Sprachliche Gewalt im freundschaftlichen Umkreis ist in ein Beziehungs- und Handlungssystem eingebettet, das dem der familialen Interaktion sehr ähnlich ist. Besonders die konfliktären Situationen erreichen eine innerspezifische Problematik, die auf Grund der engen Bindung der einzelnen Personen in diesem Beziehungskonstrukt nur schwer bzw. langsam wieder geklärt und aufgelöst werden können.
Mit dem Sprechakt des „Vorwurfs“ ist ein Phänomen angesprochen, das häufig in dieser engen freundschaftlichen Konstellation eine Eskalation bewirkt, was auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches zeigt. Doch aufgrund der tiefen Gefühlsbindung ist ein vorwurfsvoller Ausbruch noch gewaltiger und ´verletzender´ als es andere Sprechakte aufweisen.
Mein Interesse liegt besonders in der sprachlichen Entwicklung des vorwurfsvollen Ausbruchs innerhalb einer engen Freundschaft. Ich möchte zeigen, welche Auswirkungen das Gesagte bzw. die sprachliche Gewalt in solch einer intimen bzw. freundschaftlichen Konstellation hat. Als Analyse-Beispiel habe ich das Theaterstück „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ von Roland Schimmelpfennig ausgewählt, weil hieran, meiner Meinung nach, diese Entwicklung besonders gut veranschaulicht werden kann, dessen Anliegen mein Schwerpunkt in der vorliegenden Arbeit sein soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Bedeutung des „Vorwurfs“ in Interaktionen
1.1. Sprache als Möglichkeit der Gewaltausübung
1.2. Die Einordnung des „Vorwurfs“ in die Sprechakttheorie
1.2.1. Die Grundbegriffe der Sprechakttheorie in der Pragmatik
1.2.2. Der Vorwurf als Sprechakt
1.3. Sprechakte als sprachliche Gewalt
1.3.1. Imageverletzung und Höflichkeit
1.3.2. der Sprechakt „Vorwurf“ als sprachliche Gewalt
1.3.2.1. Bedingungen bzw. Voraussetzungen und Sprecherwartungen
1.3.2.2. Formen vorwurfsvoller Sprache und mögliche Reaktionen
1.3.2.3. Auswirkungen sprachlicher Gewalt in Form einer „Vorwurf“-Eskalation
1.4. Der Freundeskreis als besonderes psychologisches Umfeld
2. Die pragmalinguistische Analyse der „Vorwürfe“ in Roland Schimmelpfennigs Drama „Peggy Pickit“
2.1 Vorbereitungen zur pragmalinguistischen Analyse
2.1.1. Zweck und Aufgabe der Dramen-Analyse
2.1.2. Inhaltliche Vorbemerkung zum Drama
2.2. Thematischer und inhaltlicher Zusammenhang der Vorwürfe
2.2.1. Stufe 1: Überspielen der Unsicherheit
2.2.2. Stufe 2: Unterdrückung der emotionalen Wahrheit
2.2.3. Stufe 3: Entwicklung der inneren Aggression
2.2.4. Stufe 4: Ekstatischer Ausbruch
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob der Sprechakt „Vorwurf“ als Form sprachlicher Gewalt definiert werden kann und welche Auswirkungen dieser auf einen Adressaten hat. Anhand des Dramas „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ von Roland Schimmelpfennig wird analysiert, wie sich vorwurfsvolle Kommunikation innerhalb einer langjährigen Freundschaft entwickelt und eskaliert.
- Pragmalinguistische Analyse des Sprechakts „Vorwurf“
- Die Rolle von Imageverletzung und Höflichkeit in der Kommunikation
- Eskalationsstufen vorwurfsvoller Interaktion in engen Beziehungen
- Psychologische Dynamiken im freundschaftlichen Umfeld
- Interdependenz von Verantwortlichkeit und Schuldgefühlen bei Vorwürfen
Auszug aus dem Buch
1.3.2.3 Auswirkungen sprachlicher Gewalt in Form einer „Vorwurf“-Eskalation
Wenig untersucht und nur bei BRINKER/SAGER vorzufinden, ist die Konflikteskalation. Neben dem Gesprächsabbruch gilt die Eskalation als ein Höhepunkt des dialogischen Verlaufs. Dies möchte ich in Verbindung mit den Auswirkungen sprachlicher Gewalt nun genauer betrachten.
Wenn „beide Gesprächspartner auf ihrer Meinung beharren, droht eine Eskalation des Konflikts.“ Da beide Parteien ihr Image nicht ins Wanken bringen, also weiterhin glaubwürdig und authentisch wirken wollen, ergibt sich keine Auflösung der Lage. In diesem Falle gibt es nur noch die Möglichkeit der Entgegenwirkung bzw. des „Einlenkens“ einer weiteren Person, die dem Konfliktthema objektiver entgegentreten kann und nicht so stark oder überhaupt nicht in dem Fall involviert ist. Diese Person erstellt einen „Schein-Konsens“, indem beide Parteien zu Gunsten der jeweiligen Positionen ein neues Gesprächsthema erhalten, um die Eskalation abzuschwächen. Die Meinungsverschiedenheit besteht zwar weiterhin, ist aber nicht mehr Teil der Konversation, sodass beide Meinungen weder revidiert noch bestärkt werden müssen.
Eine weitere Möglichkeit der Konflikteskalation, die besonders im Analyse-Teil vorzufinden sein wird, ist das Missverständnis bzw. die Fehlinterpretation von Handlungen. Man kann sein Gegenüber dadurch zur Eskalation provozieren, indem man die Vorwurf-Äußerungen bewusst fehl interpretiert, gleichsam der Möglichkeit des „Sich-Dumm-Stellens“ oder „Ignorierens“. Das bewusste Missverstehen, das bei FRANKENBERG als sog. Pseudo-Account gilt, dient hier der Reflexion eines inneren Schutzbedürfnisses. In Anlehnung an ROSENBERG, ist das bewusste Fehlinterpretieren eine Entscheidung, die Verantwortung für die „vorwurfsvolle“ Handlung nicht zu übernehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Bedeutung des „Vorwurfs“ in Interaktionen: Theoretische Grundlagen des Vorwurfs als Sprechakt, seiner Funktion als sprachliche Gewalt sowie die Bedingungen für Eskalationen in sozialen Beziehungen.
2. Die pragmalinguistische Analyse der „Vorwürfe“ in Roland Schimmelpfennigs Drama „Peggy Pickit“: Anwendung der erarbeiteten Theorien auf die spezifischen Dialoge des Dramas zur Veranschaulichung der Eskalationsstufen von der anfänglichen Höflichkeit bis zum ekstatischen Ausbruch.
Schlüsselwörter
Sprachliche Gewalt, Vorwurf, Sprechakttheorie, Pragmalinguistik, Imageverletzung, Konflikteskalation, Roland Schimmelpfennig, Peggy Pickit, Interaktionsanalyse, Schuldgefühl, Verantwortlichkeit, Kommunikation, Freundschaft, Gesprächsanalyse, Sprachhandlung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Sprechakt „Vorwurf“ und seine Funktion als Instrument sprachlicher Gewalt innerhalb von engen zwischenmenschlichen, insbesondere freundschaftlichen Beziehungen.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Im Zentrum stehen die pragmalinguistischen Grundlagen des Vorwurfs, die Konzepte der Imagepflege nach Goffman sowie die psychologischen Faktoren, die in einem freundschaftlichen Umfeld zu Konflikteskalationen führen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu definieren, inwiefern ein „Vorwurf“ als sprachliche Gewalt klassifiziert werden kann und welche Auswirkungen dieser Sprechakt auf den Empfänger sowie den weiteren Gesprächsverlauf hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine pragmalinguistische Analyse, gestützt auf die Sprechakttheorie (u.a. Searle, Wunderlich) und Ansätze der Gesprächsanalyse, um fiktive Dialoge in einem Theaterstück zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Definition und Einordnung des Sprechakts „Vorwurf“ sowie einen analytischen Teil, der das Drama „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ in vier Eskalationsstufen dekonstruiert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie sprachliche Gewalt, Vorwurf, Imageverletzung, Konflikteskalation, Interaktionsanalyse und Pragmalinguistik charakterisieren.
Wie definiert die Autorin den Zusammenhang zwischen Image und Vorwurf?
Die Autorin argumentiert, dass ein Vorwurf das „Selbstbild“ oder Image des Gegenübers angreift, welches durch Sprache gewaltsam durchbrochen wird, was zu einer Verletzung der Persönlichkeit führt.
Welche Rolle spielt der „Freundeskreis“ als besonderes Umfeld?
Der Freundeskreis bietet durch hohe Vertrautheit und enge emotionale Bindungen stärkere Angriffsflächen, da die Kenntnis über die Schwachstellen des Gegenübers gezieltere und verletzendere Vorwürfe ermöglicht.
- Arbeit zitieren
- Nicole Hilbig (Autor:in), 2011, Der Sprechakt "Vorwurf" als sprachliche Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172376