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Heartfallen - Liebe begann im Schatten

Band 1

Title: Heartfallen - Liebe begann im Schatten

Novel , 2026 , 610 Pages

Autor:in: Tabea Spremberg (Author)

HeartVerse: Romance
Excerpt & Details   Look inside the ebook
Summary Excerpt Details

Seit fünf Jahren arbeitet Sutton als Anwältin in der renommierten Kanzlei Hieling & Söhne in Seattle. Ehrgeizig, brillant und kontrolliert hat sie sich in kürzester Zeit einen Namen gemacht. Nach außen scheint sie ihr Leben endlich wieder im Griff zu haben.

Doch ihre Vergangenheit lässt sie nicht los.
Die Erinnerungen an ihre Zeit in Harvard verfolgen sie bis heute – ebenso wie die Schatten eines Albtraums, der damals begann und nie wirklich endete.

Nur Milan, ihr charismatischer Kollege und Sohn des Kanzleigründers, scheint hinter ihre sorgfältig errichteten Mauern blicken zu können. Zwischen ihnen liegt eine Nähe, die nie ganz verschwunden ist – ein Spiel aus Blicken, Spannung und unausgesprochenen Gefühlen.

Doch dann tauchen plötzlich anonyme Briefe auf.
Jemand beobachtet Sutton.
Jemand kennt ihr Leben.

Während die Bedrohung immer näher rückt, muss Sutton erkennen, dass manche Schatten niemals verschwinden.
Und dass manche Menschen bereit sind, für ihre Obsession über Leichen zu gehen.

Triggerwarnung / Content Note: In diesem Roman werden unter anderem folgende Inhalte thematisiert: Stalking und obsessive Verfolgung, Gewaltandrohungen und körperliche Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung, psychische Traumata und deren langfristige Auswirkungen, Angstzustände, Kontrollverlust, Machtungleichgewichte, emotionale Abhängigkeit

Bitte achte beim Lesen auf deine eigenen Grenzen und pausiere, wenn du merkst, dass dir die Inhalte zu nahegehen.

Excerpt


Auszüge aus dem Buch

Cover: Heartfallen - Liebe begann im Schatten

Prolog

Ich habe nie geglaubt, dass Besessenheit etwas Lautes ist, etwas Unkontrolliertes oder Hässliches, weil sie in Wahrheit dort entsteht, wo man beginnt, Verantwortung für etwas zu empfinden, das niemand sonst zu schützen weiß und genau so hat es bei mir begonnen. Nicht mit Verlangen, sondern mit Aufmerksamkeit, nicht mit Fantasie, sondern mit der schlichten Erkenntnis, dass Sie jemand ist, den man nicht aus den Augen lassen darf. Sutton weiß nicht, wann dieser Moment war, und das ist gut so, denn Menschen verwechseln Anfang gern mit Absicht. Dabei ist es meistens nur eine Konsequenz aus dem, was man sieht, wenn man lange genug hinschaut und begreift, dass manche Menschen nicht frei sind, auch wenn sie sich so bewegen, sprechen und leben, als hätten sie alles hinter sich gelassen. Sie trägt ihre Vergangenheit nicht offen, aber sie trägt sie konsequent, in der Art, wie sie Räume betritt, als müsste sie sich zuerst vergewissern, dass nichts Unvorhergesehenes darin lauert. In der Art, wie sie Nähe zulässt, präzise dosiert, niemals zufällig, und in der Art, wie sie schweigt, wenn andere reden würden. Weil Schweigen für sie keine Schwäche ist, sondern Kontrolle. Ich habe gelernt, dass Kontrolle nichts ist, das man besitzt, sondern etwas, das man aufrechterhält. Ich habe gesehen, wie viel Energie sie dafür aufwendet, jeden Tag, jede Stunde, jede Begegnung. Ohne dass irgendjemand um sie herum versteht, wie nah sie ständig an der Grenze lebt, die sie sich selbst gezogen hat, um nicht wieder zu verlieren, was sie einmal beinahe zerstört hätte. Man nennt so etwas Stärke, aber Stärke ist nur der Name, dem man Disziplin gibt, wenn man nicht sehen will, dass sie aus Angst geboren wurde. Ich habe sie nicht beobachtet, weil ich es wollte. Ich habe sie beobachtet, weil es notwendig war. Denn niemand sonst achtet auf die kleinen Verschiebungen, auf die minimalen Abweichungen im Ablauf, auf den einen Tag, an dem sie später geht, auf den anderen, an dem sie früher kommt, auf die Sekunden, in denen ihr Blick länger an etwas hängen bleibt, das sie nicht einordnen kann und genau dort beginnt Verantwortung, nicht in Handlung, sondern im Erkennen. Sie glaubt, sie habe sich ein neues Leben aufgebaut. Sie glaubt, Distanz sei dasselbe wie Freiheit. Sie glaubt, dass Menschen aufhören, sie zu sehen, wenn sie nur lange genug so tut, als sei nichts mehr da. Aber gesehen zu werden ist kein Zustand, den man beenden kann. Ich weiß, wie sie atmet, wenn sie allein ist, weil Menschen ihren Rhythmus ändern, sobald sie glauben, unbeobachtet zu sein. Und ich weiß, wie sich ihr Gang minimal verlangsamt, wenn sie sich sicher fühlt, was selten genug passiert, um es nicht zu bemerken, wenn man nicht gelernt hat, genau darauf zu achten. Der Mann an ihrer Seite glaubt, Nähe sei ein Versprechen. Er glaubt, dass Anwesenheit Schutz bedeutet. Er irrt sich. Man schützt niemanden, indem man neben ihm steht. Man schützt ihn, indem man versteht, was ihn bricht, lange bevor es wieder geschieht. Ich schreibe ihr nicht, um sie zu erschrecken. Ich schreibe, weil Erinnerung präzise ist und zuverlässiger wirkt als jede Drohung, weil sie nicht von außen kommt, sondern von innen, dort, wo sie längst vorbereitet ist, und weil sie nicht flieht, sondern bleibt, bis man ihr zuhört. Sie wird sagen, dass es Zufall ist. Sie wird sagen, dass sie sich etwas einbildet. Indem sie mich nicht benennt versucht sie, mir eine Bedeutung zu nehmen. Doch Namen sind unwichtig. Wichtig ist, dass sie wieder beginnt zu zählen, ihre Schritte, ihre Schlösser, ihre Pausen, ihre Nächte, in denen sie nicht schläft. Dass sie begreift, dass Kontrolle nichts ist, dass man einmal erringt und dann behält, sondern etwas, das jederzeit übernommen werden kann, wenn jemand bereit ist, die Verantwortung dafür zu tragen. Ich bin geduldig. Geduld ist keine Schwäche. Geduld ist Vorbereitung. Sie hat überlebt, weil sie gelernt hat, sich zu beherrschen. Jetzt wird sie lernen müssen, dass Selbstbeherrschung nicht genügt, wenn jemand anderes beschlossen hat, wachsam zu bleiben. Ich werde nicht gehen. Ich werde warten. Denn manche Verbindungen entstehen nicht aus Nähe, sondern aus dem Wissen, dass man jemanden nicht sich selbst überlassen darf.

