"Stonehenge der Schweiz" nimmt die Leser:innen mit an einen der rätselhaftesten prähistorischen Orte der Schweiz: die Menhire von Clendy bei Yverdon-les-Bains am Neuenburgersee. Zwischen aufgerichteten Steinfiguren, offenen Horizonten und den stillen Spuren einer längst vergangenen Kultur entfaltet Stefan Ruchti eine faszinierende Reise in die Frühgeschichte menschlicher Symbolbildung.
Das Buch verbindet Archäologie, Psychologie, Philosophie und Archäoastronomie zu einer essayistischen Annäherung an die Frage, warum Menschen überhaupt begannen, tonnenschwere Steine aufzurichten und Landschaft in Bedeutung zu verwandeln. Welche Rolle spielten Sonne, Mond und Zeitzyklen? Waren die Menhire Erinnerungsorte, soziale Zeichen oder Ausdruck einer frühen kosmischen Ordnung? Und weshalb berühren uns solche Orte bis heute, obwohl ihre ursprüngliche Sprache verloren gegangen ist?
Ruchti betrachtet Clendy nicht nur als archäologisches Denkmal, sondern als Spiegel eines grundlegenden menschlichen Bedürfnisses: der Sehnsucht nach Ordnung und Orientierung. Mit zahlreichen Reflexionen zu Megalithkultur, Astronomie, Symbolik und kulturellem Gedächtnis eröffnet er einen neuen Blick auf die prähistorische Geschichte der Schweiz. Ein Buch für alle, die sich für Archäologie, Mythologie, Kulturgeschichte und die Ursprünge menschlicher Sinnsuche interessieren.
Inhalt
Einleitung
Warum Menschen Steine aufrichten
Die Menhire von Clendy – Der Schweizer Steinort am Neuenburgersee
Steine, Himmel und Zeit – Astronomie, Astrologie und die mathematische Ordnung der Menhire
Näherungswerte der Sonnenaufgänge bei Clendy
Theoretische Mondextreme bei Clendy
Exkurs: Die Zahl 45 – Befund, Ordnung oder Projektion?
Landschaft wird Zeichen
Warum Steine bleiben
Literaturverzeichnis
Bildverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Auszüge aus dem Buch
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Einleitung
Man muss nicht nach England reisen, um grossen aufgerichteten Steinen zu begegnen. Wer an Megalithanlagen denkt, denkt meist zuerst an Stonehenge: an monumentale Steinkreise, prähistorische Rätsel und den Himmel über Südengland. Doch Stonehenge steht nicht allein. Auch die Tempelanlagen Maltas, die Menhirreihen von Carnac in der Bretagne und die Grabhügel von Brú na Bóinne in Irland zeigen, dass frühe Gemeinschaften in Europa gewaltige Steinmonumente errichteten, lange bevor schriftliche Überlieferungen ihre Deutung sichern konnten (UNESCO World Heritage Centre, o. J.-a, o. J.-b, o. J.-c). Vor diesem Hintergrund erscheint Clendy nicht als isolierte Kuriosität, sondern als schweizerischer Ausdruck einer viel älteren europäischen Frage: Warum begannen Menschen, tonnenschwere Steine zu bewegen, aufzurichten und in eine Ordnung zu bringen, die mehr bedeutete als bloss praktische Orientierung?
Einer dieser Orte liegt bei Yverdon-les-Bains am Neuenburgersee: die Menhire von Clendy. Sie sind kein zweites Stonehenge im wörtlichen Sinn. Sie überwältigen nicht durch touristische Monumentalität, sondern durch eine stillere Form von Ordnung. Gerade darin liegt ihre besondere Kraft. In der Schweiz begegnet uns das Symbolische häufig nicht als grosses Spektakel, sondern als leise Setzung im Raum: als Steinreihe, Felsbild, Kapelle, Wallfahrtsort, Höhle, Brücke, Pass, Seeufer oder als Erinnerungsort, an dem Landschaft und Bedeutung ineinander übergehen. Clendy könnte deshalb als Ort gelesen werden, an dem Bedeutung nicht laut verkündet, sondern in Landschaft eingeschrieben wurde.
