Kapitalmangel, sowie fehlende Sozialleistungen und der Mangel an Geselligkeit. Der dritte Magnet vereinigt die Vorteile der Stadt und des Landes: die Schönheit der Natur, Geselligkeit, leichtzugängliche Parkanlagen, niedrige Mieten, höhere Löhne und vieles mehr (vgl. Abb. 2). Die Gartenstadt sollte sich als ein stärkerer Magnet als der Stadtmagnet erweisen, um so eine Siedlungsbewegung der Bevölkerung aus den überfüllten Zentren in spärlich besiedelte Gebiete herbeiführen zu können (www.archiv.bgv-rhein-berg.de).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 „The Three Magnets“

Quelle: www.tomorrowsgardencity.com

Ein Jahr nach den Publikationen HOWARDS setzte in England eine regelrechte Gartenstadtbewegung ein. Die „Garden City Association“ hatte sich seit ihrer Gründung im Jahre 1899 zu einer finanzstarken Organisation entwickelt und kaufte nun großflächig Land um HOWARDS Gartenstadtkonzeption plangetreu zu verwirklichen. Die erste konzeptionelle Gartenstadt entstand in der Grafschaft Hertfordshire circa 60 Kilometer nördlich von London: Letchworth. Dieser Realisierungsversuch des HOWARD’schen Modells wurde allerdings nicht vollständig umgesetzt, kommt aber seiner städtebaulichen Konzeption am nahesten.

Die Architekten B. PARKER (1867 - 1947) und Sir R. UNWIN (1863 - 1941) waren die ersten Architekten des Planungsmodells Gartenstadt. Das Projekt wurde schließlich von einer Privatfirma, der „Garden First City Ltd.“ durchgeführt, die Grundstücke kaufte und für den Ausbau der Infrastruktur und den Bau der Wohnhäuser sorgte.

Allerdings widersprach Letchworth HOWARDS geometrischen, kreisrunden und konzentrischen Skizzen und wurde betont unregelmäßig und traditionell im englischen Stil gestaltet. Auch die Umsetzung der sozialreformerischen Ansätze HOWARDS wurde außer Acht gelassen. Das regelrechte Scheitern der Konzeption in Letchworth wurde schon nach kurzer Zeit deutlich, da der Zuzug von ökonomisch starken und ansiedlungswilligen Industrieunternehmen ausblieb. Eine geringfügige Verbesserung der wirtschaftlichen Basis gelang erst durch den Zuzug einer Verlags- und Druckanstalt Ende der 20er Jahre.

Auch die Bevölkerungsanzahl der Stadt lag im Jahre 1938 weit unter der geplanten Marke von 40.000 Einwohnern, nämlich bei nur etwa 15.000. Außerdem entspricht eine die Stadt in zwei Hälften teilende Eisenbahntrasse nicht den ursprünglichen städtebaulichen Vorstellungen Howards (vgl. Abb. 3) (ZEHNER 2001, S. 128). Dennoch entwickelte sich die kleine englische Stadt zu dem bedeutendsten, gartenstädtischen Vorbild weltweit. Ähnlich wie die Gartenstadtidee hat auch die Konzeption von „New Towns“ ihren Ursprung in Großbritannien. Seit Beginn der industriellen Revolution verzeichneten Birmingham, Manchester und vor allem London ein gewaltiges Bevölkerungswachstum. Die unzureichende Wohnqualität in den Industriegebieten veranlasste die Britische Regierung 1949 dazu den so genannten „New Town Act“ als gesetzliche Planungsgrundlage zu verabschieden. Diese neuen Städte sollten zum einen den innerstädtischen Bevölkerungsüberhang der Zentren aufnehmen und zum anderen Ziel internationaler Zuwanderer werden (ZEHNER 2001, S.99). Ziel war es keine abhängigen Trabantenstädte zu konzipieren, sondern eigenständige Einheiten mit eigener Wirtschaft und einer heterogenen Bevölkerungsstruktur. Die ausschlaggebenden Voraussetzungen für die Anlage von „New Towns“ bestehen aus der Präsenz eines größeren, nahezu ebenem Areals mit einem tragfähigen Untergrund, guten Verkehrsanbindungsmöglichkeiten per Straße und Schiene sowie aus dem Vorhandensein von ausreichenden Trinkwasserreserven, die akzeptabel abgeleitet werden können. Des Weiteren sollten erfolgsversprechende Ansiedlungsmöglichkeiten für Wirtschaftsunternehmen gegeben sein.

Bis heute gibt es in Großbritannien und Nordirland über 30 „New Towns“, acht von 15 der bis 1960 gegründeten liegen im Umkreis von 40 bis 50 Kilometern um London (z.B. Basildon, Elmbridge, St. Albans).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3 Letchworth Garden City (1903) by Barry Parker and Sir Raymond Unwin Quelle: www.fherrgen.de

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Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Historische Leitbilder der Stadtentwicklung
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Geographie und Geologie)
Veranstaltung
Infrastruktur- und Stadtplanung
Autoren
Jahr
2010
Seiten
30
Katalognummer
V172249
ISBN (eBook)
9783640920914
ISBN (Buch)
9783640921133
Dateigröße
2075 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gartenstadt, New Towns, Funktionelle Stadt, gegliederte aufgelockerte und autogerechte Stadt, Urbanität durch Dichte, sozialistische Stadt, Nachhaltige Stadtentwicklung
Arbeit zitieren
Sylvia Lorenz (Autor)Nora Durstewitz (Autor), 2010, Historische Leitbilder der Stadtentwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172249

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