Prolog

[...]

Sutton Kapitel 1

Montagmorgen. Der Tag, an dem die Realität einen mit der Wucht eines Vorschlaghammers trifft. Das Wochenende lag hinter mir, auch wenn das Wort „frei“ in meinem Wortschatz ohnehin kaum noch existierte. Gestern, am heiligen Sonntag, hatte ich bis halb drei in der Nacht über den Akten meiner Mandanten gesessen, bis die Buchstaben vor meinen Augen nur noch tanzten. Und das Ergebnis dieser Nachtschicht? Ich war für meine Verhältnisse unerträglich spät dran. Eigentlich gehört das Büro um sechs Uhr morgens mir allein. Ich liebe diese Stunde der Stille, bevor der Wahnsinn losbricht. Aber heute? Ein Blick auf das Armaturenbrett meines Audi TT RS verriet mir das Unheil: 06:54 Uhr. Fast sieben. Ich lenkte den Wagen mit Schwung vor das riesige Bürogebäude, das wie ein gläserner Gigant aus dem Dunst Seattles emporragte. Draußen regnete es natürlich in Strömen. Nicht dieser sanfte Nieselregen, sondern diese Art von Wolkenbruch, die einen innerhalb von Sekunden bis auf die Knochen einweicht. „Super, Sutton... ganz klasse gemacht“, murmelte ich sarkastisch und stieß einen schweren Seufzer aus. In dem ganzen Stress zu Hause hatte ich meinen Regenschirm glatt auf der Kommode liegen lassen. Heute war eindeutig nicht mein Tag. Ich schaltete den Motor ab, schnappte mir meine Arbeitstasche und meine Handtasche und atmete noch einmal tief durch. „Eins, zwei, drei... Lauf!“ Ich stieg aus und versuchte, so schnell wie möglich Richtung Eingang zu kommen. Aber das Schicksal hatte einen miesen Humor: Ausgerechnet heute trug ich meine geliebten dunkelblauen Samt-Heels. Die mit den kleinen, diamantbesetzten Totenköpfen an der Seite. Milan hatte sie mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt – offiziell als Firmengeschenk, aber wir wussten beide, dass sie viel zu persönlich für eine bloße Aufmerksamkeit unter Kollegen waren. Das Wasser spritzte gnadenlos an meinen Beinen hoch und ich sah im Geist schon die Wasserflecken auf dem teuren Samt. Als ich endlich die Stufen bewältigt hatte und durch die riesige Drehtür des Bürokomplexes schlüpfte, empfing mich sofort die vertraute Wärme der Eingangshalle. 60 Etagen purer Stahl und Glas – mein Reich, mein Gefängnis, mein Zuhause. Der Geruch von frisch poliertem Marmor und teurem Reinigungsmittel lag in der Luft. Ich schüttelte mich, wie ein nasser Hund, um die Tropfen von meinem Hosenanzug loszuwerden, und steuerte direkt auf den Empfangstresen zu meiner Linken zu. Dahinter stand Franklin. Er grinste bereits, als er mich sah – wahrscheinlich, weil ich aussah wie eine sprengte Meerjungfrau in Designerklamotten. „Das Wetter ist Ihnen heute wohl nicht gesonnen, Sutton“, sagte er schmunzelnd. „Nein... definitiv nicht, Franklin“, erwiderte ich und stellte meine Tasche kurz mit einem dumpfen Schlag auf den Tresen ab. „Guten Morgen Ihnen erst mal“, meinte er gut gelaunt. „Ob der gut wird, kann ich Ihnen heute Nachmittag sagen“, gab ich neckend zurück. Franklin war die gute Seele hier. Er wusste genau, wie ich tickte. „Sie werden sicherlich wieder länger hier sein als ich“, stellte er fest. Da hatte er recht. Obwohl unser offizieller Geschäftsschluss um 17 Uhr war, kam ich selten vor 19 Uhr hier raus. Oft war es sogar deutlich später. „Können Sie mir einen Riesengefallen tun?“, fragte ich und legte meinen charmantesten „Ich-bin-völlig-verzweifelt“-Blick auf. Franklin grinste nur und hielt schon die Hand auf. „Geben Sie schon her. Ich parke Ihr Auto nachher um und lasse Ihnen den Schlüssel hochbringen.“ „Sie sind ein Schatz und eine echte Bereicherung“, sagte ich erleichtert und drückte ihm die Schlüssel meines Audis in die Hand. Ich drehte mich um und ging schnellen Schrittes in den hinteren Gang, wo sich die Fahrstühle befanden. Es gab insgesamt sechs Aufzüge für den normalen Betrieb bis zur 41. Etage. Aber am Ende des Flurs warteten die zwei Direktaufzügen. Die, die direkt in den Olymp führten – bis hoch zu uns in die 60. Etage. Nur wir von Hieling & Söhne hatten Zugang zu diesem Bereich. Ich kramte in meiner Handtasche, fischte meine goldene Zugangskarte heraus und hielt sie mit einem leisen Zittern in den Fingern gegen den Scanner. Piep. Die Türen glitten lautlos auf. Zeit, der Welt wieder die perfekte Sutton Carter zu präsentieren. Das sanfte Summen des Aufzugs war das einzige Geräusch in der kleinen Kabine. Während die Zahlen auf der Digitalanzeige langsam, fast schon quälend, nach oben kletterten, starrte ich auf das matte Metall der Türen. ...31... 39... 