In meinem Buch Zwischen Göttern und Dämonen – Eine Psychologie des symbolischen Bewusstseins habe ich die Menhire von Clendy bereits im Kapitel „Schweiz – Die stillen Spuren“ im Abschnitt „Clendy und Lutry – Stein als Ordnung im Außenraum“ beschrieben. Dort erscheinen sie als Beispiel einer frühen räumlichen Symbolordnung: Bedeutung wird nicht primär durch Schrift oder Bild erzeugt, sondern durch Steinsetzung, Ausrichtung, Wiederholung und Ordnung im Außenraum (Ruchti, 2025, S. 46–47). Das vorliegende Buch versteht sich als Vertiefung dieses Motivs. Was dort als ein Abschnitt innerhalb einer umfassenderen Psychologie des symbolischen Bewusstseins angelegt wurde, wird hier zum eigentlichen Gegenstand.
Dabei steht Clendy nicht allein. Wer in der Schweiz nach frühen und späteren Symbolorten sucht, findet eine erstaunliche Dichte von Zeichenlandschaften. In Lutry am Genfersee begegnen uns weitere Menhire, die ebenfalls zeigen könnten, wie Stein zum Träger räumlicher Ordnung wurde. In Carschenna bei Sils im Domleschg lassen sich prähistorische Felszeichnungen besichtigen, deren Ritzungen Menschen, Tiere, Kreise und Zeichenformen in den Fels einschreiben. An den Seeufern der Schweiz erinnern die prähistorischen Pfahlbausiedlungen daran, dass Wasser nicht nur Lebensraum, sondern auch Schwellenraum war. In späteren religiösen Landschaften treten andere Symbole hinzu: Kapellen, Wallfahrtsorte, Kreuze, Schwarze Madonnen, Klöster, Totentänze, Burgen und mythisch aufgeladene Orte wie die Tellsplatte oder der Rütliraum. Das Symbolische verschwindet also nicht mit der Jungsteinzeit. Es wandelt seine Form.
Dieses Buch gibt damit zugleich einen Vorgeschmack auf jene grössere Bewegung, die in Zwischen Göttern und Dämonen entfaltet wird: Der Mensch lebt nicht nur in einer Welt von Dingen, sondern in einer Welt von Bedeutungen. Er sieht Steine, Wasser, Berge, Tiere, Sterne, Gräber und Wege nicht bloss als physische Gegebenheiten. Er verwandelt sie in Zeichen. Aus Fels wird Erinnerung, aus Wasser wird Übergang, aus Dunkelheit wird Bedrohung, aus Licht wird Hoffnung, aus dem Berg wird Nähe zum Himmel, aus dem Kreuz wird Verdichtung von Leiden und Erlösung, aus dem Dämon wird eine Gestalt innerer Angst, aus dem Gott eine Form höchster Ordnung. Das vorliegende Buch beginnt bei den Menhiren von Clendy, öffnet aber bereits den Blick auf diese grössere Frage: Wie entsteht aus Natur ein Symbolraum?
Als ich bei den Menhiren von Clendy stand, begegnete mir zunächst kein spektakuläres Monument im Sinn moderner Erwartung. Kein riesiger Steinkreis, keine Tempelfassade, keine Inschrift, die den Sinn erklärt. Stattdessen: eine grosse Lichtung, eine Wiese, einige Wege, Bäume, Licht und einzelne aufgerichtete Steine. Gerade diese Zurückhaltung macht den Ort bemerkenswert. Die Steine stehen da, ohne sich zu erklären. Und doch wirken sie nicht zufällig. Aus einzelnen Steinen werden Reihen, aus Reihen werden Richtungen, aus Richtungen entsteht eine Ordnung, deren ursprüngliche Sprache verloren gegangen ist, deren Wirkung aber noch immer spürbar bleibt.
Dieses Buch beginnt deshalb mit einer einfachen Erfahrung: Ich war dort. Ich habe die Steine gesehen, bin zwischen ihnen hindurchgegangen, habe sie fotografiert, ihre Oberflächen betrachtet und versucht, ihre Linien mit den Augen nachzuvollziehen. Aus der Nähe zeigten sich Risse, Vertiefungen und Spuren langer Verwitterung. Aus der Distanz wurden Reihen, Achsen und Gruppen sichtbar. Manche Steine wirkten fast körperhaft, als hätten sie eine stille Anwesenheit. Andere blieben reine Masse, schwer, rau, verschlossen. Gerade dieses Wechselspiel zwischen Material und Bedeutung macht Clendy zu einem Ort, an dem sich die Frage nach dem symbolischen Bewusstsein besonders eindrücklich stellen lässt.
