„...und Gott sprach zu Lenz“ oder Lenz´ religiöse Dekadenz im psychischen Kollaps


Hausarbeit, 2000

11 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. „So lebte er hin.“ - Der religiöse Weg

C. Was bleibt... - Resümee

D. Literaturhinweise

A. Einleitung

Bei der Auseinandersetzung mit Georg Büchners „Lenz“, wird bei genauer Betrachtung ein gewisser theologischer Aspekt innerhalb der Geschichte sichtbar, welcher in diese eingeflochten ist. Er dokumentiert in z.T. dramatischer Art und Weise die religiöse Entwicklung und den Wandel Lenz´ von einem sich mit dem christlichen Glauben befassenden , über einen fanatischen, sich mit der Figur des Jesus Christus gleichsetzenden Mann, zu einem selbsternannten Atheisten und sogar der Gleichstellung mit Satan und der Verachtung der eigenen Existenz. Dadurch verschafft er der Erzählung einen Sichtpunkt, von dem man eine analoge Perspektive zum geistigen bzw. emotionalen Wandel (bezogen auf den gesundheitlichen Zustand) erhält und zwar in einem religiösen Rahmen. Parallel zu seinem sich verschlechternden Geisteszustand, fällt er ab vom christlichen Glauben.

Es wird im folgenden der Verlauf dieses religiösen Wandels anhand markanter Textstellen dokumentiert und, soweit angemessen, mit biblischen Auszügen, auf dessen Inhalt sich diese beziehen mögen, verglichen. Dabei wird in einzelnen Fällen eine Beziehung zum gesamten Kontext (evtl. parallel zum Krankheitsverlauf) hergestellt.

Zusammenfassend wird der Versuch unternommen, eine mögliche Bedeutung für dieses Werk und den Autor zu formulieren. Es sollen an diese Stelle innerhalb eines Resümees weitere mögliche, diesen theologischen Blickwinkel betreffende, Thesen formuliert werden.

B. „So lebte er hin.“ - Der religiöse Weg

„[...] und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie fern verhallende Donner, und dann gewaltig heran brausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen, und die Wolken wie wilde wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein [...] und sein blitzendes Schwert [...] der Wind [...] wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte [...] und kleine Wölkchen auf silbernen Flügel“ (S.7/8, Z.23-32/ Z.1-4).

Sogleich zu Beginn der Erzählung, läßt sich eine Textpassage zitieren, die die auditive Wahrnehmung der Natur des Lenz beschreibt. Hierbei wird der verwirrte Geisteszustand, welcher Teil des Krankheitsbildes des Lenz und Leitfaden dieser Erzählung ist, durch die metaphorische Beschreibung der Naturereignisse deutlich.

Die Beschreibung der „Stimmen an den Felsen“, die zunächst wie „fern verhallende Donner“ dann wie „gewaltig“ heranbrausende „ Töne “, die „in ihrem wilden Jubel die Erde besingen“, formuliert wird, deutet, in theologischer Sicht, auf die Präsenz einer göttlichen Figur hin, die sich durch derartige Naturschauspiele (Gewitter à Donner) ankündigen kann (Vergl. z.B. Offenbarung 4,5: „Von dem Thron gingen Blitz, Stimmen und Donner aus.[1] “ – gemeint ist der Thron Gottes). Nicht selten werden Naturphänomene in den biblischen Texten mit göttlichen Handlungen und Offenbarungen in Verbindung gebracht. Daran anknüpfend ist die Verwendung der Begriffe (zusätzlich zu den o.g.) „ wiehernde Rosse “, „ blitzendes Schwert “, „ Glockengeläut “ und „silberne Flügel“ (à Engel) äußerst interessant, da sich hier eine Verbindung zur Offenbarung des Neuen Testaments ziehen läßt, welche als einzige biblische Quelle, alle Begriffe in ihrem Inhalt erfaßt.[2]

Durch die Verwendung dieser biblischen/metaphorischen Begriffe, enthüllt Georg Büchner zunächst das existierende christliche Fundament Lenz´ und schildert dessen Wahrnehmung der Natur mit dieser Grundlage und seiner geistigen Verwirrung, läßt aber zusätzlich, unter Berufung auf den psychischen Zustand Lenz´, die Vermutung aufkommen, die Vision halluzinativen Sinneseindrücken zu zuschreiben.

Auf theologischer Ebene liefert Büchner bereits den Hinweis, auf die bevorstehende Auseinandersetzung Lenz´ mit seiner religiösen Weltanschauung und leitet den Denkprozeß seitens des Lesers ein, sich in einem theologischen Ansatz mit dieser Lektüre zu befassen. Er knüpft weiterhin an eine im weiteren Text folgende Situation an, in der sich Lenz mit der Bibel befaßt (S.12; Z. 8-10) und ihm die heilige Schrift verständlich wird und er sie zu begreifen scheint : „jetzt erst ging ihm die heilige Schrift auf. Wie den Leuten die Natur so nah trat, alles in himmlischen Mysterien; aber nicht gewaltsam majestätisch, sondern noch vertraut!“ (S.12; Z. 19-21). Lenz nahm die Natur in Form dieser „himmlischen Mysterien“ wahr, wie es zu Beginn der Erzählung beschrieben wird; er identifiziert sich selbst innerhalb der Rezipienten der Bibel („ den Leuten “), denen sich die Natur, in Zusammenhang mit Gott, auf diese Art und Weise präsentierte, er scheint in der Natur die göttliche Präsenz zu erkennen („ die Natur [...] in himmlischen Mysterien [...] noch vertraut“). Der Faden wird hiermit weitergeführt, einerseits für den Leser, dessen theologischer Denkprozeß nun eine narrative Bestätigung erfährt, andererseits für Lenz, der nicht nur das göttliche in der Natur erkennt, sondern, die Bibel studierend, sich mit Gott nun bewußt befaßt.

Aus medizinischer Sicht vollzieht sich in Lenz eine Reduktion seines kranken psychischen Zustandes, er fühlt sich in die Gesellschaft integriert („ Doch jemehr er sich in das Leben hineinlebte, ward er ruhiger,“ S. 12, Z. 7-8), erst recht, als Oberlin ihm erlaubt zu predigen („ Lenz [...] sagte ihm, er möge wohl einmal predigen [...] ‚Gut, nächsten Sonntag.‘ Lenz ging vergnügt auf sein Zimmer [...] seine Nächte wurden ruhig“; S.13, Z.8-12).

[...]


[1] s. Offb 4,5 / 6,4 / 6,8 / 9,7-9 in: Die Bibel, Einheitsübersetzung, Altes und Neues Testament; Verlag Herder, 1980

[2] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
„...und Gott sprach zu Lenz“ oder Lenz´ religiöse Dekadenz im psychischen Kollaps
Hochschule
Universität Konstanz  (FB Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in das Studium der Neueren deutschen Literatur
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V1724
ISBN (eBook)
9783638110587
ISBN (Buch)
9783638745666
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gott, Lenz“, Lenz´, Dekadenz, Kollaps, Einführung, Studium, Neueren, Literatur
Arbeit zitieren
Matthias Andrzejewski (Autor), 2000, „...und Gott sprach zu Lenz“ oder Lenz´ religiöse Dekadenz im psychischen Kollaps, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1724

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