43... In diesen Momenten, zwischen den Stockwerken wurde mir immer wieder bewusst, was für ein Imperium Thomas Hieling hier erschaffen hatte. Dieses Gebäude war mehr als nur Stahl und Glas, es war ein Monument seiner Macht. Die unteren vierzig Etagen waren ein Bienenstock aus kleineren Kanzleien, Steuerbüros und Finanzberatern, die sich alle ein Stück vom Prestige der Adresse sichern wollten. Dazwischen waren unsere eigenen Abteilungen für IT und Personal – das unsichtbare Rückgrat, das den Laden am Laufen hielt. Ab der 42. Etage begann dann das eigentliche Territorium von Hieling & Söhne. Dort arbeiten die Heerscharen von Anwälten und die frischgebackenen Absolventen, die gerade erst von der Uni kamen und noch diesen hungrigen, fast schon naiven Glanz in den Augen hatten. Sie alle kämpften um die Aufmerksamkeit derer, die ganz oben saßen. Und ganz oben, das war die 60. Etage. Die Elite. Dort herrschte ein anderes Klima. Es war die Etage der Senior- und Junior-Partner, der Ort, an dem die wirklich großen Entscheidungen fielen. Es gab dort ein abgeschottetes Großraumbüro mit genau zehn Plätzen für die absoluten High-Potentials – junge Anwälte, die das Talent hatten, irgendwann einmal einen der begehrten Partnersessel zu besetzen. Und dann war da ich. Ich passte eigentlich in keine dieser Schubladen. Ich war keine Partnerin – noch nicht – und doch hatte ich das Privileg, das größte Büro auf dieser Etage mein Eigen zu nennen. Ein Eckbüro, das mir jeden Morgen diesen atemberaubenden Blick auf den Lake Union schenkte, wenn der Nebel sich langsam von der Wasseroberfläche verzog. Früher war es Milans Büro gewesen. Doch vor fünf Jahren, als ich in der Kanzlei anfing, hatte er es komplett räumen und umbauen lassen. Er hatte nie einen großen Wirbel darum gemacht, aber die Botschaft war bei allen anderen angekommen: Sutton Carter ist besonders. Ich wusste, dass ich heute Morgen nicht allein dort oben sein würde. Thomas Hieling war wie ich ein Arbeitstier der alten Schule. Er liebte diese goldene Stunde vor acht Uhr genauso sehr wie ich. Es war unsere stille Übereinkunft, diese Zeit zu nutzen, um den Kopf frei zu haben, bevor der tägliche Wahnsinn aus Fristen und Klageschriften über uns hereinbrach. Die Anzeige sprang auf 58... 59... Ein leises Pling verkündete meine Ankunft. Ich griff den Riemen meiner Arbeitstasche fester, ignorierte das klamme Gefühl meiner feuchten Kleidung und wartete darauf, dass die Türen zur 60. Etage zur Seite glitten. Ich musste meine Maske jetzt festziehen. Egal wie beschissen der Morgen angefangen hatte, hier oben war ich die unnahbare Sutton Carter. Die Frau, die niemals zu spät kam. Die Frau, die niemals zitterte. Als sich die Türen öffneten, strömte mir die kühle, klimatisierte Luft entgegen, die nach Leder, teurem Parfüm und dem schwachen Aroma von frisch gebrühtem Kaffee roch. Die Türen gaben den Blick auf den Empfangsbereich der Etage frei. Der Tresen aus hellem Quarz war noch verwaist. Ich wusste genau, dass Sally, meine beste Freundin und die einzige Person hier oben, die mich wirklich zum Lachen brachte, wahrscheinlich erst wieder gefühlt fünf Minuten vor knapp eintrudeln würde. Mit einem leisen Grinsen schüttelte ich den Kopf, beugte mich über den Tresen und schaltete ihr schon mal den Computer und die Kaffeemaschine ein. Ein kleiner Freundschaftsdienst für die Frau, die seit fünf Jahren meine engste Vertraute in diesem Haifischbecken war. Von links, aus der Richtung von Thomas’ Büro, drang bereits gedämpftes Licht auf den Flur. Ein sicheres Zeichen dafür, dass der Patriarch bereits an seinem Schreibtisch saß und Imperien lenkte. Ich nahm mir vor, gleich bei ihm vorbeizuschauen, schlug aber erst einmal den Weg nach rechts ein, um zu meinem eigenen Reich zu kommen. Die Architektur hier oben war ein Traum aus Glas. Alles wirkte offen, transparent und lichtdurchflutet, doch die ständige Sichtbarkeit hatte ihren Preis. Ich mochte es nicht, wie auf einem Präsentierteller zu sitzen, während ich an hochsensiblen Fällen arbeitete. Deshalb hatte ich mir von Milan spezielle Rollos installieren lassen – eine kleine Rebellion gegen das Open-Space-Konzept, die Thomas interessanterweise auch für sein Büro übernommen hatte. „Sutton.“ Ich wirbelte herum. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, als ich ihn sah. Milan stand im Halbdunkel des Flurs, den Rücken an eine der Glassäulen gelehnt. Er sah unverschämt gut aus. Er trug einen dunkelblauen Anzug, der perfekt auf seine Statur zugeschnitten war. Seine Krawatte war – wie immer – so akkurat gebunden, als wäre sie mit dem Lineal vermessen worden. Das kühle Licht der Flurbeleuchtung fing sich in seinem Haar und verlieh seinen Zügen eine fast schon skulpturale Härte. „Wir hatten eine Abmachung, was die Ansprache hier im Büro angeht... Milan“, entgegnete ich und betonte seinen Vornamen mit einer Mischung aus Strenge und einer Professionalität, die ich mühsam aufrechterhielt. Er grinste nur. Dieses eine Grinsen, das signalisierte, dass er meine Regeln zwar gehört hatte, aber keineswegs bereit war, sie immer zu befolgen. „Ich hab’s verstanden“, gab er locker zurück. Ich musterte ihn skeptisch. Was zur Hölle machte er schon um sieben Uhr hier? Normalerweise tauchte Milan niemals vor zehn Uhr im Büro auf; er war eher der Typ für späte Nächte als für frühe Morgenstunden. „Ich habe dich schon gesucht“, sagte er und trat einen Schritt aus dem Schatten hervor. Sein Lächeln war entwaffnend. Ich sah ihn verwundert an und zog eine Augenbraue hoch. „Du? Mich? Wieso das denn?“, fragte ich überrascht. Ich versuchte, meine Verwirrung zu überspielen und wollte eigentlich weiter zu meiner Bürotür gehen, um endlich aus meinen nassen Klamotten zu kommen. Doch Milan ließ mich nicht so einfach entkommen. „Wir hatten doch gestern das Meeting. Wegen Vancouver und Portland. Und du warst nicht hier“, sagte er mit einem kleinen, neckenden Grinsen. Er kann eben nicht ohne mich, schoss es mir durch den Kopf, gefolgt von einem warmen Gefühl, das ich sofort wieder unterdrückte. Doch gerade als ich mich abwenden wollte, spürte ich seine Hand an meinem Oberarm. Sanft, aber bestimmt hielt er mich zurück. Ich blieb stehen, mein Atem stockte für eine Millisekunde. „Milan...“, setzte ich an und versuchte, meine Stimme fest klingen zu lassen. „Du weißt genau, dass ich selbst Termine und Fristen habe, die ich einhalten muss. Du bist mehr als fähig, ein solches Meeting auch ohne mich zu bestreiten. Ich habe dir doch am Freitag alles fertig gemacht, besonders den Fall in Vancouver für morgen. Der ist wichtig, Milan und du hast alle Unterlagen.“ Er trat noch einen Schritt näher, ignorierte meine sachliche Argumentation komplett und sah mir direkt in die Augen. „Wir hatten Fristen“, korrigierte er mich leise und mit diesem unerträglichen Funken in den Augen. Ich verdrehte die Augen und spürte, wie die Hitze in mein Gesicht stieg. „Willst du wirklich die Definition von ‚wir‘ hier auf dem Flur mit mir diskutieren?“, fragte ich ihn spöttisch. In diesem Moment stand Milan so dicht vor mir, dass der Raum zwischen uns fast verschwand. Ich konnte die Wärme seines Körpers spüren, die die Kälte meiner regennassen Kleidung vertrieb. Sein Atem streifte meine Wangen, ein Hauch von Minze und teurem Aftershave. In der Stille des leeren Flurs war das einzige, was ich noch hörte, das Rauschen meines eigenen Blutes in den Ohren. Er sah mich an, als gäbe es in diesem Moment nichts Wichtigeres auf der ganzen Etage als meine Reaktion. „Kommt drauf an“, sagte er leise, wobei seine Stimme in der Stille des Flurs eine Spur tiefer klang. „Gewinne ich die Diskussion?“ „Nein“, antwortete ich sofort, ohne eine Sekunde zu zögern. In der juristischen Welt gab es keine unumstößlicheren Fakten als mein Veto. Milan zuckte nur mit den Achseln, aber dieses unverschämte Grinsen verschwand nicht von seinen Lippen. „Dann lohnt sie sich nicht.“ Ich schüttelte den Kopf und lief einfach weiter, während das leise Klick-Klack meiner nassen Heels auf dem Marmor den Rhythmus vorgab. Die Etage war wie ein Labyrinth aus Macht und Glas. Links von mir befand sich der Eingang zum abgeschotteten Großraumbüro der Junganwälte – noch war es dort drinnen dunkel. Rechts lagen die vier großen Partnerbüros und der massive Konferenzsaal, an dessen Ende mein eigenes Reich grenzte. „Übrigens bist du heute ja echt spät“, bemerkte Milan beiläufig, während er locker neben mir herging. „Ich weiß. Kann mal passieren“, gab ich zurück und versuchte, die defensive Note in meiner Stimme zu unterdrücken. „Vielleicht ändern Menschen sich ja auch einfach mal.“ „Oder du hast einfach zu wenig geschlafen“, konterte er trocken. „Ja, das auch“, gab ich zu. Es war zwecklos, ihn anzulügen. Er kannte meine Arbeitswut nur zu gut. Wir standen nun vor meiner Bürotür. Milans Büro lag direkt daneben. Als wir die Räume vor Jahren bezogen hatten, hatte er eine Zwischentür einbauen lassen – eine Verbindung, die symbolisch für unsere Zusammenarbeit stand und eigentlich fast immer offen stand. Es war eine stumme Einladung, die Grenze zwischen unseren Welten zu überschreiten. Ich schloss meine Tür auf, doch bevor ich eintreten konnte, spürte ich erneut seinen Blick. „Komm“, sagte er einfach. Ich grinste nur und sah ihn über die Schulter an. „Ich hab doch mein eigenes Büro, Milan.