Die Menhire von Clendy gehören zu den bedeutendsten Megalithanlagen der Schweiz. Ihre früheste Datierung reicht gemäss der Analyse von Richard Walker bis etwa 4500 v. Chr. zurück; möglicherweise wurde die Anlage über lange Zeit genutzt oder ergänzt. Einzelne Steine sind bis zu 4,5 Meter lang und etwa fünf Tonnen schwer. Einige weisen plattenförmige, teilweise menschenähnliche Formen auf (Walker, 2014, S. 3–4). Damit führen sie in eine Zeit, die weit vor Runen, Alphabeten und schriftlichen Überlieferungen liegt. Bedeutung wurde hier nicht geschrieben, sondern gesetzt. Nicht der Buchstabe sprach, sondern der Stein, die Richtung, die Wiederholung und die Ordnung im Raum.
Dieses Buch fragt daher nicht zuerst, was diese Steine „wirklich“ bedeuten. Eine solche Gewissheit wäre vermessen. Die prähistorische Welt von Clendy hat uns keine Texte hinterlassen, keine eindeutigen Aussagen, keine Stimme, die erklärt, weshalb diese Steine genau hier und genau so errichtet wurden. Das Buch fragt vorsichtiger: Was könnte eine solche Anlage über den Menschen zeigen? Welche Form des Denkens, Fühlens und Ordnens könnte sich in ihr ausdrücken? Warum bewegt eine Gemeinschaft tonnenschwere Steine, richtet sie auf und stellt sie in Beziehung zu Landschaft, Horizont und vielleicht zum Himmel?
Damit steht Clendy im Zentrum einer grösseren Frage: Wie entsteht symbolisches Bewusstsein? Der Mensch lebt nicht nur in einer natürlichen Umwelt. Er verwandelt Orte in Bedeutungsräume. Er sieht nicht nur Stein, Mond, Wasser und Horizont, sondern stellt Beziehungen her. Er schafft Zeichen, bevor er Schrift besitzt. Er ordnet die Welt, weil er selbst orientierungsbedürftig ist. In diesem Sinne könnten die Menhire von Clendy als frühe Zeugnisse eines Bewusstseins verstanden werden, das Natur nicht nur nutzt, sondern deutet. Der Stein wird dann nicht nur bewegt, sondern verwandelt: Aus Material wird Zeichen, aus Landschaft wird Bedeutungsraum, aus Gewicht wird Erinnerung.
Ein besonderer Reiz dieser Anlage liegt darin, dass sie zwischen Wissenschaft und Deutung steht. Archäologisch lassen sich Fundlage, Repositionierung, Steinformen, Setzgruben und Achsen untersuchen. Archäoastronomisch wurden mögliche Bezüge zu Mondwenden diskutiert. Walker beschreibt insbesondere zwei Hauptalignements und prüft deren mögliche Ausrichtung auf Mondwenden beziehungsweise auf solare Quartalstage. Das südliche Alignement wird dabei hypothetisch mit der Grossen Südlichen Mondwende in Verbindung gebracht, während für das nördliche Alignement mehrere Deutungen möglich bleiben (Walker, 2014, S. 24–26). Psychologisch und philosophisch öffnet sich hier eine weitere Ebene: Die Steine könnten zu Spiegeln menschlicher Sinnsuche werden. Sie könnten zeigen, dass der Mensch sehr früh damit begann, Unsichtbares sichtbar zu machen – Zeit, Wiederkehr, Gemeinschaft, Erinnerung, vielleicht auch Tod und Hoffnung.
Zugleich muss jede Deutung vorsichtig bleiben. Die heutige Anlage ist nicht vollständig identisch mit der ursprünglichen Fundlage. Die Menhire wurden 1986 repositioniert, teilweise in geradere und regelmässigere Formen gebracht. Einzelne Steine wurden fast zehn Meter verschoben; das nördliche Alignement wurde zudem ungefähr zwei Meter südwärts gegenüber der ursprünglichen Achse versetzt (Walker, 2014, S. 11). Wer heute fotografiert, fotografiert also nicht einfach die Jungsteinzeit, sondern auch eine moderne Rekonstruktion. Gerade das macht Clendy noch interessanter: Der Ort zeigt nicht nur prähistorische Symbolbildung, sondern auch unsere heutige Sehnsucht, verlorene Ordnung wieder sichtbar zu machen.
