Wie entscheidet das Gewissen?
Erarbeitung einer Gewissensentscheidung anhand des Fallbeispiels „Die Mathearbeit“ in Anlehnung an Kants Beschreibung des Gewissens als „innerer Gerichtshof“.
Die Themen der Unterrichtsreihe sowie der Unterrichtsstunde ergeben sich aus dem Kernlehrplan des Landes Nordrhein-Westfalen für das Fach Praktische Philosophie der gymnasialen Sekundarstufe 1 sowie den Kompetenzerwartungen des schulinternen Lehrplans der XY-Schule in XY für die Jahrgangsstufen 7-9. So sieht der Kernlehrplan die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Fragenkreis 3: Die Frage nach dem guten Handeln, anhand des Themas Entscheidung und Gewissen vor.
Hierbei sollen die Schüler:innen durch eine theoretisch fundierte Herangehensweise die ethische Dimension des Gewissens kennenlernen und anhand von Fallbeispielen die Gewissensurteile für Menschen erarbeiten und reflektieren. Dazu bietet sich die Entwicklungsphase der Kinder und Jugendlichen an, in der die Lösung von bisherigen moralischen Werten durch die entwicklungspsychologischen Vorgänge in der Pubertät beginnt und die Schüler:innen eigene Entscheidungen hinsichtlich ihrer ethischen Dimension durchdenken (vgl. Kohlberg 1974).
Die Auseinandersetzung mit moralischen Fragen und Dilemmata besitzt für Schüler:innen ein hohes Motivationspotential, da eigene Ideen und Werte in die Diskussion eingebracht werden können und die Schüler:innen einen Bezug zu ihrer lebensweltlichen Realität erkennen und eigene Beispiele aus dem Alltag einbringen können. Deswegen sollen die Schüler:innen im Verlauf der Reihe die eigene moralische Urteilsbegründung wahrnehmen und reflektieren um die eigenen Wertvorstellungen zu erkennen. Diese Werte lassen sich an lebensweltlichen Beispielen erschließen, da die Schüler:innen bereits in ihrem Alltag mit moralischen Beurteilungen in Berührung kommen. Das längerfristige Unterrichtsvorhaben soll die Schüler:innen dabei unterstützen, so dass sie für lebensweltliche Entscheidungsprobleme, die in sämtlichen sozialen Kontexten für sie auftreten können, eine Lösung und verunftgeleitete Handlungsoptionen identifizieren können.
Inhaltsverzeichnis
1. Aufbau des langfristigen Unterrichtsvorhabens
2. Planung der Unterrichtsstunde
2.1. Kompetenzorientierte Zielsetzung der Unterrichtsstunde
2.2. Sachanalyse
2.3. Lerngruppenanalyse und Lernausgangslage
2.4. Die didaktisch-methodischen Entscheidungen
3. Verlaufsplan
4. Quellenverzeichnis
5. Anhang
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Unterrichtsplanung zielt darauf ab, Schülerinnen und Schülern den Prozess der Gewissensentscheidung anhand des kantischen Konzepts vom „inneren Gerichtshof“ methodisch greifbar zu machen und sie zur Reflexion über moralisches Handeln anzuregen.
- Analyse von Gewissenskonflikten in lebensweltlichen Fallbeispielen
- Einführung in Kants Metapher des „inneren Gerichtshofs“ als Entscheidungsinstanz
- Entwicklung von Kriterien für moralisches Handeln und Abwägen von Beweggründen
- Förderung der personalen und sozialen Kompetenz durch Partnerdiskussionen und Rollenübernahme
Auszug aus dem Buch
2.2. Sachanalyse
Laut Dr. Eva Krockow – Dozentin für Psychologie an der Universität Leicester trifft der moderne Mensch am Tag rund 35.000 Entscheidungen (Krockow, 2018). Dabei handelt sich um Blitzentscheidungen, für die schlichtweg nicht die Zeit vorhanden ist etwaige Konsequenzen abzuwägen oder sie gar an moralischen Maßstäben zu messen. Doch genau diese Entscheidungen sind nun von Interesse. Wie entscheidet der Mensch, wenn er zuvor seine moralischen Vorstellungen miteinbezieht und letztlich seinem Gewissen folgt? Immanuel Kant zufolge besitzt jeder Mensch ein Gewissen, dass er wie folgt als eine als eine sich selbst richtende moralische Urteilskraft definiert:
„Man könnte das Gewissen auch so definieren: es ist die sich selbst richtende moralische Urteilskraft; nur würde diese Definition noch einer vorhergehenden Erklärung der darin enthaltenen Begriffe gar sehr bedürfen. Das Gewissen richtet nicht die Handlungen als Kasus, die unter dem Gesetz stehen; denn das tut die Vernunft, sofern sie subjektiv-praktisch ist […]: sondern hier richtet die Vernunft sich selbst, ob sie auch wirklich jene Beurteilung der Handlungen mit aller Behutsamkeit (ob sie recht oder unrecht sind) übernommen habe […].“ (Kant Religionsschrift: 186,12)