“ Ich betrat meinen Raum, der noch nach der kühlen Luft der Nacht roch. Ich stellte meine Tasche auf der riesigen Chesterfield-Couch ab, die rechts an der Wand stand. Dann lief ich an meinem massiven Schreibtisch vorbei, schaltete das warme Licht ein und öffnete eines der Fenster einen Spalt breit. Sofort drang das Rauschen des Regens und die ferne Geräuschkulisse Seattles herein. Milan war mir gefolgt. Er blieb mitten im Raum stehen und sah zu, wie ich meine morgendlichen Routinen ausführte. „Ja, schon“, sagte er scherzend, „aber ich habe diesmal Kaffee gemacht.“ Ich hielt inne, drehte mich langsam um und verschränkte grinsend die Arme vor der Brust. „Okay... fangen wir so an: Das sagt mir, dass du etwas von mir willst. Sonst wärst du niemals fast drei Stunden früher hier im Büro.“ „Ja“, antwortete er kurz und schmerzlos, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, meiner Analyse auszuweichen. Seine Ehrlichkeit war manchmal genauso entwaffnend wie seine Arroganz. Ohne weiter nachzufragen, wandte ich mich meinem Schreibtisch zu. Ich schaltete die Monitore und den Rechner ein, das leise Summen meines 3-in-1-Kopierers füllte den Raum. Dann tat ich das, was ich immer tat, wenn ich so früh hier war: Ich schlüpfte aus den nassen, unbequemen Samt-Heels und in meine weichen Hausschuhe. Ein kleiner Luxus, den niemand außer den Hielings je zu Gesicht bekam. Milan hatte sich längst an diesen Anblick gewöhnt. Er grinste nur, drehte sich um und verschwand durch die Durchgangstür in sein eigenes Büro. Es dauerte keine zwei Minuten, bis er wiederkam. In der einen Hand balancierte er eine dampfende Tasse Kaffee, in der anderen hielt er eine dunkle Akte. Er kam nicht direkt auf mich zu, sondern lehnte sich mit einer lässigen Eleganz neben meinem Schreibtisch gegen die Glaswand. Sein Blick war ruhig, aber wachsam. „Milan“, sagte ich mit einem schweren Seufzer und verdrehte die Augen, während ich mich endlich in meinen ergonomischen Bürostuhl fallen ließ und die Beine übereinanderschlug. „Wenn es wieder um einen deiner Mandanten geht, der ernsthaft glaubt, dass Einschüchterung ein valides juristisches Argument ist, dann...“ „Dann wirst du ihn in Grund und Boden argumentieren“, unterbrach er mich sanft. Er machte eine kurze Pause, sein Blick wurde eine Nuance dunkler. „Und ich werde zusehen, wie du das tust. Weil das vermutlich der einzige Moment ist, in dem du dich lebendig fühlst, ohne dass es wehtut.“ Die Worte trafen mich wie ein physischer Schlag. Die Luft in meinen Lungen schien für einen Moment gefroren zu sein. Es war die Wahrheit – eine Wahrheit, die ich tief in mir vergraben hatte, zwischen den Trümmern meiner Vergangenheit und dem Ehrgeiz meiner Gegenwart. Milan sah Dinge, die ich vor der restlichen Welt mit Mauern aus Paragrafen schützte. Ich drehte mich leicht im Stuhl zu ihm. Sein Blick verharrte einen Wimpernschlag zu lang auf meinen Schenkeln, bevor er sich zwang, mir wieder in die Augen zu sehen. Die Spannung im Raum war plötzlich so dicht, dass man sie hätte schneiden können. Schließlich reichte er mir die Akte über den Schreibtisch. Ich nahm die Akte entgegen, meine Finger streiften die seinen nur für einen Sekundenbruchteil, doch die Reibung fühlte sich an wie ein elektrischer Schlag. „Du weißt absolut nichts darüber, wann ich mich lebendig fühle“, gab ich ruhig zurück, während ich versuchte, das Flattern in meiner Brust zu ignorieren. „Doch“, antwortete er schlicht. Ohne auf eine Einladung zu warten, ließ er sich in einen der tiefen Ledersessel vor meinem Schreibtisch sinken. Er beobachtete mich mit dieser unerträglichen Ruhe, die er immer dann an den Tag legte, wenn er wusste, dass er mich gleich an einem wunden Punkt treffen würde. Ich starrte auf den dunklen Einband der Akte und zögerte. Eigentlich sollte ich ihn hochkant aus meinem Büro werfen. Ich hatte genug eigene Mandanten, die mich Tag und Nacht forderten. Aber die Wahrheit war: Ich war hier oben nicht nur die brillante Anwältin. Ich war Rechtsanwaltsfachangestellte, Sekretärin und Milans rechte Hand in einem. Drei Jobs zum Preis von einem – eine Effizienz, die Thomas liebte und die Milan schamlos ausnutzte. Gerade als ich die erste Seite aufschlug, vibrierte mein Handy in der Tasche, die noch auf dem Sofa lag. Das hohle Geräusch auf dem Leder ließ mich erstarrten. Ich legte die Akte beiseite, stand auf und fischte das Gerät heraus. Ein Blick auf das Display genügte. Unbekannte Nummer. Schon wieder. Mein Herzschlag beschleunigte sich, ein kaltes Gefühl kroch meinen Nacken hoch. Ohne eine Sekunde länger darüber nachzudenken, schob ich das Handy in meine oberste Schreibtischschublade und knallte sie mit etwas zu viel Schwung zu. „Wer war das?