Dieses Buch versteht sich deshalb als essayistische Annäherung. Es will keine endgültige archäologische Deutung liefern und keine spekulative Gewissheit behaupten. Es will vielmehr das vorhandene Wissen sammeln, kritisch einordnen und mit einer psychologisch-philosophischen Perspektive verbinden. Die Steine werden dabei nicht romantisiert, aber auch nicht auf Messdaten reduziert. Sie werden als Grenzobjekte betrachtet: zwischen Natur und Kultur, Erde und Himmel, Körper und Zeichen, Vergangenheit und Gegenwart.
Die leitende These lautet: In Clendy könnte sich ein früher Ausdruck jenes symbolischen Bewusstseins zeigen, das den Menschen bis heute prägt. Der Mensch stellt Dinge nicht nur her, weil sie nützlich sind. Er errichtet Zeichen, weil er Bedeutung braucht. Er bewegt Steine, weil etwas bleiben soll. Er ordnet den Raum, weil die Welt sonst unübersichtlich bleibt. Er richtet den Blick auf den Himmel, weil Zeit, Wandel und Wiederkehr ihn betreffen. Der Menhir steht deshalb nicht nur im Boden. Er steht auch im Bewusstsein.
So beginnt die Reise dieses Buches: vor Steinen, die schweigen, und doch Fragen auslösen. Wer hat sie bewegt? Warum wurden sie aufgerichtet? Was sah man von dort aus? Welche Rolle spielten Mond, Wasser, Landschaft und Gemeinschaft? Warum haben sie keine Schriftzeichen, obwohl sie so sehr, wie Botschaften wirken? Und weshalb berühren uns solche Orte noch heute, obwohl ihr ursprünglicher Sinn vielleicht für immer verloren bleibt?
Clendy ist kein Ort der einfachen Antworten. Es ist ein Ort der Schwelle. Zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir nur vorsichtig deuten können. Zwischen der Schwere des Steins und der Beweglichkeit des Sinns. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vielleicht liegt gerade darin seine Kraft: Die Steine sagen uns nicht, was wir denken sollen. Sie zwingen uns, überhaupt wieder zu fragen.
Steine, Himmel und Zeit – Astronomie, Astrologie und die mathematische Ordnung der Menhire
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Die Menhire von Clendy – Der Schweizer Steinort am Neuenburgersee
Am südlichen Ufer des Neuenburgersees, nahe Yverdon-les-Bains im Kanton Waadt, liegt eine der bedeutendsten megalithischen Anlagen der Schweiz: die Menhire von Clendy. Wer heute durch die Parklandschaft am See geht, begegnet dort 45 aufgerichteten Steinfiguren, die still, schwer und eigentümlich menschennah im Gelände stehen. Sie wirken nicht wie zufällig verstreute Findlinge, sondern wie eine bewusst gesetzte Ordnung. Gerade deshalb eignet sich Clendy besonders gut, um den Übergang vom Naturkörper zum Kulturzeichen konkret zu betrachten. Hier wird sichtbar, was im ersten Kapitel grundlegend beschrieben wurde: Der Mensch findet den Stein in der Landschaft vor, wählt ihn aus, bearbeitet ihn, richtet ihn auf und macht ihn dadurch zu einem Träger von Bedeutung.
Die Anlage von Clendy befindet sich in einer Landschaft, die seit der Jungsteinzeit intensiv vom Menschen genutzt wurde. Der Neuenburgersee bildete nicht nur einen natürlichen Raum, sondern auch einen Lebensraum mit Siedlungen, Wegen, Uferzonen und rituell bedeutsamen Orten. Die Nähe zu prähistorischen Seeufersiedlungen ist dabei wesentlich. Solche Uferlandschaften waren im Neolithikum nicht Randzonen, sondern dynamische Übergangsräume zwischen Wasser, Land, Siedlung und Erinnerung. Die UNESCO zählt prähistorische Pfahlbausiedlungen im Alpenraum zu den besonders wichtigen archäologischen Zeugnissen dieser Zeit, weil sie einen aussergewöhnlichen Einblick in Lebensformen zwischen etwa 5000 und 500 v. Chr. ermöglichen (UNESCO World Heritage Centre, 2011). Auch wenn die Menhire von Clendy selbst nicht einfach mit den Pfahlbauten gleichgesetzt werden dürfen, gehören sie räumlich und kulturgeschichtlich in jene neolithische Seenlandschaft, in der Menschen ihre Umwelt nicht nur nutzten, sondern symbolisch strukturierten.
