Warum braucht jede Grossmacht einen Feind?
"Der Napoleon-Komplex" analysiert die psychologischen Muster hinter moderner Weltpolitik: gekränkte Nationen, moralische Selbstrechtfertigung, Feindbilder und die Sehnsucht nach verlorener Grösse.
Russland, Amerika, China, Europa, Nahost – überall scheinen dieselben Mechanismen zu wirken. Doch wer entscheidet eigentlich, wer Aggressor und wer Retter ist? Was passiert, wenn Staaten ihre eigene Gewalt nicht mehr als Gewalt erkennen? Und warum fühlen sich selbst mächtige Staaten ständig bedroht?
Stefan Ruchti verbindet in diesem hochaktuellen Buch Geopolitik mit Psychologie, Geschichte und Medienkritik. Ein unbequemes Sachbuch über Macht, Angst und die gefährliche Unfähigkeit, sich selbst als Bedrohung zu erkennen.
Inhalt
Einleitung
Warum jede Grossmacht einen Feind braucht
Der Napoleon-Komplex: Befreiung, Expansion und gekränkte Grösse
Die Psychologie des Feindbildes
Der Rechtsrutsch: Angst, Kränkung und die Sehnsucht nach Ordnung
Russland als ewiger Gegner des Westens
Amerika und die Moral der Intervention
Verdeckte Operationen und die unsichtbare Gewalt
Das Sicherheitsdilemma: Wenn Verteidigung bedrohlich wird
Defensive Aggression: Wenn Angriff als Verteidigung erlebt wird
Europa zwischen Angst, Abhängigkeit und Machtvergessenheit
Medien, Propaganda und die Herstellung moralischer Wirklichkeit
Der Loyalitätsbias der Völker
Die moralische Selbstimmunisierung der Grossmächte
Der Nahostkonflikt: Trauma, Heiligkeit und geopolitische Projektion
Der schleichende Weltkrieg: Eskalation ohne Kriegserklärung
Nukleare Abschreckung und die Psychologie der Angst
Kann eine Grossmacht reif werden?
Schluss: Die Unfähigkeit, sich selbst als Gefahr zu sehen
Literaturverzeichnis
Auszüge aus dem Buch
Warum jede Grossmacht einen Feind braucht
Dieses Buch entsteht aus einem Unbehagen. Es ist wie schon in der Einleitung erklärt kein streng wissenschaftliches Werk im engeren Sinn, kein Lehrbuch der internationalen Beziehungen und keine abschliessende Theorie der Weltpolitik. Es ist eher der Versuch, eine wiederkehrende Erfahrung zu ordnen: Wenn ich Nachrichten sehe, Dokumentationen schaue, historische Bücher lese, politische Reden höre oder Diskussionen über Russland, Amerika, China, Europa, den Nahen Osten oder die Ukraine verfolge, begegnet mir immer wieder dasselbe Muster. Grosse Mächte sprechen selten einfach von Interessen. Sie sprechen von Sicherheit, Freiheit, Ordnung, Zivilisation, historischer Gerechtigkeit, Schutz, Verantwortung oder Wiederherstellung. Sie tun selten nur etwas, weil sie Macht wollen. Sie erzählen sich und anderen, dass ihre Macht notwendig sei.
Ich komme zu diesen Gedanken nicht aus einer einzelnen Theorie, sondern aus einem Gemisch aus Nachrichten, Dokumentationen, Büchern und wiederkehrenden medialen Eindrücken. Prägend waren für mich etwa längere Beiträge und Dokumentationen von ARTE, DW Documentary, BBC News, PBS Frontline, SRF, ZDFinfo, 3sat und verschiedenen historischen YouTube-Kanälen, in denen der Ukrainekrieg, der Irakkrieg, Afghanistan, der Kalte Krieg, die NATO-Osterweiterung, der Nahostkonflikt, der Aufstieg Chinas, der Iran, Geheimdienstoperationen oder nukleare Abschreckung immer wieder neu verhandelt werden. Wenn man solche Sendungen nicht isoliert betrachtet, sondern über längere Zeit nebeneinanderlegt, fällt auf, dass sich die gleichen Muster wiederholen: Jede Grossmacht spricht von Sicherheit, jede Seite zeigt ihre eigenen Opfer, jede Ordnung beschreibt sich selbst als notwendig, und fast jede Macht findet eine Sprache, in der ihre Gewalt nicht wie Gewalt, sondern wie Schutz aussieht.
Auch Bücher und theoretische Texte haben diesen Eindruck verstärkt. Beim Lesen oder zumindest Durcharbeiten und Durchblättern von Werken wie Timothy Snyders The Road to Unfreedom, John J. Mearsheimers Analysen zur Ukrainekrise, Henry Kissingers Schriften zur Weltordnung, Christopher Clarks Die Schlafwandler, Odd Arne Westads Arbeiten zum Kalten Krieg, Edward Saids Orientalism, Hannah Arendts Überlegungen zu Totalitarismus und Ideologie, Walter Lippmanns Public Opinion, Jacques Elluls Arbeiten zur Propaganda oder Samuel Huntingtons The Clash of Civilizations entsteht ein wiederkehrender Eindruck: Weltpolitik wird nie nur durch Interessen bestimmt, sondern immer auch durch Bilder, Mythen, Ängste und historische Selbstdeutungen (Arendt, 1951/1973; Clark, 2012; Ellul, 1965; Huntington, 1996; Kissinger, 2014; Lippmann, 1922; Said, 1978; Snyder, 2018; Westad, 2005).
Besonders stark wirken für mich dabei die visuellen Quellen. Wenn in einer Dokumentation russische Panzerkolonnen, ukrainische zerstörte Städte, amerikanische Drohnenbilder, israelische Sicherheitskräfte, palästinensische Flüchtlingslager, chinesische Militärübungen vor Taiwan oder alte Atombombentests gezeigt werden, entsteht eine andere Form von Erkenntnis als beim blossen Lesen. Die Bilder liefern keine fertige Wahrheit, aber sie machen sichtbar, wie Macht sich ins Leben von Menschen einschreibt. Aus solchen Bildern ziehe ich nicht den Schluss, dass alle Konfliktparteien gleich seien. Ich ziehe eher den Schluss, dass jede Macht ihre eigene Geschichte braucht, um ihre Handlungen moralisch aushalten zu können.
Auch politische Talksendungen und Nachrichtenformate tragen zu dieser Wahrnehmung bei. Wenn in Formaten wie SRF-Arena, Maybrit Illner, Markus Lanz, Anne Will, Hart aber fair oder internationalen Gesprächsformaten über Krieg, Migration, Trump, Russland, Israel, Gaza, China oder Europa diskutiert wird, sieht man oft nicht nur Sachargumente, sondern Lagerbildung. Menschen sprechen nicht nur über Fakten. Sie verteidigen Zugehörigkeiten. Sie verteidigen Weltbilder. Sie verteidigen manchmal auch die Seite, mit der sie sich identifizieren. Gerade daraus entsteht für mich die Frage, warum politische Urteile so schnell zu Loyalitätsfragen werden.
Aus dieser Beobachtung entsteht die Grundfrage dieses Buches: Warum braucht jede Grossmacht einen Feind? Nicht nur als militärisches Gegenüber, sondern als psychologische Figur. Der Feind ordnet die Welt. Er erklärt Angst. Er bündelt Wut. Er rechtfertigt Aufrüstung, Eingriffe, Überwachung, Bündnisse, Sanktionen, Grenzziehungen, Propaganda und manchmal Krieg. Der Feind macht aus komplexen historischen Lagen eine moralisch lesbare Geschichte. Er sagt: Wir sind nicht einfach mächtig, wir sind bedroht. Wir handeln nicht aus Herrschaftswillen, sondern aus Notwendigkeit. Wir greifen nicht an, wir verteidigen. Wir expandieren nicht, wir sichern. Wir dominieren nicht, wir schützen.
Wenn ich den Ukrainekrieg in verschiedenen Nachrichtenformaten verfolge, sehe ich nicht nur Panzer, Raketen, zerstörte Städte und diplomatische Erklärungen. Ich sehe auch Deutungsmuster. Russland entwickelt seit Jahren ein Einkreisungsnarrativ, indem es NATO-Erweiterung, westliche Militärinfrastruktur und die mögliche Westbindung der Ukraine als strategische Bedrohung an seinen Grenzen beschreibt. Bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 stellte Wladimir Putin die NATO-Osterweiterung als destabilisierende Provokation dar und fragte, gegen wen sich diese Erweiterung eigentlich richte (Putin, 2007). Im Dezember 2021 forderte Russland rechtlich verbindliche Sicherheitsgarantien, die eine weitere NATO-Erweiterung sowie bestimmte militärische Stationierungen nahe russischer Grenzen ausschliessen sollten (Putin, 2021). Kurz vor dem Angriff auf die Ukraine erklärte Putin am 21. Februar 2022 erneut, Russland sehe seine Sicherheit durch die westliche Einbindung der Ukraine bedroht (Putin, 2022a). Am 24. Februar 2022 begründete er den Beginn der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ unter anderem mit der Behauptung, die NATO-Infrastruktur rücke immer näher an Russland heran (Putin, 2022b).
Gleichzeitig spricht Russland von Entnazifizierung, historischer Einheit und Schutz russischsprachiger Menschen. Diese Begriffe erfüllen eine andere Funktion als das Einkreisungsargument. Während das Einkreisungsnarrativ den Krieg sicherheitspolitisch rechtfertigen soll, versucht die Rede von „Entnazifizierung“ und „Schutz“ den Angriff moralisch und historisch aufzuladen. Die westliche Seite spricht dagegen von Völkerrecht, Freiheit, territorialer Integrität und der Verteidigung der europäischen Friedensordnung. Diese Sprache verweist auf zentrale Normen der internationalen Ordnung nach 1945, insbesondere auf das Gewaltverbot der Charta der Vereinten Nationen und das Prinzip staatlicher Souveränität (United Nations, 1945). Die Ukraine wiederum spricht von Überleben, Selbstbestimmung und nationaler Würde. Gerade in den Reden Wolodymyr Selenskyjs seit Februar 2022 erscheint der Krieg nicht nur als militärische Verteidigung, sondern als Kampf um politische Existenz, europäische Zugehörigkeit und nationale Würde (Zelenskyy, 2022).
Schon in diesen drei Sprachen liegen drei verschiedene Wirklichkeiten. Der Krieg ist derselbe, aber er wird nicht gleich erzählt. Russland erzählt ihn als Abwehr einer angeblichen strategischen Bedrohung, der Westen als Verteidigung des Völkerrechts und die Ukraine als existenziellen Kampf um Selbstbestimmung. Genau hier beginnt die eigentliche psychologisch-politische Dynamik: Kriege werden nicht nur mit Waffen geführt, sondern auch mit Begriffen. Wer die Begriffe setzt, bestimmt mit, welche Gewalt als Angriff, welche als Verteidigung und welche als notwendige historische Korrektur erscheint.
Ähnlich geht es mir beim Blick auf Amerika. Wenn ich Dokumentationen über Vietnam, den Irakkrieg, Afghanistan, 9/11 oder CIA-Operationen sehe, etwa in Formaten von PBS Frontline, ARTE, BBC oder längeren YouTube-Dokumentationen, fällt mir auf, wie häufig amerikanische Macht moralisch formuliert wird. Zugleich muss ich auch diese Medien selbst quellenkritisch betrachten. PBS Frontline wird von der WGBH Educational Foundation in Boston produziert und gehört damit zum amerikanischen Public-Broadcasting-Umfeld; es ist kein privater Nachrichtensender im klassischen Sinn, sondern ein öffentlich-medial, stiftungs- und spendenfinanziertes Investigativformat (PBS Frontline, n. d.; GBH, n. d.). Gerade deshalb besitzt Frontline eine hohe journalistische Glaubwürdigkeit, aber es bleibt dennoch in einem amerikanischen Deutungsraum verankert. ARTE wiederum ist ein deutsch-französischer öffentlich-rechtlicher Kulturkanal, getragen durch ARTE GEIE, ARTE France und ARTE Deutschland; seine institutionelle Logik ist europäisch, öffentlich-rechtlich und kulturpolitisch geprägt (ARTE, n. d.). Die BBC steht unter einer Royal Charter und wird wesentlich über die britische Rundfunkgebühr finanziert; sie ist also nicht einfach ein Regierungsmedium, aber sie ist auch nicht völlig losgelöst vom britischen Staats- und Öffentlichkeitsverständnis (House of Commons Library, 2026). YouTube schliesslich gehört zu Google beziehungsweise Alphabet; die Plattform produziert viele Inhalte nicht selbst, beeinflusst aber über Algorithmen, Monetarisierung und Reichweitenlogiken, welche Perspektiven sichtbar werden und welche untergehen (YouTube, n. d.).
Diese Medien sind daher nicht alle im gleichen Sinn politisch. PBS Frontline, ARTE und BBC können journalistisch unabhängig arbeiten, doch Unabhängigkeit bedeutet nicht Perspektivlosigkeit. Medienforscher wie der Kommunikationswissenschaftler Robert M. Entman zeigen, dass Medien Wirklichkeit nicht einfach abbilden, sondern durch Auswahl, Gewichtung und Deutungsrahmen strukturieren (Entman, 1993). Auch der Politikwissenschaftler Daniel C. Hallin hat am Beispiel der Vietnam-Berichterstattung gezeigt, dass selbst kritischer Journalismus häufig innerhalb politisch akzeptierter Diskursgrenzen bleibt (Hallin, 1986). Daraus liesse sich ableiten: Öffentlich-rechtliche oder dokumentarische Formate können Macht kritisch untersuchen, übernehmen aber dennoch manchmal die Grundbegriffe jener politischen Kultur, aus der sie stammen. ARTE neigt aufgrund seines europäischen Kulturauftrags eher zu einer humanistischen und kulturkritischen Perspektive. Die BBC trägt häufig einen britisch-liberalen Blick auf Weltpolitik in sich. PBS Frontline kann amerikanische Macht scharf analysieren, bleibt aber oft in der Sprache amerikanischer Institutionen, Archive und politischer Selbstdeutungen verankert. YouTube wiederum ist kein einheitliches Medium, sondern ein Marktplatz der Deutungen: Dort finden sich seriöse Dokumentationen, politische Aktivisten, Propagandakanäle, private Essayisten und algorithmisch verstärkte Empörungsformate nebeneinander.
In diesen Dokumentationen fällt mir auf, wie häufig amerikanische Aussenpolitik in moralischen Begriffen dargestellt oder gerechtfertigt wird. Damit meine ich nicht „Amerika“ als Volk und auch nicht einzelne Amerikanerinnen und Amerikaner, sondern vor allem die Sprache von Regierungen, Präsidenten, Ministerien, sicherheitspolitischen Institutionen und politischen Eliten. Schon die Truman-Doktrin von 1947 formulierte amerikanische Aussenpolitik als Unterstützung „freier Völker“ gegen Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder äusseren Druck (Truman, 1947). Auch während des Kalten Krieges wurde amerikanisches Handeln häufig als Verteidigung von Freiheit, Stabilität und Eindämmung totalitärer Expansion begründet, obwohl dieselbe Politik zugleich Interventionen, Stellvertreterkriege und verdeckte Operationen einschloss (Westad, 2005). Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde diese moralische Sprache nochmals verschärft. George W. Bush deutete den Kampf gegen den Terror nicht nur als Sicherheitsreaktion, sondern als Verteidigung von Freiheit, Demokratie und zivilisierter Ordnung gegen eine globale terroristische Bedrohung (Bush, 2001). Die Nationale Sicherheitsstrategie der USA von 2002 verband Terrorbekämpfung, militärische Präemption und Demokratieförderung ausdrücklich miteinander und machte daraus ein strategisches Leitbild amerikanischer Weltpolitik (The White House, 2002).
Diese Begriffe sind nicht einfach falsch. Die USA haben im 20. Jahrhundert tatsächlich freiheitliche Ordnungen geschützt, besonders in Westeuropa nach 1945, wo amerikanische Sicherheitsgarantien, NATO-Strukturen und wirtschaftliche Unterstützung zur Stabilisierung liberaler Demokratien beitrugen (Ikenberry, 2001; Maier, 1997). Aber dieselben Begriffe können auch Gewalt verdecken, wenn Interventionen, Regimewechsel, Geheimdienstoperationen oder Kriege als moralische Notwendigkeit erzählt werden. Gerade der Irakkrieg zeigt diese Ambivalenz deutlich. Die Bush-Regierung begründete den Krieg zunächst mit Sicherheitsargumenten, insbesondere mit der angeblichen Gefahr durch Massenvernichtungswaffen und Terrorverbindungen, verschob die Rechtfertigung aber zunehmend in Richtung Befreiung, Demokratisierung und Transformation des Nahen Ostens (Bush, 2003; Gordon & Trainor, 2006). Dadurch wurde militärische Gewalt in eine moralische Erzählung eingebettet: Der Krieg erschien nicht nur als Angriff auf einen Staat, sondern als historischer Auftrag zur Befreiung eines Volkes und zur Stabilisierung einer ganzen Region.
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Defensive Aggression: Wenn Angriff als Verteidigung erlebt wird
Aus dem Sicherheitsdilemma führt der nächste Schritt zu einem noch paradoxeren Muster: zur defensiven Aggression. Das Sicherheits-dilemma beschreibt, wie Verteidigung bedrohlich wirken kann. Defensive Aggression geht weiter. Sie beschreibt eine Situation, in der ein Akteur tatsächlich angreift, sich innerlich aber weiterhin als Verteidiger erlebt. Genau darin liegt ihre Gefährlichkeit. Der Angriff erscheint nicht als Angriff, sondern als Notwehr, Prävention, Befreiung, Schutz oder Wiederherstellung einer bedrohten Ordnung.
Diese Logik ist für den Napoleon-Komplex zentral. Denn Grossmächte sagen selten offen: Wir greifen an, weil wir herrschen wollen. Sie sagen: Wir mussten handeln. Wir wurden provoziert. Wir verteidigen unsere Sicherheit. Wir schützen Menschen. Wir verhindern Schlimmeres. Wir stellen Ordnung wieder her. Der Angriff wird in eine Sprache der Verteidigung gekleidet. Dadurch kann Gewalt moralisch erträglich werden. Nicht nur gegenüber der eigenen Bevölkerung, sondern auch gegenüber den Entscheidungsträgern selbst. Die gefährlichste Propaganda ist jene, an die man selbst glaubt.
Psychologisch betrachtet ist defensive Aggression kein blosses Täuschungsmanöver. Natürlich gibt es bewusste Lügen, strategische Vorwände und manipulative Begründungen. Aber oft wirkt darunter eine echte Selbstüberzeugung. Eine Macht kann sich wirklich bedroht fühlen. Eine Gesellschaft kann wirklich glauben, sie müsse sich wehren. Ein Führer kann wirklich überzeugt sein, dass Angriff die einzige Möglichkeit sei, eine grössere Gefahr abzuwenden. Gerade diese Mischung aus realer Angst und politischer Aggression macht das Muster so schwer zu durchbrechen.
Der Psychoanalytiker Erich Fromm unterschied zwischen einer schützenden Aggression, die auf reale Bedrohung reagiert, und destruktiven Formen der Aggression, die tiefer mit Charakter, Macht und Lebensangst verbunden sind (Fromm, 1973). Überträgt man diesen Gedanken vorsichtig auf Politik, wird sichtbar: Staaten können Aggression als Schutz erleben, obwohl sie längst zerstörerisch handeln. Die innere Begründung lautet Verteidigung. Die äussere Wirkung ist Gewalt. Zwischen Motiv und Wirkung entsteht ein moralischer Spalt.
Ein alltägliches Beispiel macht dieses Muster verständlicher. Ein Mensch, der sich ständig angegriffen fühlt, kann irgendwann selbst verletzend werden. Er kontrolliert, beschuldigt, droht oder greift vorweg an, weil er überzeugt ist, sich schützen zu müssen. Für die anderen wirkt er aggressiv. Für sich selbst wirkt er vorsichtig. Das ist die Logik defensiver Aggression im Kleinen. In der Weltpolitik wird daraus ein gefährliches System aus Militärdoktrinen, Präventivschlägen, Sicherheitszonen und moralischen Rechtfertigungen.
Russlands Angriff auf die Ukraine zeigt dieses Muster besonders deutlich. Moskau stellte die Invasion nicht als Eroberungskrieg dar, sondern als „Spezialoperation“, als Verteidigung gegen NATO-Bedrohung, als Schutz russischsprachiger Menschen und als Kampf gegen angeblichen Nazismus. Diese Erzählung war propagandistisch und verzerrend. Zugleich konnte sie an reale russische Ängste, historische Traumata und postsowjetische Kränkungen anschliessen. Genau dadurch wurde sie für Teile der russischen Bevölkerung plausibel. Die aggressive Handlung wurde als defensive Notwendigkeit gedeutet.
Das Entscheidende ist: Defensive Aggression hebt Verantwortung nicht auf. Auch wenn eine Angst subjektiv echt ist, folgt daraus kein Recht auf Gewalt gegen andere. Ein Staat darf sich bedroht fühlen, aber er darf daraus nicht automatisch ein Recht ableiten, Nachbarn zu überfallen, Grenzen zu verschieben oder Bevölkerungen zu terrorisieren. Die psychologische Erklärung macht die Gewalt nicht unschuldig. Sie zeigt nur, wie Gewalt innerlich als unschuldig erlebt werden kann.
Auch die USA haben defensive Aggression immer wieder praktiziert. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entstand eine Sicherheitslogik, in der Prävention zur zentralen Rechtfertigung wurde. Der Irakkrieg von 2003 wurde nicht nur als Durchsetzung geopolitischer Interessen präsentiert, sondern als notwendige Verteidigung gegen eine mögliche künftige Bedrohung. Genau darin liegt die Verschiebung: Nicht ein tatsächlicher Angriff musste abgewehrt werden, sondern ein vorgestelltes Risiko. Die Zukunft wurde zur Begründung gegenwärtiger Gewalt.
Der Politikwissenschaftler Richard Ned Lebow beschrieb, wie stark Angst, Ehre und Interesse in internationalen Krisen zusammenwirken können (Lebow, 2008). Besonders Grossmächte handeln selten nur aus kalter Nutzenrechnung. Sie handeln auch, weil sie nicht schwach erscheinen wollen, weil sie Status verteidigen, weil sie Demütigung vermeiden wollen. Nach 9/11 musste Amerika nicht nur Sicherheit wiederherstellen, sondern auch das Bild eigener Unverletzbarkeit. Der Angriff auf den Irak war deshalb nicht nur strategisch, sondern symbolisch. Er sollte zeigen: Amerika bleibt handlungsfähig.