“, fragte Milan. Seine Stimme war leise, fast sanft, aber sein Blick war messerscharf. „Niemand“, sagte ich knapp und griff hastig wieder nach der Akte. Ich wollte den Gedanken an die Nachricht unterdrücken, doch das Wissen um die unterdrückte Nummer hing wie ein dunkler Schleier vor meinen Augen, während ich anfing zu blättern. „Also anscheinend soll ich diesen Fall hier übernehmen“, stellte ich fest und versuchte, meine Stimme fest klingen zu lassen. „Du weißt doch aber, dass ich selbst schon bis über beide Ohren in Arbeit stecke.“ Ich sah nicht auf, doch der Name auf dem Deckblatt kam mir vage bekannt vor. Irgendetwas in meinem Unterbewusstsein regte sich. „Es geht um Tiffany Ramsey“, sagte Milan knapp. Er machte eine Pause, als würde er darauf warten, dass der Funke übersprang. „Es war vor fünf Jahren dein allererster Fall.“ Und dann traf es mich wie ein Schlag. Plötzlich sah ich sie wieder vor mir: Tiffany. Ich sah sie im Gerichtssaal sitzen, das fahle Licht der Neonröhren in ihrem dünnen Haar. Ich hörte wieder das Echo des Urteils: Lebenslänglich. Ich wusste damals, dass sie unschuldig war. Ich hatte es gefühlt, in jeder Faser meines Körpers. Aber Gefühle gewinnen keine Prozesse. Es gab keine Beweise, keine Hinweise, nichts, was ihre Aussage hätte stützen können. Dieser Fall hatte mich nie losgelassen – meine erste große Niederlage. Eine damals 21 Jährige war im Gefängnis verschwunden, und ein Teil von mir war mit ihr dort geblieben. Milan beugte sich vor. Er zog ein einzelnes, leicht vergilbtes Blatt aus der Mitte der Akte und legte es mir direkt auf das geöffnete Deckblatt. „Lies das.“ Ich überflog die Zeilen. Erst begriff ich es nicht, meine Augen sprangen über die juristischen Formulierungen, doch dann machte es Klick. Mein Atem stockte. Das war es. Das offizielle Schreiben, von dem Tiffany immer gesprochen hatte – das Dokument, das ihre Unschuld bewies und das vor fünf Jahren wie vom Erdboden verschluckt war. „Das... ernsthaft?“, stammelte ich. Ich konnte die Überraschung in meiner Stimme nicht verbergen. Ich sah ihn fassungslos an, doch Milan schwieg. In seinem Blick lag etwas Triumphales, aber auch etwas tief Respektvolles. „Soll ich fragen, wie du daran gekommen bist?“, fragte ich schließlich neckend, obwohl ich tief im Inneren wusste, dass Milans Methoden oft in einer Grauzone lagen, über die man besser nicht sprach. „Lieber nicht“, gab er trocken zurück. „Aber Milan...“, ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare, „ich mache hier bereits drei Jobs fast alleine. Meine eigenen Fälle, deine Termine, die Mandantenbetreuung...“ „Sutton.“ Er unterbrach mich und lehnte sich noch ein Stück weiter vor. Sein Blick fixierte meine Augen. „Tiffany braucht genau dich. Du kennst diesen Fall besser als jeder andere von uns. Ihr hattet eine Verbindung. Niemand hat ihr geglaubt, aber du hast es getan. Ich weiß noch genau, wie du damals wochenlang vergeblich nach diesem verdammten Schreiben gesucht hast.“ Sein Blick glitt zu dem Dokument in meinen Händen. „Und jetzt hast du es.“ Ich lehnte mich langsam in meinem Bürostuhl zurück. Das Leder knarrte leise. Die Wut über meinen beschissenen Morgen, der Regen, der Stalker am Telefon – alles verblasste für einen Moment gegen die Wucht dieses Papiers. Tiffany Ramsey hatte fünf Jahre gewartet. Ich sah Milan an und wusste, dass er gewonnen hatte. Er wusste genau, dass ich dieses Unrecht nicht ungesühnt lassen konnte. „Aber du weißt ganz genau, dass wir gerade mitten in deinem riesigen Fall mit Luca Devil stecken“, warf ich ein und versuchte, die Vernunft über die aufkeimende Hoffnung für Tiffany zu stellen. „Die Medien hängen uns wegen dieses Skandals Tag und Nacht im Nacken. Jedes Boulevardblatt in Seattle wartet nur darauf, dass wir einen Fehler machen. Und ich mache hier gefühlt die ganze Arbeit alleine, Milan.“ Er wusste, dass ich recht hatte. Ich sah es ihm an. Seine Kiefermuskeln arbeiteten kurz, ein Zeichen dafür, dass er die Belastung, die auf meinen Schultern lastete, durchaus registrierte. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, das Leder knarrte leise unter seinem Gewicht, während er mich aus diesen unergründlichen blauen Augen beobachtete. „Zudem bekommen wir es gerade von allen Seiten ab“, fügte ich leiser hinzu. „Der Druck ist enorm.