Die Menhire von Clendy bestehen aus 45 sogenannten Statuen-Menhiren. Der Begriff ist wichtig, weil es sich nicht nur um aufgerichtete Steine handelt, sondern um teilweise bearbeitete, menschenähnlich gestaltete Steinfiguren. Einige Steine sind geometrisch zugerichtet, andere zeigen angedeutete Köpfe, Schultern oder körperähnliche Formen. Der Archäologe Jean-Louis Voruz und seine Mitautorinnen und Mitautoren beschrieben Clendy deshalb nicht bloss als Menhirreihe, sondern als Ensemble von statues-menhirs, also Statuen-Menhiren (Voruz et al., 1992). Diese Bezeichnung zeigt bereits, dass die Steine eine Zwischenstellung einnehmen: Sie sind weder vollständig naturalistische Menschenbilder noch blosse Rohblöcke. Sie stehen zwischen Stein und Figur, zwischen Naturform und Menschenform, zwischen Material und Bedeutung.
Das verwendete Material verstärkt diese Zwischenstellung. Bei den Steinen handelt es sich um erratische Blöcke, also um Findlinge, die durch Gletscherbewegungen in die Region gelangt sind. Solche Findlinge tragen eine geologische Vorgeschichte in sich, die weit älter ist als jede menschliche Setzung. Sie wurden nicht von Menschen erzeugt, sondern durch natürliche Kräfte transportiert, abgelagert und später kulturell neu bestimmt. Der Mensch von Clendy arbeitete also nicht mit neutralem Rohmaterial, sondern mit Körpern der Erde, die bereits durch Eis, Druck, Bewegung und Zeit geformt worden waren. In der symbolischen Aneignung dieser Findlinge liegt eine besondere Tiefe: Die Natur brachte den Stein an den Ort, der Mensch gab ihm dort eine neue Stellung.
Die Datierung der Anlage ist nicht völlig einfach, weil die Menhire nicht alle zwingend gleichzeitig entstanden sein müssen. Häufig wird Clendy in das Neolithikum eingeordnet, besonders in einen Zeitraum um etwa 4500 bis 4000 v. Chr. Der Schweizerische Nationalmuseum-Blog verweist auf stilistische Vergleiche mit bretonischen Menhiren und nennt diese Datierung als plausible Einordnung; zugleich wird darauf hingewiesen, dass der Ort möglicherweise bis in die Bronzezeit weitergenutzt oder erweitert worden sein könnte (Weibel, 2025). Damit wäre Clendy nicht nur ein einmaliges Bauereignis, sondern möglicherweise ein über längere Zeit gewachsener Erinnerungs- und Ritualort. Wissenschaftlich ist hier Vorsicht nötig: Die genaue Funktion und Entwicklung der Anlage bleiben offen, doch gerade diese Offenheit macht Clendy archäologisch und kulturphilosophisch interessant.
Die Fundgeschichte von Clendy ist besonders bemerkenswert, weil die Anlage nicht durch eine klassische Ausgrabung entdeckt wurde, sondern durch eine Veränderung der Landschaft wieder sichtbar wurde. Im Zuge der ersten Juragewässerkorrektion zwischen 1869 und 1883 sank der Wasserspiegel des Neuenburgersees deutlich. Dadurch traten die Steine an der ehemaligen Uferzone wieder hervor. Regionale Quellen nennen eine Absenkung des Seespiegels um etwa 2,7 Meter (Yverdon-les-Bains Région, o. J.). Was über lange Zeit im Uferbereich verborgen oder überdeckt lag, wurde dadurch erneut sichtbar. Die moderne Wiederentdeckung von Clendy ist also selbst eine Geschichte der Enthüllung: Nicht der Mensch fand einfach einen isolierten Gegenstand, sondern eine veränderte Wasserlandschaft gab einen prähistorischen Ort wieder frei.
