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ADHS - Das andere Denken

Title: ADHS - Das andere Denken

Non-fiction book , 2026 , 221 Pages

Autor:in: Elisabeth Dägling (Author)

ThinkShelf: Non-fiction books
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Summary Excerpt Details

Die derzeitige Interpretation des ADHS genannten Verhaltens als einer Störung bzw. Krankheit trifft nicht zu!

Es handelt sich vielmehr um eine der beiden Arbeitsweisen menschlicher Gehirne. Zwar ist auch von der „normalen“ Arbeitsweise, nach der das Gehirn normgesteuerter Menschen arbeitet, kaum etwas bekannt, beide haben jedoch nichts mit der sogenannten „Informationsverarbeitung“ zu tun. Die beiden Formeln im Cover repräsentieren die Grundlage der jeweiligen Arbeitsweise und das „Interesse“ des Gehirns.

Wie das andere Denken, die funktional-logische Arbeitsweise abläuft, im Unterschied zur vermeintlich allein normalen, der prädikativ-logischen Arbeitsweise, und wie wir durch diese Arbeitsweisen zu unserem Wissen kommen, davon handelt das vorliegende Buch.

Excerpt


Inhalt

Vorwort

Einleitung

Zum Stand der Dinge: Die Störungsperspektive

Die Änderung des Blickwinkels

Die Entdeckung

Die Varianten der Kausalität und ihre Regeln

Was heißt „Denken“?

Eine nicht ganz so kurze Einführung in die Arbeitsweise menschlicher Gehirne

Das funktionale Denken und der Umgang mit komplexen Problemen

Drei Systeme

Erste Periode: Wahrnehmen

Zweite Periode: Erkennen vs. Verstehen

Dritte Periode: Verstehen vs. Erkennen

Zur Konstruktion von Wissen

Zum Erwerb von Wissen

Fallbeispiele

Danksagung

Anhang

Diagnose von ADHS

Literatur

Auszüge aus dem Buch

Cover: ADHS - Das andere Denken

Einleitung

Mein jüngerer Sohn, er ging damals in die dritte Klasse, fühlte sich grippig. Also ging er ins Sekretariat, um vom Rektor die Genehmigung zu erhalten, nach Hause gehen zu dürfen. Der Rektor unterrichtete aber gerade, und die Sekretärin sagte zu meinem Sohn, er solle sich einstweilen auf die Liege legen, sie informiere inzwischen den Rektor.

Mein Sohn legte sich jedoch nicht auf die Liege, denn er hatte festgestellt, dass mehrere Elektrokabel aus der Wand hingen. Also machte er sich daran, sie miteinander zu verknüpfen bzw. sie in die verschiedenen Steckdosen oder Buchsen zu stecken. Als Resultat seiner Aktion waren plötzlich laute, quäkende Geräusche zu hören, die in allen Klassenzimmern aus den Lautsprechern kamen und den Unterricht lahmlegten. Als der Rektor ins Sekretariat kam, stellte er fest, dass der Schaden wohl doch größer war, als gedacht - sie brauchten einen Elektriker. Die Geräusche waren derart unangenehm, dass kein Unterricht mehr möglich war. So durfte nicht nur mein Sohn heimgehen, sondern auch alle anderen Schüler wurden für diesen Tag – notgedrungen - beurlaubt.

Worum also geht es, wenn von der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS gesprochen wird? Ähnliches wie das oben beschriebene Verhalten dürften Eltern eines solchen Kindes zur Genüge kennen. Es verwundert nicht, dass die derzeitige Auffassung, man habe es mit einer Verhaltens- bzw. Aufmerksamkeitsstörung oder gar Krankheit zu tun, deshalb von vielen Eltern betroffener Kinder akzeptiert wird. Nicht selten stellen sie auch bei sich die gleichen bzw. ähnliche Symptome fest. Die Erklärung seitens der Mediziner und Psychologen, man habe es mit einer Störung der Informationsverarbeitung bzw. mit einer Krankheit zu tun, wird inzwischen mit Nachdruck vertreten. Dennoch trifft sie nicht zu!

