Dissidenten- und Bürgerrechtsbewegungen in der Tschechoslowakei 1945-1989

Ein Vergleich der Widerstandsgenerationen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gesellschaftlicher Stillstand oder ÄEnergien im Verborgenen“?

2. Zu den Begrifflichkeiten: Widerstand, Dissidenten, Generationen

3. Widerstandsgenerationen
3.1 Die erste Generation: Kinder der Besatzung
3.2 Die zweite Generation
3.2.1 Die Zeit bis zur Normalisierung
3.2.2 Eine neue Form des Widerstands: Die Charta 77
3.3 Die dritte Generation: Normalisierungskinder

4. Verschiedene Generationen und verschiedene Arten des Widerstands

1. Gesellschaftlicher Stillstand oder „Energien im Verborgenen“?

ÄDie CSSR galt bis 1968 als sicherster sowjetischer Vorposten. […] Hierzu passte, dass man schon 1960 das Ziel des Aufbaus des Kom- munismus proklamierte. Die Entwicklung der folgenden Jahre mit ih- rem Gipfel im Schicksalsjahr 1968 war umso überraschender, weckte unzählige Hoffnungen und endete doch - im wahren Wortsinn - mit einer großen Enttäuschung. Es folgten Jahre tiefgehender Frustration und Stagnation, scheinbaren gesellschaftlichen Stillstandes bei sich leidlich verbessernder materieller Lebenslage: Und doch sammelten sich, von vielen Beobachtern erst spät bemerkt, mancherlei Energien im Verborgenen.“1

In ihrem einführenden Beitrag zur Geschichte der kommunistischen Herrschaft und Opposition in der Tschechoslowakei macht Klára Horalíková darauf aufmerk- sam, dass der Widerstand gegen die kommunistische Diktatur in der Tschecho- slowakei zwar stets vorhanden ist, aber nicht immer mit der gleichen Aktivität wie 1968 agiert. Auch, weil nach 1968 die zuvor große Aktionsbereitschaft der Wider- ständler einbricht, spricht die Autorin also von ÄEnergien im Verborgenen“2. Diese Energien treten von Zeit zu Zeit, insbesondere 1977 und dann wieder in den spä- ten 80er Jahren aus dem Hintergrund hervor und sind spätestens mit der Samtenen Revolution ein Beleg dafür, dass von einem Stillstand hinsichtlich der widerstän- dischen Bewegungen in der CSSR nicht ohne weiteres gesprochen werden kann. Das über Jahre und Jahrzehnte hinweg aber weder in der westlichen Wahrneh- mung noch in der CSSR selbst sich der Widerstand öffentlich wahrnehmbar zeigt, liegt auch an der Äinterrupted Revolution“,3 die Gordon Skilling in seinem gleich- namigen Werk diagnostiziert. Die traumatischen Erfahrungen mit der Nieder- schlagung des Aufstands 1968 sind ein Grund dafür, dass sich im Fall der CSSR das Bild des gescheiterten oder nicht ausreichend mit Nachdruck vorangetriebe- nen Widerstands hält. Nicht zuletzt weil Ä[…] die Bilder der von Menschenmen- gen umringten sowjetischen Panzer auf dem Prager Wenzelsplatz […] zu den fo- tografischen Ikonen des zurückliegenden Jahrhunderts [gehören]“4, wird die ganze Geschichte des Widerstands von dieser medial wirkungsmächtigen Szene des Scheiterns in der Wahrnehmung der Geschichtsschreibung und der Öffentlichkeit lange Zeit verdeckt. Zu Recht verweist Klara Horalíková darauf, dass es nötig ist, die Ereignisse zwischen 1945 und 19905 weiter aufzuarbeiten. Die Autorin und ihre Mitautoren haben bereits Studien mit Perspektive auf das Regime und die Repressalien angestellt. Auch die Geschichte des Widerstands rückt in letzter Zeit in den Fokus, was den seit 1990 verfügbaren Quellen geschuldet sein dürfte. Trotz und wegen der Tatsache, dass große Teile der Widerständler noch leben und bis vor kurzem noch höchste Ämter begleiteten, kommt die Aufarbeitung des Wider- stands in Gang. Annabelle Lutz hat 1999 in ihrer Dissertation6 einen Vergleich zwischen dem Widerstand in der DDR und CSSR gezogen, Marketa Spiritova7 und Mary Heimann8 gehen in ihren Darstellungen verstärkt auf Repression durch das Regime einerseits und die Situation Intellektueller und Oppositioneller ande- rerseits ein. Die vorliegende Arbeit möchte im Rückgriff auf die verborgenen Energien des Widerstands möglichst umfassend die Widerstands- und Dissiden- tenbewegungen zwischen 1945 und 1989 untersuchen. Interessant ist hierbei vor allem, warum der Widerstand sich zeitweise so zurückhaltend verhält, dann aber mit großem Erfolg und großer Anteilnahme der Bevölkerung sich erfolgreich be- haupten kann. Nach einer kurzen Klärung der Begriffe soll daher der Widerstand zwischen 1945 und 1989 genauer betrachtet werden. Anschließend gilt das Haupt- augenmerk den drei ÄWiderstandsgenerationen“9 nach Annabelle Lutz, die in ihrer Zusammensetzung, ihren Motiven und vor dem geschichtlichen Hintergrund be- trachtet werden. Eine abschließender Vergleich wird nochmals die Frage aufgrei- fen, inwiefern der Widerstand in der Tschechoslowakei zeitweise Äim Verborge- nen“10 agiert.