Bereits 1896 beschrieb der Ingenieur Charles de Sinner die auffälligen Steine und vermutete, dass es sich nicht um natürliche Zufallsformen, sondern um menschliche Setzungen handeln könnte. Diese frühe Beobachtung war wichtig, weil sie den Blick von der bloss geologischen Erklärung hin zur archäologischen Deutung verschob. Spätere Untersuchungen bestätigten, dass die Steine ursprünglich bewusst gesetzt worden waren. 1975 wurden bei archäologischen Arbeiten Standgruben nachgewiesen, also jene Vertiefungen, in denen die Menhire einst aufgerichtet waren. Damit liess sich zeigen, dass die Anlage nicht aus zufällig liegenden Blöcken bestand, sondern aus bewusst positionierten Steinen. 1986 wurden die grösseren Menhire wieder aufgerichtet; kleinere Originale wurden zum Schutz teilweise durch Kopien ersetzt und im Museum von Yverdon aufbewahrt (Jura & Trois-Lacs, o. J.; Weibel, 2025).
Die heutige Erscheinung der Anlage ist daher nicht einfach identisch mit ihrem jungsteinzeitlichen Zustand. Was Besucherinnen und Besucher heute sehen, ist ein rekonstruierter und konservierter Ort. Diese Tatsache mindert seine Bedeutung nicht, sondern macht sie komplexer. Clendy ist zugleich prähistorischer Ort, archäologisches Objekt, rekonstruiertes Denkmal und heutiger Erinnerungsraum. Der moderne Mensch begegnet dort nicht unmittelbar der Jungsteinzeit, sondern einer durch Forschung, Restaurierung und Denkmalpflege vermittelten Vergangenheit. Gerade diese Vermittlung sollte im wissenschaftlichen Blick nicht unterschlagen werden. Archäologische Orte sind nie reine Fenster in die Vergangenheit; sie sind immer auch Ergebnisse späterer Freilegung, Interpretation und Präsentation.
Die Anordnung der Menhire folgt keiner beliebigen Verteilung. Die Steine stehen in Gruppen und Linien, die eine Ordnung im Raum erkennen lassen. In der Forschung wird die Anlage häufig als Ensemble beschrieben, das aus mehreren Gruppen besteht und eine bogen- oder linienartige Struktur bildet. Damit wird Clendy zu einem gestalteten Raum. Die Steine markieren nicht nur einzelne Punkte, sondern erzeugen eine räumliche Beziehung zueinander. Der Sinn eines Menhirs liegt daher nicht nur in seiner Einzelform, sondern auch in seinem Verhältnis zu den anderen Steinen. Ein einzelner Stein kann Zeichen sein; eine Gruppe von Steinen wird zu einer Ordnung.
Besonders auffällig ist die anthropomorphe Form vieler Menhire. Der Ausdruck „anthropomorph“ bedeutet, dass eine Form menschenähnliche Züge trägt. Bei Clendy sind diese Züge nicht naturalistisch ausgearbeitet, sondern reduziert. Gerade diese Reduktion ist bedeutsam. Die Steine zeigen keine individuellen Porträts, sondern schematische Körperhaftigkeit. Es könnte sich um Ahnen, mythische Gestalten, soziale Repräsentanten, Schutzfiguren oder rituelle Zeichen gehandelt haben. Voruz et al. (1992) wählten mit dem Titel „Menschen und Götter des Neolithikums“ bewusst eine Formulierung, die diese Mehrdeutigkeit offenhält. Wissenschaftlich lässt sich nicht sicher sagen, ob die Steine Menschen, Gottheiten, Ahnen oder andere symbolische Wesen darstellen sollten. Sicherer ist die Beobachtung, dass die Steine durch ihre Form aus der anonymen Natur herausgelöst und in eine menschenbezogene Zeichenwelt überführt wurden.
Damit unterscheidet sich Clendy von einer rein funktionalen Steinsetzung. Wenn ein Stein nur als Grenze, Stütze oder technisches Element dient, ist seine Form zweitrangig. Bei den Statuen-Menhiren von Clendy scheint die Form selbst Bedeutung zu tragen. Die angedeutete Menschenform macht den Stein zu einem Gegenüber. Er steht nicht nur da; er scheint zu blicken, zu wachen oder anwesend zu sein. Diese Anwesenheit bleibt stumm, aber sie verändert die Wahrnehmung des Ortes. Der Besucher steht nicht nur vor Steinen, sondern vor einer Versammlung aus steinernen Körpern. Darin liegt die besondere symbolische Kraft der Anlage.