Defensive Aggression lebt also von der Vorstellung, dass Nichthandeln gefährlicher sei als Handeln. Diese Vorstellung kann manchmal stimmen. Es gibt reale Situationen, in denen frühes Eingreifen Schlimmeres verhindert. Aber genau deshalb ist das Muster so verführerisch. Jede Macht kann behaupten, sie verhindere Schlimmeres. Jede Eskalation kann als Prävention verkauft werden. Jeder Angriff kann als letzter Versuch erscheinen, eine grössere Katastrophe abzuwenden. Moralisch wird es dann schwierig, weil die Gewalt nicht mit dem verglichen wird, was ist, sondern mit dem, was angeblich droht.
Hier zeigt sich eine besondere Macht der Vorstellung. Menschen fürchten nicht nur reale Gefahren, sondern erwartete Gefahren. Staaten führen Kriege nicht nur gegen Gegner, sondern gegen Szenarien. Diese Szenarien können auf Geheimdienstinformationen, historischen Erfahrungen, Ideologien oder Feindbildern beruhen. Aber sie bleiben Deutungen. Wenn eine Grossmacht ihre eigenen Szenarien absolut setzt, kann sie Wirklichkeit zerstören, um eine mögliche Zukunft zu verhindern.
China und Taiwan bilden ein weiteres Beispiel für diese Logik. Aus chinesischer Sicht wird Taiwan häufig nicht als eigenständige politische Realität anerkannt, sondern als Teil einer unvollendeten nationalen Einheit. Jede stärkere internationale Anerkennung Taiwans kann in Peking als Angriff auf territoriale Integrität erscheinen. Ein militärischer Druck auf Taiwan könnte dann als Verteidigung nationaler Einheit gedeutet werden, obwohl er für Taiwan als Bedrohung und mögliche Aggression erscheint. Auch hier wird sichtbar: Was eine Grossmacht als Wiederherstellung erlebt, kann für eine kleinere politische Gemeinschaft existenzielle Gefahr bedeuten.
Der Nahostkonflikt ist vielleicht der schmerzlichste Raum defensiver Aggression. Israel handelt aus einer tiefen historischen Erfahrung existenzieller Bedrohung. Die Shoah, regionale Kriege, Terroranschläge und Vernichtungsrhetorik haben das israelische Sicherheitsbewusstsein geprägt. Viele militärische Massnahmen werden deshalb als Schutz des eigenen Überlebens verstanden. Palästinenserinnen und Palästinenser erleben dieselben Massnahmen jedoch häufig als Besatzung, Entrechtung, Kollektivstrafe und Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. Auch palästinensische Gewalt wird von manchen als Widerstand gegen Unterdrückung erzählt, während Israel sie als Terror und existenzielle Bedrohung erlebt. So entsteht eine doppelte defensive Aggression: Jede Seite kann sich als Opfer erleben, während sie für die andere zur Gefahr wird.
Gerade in solchen Konflikten reicht moralische Empörung allein nicht aus. Sie ist verständlich, aber oft selektiv. Wer nur die Angst Israels sieht, übersieht palästinensisches Leiden. Wer nur palästinensisches Leiden sieht, übersieht israelische Existenzangst. Eine reife Analyse muss beides sehen, ohne Gewalt gleichzusetzen oder zu entschuldigen. Defensive Aggression ist nicht symmetrisch in jedem Einzelfall. Aber sie zeigt, wie Opfererfahrungen politisch in Gewalt übersetzt werden können.
Die gefährlichste Form defensiver Aggression entsteht, wenn kollektive Traumata politisch instrumentalisiert werden. Traumata können eine Gesellschaft berechtigt für Gefahren sensibilisieren. Sie können aber auch Wahrnehmung verengen. Wenn frühere Verletzungen ständig aktiviert werden, erscheint die Gegenwart wie Wiederholung der Vergangenheit. Dann wird der aktuelle Gegner zum alten Feind. Kompromiss wirkt wie Verrat. Härte wirkt wie Überleben. Der Historiker Timothy Snyder warnte in seinen Arbeiten vor politischen Mythen, die Vergangenheit nicht aufklären, sondern als ewige Opfergeschichte organisieren (Snyder, 2018). Genau solche Mythen können defensive Aggression antreiben.