“ Für einen Moment sagte er gar nichts. Die Stille in meinem Büro war so dicht, dass man das Ticken der Design-Uhr an der Wand hören konnte. Dann breitete sich dieses langsame, ruhige Lächeln auf seinem Gesicht aus – diese ganz spezielle Art, die er nur an den Tag legte, wenn wir unter uns waren. Es war kein Grinsen, es war ein Eingeständnis. Er wusste genau, dass ich ihm keinen Wunsch abschlagen konnte. Genauso wenig, wie er jemals „Nein“ zu mir sagen könnte, wenn es darauf ankäme. „Du bist doch meine Wonder Woman“, sagte er leise. Ich schnaubte amüsiert und rollte mit den Augen, doch innerlich gab mein Widerstand bereits nach. Sein Blick war kein Befehl mehr, es war fast schon ein Betteln, auch wenn ein Hieling niemals offiziell um etwas bitten würde. Es war diese magische Zeit am Morgen – die Zeit, in der noch keiner hinsah, in der keine Masken nötig waren und wir einfach nur wir selbst sein konnten. „Na gut... schön... ich mache es“, gab ich schließlich nach und spürte, wie sich die alte Entschlossenheit in mir regte, Tiffanys Namen endlich reinzuwaschen. Ich zog die Akte wieder ein Stück zu mir heran. „Ich schaue nachher, was ich machen kann, aber...“, setzte ich an, um die Erwartungen wenigstens ein bisschen zu dämpfen. „Du bist mein Engel hier auf Erden“, unterbrach er mich sanft, während er aufstand. Er wirkte plötzlich leichter, fast schon befreit. Mit einer fließenden Bewegung war er schon wieder halb durch die Verbindungstür in seinem eigenen Reich verschwunden. „... aber versprechen kann ich gar nichts!“, beendete ich meinen Satz trotzdem gegen die leere Luft, auch wenn ich durch den Türspalt bereits sah, wie er sich an seinen eigenen Schreibtisch setzte. Ich starrte einen Moment lang auf das vergilbte Dokument in der Akte. Ein Engel? Wohl kaum. Eher eine Frau, die versuchte, die Scherben der Vergangenheit aufzusammeln, während sie in der Gegenwart um ihr eigenes Gleichgewicht kämpfte. Ich atmete tief durch, griff nach meinem nun fast kalten Kaffee und schlug die erste Seite der Akte Tiffany Ramsey auf. Der Regen trommelte noch immer gegen die Scheiben der Etage, aber das mulmige Gefühl in meinem Bauch war für den Moment einer kalten, juristischen Wut gewichen. Und der Montag hatte gerade erst angefangen. Ich sah weiterhin auf die Akte von Tiffany Ramsey und wusste bereits jetzt, dass ich mir für die mühsame Recherchearbeit später einen der jungen Anwälte aus dem Pool im 60. Stock dazu holen musste. Jemand mit frischem Blick und genug Ausdauer für die Archivarbeit. Mit einem routinierten Seufzen wandte ich mich meinen Monitoren zu. Einer nach dem anderen erwachte zum Leben und tauchte mein Gesicht in ein kühles, bläuliches Licht. Ich öffnete die Systeme, die Datenbanken und die unzähligen Ordner, die ich heute über den Tag verteilt brauchen würde. Es war wie das Hochfahren einer komplexen Maschine. Dann öffnete ich das Herzstück unserer Organisation: den digitalen Kalender. Meine Augen überflogen die eng getakteten Blöcke. Ich hatte Liliane Clark am Vormittag – meine Immobilien Mogulin. Und dann sah ich es. Ein breites Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Oh, ich wusste ganz genau: Wenn ich das jetzt ansprach, würde er gegen die Decke gehen. Milan hasste diese Termine leidenschaftlich, aber es gab kein Entkommen. „Denk dran!“, rief ich laut genug hinüber, damit meine Stimme die Zwischentür passierte. Durch die Glaswand sah ich, wie er den Kopf hob. Er starrte mich an, die Stirn fragend in Falten gelegt. „Von zehn Uhr bis fünfzehn Uhr haben wir Bewerbungsgespräche“, verkündete ich mit einer fast schon gehässigen Fröhlichkeit. „Wir haben heute den 4. Juli, falls du es vergessen hast.“ Milan verdrehte so heftig die Augen, dass ich fast das Geräusch dazu hören konnte. Er erstarrte förmlich in seinem Sessel, während er versuchte, die bittere Pille zu schlucken, die ich ihm gerade serviert hatte. Ich konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen. Es war zu köstlich, ihn so besiegt zu sehen. „Bewerbertag!“, trällerte ich hinterher und genoss es sichtlich, die verbale Klinge noch ein bisschen tiefer in die Wunde zu treiben. Es war der wichtigste Tag im Jahr für die Karriere dutzender junger Juristen. Aus den tausenden Bewerbungen, die jährlich bei uns eingingen, gaben wir nur einem winzigen Bruchteil die Möglichkeit zu diesem persönlichen Termin. Hieling & Söhne war nicht einfach nur eine Kanzlei; es war die weltbekannteste Adresse für Recht und Gesetz. Wer hier arbeitete, hatte es geschafft. Wenn von den hundert Bewerbern, die heute durch unsere Drehtüren marschieren würden, am Ende zwanzig für die nächste Runde übrig blieben, dann war das schon eine verdammt hohe Quote. Meistens waren es deutlich weniger. Es war ein gnadenloses Aussiebverfahren, und normalerweise hielt sich Milan seit fünf Jahren konsequent aus diesem Prozess heraus. Ich managte unsere gemeinsamen Termine und die Vorauswahl immer allein – ein Privileg, das er sehr zu schätzen wusste. „Den kannst du aber schön wieder alleine machen“, gab er neckend zurück, doch seine Stimme klang resigniert. Er wusste, dass ich ihn heute nicht so einfach vom Haken lassen würde. Ich drehte mich mit meinem Stuhl einmal um die eigene Achse und sah durch das Glas zu ihm rüber. „Nicht diesmal, Milan. Thomas will, dass du Präsenz zeigst. Und ich will nicht, dass ich am Ende wieder diejenige bin, die die ganzen arroganten Harvard-Absolventen alleine aussortieren muss.