Kulturgeschichtlich könnte man Clendy als Ort der Verdichtung verstehen. Mehrere Bedeutungsachsen treffen dort zusammen: die geologische Herkunft der Findlinge, die neolithische Uferlandschaft, die gemeinschaftliche Arbeit des Aufrichtens, die menschen-ähnliche Bearbeitung und die spätere Wiederentdeckung durch moderne Landschaftsveränderung. Jede dieser Ebenen fügt dem Ort eine zusätzliche Bedeutungsschicht hinzu. Der Stein ist nicht nur Natur, nicht nur Denkmal und nicht nur archäologischer Fund. Er ist ein Schnittpunkt verschiedener Zeiten. In ihm berühren sich Eiszeit, Jungsteinzeit, Moderne und Gegenwart.
Die soziale Dimension der Anlage darf dabei nicht unterschätzt werden. Einen mehrere Meter hohen und mehrere Tonnen schweren Stein zu bewegen und aufzurichten, erforderte Planung, Arbeitskraft und Koordination. Einzelne Menhire von Clendy erreichen nach regionalen Angaben bis zu 4,5 Meter Höhe und ein Gewicht von mehreren Tonnen (Jura & Trois-Lacs, o. J.). Solche Dimensionen verweisen auf eine Gemeinschaft, die fähig war, über den unmittelbaren Alltag hinaus gemeinsame Projekte zu organisieren. Der Stein wird dadurch auch zum sozialen Zeugnis. Er zeigt, dass Menschen nicht nur jagten, sammelten, anbauten oder siedelten, sondern kollektive Zeichen setzten, deren Sinn offenbar stark genug war, um erheblichen Aufwand zu rechtfertigen.
Gerade darin liegt ein zentraler Punkt für das Verständnis von Clendy. Die Menhire waren wahrscheinlich nicht „nützlich“ im einfachen technischen Sinn. Sie waren keine Werkzeuge, keine Häuser und keine Verteidigungsanlagen. Ihr Wert lag vermutlich in ihrer Bedeutung für Ordnung, Erinnerung, Zugehörigkeit oder Ritual. Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann beschrieb kulturelles Gedächtnis als jene Form von Erinnerung, durch die Gemeinschaften ihre Identität über Zeichen, Rituale und Orte stabilisieren (Assmann, 1992). Clendy könnte in diesem Sinn als Ort kultureller Erinnerung verstanden werden: nicht als Archiv im modernen Sinn, sondern als steinerne Ordnung, in der eine Gemeinschaft sich selbst, ihre Herkunft oder ihre Beziehung zur Landschaft sichtbar machte.
Auch die Lage am See ist symbolisch nicht nebensächlich. Uferzonen sind Übergangsräume. Sie liegen zwischen festem Land und beweglichem Wasser, zwischen Siedlung und offener Landschaft, zwischen Nahrung, Weg und Gefahr. In vielen Kulturen erhalten solche Schwellenräume besondere Bedeutung, weil sie natürliche Grenzen und Übergänge darstellen. Für Clendy lässt sich nicht sicher sagen, welche konkrete rituelle Bedeutung das Seeufer hatte. Dennoch ist die Lage bemerkenswert: Die Menhire standen nicht irgendwo, sondern in einer Landschaft, in der Wasser, Ufer, Siedlungsnähe und offene Sichtachsen zusammenkamen. Der Ort selbst könnte also Teil der Bedeutung gewesen sein.
Dabei muss man zwischen gesichertem Befund und Deutung klar unterscheiden. Gesichert ist, dass es sich um ein Ensemble von 45 Statuen-Menhiren bei Yverdon-les-Bains handelt, dass die Steine ursprünglich bewusst gesetzt wurden, dass sie teilweise menschenähnlich bearbeitet sind und dass sie in eine neolithische bis möglicherweise länger genutzte prähistorische Landschaft gehören. Deutend ist hingegen die Frage, ob sie Ahnen, Götter, soziale Gruppen, Schutzfiguren oder kosmische Ordnungen verkörperten. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die Faszination des Ortes leicht zu vorschnellen Behauptungen verleitet. Wissenschaftlich angemessener ist eine vorsichtige Formulierung: Clendy könnte ein ritueller, sozialer und erinnerungskultureller Ort gewesen sein, dessen genaue Bedeutung uns nur indirekt zugänglich bleibt.
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- Stefan Ruchti (Author), 2026, Stonehenge der Schweiz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1722548