Propaganda spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie muss nicht völlig neue Ängste erfinden. Es genügt, vorhandene Ängste zu bündeln, zu verstärken und auf einen Feind zu richten. Der Feind wird als aggressiv, unmenschlich, heimtückisch oder existenziell gefährlich dargestellt. Die eigene Gewalt erscheint dann nicht mehr als Wahl, sondern als Pflicht. Propaganda verwandelt Angriff in Abwehr, indem sie den Gegner vorab moralisch entmenschlicht. Wenn der andere nicht mehr als Mensch, Volk oder legitimer Akteur erscheint, sondern als Krankheit, Nazismus, Terror, Dekadenz, Imperialismus oder Ungeziefer, wird Gewalt leichter.
Hier berührt defensive Aggression die Sprache. Politische Gewalt beginnt oft mit Begriffen. Man spricht nicht von Menschen, sondern von Bedrohungen. Nicht von Städten, sondern von Zielen. Nicht von Toten, sondern von Kollateralschäden. Nicht von Angriff, sondern von Operation. Nicht von Eroberung, sondern von Stabilisierung. Sprache dämpft Gewissen. Je abstrakter die Gewalt wird, desto weniger muss man sie fühlen. Der Sozialpsychologe Albert Bandura beschrieb solche Mechanismen als moralische Entkopplung, bei der Menschen schädigendes Handeln durch beschönigende Sprache, Verantwortungsverschiebung oder Entmenschlichung innerlich rechtfertigen können (Bandura, 1999).
Defensive Aggression braucht genau diese Entkopplung. Sie muss die eigene Gewalt vom eigenen Selbstbild trennen. Eine Nation, die sich als human, demokratisch, religiös, zivilisatorisch oder friedliebend versteht, kann Gewalt nur schwer als nackte Gewalt akzeptieren. Also wird sie umbenannt. Sie wird Pflicht, Schutz, Vergeltung, Prävention, Befreiung oder Verteidigung. So bleibt das Selbstbild intakt, während die Realität zerstörerisch wird.
Das gilt auch für nichtstaatliche Bewegungen. Terroristische Gruppen, Milizen, Befreiungsbewegungen und religiöse Extremisten erleben ihre Gewalt häufig als defensiv. Sie kämpfen angeblich gegen Besatzung, Dekadenz, Unglauben, Unterdrückung oder Verrat. Auch hier muss man unterscheiden: Es gibt legitimen Widerstand gegen Unterdrückung, und es gibt Terror gegen Zivilisten. Defensive Rhetorik kann beides vermischen. Wer sich selbst als Verteidiger einer heiligen Sache erlebt, kann grausam werden, ohne sich grausam zu fühlen.
Im Rechtsrutsch vieler Gesellschaften erscheint defensive Aggression in innenpolitischer Form. Populistische Bewegungen behaupten, das Volk müsse sich gegen Eliten, Migranten, Medien, Gerichte, Universitäten, internationale Organisationen oder kulturelle Minderheiten verteidigen. Aus dieser Erzählung entsteht eine aggressive Politik der Rückeroberung. Man greift Institutionen an, nennt es aber Befreiung. Man schwächt Minderheitenrechte, nennt es Schutz der Mehrheit. Man delegitimiert Medien, nennt es Kampf gegen Lügen. Man zerstört Vertrauen, nennt es Wiederherstellung des Volkswillens. Auch hier wird Angriff als Verteidigung erlebt.
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- Stefan Ruchti (Autor:in), 2026, Der Napoleon-Komplex, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1723734