2. Zu den Begrifflichkeiten: Widerstand, Dissidenten, Generati- onen

Zu Beginn erscheint eine Klärung der in dieser Arbeit verwendeten Begriffe sinn- voll. Wenn im Folgenden die Rede von Widerstand und Dissidenten ist, so unter- liegen diese Termini einer sehr ausgedehnten Auffassung von widerständigem Verhalten. Zwar gibt es verschiedentlich Abgrenzungen, beispielsweise hinsicht- lich der Verwendung des Begriffs des Dissidenten. Milan Otáhal etwa benutzt den Begriff Dissident ausschließlich für den intellektuellen und zivilgesellschaftlichen Widerstand in der Phase der Normalisierung, Äim Dissens“11 ist für ihn vor allem die Gruppe Oppositioneller um Václac Havel und andere Intellektuelle, die nicht mehr für eine Ideologie eintritt, sondern zivilgesellschaftlich argumentiert. In der vorliegenden Arbeit ist die Zielsetzung jedoch, grundlegende Motive und Struktu- ren des Widerstands zu vergleichen, um anschließend Aussagen über dessen tat- sächliche Aktivität zwischen 1945 und 1989 treffen zu können. Eine Differenzie- rung erfolgt somit weniger hinsichtlich der genauen Ausgestaltung des Wider- stands, und wie dieser dann zu bezeichnen wäre, sondern diachron. Für die chro- nologische Einteilung dient die Untersuchung von Annabelle Lutz als unterstüt- zende und empirisch durchgeführte Vorlage. Ihre ÄWiderstandsgenerationen“12 untergliedern im nachstehenden Abschnitt den Widerstand in der CSSR zwischen 1945 und 1990. Der Generationsbegriff von Lutz beruht auf der ÄSelbstzuordnung der Interviewten“13, die unter anderem danach ausgewählt wurden, ob sie 1968 beziehungsweise 1989 aktiv waren, bzw. ob sie durch ihr Geburtsdatum von be- stimmten Ereignissen geprägt sein konnten oder nicht.14 Ausgehend von dieser Methode unterscheidet Lutz drei Generationen des Widerstands: Eine ältere Gene- ration, die am Ende der Besatzungszeit durch die Deutschen zwischen 12 und 24 Jahre alt ist, eine mittlere Generation, die 1968 zwischen 17 und 33 Jahre alt ist, somit also auch die der älteren Generation nachfolgende ist und eine jüngere Ge- neration, die 1989 zwischen 18 und 25 Jahre alt ist.15 Ein besserer Überblick ergibt sich aus der Grafik im Anhang (Punkt 5.)