Tatsächlich handelt es sich um eine Art des Denkens und Verhaltens, die der als vermeintlich allein richtig geltenden, der „normalen“ Art komplementär ist. Beide ergänzen sich folglich im Gegensatz. Denn in beiden Fällen geht es um die Arbeitsweise des Gehirns, die sich bei der Minderheit der Menschen anders vollzieht als bei der Mehrheit. Dementsprechend ist das Verhalten, das ihr zugrunde liegt, zwar anders, aber normal!

Damit stellt sich die Frage: Wenn diese Art des Denkens und Verhaltens ebenfalls normal sein soll, warum äußert sie sich dann in einer so konträren Art und Weise?

Die Behauptung, dass auch ein Verhalten wie das obige normal sei, muss begründet werden. Wenn also die derzeitige Annahme, es mit einer Störung oder Krankheit zu tun zu haben, falsch ist, worum handelt es sich dann? Denn dass Verhaltensweisen wie die meines Sohnes aus dem üblichen Rahmen fallen, und dazu auch mitunter sehr kostenintensiv sein können, geben Grund zu der Annahme, dass mit diesen Kindern (und Erwachsenen) etwas nicht stimmt.

Es war ein Zufall, durch den ich vor einigen Jahren entdeckte, dass die derzeitige Auffassung falsch ist. Es stellte sich heraus, dass es sich bei dem auffallenden Verhalten weder um ein Defizit an Aufmerksamkeit handelt, noch um eine Störung oder gar Krankheit. Was sich tatsächlich hinter diesem devianten, dem abweichenden Denken und Verhalten verbirgt, hatte ich allerdings auch nicht erwartet: es ist eine Art des Denkens, die dem als normal geltenden komplementär ist, wobei mit Denken die Arbeitsweise unserer Gehirne (nicht zu verwechseln mit Informationsverarbeitung) gemeint ist. Dennoch, auch wenn ich in all den Jahren vorher falsch lag: es war wie eine Erlösung, endlich auf die richtige Erklärung des Verhaltens gestoßen zu sein. Diese macht aber auch die Tragik an der Sache deutlich: Nach einer Erklärung, nach der Ursache dieses Denkens und Verhaltens wird in den falschen Fachgebieten gesucht!

Es handelt sich vielmehr um ein Verhalten und Denken, welches das mehrheitliche im Gegensatz ergänzt. Mit anderen Worten: Es existieren zwei Arten des Denkens, wobei mit „Denken“, wie schon oben erwähnt, die Arbeitsweise des Gehirns gemeint ist.

Dies zu begründen ist nicht einfach. Doch eine Alternative gibt es nicht. Entweder man geht davon aus, dass es sich um eine Störung bzw. Krankheit handelt, oder man akzeptiert, dass es neben der vermeintlich einzig normalen, der normgesteuerten Art des Verhaltens und Denkens eine zweite gibt, die diese im Gegensatz ergänzt. Von dieser Annahme bzw. Behauptung werde ich im Folgenden ausgehen. Denn aufgrund der jahrzehnte- langen Arbeit auf diesem Gebiet, und da sowohl ich selber als auch meine Kinder zu den „Betroffenen“ gehören, ist es mir ein Anliegen, ja ein Bedürfnis, das falsche Bild von meinesgleichen zurechtzurücken, welches aus der unzutreffenden Störungssichtweise resultiert.

Unter dem geänderten Blickwinkel zeigte sich, dass es im Wesentlichen um die Arbeitsweise menschlicher Gehirne geht, die jedoch nichts mit der sogenannten Informationsverarbeitung zu tun hat, von der bisher angenommen wird, es gebe nur eine – weshalb eine zweite Art keine Alternative sein konnte, sondern eine Störung oder Krankheit sein musste.

Da ich aber nun von zwei Arten von Arbeitsweisen bei menschlichen Gehirnen ausgehe, stellte sich die Frage, was liegt diesen beiden Arten zugrunde? Weshalb arbeitet das Gehirn der Mehrheit der Menschen anders, als das einer Minderheit, und worin unterscheiden sie sich? In der Materie des Gehirns nach einer Ursache zu suchen, erschien mir nicht sinnvoll, zumal es mir auch nicht möglich gewesen wäre – dazu hätte ich Ärztin bzw. Neurologin sein müssen. Die Alternative, die sich anbot war, nach möglichen Ursachen auf dem Gebiet der Kognitiven Psychologie zu suchen. Und tatsächlich wurde ich dort fündig, wenn auch auf einigen Umwegen.

Im Gegensatz zur Hirnforschung, die derzeit nach Ursachen in der Materie sucht, beschäftigt sich die Kognitive Psychologie u.a. auch mit Regeln, um menschliches Verhalten und Denken zu beschreiben. Bei meiner Suche stieß ich auf zwei grundlegende Regeln. Eine ist das sogenannte Aktionsschema, die Beschreibung einer basalen Verhaltens-weise, während die andere, die nach Dörner (1999) „eng mit ihr verwandt ist“, die Produktion, eine „Wenn, dann-Vorschrift für das Verhalten“ ist. In der Psychologie sind beide Regeln Verhaltensschemata, auch wenn die Produktion als Verfahrensregel bezeichnet wird. Da beide in ihrer jeweiligen Funktion dem Verhalten zugrunde liegen, lag es nahe, sie auch auf das Denken zurückführen, genauer: in ihnen die Regeln zu sehen, nach denen menschliche Gehirne arbeiten und damit auch das Verhalten generieren. Bisher wird zwar angenommen, dass sich unser Denken und Verhalten der sogenannten Informationsverarbeitung verdanken. Dies trifft jedoch nicht zu – wir werden darauf zurückkommen.

Was an den beiden Regeln auffällt ist, dass es sich zwar um Konditionsregeln handelt, also solche, die ein Bedingungsverhältnis be- bzw. vorschreiben. Dennoch sah ich in ihnen schlagartig die Lösung des Problems, nämlich die Antwort auf die Frage, nach welchen Regeln ein menschliches Gehirn tatsächlich arbeitet – nur dass es offenbar zwei Regeln sind, ein menschliches Gehirn aber nur auf Basis der einen oder auf der anderen Regel arbeitet. Ein „Sowohl als auch“ gibt es nicht. Doch auch wenn es sich bei diesen Regeln der Formulierung nach um Bedingungsregeln handelt, war ersichtlich, dass es sich um kausale Regeln handeln muss, auf deren Basis menschliche Gehirne arbeiten. Die Arbeitsweisen der Gehirne lassen sich folglich auf das Verhältnis von Ursache und Wirkung, also auf die Kausalität zurückführen. In einigen Kapiteln gehe ich deshalb auch auf Immanuel Kant und seine Transzendentalphilosophie ein, mit der er drei Arten von Erkenntnisformen im Bewusstsein behauptete: die Zeit, den Raum – und die Kausalität. Von letzterer schrieb Kant, sie sei eine apriorische Verstandeskategorie, die Erfahrung überhaupt erst möglich mache, und kein aus der Erfahrung abgeleitetes Prinzip.

Aus diesem Grund, weil es sich bei „ADHS“ geradenicht um eine Störung, sondern um eine Erkenntnisform handelt, konnte es auch niemand aus den Reihen der mit ihr befassten Fachleute sein, der die in diesem Buch dargelegte Ansicht vertritt und sich gegen die weltweit verbreitete und akzeptierte Störungsbehauptung ausspricht – noch dazu mit einem derart ungewöhnlichen Argument.

Um nun erklären zu können, was es mit diesem auffallenden Verhalten tatsächlich auf sich hat, müssen wir zurückgehen zu einem Ereignis, das Anfang des 20. Jahrhunderts in Meran stattfand. Es handelte sich um Fortbildungen für Lehrer, in denen es u.a. um unterschiedliche Denkstile im Fach Mathematik ging. Diskutiert wurde vor allem eine Denkart, das funktional-logische Denken, welche im Mathematikunterricht eine wesentliche Rolle spielen sollte, aber immer noch kaum Beachtung findet.

Dennoch, unterschieden wurde und wird deshalb in der Mathematik seit gut 100 Jahren zwischen einem prädikativ-logischem Denken, einer Denkart, die vor allem von Mädchen bzw. Frauen präferiert wird, die aber auch der Didaktik im Unterricht ganz allgemein unterliegt -, und einem funktional-logischen Denken, das einem prozessorientierten Denken entspricht, wie es vorzugsweise bei Jungen bzw. Männern vorkommt. Offenbar wurde damals, als man die beiden Arten entdeckte, noch nicht unterschieden zwischen Denkstilen, die man sich aneignen kann, und Denkarten, wie die soeben genannten, die angeboren sind, weshalb der Eindruck entstand, man könne diese Arten des Denkens lehren und lernen. Inwieweit die damaligen Erkenntnisse dann Einzug in die Mathematikforschung gehalten haben, ist mir nicht bekannt. Da es sich zudem wohl eher um einen Nischenbereich handelt, in welchem die beiden Arten des Denkens diskutiert wurden, verwundert es nicht, dass über sie kaum etwas an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Diesen Denkarten entsprechen die beiden Begriffe funktional-logisch vs. prädikativ-logisch. Sie gehen aber, was das Denken und das Verhalten betreffen, weit über diese hinaus. Worum es sich tatsächlich handelt, hat eine sehr viel größere und bedeutsamere Tragweite.

Ich selbst bin nur durch einen Zufall auf diese Forschungen und ihre Ergebnisse gestoßen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon seit mehreren Jahren mit dem Thema ADHS befasst. Als mein älterer Sohn damals zunehmend auffällig wurde und Probleme in der Schule bekam, suchte ich mit ihm einen Psychiater auf. Ich hatte noch gar nicht richtig begonnen, die Probleme zu schildern, als dieser ausrief: „Ach Gott, ein hyperkinetisches Kind!“ Ich war verdutzt und fragte: „Ein was ...?“ Der Arzt klärte mich kurz auf, bevor er empfahl, unseren Jungen auf ein spezielles Internat zu schicken. Das wollten jedoch weder wir, die Eltern, noch unser Sohn. Die Möglichkeit einer medikamentösen oder therapeutischen Behandlung erwähnte der Arzt nicht, weshalb wir einigermaßen frustriert wieder heimgingen. Diese Erfahrung war jedoch der Anlass für meine Tätigkeit auf diesem Gebiet. Seitdem habe ich mich kundig gemacht und die Entwicklung verfolgt, die sich auf diesem Gebiet rund um die Hyperaktivität / Aufmerksamkeitsdefizitstörung vollzieht. So bekam ich frühzeitig mit, dass sich zwei Eltern-Vereine gebildet hatten, die von je unterschiedlichen Sachverhalten ausgingen und auch unterschiedliche Vorschläge zur Behandlung bzw. zum Umgang mit betroffenen Kindern machten. Die Elterninitiative präferierte die medizinische, sprich: medikamentöse Behandlung, der ADHS-Verein setzte auf homöopathische Behandlung und Verhaltenssteuerung. Die mathematischen Denkarten spielten dabei keine Rolle, da sie unbekannt waren, und sie sind es bis heute geblieben, jedenfalls im Zusammenhang mit ADHS. Im Lauf der Zeit schlossen sich beide Verbände im Interesse der Eltern und Kinder zusammen zum „Arbeitskreis Überaktives Kind“ und geben seitdem eine gemeinsame Zeitschrift heraus, in der sie fortan über die Untersuchungen zum Thema berichten.

Im Laufe der Zeit arbeitete ich mich zunehmend in die Materie ein, besuchte Vorträge zum Thema, nahm Kontakt zu Wissenschaftlern auf, las Bücher und Artikel zum Stand der Forschungen und wurde Mitglied in dem Verein, der heute ADHS Deutschland heißt.

[...]

Zum Stand der Dinge: Die Störungsperspektive

Zum Stand der Dinge: Die Störungsperspektive

[...]

Das funktionale Denken und der Umgang mit komplexen Problemen

Da das funktional-logische Denken die unbekannte der beiden Arten zu denken, sie aber zum Verständnis des Verhaltens der betreffenden Personen wichtig ist, betrachten wir diese nun etwas genauer. Wir werden uns dabei auf das Wesentliche beschränken, in der Hoffnung, dass dem einzelnen Leser dennoch klar wird, worum es sich bei den Begriffen funktional vs. prädikativ handelt, und sie nicht der Versuch sind, eine Störung zu einer Besonderheit umzufunktionieren.

Obwohl funktionales Denken eine Eigenschaft des Gehirns einer Minderheit der Menschen ist, und damit weit mehr umfasst, gilt in der Mathematik, der diese Art des Denkens seinen Namen verdankt, folgende Erklärung:

„Funktionales Denken meint das Verständnis von Abhängigkeiten zwischen veränderlichen Größen, wie z.B. den Zusammenhang zwischen dem Alter einer Person und seiner Größe.

Dieses Denken wird durch den Wechsel zwischen Sprache, Tabellen, Graphen (abstrakte Strukturen von Objekten und die zwischen diesen bestehenden Verbindungen) und Termen (Zeichen, mit denen ein Objekt dargestellt wird) gefördert.“

Man könnte diese Art also auch ein vergleichendes Denken nennen, doch auch das trifft es nur zum Teil. Zur Beschreibung der funktionalen Art des Denkens müssen wir deshalb über die mathematische Erklärung hinausgehen.

Um dies noch einmal zu wiederholen: Prädikatives vs. Funktionales logisches Denken sind die Arbeitsweisen menschlicher Gehirne. Funktionales Denken ist, wie prädikatives Denken, folglich angeboren, es lässt sich also weder durch Strafen noch Ermahnungen eliminieren, noch lässt es sich erlernen. Strafen haben nur zur Folge, bei den ängstlicheren dieser Kinder deren Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu unterminieren, mit der möglichen Folge, dass sie sich auch späterhin nicht mehr viel zutrauen. Die robusteren unter ihnen reagieren teilweise aggressiv auf Strafen, aber auch auf Ermahnungen, d.h., sie reagieren mit Wutanfällen und Verbalattacken, und nicht selten auch mit körperlicher Gewalt. Beides ist für die Entwicklung der betreffenden Personen fatal.

Da dieses Denken aber u.a. durch die Fähigkeit zum Umgang mit komplexen Problemen seine Vorteile, vor allem aber seine Notwendigkeit hat, sollte es gefördert und gestärkt werden, zumal wir ohnehin keine Wahl haben – denn eliminieren lässt es sich nicht. Das trägt nicht nur zum Selbstvertrauen der Kinder in ihrer Eigenart bei, sondern hilft ihnen, ihre besonderen Fähigkeiten zu nutzen und einzusetzen. Somit ist es auch zu unser aller Nutzen.

Funktionales Denken ist, wie prädikatives von der Struktur her zwar angelegt, aber es entwickelt sich durch das Erforschen von Zusammenhängen, sowohl in Alltags-

situationen (weshalb diese Kinder so viel und gern ausprobieren), aber auch durch gezielte Experimente (z. B. Was passiert, wenn...). Die ruhigeren unter ihnen lernen vor allem durch Beobachtung und Nachahmung.

In der Mathematik sind es digitale Werkzeuge, durch deren Einsatz Veränderungen mittels PC und anderer digitaler Geräte sichtbar gemacht werden können. So kann man Zuordnungen festhalten, man kann feststellen, wie sich eine Größe in Abhängigkeit von der Änderung einer anderen, unabhängigen Größe verändert: das Kind war am Tag X im Alter von drei Jahren soundso groß und wird in weiteren drei Jahren dementsprechend größer sein; oder man kann das Preis-Leistungsverhältnis eines Produkts bestimmen. Mitunter stellt man dann Ausnahmen fest, wie wir sie beispielsweise beim Wachstum unseres älteren Sohnes feststellen mussten: zwischen dem elften und fünfzehnten Lebensjahr wuchs er nicht um einen Zentimeter. Dann aber erfolgte ein explosionsartiger Anstieg, was bedeutete, er musste über drei Jahre hinweg jedes Vierteljahr neu eingekleidet werden!

An dem Beispiel mit dem Toilettenpapier, welches mein Enkel, voll abgerollt in die Toilette stopfte, lässt sich bereits erkennen, was da im Gehirn dieser Kinder anders läuft als in dem der Mehrheit – sie erforschen durch Wiederholung ihres Verhaltens Zusammenhänge, um herauszufinden, wie diese Welt funktioniert. Dass diese Experimentierfreude nicht immer auf Gegenliebe stößt, ist verständlich, doch ist dieses Denken ausgesprochen fantasievoll und auch umfassender als das prädikative. Ihm geht es vor allem um den Zweck. Dies macht es für Erwachsene nicht einfacher, denn für sie ist häufig nicht zu verstehen, weshalb ein Kind ein „Experiment“ wiederholt, trotz des Ärgers, den es sich gerade eingehandelt hat. Doch das Kind muss sich schließlich davon überzeugen, dass das Resultat seiner „Experimente“ im Wiederholungsfall dasselbe ist, ganz davon abgesehen, dass sich viele Einzelheiten erst im Wiederholungsfall erkennen lassen.

Obwohl dieses Denken durchaus alltagstauglich ist und ein ganzheitliches Denken fördert, wird es im normalen Mathematikunterricht der Grund- und weiterführenden Schulen kaum vermittelt. So verwundert es nicht, dass auch in der Gesellschaft wenig bis nichts darüber bekannt ist, schon gar nicht, wie es sich im Praktischen auswirken kann. Noch weniger verwundert es dann, wenn das Verhalten funktional-logisch denkender Kinder als Störung oder gar Krankheit beurteilt wird. Da es in erster Linie um kindliches Verhalten geht, fällt vor allem das Störende an diesem Verhalten auf, weniger der Erfahrungswert, den das Kind dadurch erlangt. Ruft man sich die Geschichten aus dem Struwwelpeter, aus Max und Moritz oder des Michel aus Lönneberga in Erinnerung, sind es auch hier die störenden Elemente am Verhalten der Kinder, denen die besondere Aufmerksamkeit gilt. Die Mutter von Michel, den es wirklich gegeben hat, war sich jedoch immer sicher, dass ihr Kind etwas Besonderes ist und wird – und sie hatte recht! Bei Wilhelm Busch endeten mehrere Kapitel in seinem Buch „Julchen Knopp“, in welchem die einzelnen Tätigkeiten des Kindes beschrieben wurden, mit den Worten: „Wohlgetan ist dieses nun, Julchen kann was andres tun“– nachdem sie das Tintenfass umgeworfen und die ausgelaufene Tinte mit Mutters Strickstrumpf oberflächlich aufgewischt hat, oder mit Papas Rasiermesser die Schöße seines Fracks gekürzt hatte. Busch nahm das kindliche Verhalten offenbar mit Humor.

Auch wenn in den Neurowissenschaften die Fragen nach einem durch Regeln geordneten Ablauf der internen Prozesse eher nachrangig oder gar nicht behandelt werden, kennt man im Fachbereich der Kognitiven Psychologie die beiden Regeln, Aktionsschema und die Produktion, die jeweils mit ihren Schemata einen universellen kausalen Sachverhalt beschreiben. Beide Regeln sind dort zwar basale Beschreibungen menschlicher Verhaltensweisen, werden in diesem Fachbereich aber auch mit den Abläufen im Gehirn in Verbindung gebracht. Während jedoch das Aktionsschema aus drei einzelnen, raumzeitlich gegliederten Schemata besteht, gemäß den drei Tempi der Zeit – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft -, sind es bei der Produktion nur zwei – das dritte Schema, die Zukunft, kommt dagegen in dem ersten Schema, der Vergangenheit vor.