Hier agiert das Gewissen als vernunftgeleitete Prüfungsinstanz, die sichergeht, dass die (Handlungs-)Entscheidungen tatsächlich auf der Basis von moralischen Abwägungen getroffen wurden. Um diesen Prozess seinen Leser:innen zu veranschaulichen bedient sich Kant der Metapher eines „inneren Gerichtshofs“. So sei das Gewissen als Gericht zu verstehen mit den drei Akteuren Richter, Kläger und Verteidiger. Es obliegt der inneren Gerichtsverhandlung Handlungen und Entscheidungen pro- und retrospektiv nach Berücksichtigung aller subjektiv-praktischen Betrachtungen auf den Sachverhalt moralisch zu bewerten. Und dies muss und wird das Gewissen mit Sicherheit leisten, denn kein Mensch kann sich dieser Gewissensprüfung erfolgreich entziehen und wird, wenn auch zu einem späteren Zeitpunkt, von seinem Gewissen eingeholt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Aufbau des langfristigen Unterrichtsvorhabens: Dieses Kapitel verortet die Unterrichtsreihe im Kernlehrplan und erläutert die Bedeutung der Auseinandersetzung mit dem Gewissen für die moralische Entwicklung in der Pubertät.
2. Planung der Unterrichtsstunde: Hier werden die konkreten Lernziele, der wissenschaftliche Hintergrund (Sachanalyse) und die methodischen Voraussetzungen der Lerngruppe dargelegt.
3. Verlaufsplan: Dieser Abschnitt bietet eine detaillierte tabellarische Übersicht über den zeitlichen Ablauf, die Phasen und die didaktischen Kommentare der geplanten Unterrichtsstunde.
4. Quellenverzeichnis: Hier sind sämtliche im Dokument verwendete Literaturquellen, Internetquellen und didaktische Materialien übersichtlich aufgelistet.
5. Anhang: Dieser Teil enthält die ergänzenden Materialien wie den Einstiegs-Comic, die Hilfekarten für die Partnerarbeit und die Arbeitsblätter für die Schülerinnen und Schüler.
Schlüsselwörter
Praktische Philosophie, Gewissen, Innerer Gerichtshof, Immanuel Kant, Entscheidungsfindung, moralische Urteilskraft, Unterrichtsplanung, Fallbeispiel, Ethik, moralische Dilemmata, Kompetenzorientierung, Pubertät, Urteilsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Unterrichtsplanung grundsätzlich?
Die Planung befasst sich mit der Vermittlung von moralischen Entscheidungsprozessen im Fach Praktische Philosophie für die Jahrgangsstufen 7 und 8.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Frage nach dem guten Handeln, die psychologische und ethische Funktion des Gewissens sowie das Treffen von Entscheidungen in moralischen Konfliktsituationen.
Was ist das primäre Ziel dieser Unterrichtsstunde?
Das Ziel ist, dass die Schülerinnen und Schüler den Prozess einer Gewissensentscheidung in Anlehnung an Kants Konzept des „inneren Gerichtshofs“ anhand eines Fallbeispiels nachvollziehen und reflektieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Lehrkraft nutzt eine Kombination aus bildanalytischem Einstieg, kooperativen Lernformen wie Partnerdiskussionen und der Textarbeit mit Fallbeispielen, um ethische Konzepte für Jugendliche zugänglich zu machen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der verschiedenen Beweggründe in einem Gewissenskonflikt (Anklage vs. Verteidigung) und die anschließende Reflexion über den kantischen Prozess des Gewissens.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind die moralische Urteilskraft, der innere Gerichtshof, Entscheidungsdilemmata, Selbstdenken und die schülerorientierte Kompetenzentwicklung.
Wie genau wird das Kantsche Konzept des „inneren Gerichtshofs“ im Unterricht eingesetzt?
Die Schülerinnen und Schüler schlüpfen in einem fiktiven Fallbeispiel in die Rollen von Anklägern und Verteidigern, um unterschiedliche moralische Perspektiven abzuwägen, bevor sie eine Entscheidung treffen.
Warum wurde ein Comic als Einstieg in die Stunde gewählt?
Der Comic soll die Problematik einer Gewissensentscheidung durch ein schulnahes, lebensweltliches Fallbeispiel unmittelbar „greifbar“ und visuell anschaulich machen, um das Interesse der Schüler zu wecken.
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- Anonym (Author), 2024, Praktische Philosophie zu Kants innerem Gerichtshof. Unterrichtsentwurf (Fach: Philosophie, Gymnasium, Sekundarstufe 1), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1723899