“ Milan wusste genau, dass ich das letzte Wort in Sachen Zeitmanagement hatte, egal wie sehr er sich sträubte. Stattdessen konzentrierte ich mich auf das, was ich am besten konnte: Struktur in das Chaos bringen. Ich rollte mit meinem Bürostuhl nach links zu der flachen Kommode aus dunklem Walnussholz. Mit geübten Griffen holte ich die Akten heraus, die heute auf dem Plan standen. Es war ein beachtlicher Stapel. Dazu kamen diverse Unterlagen, für die ich noch Schriftsätze finalisieren und komplexe Datensätze in unser System einpflegen musste. Ich legte alles nach Prioritäten sortiert in mein Ablagesystem, das perfekt geordnet auf der rechten Seite meines Schreibtisches platziert war. In Momenten wie diesen wurde mir bewusst, wie viele Privilegien ich hier oben eigentlich genoss. Mein Büro war nicht nur ein Ort zum Arbeiten; es war eine voll ausgestattete Kommandozentrale. Ich besaß meinen eigenen Hochleistungsscanner, einen verschlüsselten Terminal-Zugang und sogar einen kleinen Safe für Beweismittel. Während die Kollegen aus den unteren Etagen für jedes streng vertrauliche Dokument erst runter in die 50. zum Datentresor laufen mussten, hatte ich alles in Griffweite. Thomas vertraute mir blind, und dieses Vertrauen spiegelte sich in jeder Ecke dieses Raumes wider. Dann begann die eigentliche Arbeit. Ich versank in einem Rhythmus aus analogen und digitalen Handgriffen. Ich klammerte, lochte, scannte und tippte. Meine Finger flogen über die Tastatur, das mechanische Klicken der Tasten bildete den Soundtrack zu meiner Konzentration. Es war ein beruhigender Prozess. Hier gab es Paragrafen, Logik und Ordnung – Dinge, die man kontrollieren konnte. Die Tür zum Flur hatte ich bewusst offen gelassen. Aus dem Augenwinkel registrierte ich, wie die Frequenz auf dem Gang zunahm. Immer mehr Anwälte in perfekt sitzenden Anzügen und Kostümen huschten schräg gegenüber in die Mitarbeiterküche, um sich mit dem ersten Koffein-Kick des Tages zu versorgen oder Wasserflaschen für die anstehenden Meetings zu füllen. Das gedämpfte Gemurmel von Stimmen mischte sich mit dem Zischen der Kaffeemaschine. Ein kurzer Blick auf die Uhr am unteren Bildschirmrand verriet mir, dass es gleich acht Uhr war. Die „goldene Stunde“ war fast vorbei. Als ich den Kopf kurz hob und durch die Glaswand in das Nachbarbüro spähte, bemerkte ich, dass Milans Stuhl leer war. Er war wohl bereits zu Thomas rübergegangen oder nutzte die Zeit für einen kurzen Rundgang durch die unteren Abteilungen. Ich widmete mich nun meiner wichtigsten Aufgabe für diesen Morgen: Tiffanys Akte. Seite um Seite legte ich das vergilbte Papier in den Einzug meines Scanners. Das Licht des Geräts wanderte rhythmisch über die Zeilen, und kurz darauf ploppten die hochauflösenden PDF-Dokumente auf meinen Bildschirmen auf. Während die digitalen Kopien erschienen, fühlte ich wieder diesen alten, kalten Zorn in mir aufsteigen. Ich fixierte das Dokument, das Milan mir gegeben hatte – den Beweis ihrer Unschuld. Digitalisiert sah es fast noch offizieller aus, noch endgültiger. Ich war gerade dabei, die Datei in einen verschlüsselten Unterordner zu ziehen, als ich eine Bewegung im Türrahmen wahrnahm.

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Details

Title
Heartfallen - Liebe begann im Schatten
Subtitle
Band 1
Author
Tabea Spremberg (Author)
Publication Year
2026
Pages
610
Catalog Number
V1722611
ISBN (eBook)
9783389194508
ISBN (Book)
9783389194515
Language
German
Tags
Dark Romance Romantic Suspense Stalker Romance Obsessive Love Forbidden Love Alpha Male Possessive Hero Billionaire Romance Millionaire Romance Workplace Romance Office Romance Lawyer Romance Slow Burn Romance Psychological Romance Trauma & Healing Secrets from the Past Protective Hero Suspense Romance Seattle Romance Forced Proximity
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Tabea Spremberg (Author), 2026, Heartfallen - Liebe begann im Schatten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1722611
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