Nun sind beide Regeln Verhaltensschemata, sie beschreiben also basale Verhaltensweisen.

Was indes niemandem aufgefallen zu sein scheint, zumindest wurde es bisher nicht erwähnt, weshalb wir es noch einmal wiederholen: während die eine der beiden Regeln, das sogenannte Aktionsschema in der Abfolge seiner Schemata dem normalen menschlichen Denken und den kausalen Abläufen im Wirklichen entspricht, unterliegt die zweite Regel, die Produktion, offenbar dem Denken der vermeintlich von ADHS betroffenen Minderheit. Beide Arten sind angeboren, lassen sich folglich nicht wechseln. Zwar liegen beide Regeln jeweils auch dem normalen menschlichen Denken, vor allem aber dem Verhalten, zugrunde, doch bei der Minderheit dominiert die kausale Variante der Produktionsregel das Denken und Verhalten in einer Weise, die über die Abfolge der Schemata hinausgeht: so beeinflusst sie insbesondere die Art der Aufmerksamkeit.

Im Fachbereich Psychologie werden die beiden Regeln ebenfalls im Zusammenhang mit der Informationsverarbeitung gesehen. Zwar gibt es inzwischen Stimmen, die anmahnen, dass für das menschliche Gehirn Systemgesetze gelten müssten, da die Arbeitsweise hochkomplex ist und mit einfachen Regeln nicht beschrieben und verstanden werden könne. Doch wie sich zeigen wird, sind Aktionsschema und Produktion durchaus hinreichend, um die Beschreibung menschlichen Denkens und Verhaltens abzudecken.

Es wird seitens der Neurowissenschaften immer wieder darauf hingewiesen, dass das menschliche Gehirn nicht denkt, wobei der Begriff „denken“ meint, dass das Gehirn als Masse aus Neuronen und ihren Verbindungen sowie einzelnen Strukturen mit besonderen Aufgaben nicht in einer Weise denken und damit insbesondere auch nicht urteilen kann, wie wir Menschen dies tun. Diese Aussage trifft zu. Auch deshalb ist es für uns so schwierig, die Arbeitsweise des Gehirns zu verstehen, denn sie ist von außen nicht beobachtbar. Zudem, wenn hunderte von Milliarden Neurone gleichzeitig an verschiedenen Aufgaben arbeiten, verlaufen die diversen Prozesse zwar parallel, sie verknüpfen sich aber auch miteinander, bleiben aber dennoch geordnete, wenn auch vielfältig miteinander verbundene einzelne Vorgänge. Das menschliche Gehirn arbeitet also beim Denken und Problemlösen stets als ein Ganzes, auch wenn einzelne Teile des Gehirns mit spezifischen Aufgaben befasst sind.

[...]

Excerpt out of 221 pages  - scroll top

Details

Title
ADHS - Das andere Denken
Author
Elisabeth Dägling (Author)
Publication Year
2026
Pages
221
Catalog Number
V1723578
ISBN (eBook)
9783389191569
ISBN (Book)
9783389191576
Language
German
Tags
ADHS ADHS verstehen ADHS bei Erwachsenen Neurodiversität und Denken Funktionales Denken Anders denken mit ADHS Kognitive Unterschiede ADHS und Wahrnehmung Aufmerksamkeit und Gehirn Denkstile und Kausalität ADHS ohne Störungsperspektive Neuropsychologie ADHS Alternative Sicht auf ADHS Gehirn und Erkenntnis Psychologie des Denkens ADHS Sachbuch Hochsensibilität und ADHS ADHS neu erklärt Kognitive Psychologie Wahrnehmungspsychologie Denken und Verhalten Gehirnforschung verständlich ADHS Theorie Psychologische Sachbücher Neurodivergentes Denken Philosophie des Denkens
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GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Elisabeth Dägling (Author), 2026, ADHS - Das andere Denken, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1723578
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