3. Widerstandsgenerationen

3.1 Die erste Generation: Kinder der Besatzung

Die ÄBesatzungskinder“16 genannte erste Widerstandsgeneration besteht zu großen Teilen aus Männern, die in der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung zwi- schen 12 und 24 Jahre alt sind. Geprägt von den Erfahrungen der Besatzung und durch den 2. Weltkrieg, kennen diese Personen kein nicht-totalitäres Staatssys- tem.17 Viele von ihnen finden ihre Perspektive deshalb im Kommunismus und im Stalinismus - auch eine irrationale, euphorische Haltung hinsichtlich einer jetzt zu greifen scheinenden eigenen tschechoslowakischen Zukunft spielt eine Rolle.18 ÄDie Erfahrungen des Münchener Abkommens vom 30. 9. 1938 und die Errich- tung des Protektorats Böhmen und Mähren durch die Nationalsozialisten hatten dazu geführt […] sich den Sowjets anzuschließen.“19 Die Verbreitung dieser Geis- teshaltung und ihre Bedeutung werden an den Mitgliederzahlen der KPC deutlich: Ende 1948 sind 2,5 Millionen Tschechen Mitglied - bei einer Einwohnerzahl von knapp 11 Millionen.20 Einige Mitglieder dieser Generation sind bereits zur Zeit der deutschen Besatzung als Widerständler aktiv, der größere Teil wird aber erst nach der Errichtung des Regimes der KPTsch 194821 widerständisch. Der gewalt- same Umbruch im ÄSiegreiche[n] Februar“22 hat einen ÄKampf gegen die Reakti- on“23 zur Folge, der sich gegen alle nichtkommunistischen Kräfte richtet. In dieser Zeit, als sich das Regime mit massiven Ä[…] Säuberungen in Politik, Armee. Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft […]“24 endgültig durchsetzt, fallen Oppositi- onelle oftmals den Säuberungsaktionen der KPC zum Opfer oder emigrieren bis Klement Gottwald 1948 die Beseitigung aller reaktionären Kräfte verkündet. Be- reits im April 1948 waren 4800 Personen aus dem Staatsdienst entlassen worden, 1955 gibt es in 230 Lagern 240.000 Insassen - zumeist aus politischen Gründen.25 Dieser Umstand führt dazu, dass die teilweise als erhoffter positiver Neuanfang empfangenen Kommunisten trotz ihrer Wahlerfolge bald an Gunst verloren. Das stalinistische Korsett, Schauprozesse26 wie der gegen Rudolf Slansky oder die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 führen zu einem inneren Bruch mit dem Stalinismus27: ÄDie mythische Verklärung, die - vor allem bei der älteren Generation - der Ersten Republik und den kurzen Jahren der slowakischen Eigen- staatlichkeit zuteil wird, hat die Schrecken der ‚Verletzung der sozialistischen Ge- setzlichkeit‘ […] um so lebendiger im Gedächtnis der Betroffenen verankert.“28 Das Scheitern der ÄIdeale an der repressiven, stalinistischen Realität“29 leitet einen Teil der Gesellschaft, zumeist bürgerliche Schichten und Gläubige, in ein gegneri- sches Lager. Allerdings sind viele reformorientierte ehemalige überzeugte Stali- nisten ja noch immer Mitglied der Partei. Wie der Philosoph Pavel Kohout, der sich erst nach dem Chruschtschow-Referat vom Stalinismus distanziert30, haben sie zum Teil hohe Positionen in öffentlichen Einrichtungen und in der Partei selbst. Innerhalb der offiziellen Strukturen versuchen sie als Äpragmatische Welt- verbesserer“31 den Kurs der Partei mitzubestimmen und haben unter Dubcek Mitte der 60er Jahre - nach einer weiteren Entstalinisierungswelle32 durchaus Erfolg mit ihrem Vorhaben eines ÄSozialismus mit menschlichem Antlitz“33.

[...]


1 Klára Horalíková: Zur Einführung in das Thema. In: Pavel Zacek et al.: Die Tschechoslowakei 1945/48 bis 1989. Studien zu kommunistischer Herrschaft und Repression. Leipzig 2008. S. 11.

2 Ebd.

3 Gordon Skilling: Czechoslovakia’s Interrupted Revolution. Princeton 1976.

4 Pavel Zacek et al.: Vorwort. In: Pavel Zacek et al.: Die Tschechoslowakei 1945/48 bis 1989.

Studien zu kommunistischer Herrschaft und Repression. Leipzig 2008. S. 7.

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Annabelle Lutz: Dissidenten und Bürgerbewegung. Ein Vergleich zwischen DDR und Tschechoslowakei. Frankfurt am Main 1999.

7 Marketa Spiritova: Hexenjagd in der Tschechoslowakei. Intellektuelle zwischen Prager Frühling und dem Ende des Kommunismus. Wien 2010.

8 Mary Heimann: Czechoslovakia. The State that failed. Yale 2009.

9 Lutz, S. 34f.

10 Horalíková, S. 11.

11 Spiritova S. 188.

12 Lutz, S. 35.

13 Lutz, S. 35.

14 Vgl. zur Methodik: Lutz, S. 24f.

15 Vgl. Lutz, S. 35f.

16 Lutz, S. 35.

17 Vgl. Heimann, S. 152

18 Vgl. Dies., S: 153, Zitat von Zdenek Mlynar.

19 Spiritova, S. 68.

20 Heimann, S. 153

21 Mary Heimann, S: 150

22 Horalíková, S. 12.

23 Ebd.

24 Spiritova S 67

25 Jörg K. Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei. Berlin 31992. S. 139.

26 Mauritz, Markus: Tschechien. Regensburg 2002. S. 174.

27 Vgl. Lutz, S. 40.

28 Hoensch, S. 140.

29 Ebd.

30 Ebd.

31 Ebd.

32 Vgl. Spiritova, S. 70.

33 Lutz, S. 41

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Dissidenten- und Bürgerrechtsbewegungen in der Tschechoslowakei 1945-1989
Untertitel
Ein Vergleich der Widerstandsgenerationen
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät Lehrstuhl für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichten )
Veranstaltung
Hauptseminar: Geschichte des Ostblocks (1945-1989)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V172341
ISBN (eBook)
9783640922215
ISBN (Buch)
9783640922147
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dissidenten-, bürgerrechtsbewegungen, tschechoslowakei, vergleich, widerstandsgenerationen
Arbeit zitieren
Maximilian Frisch (Autor), 2011, Dissidenten- und Bürgerrechtsbewegungen in der Tschechoslowakei 1945-1989 , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172341

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Dissidenten- und Bürgerrechtsbewegungen in der Tschechoslowakei 1945-1989


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden