"Please Hold The Line" - Technokulturelle Entwicklungslinien der Telefonie

Ein Zwei-Länder-Vergleich


Bachelorarbeit, 2010
46 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Forschungsfragen

3. Kurze Geschichte der Telefonie
3.1. Ausgangspunkt: Die Zeit vor 1876
3.2. Eine Idee- viele Erfinder
3.2.1 Philipp Reis
3.2.2. Alexander Graham Bell
3.2.3. Schlussfolgerung: Zwei Forscher- differente Motive

4. Drei kulturelle Konzepte von Telefonie
4.1. Das Transportkonzept
4.2. Das Radiokonzept
4.3. Das Verständigungskonzept

5. Der globale Siegeszug der Telefonie: Ein Zwei-Länder-Vergleich
5.1. Die Ausgangssituation
5.1.1. In Deutschland
5.1.2. In Amerika
5.2. Die technische Entwicklung
5.2.1. In Deutschland
5.2.2. In Amerika
5.3. Forcierende und hemmende Faktoren
5.3.1. Hemmende Faktoren in Deutschland
5.3.2. Forcierende Faktoren in Deutschland
5.3.3. Hemmende Faktoren in Amerika
5.3.3. Forcierende Faktoren in Amerika
5.4. Erste Nutzungsformen und –gruppen
5.4.1. In Deutschland
5.4.2. In Amerika

6. Schlusszusammenfassung und Zukunftsausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Philipp Reis

Abbildung 2: Alexander Graham Bell

Abbildung 3: Transportkonzept

Abbildung 4: Radiokonzept

Abbildung 5: Verständigungskonzept

Abbildung 6: Telefon von 1880

Abbildung 7: Anschlüsse in Deutschland

Abbildung 8: Anschlüsse in Amerika

1. Einleitung

„Es gibt Revolutionen, die machen die Welt komplizierter, und es gibt Revolutionen, die machen die Welt einfacher. Und es gibt Revolutionen, die machen die Welt auf komplizierte Art einfacher. Dazu gehört das Telefon."

- Christian Kämmerling, in der "Weltwoche" vom 28. August 2003

„Das Pferd frißt keinen Gurkensalat.“- Dieser groteske Satz markierte den Auftakt einer globalen Kommunikationsrevolution. Ausgesprochen hat ihn 1861 der deutsche Lehrer Philipp Reis (vgl. Maschke 1989: 97), als es ihm zum ersten Mal gelang, Stimme mit Hilfe elektronischen Stroms zu übermitteln. Damit legte er den Grundstein des Siegeszug der Telefonie als neue interaktive Kommunikationsinfrastruktur, die sich im Laufe ihrer internationalen Entwicklung häufig gegen Widerstände verschiedenster Art behaupten musste, bis sie schließlich Einzug fand in die Privaträume und Arbeitsstellen vieler Millionen Menschen. Heute ist das Telefon fest in unseren kommunikativen Alltag integriert und ist aus unserer modernen Welt auch nicht mehr wegdenkbar.

Dabei ist das Bedürfnis miteinander über große Distanzen und zu jeder Zeit zu kommunizieren so alt, wie die Menschheit selber. Erste Frühformen der Telekommunikation sind bereits seit der Antike belegt in Form von Feuersignalketten und Rufposten (vgl. Hartmann 2006: 21). Diese gipfelten schließlich in der Telegrafie, die einen Signalaustausch auch über weite Strecken ermöglichte. Jedoch war mit ihr nur einseitige Kommunikation möglich und mit dem Telefon wurde das erste interaktive Kommunikationsinstrument geschaffen- ein Meilenstein der Technikgeschichte. Mit ihm war es möglich, unmittelbar auf Gesprochenes reagieren zu können, und Sender und Empfänger emanzipierten sich von zeitlichen und räumlichen Beschränkungen.

Kein Wunder also, dass das Telefon in seiner fast 150-jährigen Geschichte mehrfach Gegenstand wissenschaftlichen Forschungsinteresses war. Dennoch proklamieren besonders Sozial- und Kommunikationswissenschaftler ein Forschungsdefizit in diesem Bereich. Die technische Entwicklungsgeschichte hat zwar Erwähnung in zahlreicher wissenschaftlicher Fachliteratur gefunden, der kulturelle und gesellschaftliche Hintergrund wurde jedoch nur unzureichend beleuchtet. Es wäre grob fahrlässig eine neue Medientechnologie isoliert zu untersuchen, sie muss immer in den soziokulturellen und ökonomischen Kontext ihrer Zeit gesetzt werden. Erfolg oder Misserfolg einer Erfindung hängen nicht nur von ihrer Funktionalität ab, entscheidend sind darüber hinaus Gebrauchswert, Nutzen und gesellschaftliche Akzeptanz. Das Telefon hat sich letzteres hierzulande hart erkämpfen müssen und nimmt somit eine Sonderstellung in der kommunikationswissenschaftlichen Forschungstradition ein.

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit möchte über das reine Rezitieren wissenschaftlicher Daten hinausgehen und sowohl techno-, als auch soziokulturelle Aspekte der Telefonie von seiner Erfindung bis in die Gegenwart in den Vordergrund rücken. Um dies zu ermöglichen, wurde die Entwicklung der Telefonie als interaktive Kommunikationsstruktur in zwei exemplarisch ausgewählten Ländern gegenübergestellt: Deutschland und Amerika. Beide zeigen spezifische Charakteristika in diesem Forschungsbereich auf, die sich für einen Vergleich hervorragend eignen.

Zu Beginn soll jedoch kurz auf die Geschichte des Telefons eingegangen werden, die Ausgangssituation und den legendären Erfinderwettstreit. Anschließend widmet sich die Arbeit der komplexen Thematik differenzierender kultureller Konzepte von Telefonie und zeigt auf, welches sich letztendlich durchgesetzt hat. Weiterführend soll mit Hilfe eines Ländervergleichs Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der jeweiligen Ausgangssituation, der technischen Entwicklung und der Diffusionsgeschwindigkeit, den forcierenden und hemmenden Faktoren und den frühen Nutzungsformen und Nutzungsgruppen der Telefonie herausgearbeitet werden.

Die zu Beginn formulierten Forschungsfragen sollen abschließend mittels der Ergebnisse des Vergleichs beantwortet werden. Die wissenschaftliche Grundlage bildet eine umfassende Berücksichtigung einschlägiger Fachliteratur aus verschiedenen Kulturkreisen und Epochen.

Bevor jedoch tiefer in die Materie eingedrungen werden kann, ist es wichtig, zu Beginn die forschungsleitenden Fragestellungen zu formulieren. Im anschließenden Kapitel wurden zwei theoriegeleitete Forschungsfragen von kommunikationswissenschaftlicher Relevanz herausgearbeitet.

2. Die Forschungsfragen

Wie eingangs bereits erwähnt, ist es von enormer Wichtigkeit die Entwicklung eines Mediums immer in seinem kulturellen, ökonomischen und sozialen Kontext zu beschreiben. Besonders bei der Telefonie wird diese Notwendigkeit deutlich, wie sich im Laufe dieser wissenschaftlichen Arbeit herausstellen wird. Vor diesem Hintergrund hat die Verfasserin eine allgemeine und, daraus abgeleitet, eine spezifische Forschungsfrage formuliert. Die erste Frage soll mit Hilfe des Länder-Vergleichs beantwortet werden und lautet:

Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zeigen sich in der Entwicklung des Telefons vom Zeitpunkt seiner Erfindung bis in die 1980er Jahre in Deutschland und Amerika?

Die beiden Länder wurden aufgrund ihrer individuellen und prägnanten Spezifika im Hinblick auf die sozio- und technokulturellen Entwicklungslinien der Telefonie ausgewählt. Amerika hatte im Untersuchungszeitraum die höchste Telefondichte, Deutschland nur einen Mittelwert. Weiterhin zeigen sich bei beiden auch signifikante Unterschiede in der Organisationsform und Nutzungsweise. Der Zeitraum wurde bewusst auf das ausgehende 20. Jahrhundert begrenzt, da sich beide Länder in den entscheidenden Untersuchungskriterien im Laufe der Zeit zunehmend angeglichen haben. Moderne Formen und Konvergenzen der Telefonie sollen Berücksichtigung in einem abschließenden Zukunftsausblick finden.

Die zweite Forschungsfrage ist indes wesentlich konkreter und greift bereits etwas voraus:

Welche Faktoren waren dafür verantwortlich, dass sich das Telefon in den Vereinigten Staaten von Amerika schneller verbreitet hat als in Deutschland?

Durch diese Frage wird bereits deutlich, dass es massive Unterschiede in der Diffusionsgeschwindigkeit gegeben hat. Verschiedene AutorInnen liefern hierfür verschiedene Ansätze, variierend nach ihrem Forschungshintergrund. Die Autorin möchte die verschiedenen Antworten zusammenfassen und aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive heraus strukturieren, um nicht nur einzelne Aspekte, sondern eine umfassende Erklärung zu erhalten.

Um die Fragen jedoch adäquat und umfassend beantworten zu können, muss zum Einstieg der historische Hintergrund erläutert werden. Aus diesem Grund setzt diese Arbeit mit einer kleinen Geschichte der Telefonie und ihren Schöpfern ein.

3. Kurze Geschichte der Telefonie

Wenn man sich mit der Geschichte der Telefonie befasst, sind besonders zwei Namen von Bedeutung: Philipp Reis und Alexander Graham Bell. Beide werden in der wissenschaftlichen Literatur in unterschiedlichem Ausmaß als Erfinders des Telefons genannt. Der Erste, der jedoch Gedanken der elektronischen Übertragung der Sprache schriftlich formuliert hat, war der Franzose Charles Bourseul (1829-1912) (vgl. Horstmann 1952: 19). Allerdings handelt es sich bei seinen Aufzeichnung lediglich um „technische Phantasien im Stil eines Jules Verne“ (ebd.: 19). Er lieferte noch keine konkrete Umsetzung. Dies gelang erstmals dem deutschen Lehrer Johann Philipp Reis, der sein Telephon, damals noch in der alten Schreibweise mit -ph-, zwischen 1860 und 1863 konstruierte und öffentlich präsentierte (vgl. Bernzen 1992: 7). Jedoch gelang es ihm nicht, die Gesellschaft und Elektroindustrie von der Sinnhaftigkeit seiner Erfindung zu überzeugen (vgl. Genth/Hoppe 1986: 22). Der Schotte und Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell, der später in die USA emigrierte, schaffte es als erster mit dem Telefon kommerziell erfolgreich zu sein und sicherte sich so seinen Eintrag in die Geschichtsbücher (vgl. ebd.: 23).

Im Kontext der technischen Entwicklung und Verbesserung tauchen noch weitere Namen bedeutender Wissenschaftler auf, jedoch liegt der wissenschaftliche Fokus auf Reis und Bell und der Frage, wer nun der tatsächliche Erfinder war. Bevor sich die vorliegende Arbeit dieser komplexen Frage widmet, soll die Ausgangssituation, also die Zeit vor 1876, untersucht werden.

3.1. Ausgangspunkt: Die Zeit vor 1876

Viele Jahre bevor Alexander Graham Bell das Telefon auf Ausstellungen präsentierte, veränderte sich der Kommunikationssektor gewaltig: Eine Revolution der modernen Kommunikation wurde Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Erfindung und Etablierung des elektromagnetischen Telegrafen eingeläutet (vgl. Wessel 2000: 13). Ähnlich wie beim Telefon, kann man die Erfindung der Telegraphie keiner einzelnen Person zuschreiben, populär jedoch wurde der Bildhauer und Kunstmaler Samuel F. Morse, dessen System sich Mitte des 19. Jahrhunderts international durchsetzte (vgl. Brockhaus-Redaktion 1999: 243f.). Die Telegraphie etablierte sich schnell, da kommunikativer Austausch über größere Distanzen vor ihrer Einführung nur durch das langwierige Versenden von Briefen möglich war (vgl. Raum 2009: 4). Sie legte den Grundstein für die moderne Telekommunikation.

Telekommunikation [Herv.i.O.] heißt, im grundlegenden Sinne des Wortes, über Entfernungen zu kommunizieren, ohne selbst in die Ferne zu gehen bzw. Boten oder Kuriere mit einer Botschaft oder stellvertretend für die Botschaft dorthin zu schicken. Es bedeutet im wesentlichen Sinne einen Informationsaustausch ohne materiellen Transport.“ (Hartmann 2006: 22)

Die Telegrafie kann daher als wichtiges Werkzeug der zu dieser Zeit langsam einsetzenden Globalisierung begriffen werden und sie darf in einer wissenschaftlichen Arbeit über die Telefonie nicht übergangen werden, wie Jörg Becker bereits betonte: „Wer immer über die Genese einer spezifischen Technologie nachdenkt, muß davon ausgehen, daß es vor Beginn dieser Technologie bereits Vorläufertechnologien mit konkurrierendem/ähnlichen/substituierbarem Leistungspotential gab.“ (1994: 31). Die Telegrafie ist daher als Vorläufertechnologie zu begreifen und, obwohl das Telefon die Defizite der Telegrafie aufhob (schnelleres Verfahren, Zwei-Weg-Kommunikation), wurde anfänglich kein gesellschaftlicher Bedarf für sie festgestellt (vgl. Rammert 1989: 90). Telegrafie und Brief hatten sich über einen langen Zeitraum hinweg bewährt und galten als „erprobte Technik“ (Beck 1989: 61) in der privaten und geschäftlichen Kommunikation. Die enge Verknüpfung von Technik und Kultur wird hier besonders deutlich, da die Erfindung alleine nicht ausreicht, es muss auch ein kultureller Nutzen impliziert werden. Dies gelang erstmals Alexander Graham Bell und er machte das Telefon wirtschaftlich rentabel, ganz im Gegensatz zu seinem deutschen Kollegen Philipp Reis. Der Frage, wer nun der tatsächliche Erfinder der Telefonie ist, widmen sich die nächsten Kapitel.

3.2. Eine Idee- viele Erfinder

Beim genaueren Durchsehen der wissenschaftlichen Primärliteratur fällt dem/r aufmerksamen LeserIn sofort ein nationaler Dualismus auf: Deutsche Wissenschaftler stützten sich primär auf den, in Gelnhausen geborenen, Lehrer Philipp Reis als Erfinder der Telefonie, im anglo-amerikanischen Raum jedoch findet Reis so gut wie keine Erwähnung. Dort ist der in die USA emigrierte Schotte Alexander Graham Bell in die Annalen eingegangen. Obwohl beide als Pioniere des Telefons gelten, scheinen hier Motive wie Patriotismus oder Nationalstolz die Oberhand zu gewinnen. Schon Klaus Beyrer stellte folgerichtig fest: „An der Frage, wem das Anrecht des Ersten gebühre, scheiden sich die Geister seit den Kindertagen der Telefonie.“ (2000: 57). Genau wie bei der Telegrafie, ist die Erfindung des Telefons nicht das Machwerk eines einzelnen Mannes, sondern das Ergebnis verschiedener Wissenschaftler. Lässt man den nationalen Konkurrenzkampf außen vor, wird bei tieferem Eindringen in die Materie klar, dass die Frage nicht so leicht beantwortet werden kann. Daher soll zum Einstieg kurz das Leben und Wirken beider Wissenschaftler beleuchtet werden.

3.2.1 Philipp Reis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Über den am 7. Januar 1834 in Gelnhausen geborenen Lehrer und Physiker Johann Philipp Reis liegt umfassende, vor allem deutschsprachige Literatur vor. Geboren in den einfachen Verhältnissen einer Handwerkerfamilie, interessierte er sich schon in jungen Jahren für Naturwissenschaften (vgl. Horstmann 1952: 27). Beide Eltern verstarben früh (Genth/Hoppe 1986: 21). Neben seiner späteren Tätigkeit als Lehrer, beschäftigte er sich viel mit physikalischer Arbeit. Ausgangspunkt dafür war die, bis dato gut etablierte, Telegraphie. Seine Bemühungen gipfelten schließlich in einen Vortrag, den er am 26. Oktober 1861 im Museum vor dem Physikalischen Verein in Frankfurt (Main) hielt, mit dem aussagekräftigen Titel: „Über Fortpflanzung musikalischer Töne auf beliebiger Entfernung durch Vermittlung des galvanischen Stromes.“ (vgl. Horstmann 1952: 28; vgl. auch Beyrer 2000: 59). Grundlage hierfür war der erste Apparat, bereits mit Rufeinrichtung, den er 1860 fertiggestellt hatte (vgl. Domschke 1997: 57). Die Natur diente dabei als Vorbild: Seine Erfindung war weitgehend „an der physiologischen Funktion des menschlichen Gehörs orientiert.“ (ebd.: 57). Sein Telephon war zwar in der Lage Töne zu übertragen, jedoch keinen längeren Sätze (vgl. König 1994: 149). Das war einer der Gründe, warum seine Erfindung nur schwache Begeisterung unter dem Fachpublikum auslöste. Trotzdem entschied er sich, seine Erfindung international anzubieten (vgl. Genth/Hoppe 1986: 22) und verkaufte sie weltweit, jedoch nicht als Telefongeräte im klassischen Sinn, „sondern als Demonstrationsobjekte und Spielzeuge für physikalische Laboratorien und Kabinette“ (Rammert 1989: 90), um die Gehörfunktion anschaulich zu machen. Breits zu Lebzeiten war sich Reis über die Spannweite seiner Erfindung bewusst, das mangelnde Interesse der Gesellschaft und fehlende Investoren zermürbten ihn jedoch sehr. Am 14. Januar 1874 verstirbt Philipp Reis schließlich. Anlässlich seines Todes telegraphierter der Physikprofessor und überzeugter Anhänger der Reis’schen Konstruktion, Silvanus P. Thompson „Die Ehren, die die Welt Philipp Reis während seines Lebens vorenthielt, werden ihm jetzt nicht länger vorenthalten, da er nicht mehr unter uns weilt! Seine große Seele lebt noch unter uns und bewegt die Welt.“ (Genth/Hoppe 1986: 133).

3.2.2. Alexander Graham Bell

Das Leben und Wirken des Alexander Graham Bell ist mehr als ausführlich in der Fachliteratur beschrieben, gilt er doch international als der „Vater“ der Telefonie. Geboren wurde er 1847 im schottischen Edinburgh als Sohn eines Vokalphysiologen (vgl. Genth/Hoppe 1986: 23; vgl. auch Beyrer 2000: 66). Durch seinen Vater kam er schon früh zu seinem späteren Beruf: Taubstummenlehrer (vgl. Genth/Hoppe 1986: 24). Seine ganze Familie war in diesem Bereich tätig: „His father, also, his two brothers, his uncle, and his grandfather had taught the laws of speech in the universities of Edinburgh, Dublin and London.“ (Casson 2004: 11). 1873 nahm er schließlich eine Stelle als Professor für Stimmpsychologie und Sprecherziehung an der Universität Boston an und emigrierte in die USA (vgl. Beyrer 2000: 66).

Seit geraumer Zeit befasst sich Bell mit theoretischen Schallwellenstudien. Der Mechaniker Thomas A. Watson (1854-1934) arbeitete als sein Gehilfe und sollte Bells Ideen in die Realität umsetzen (vgl. Balchin 2005: 133). Ursprünglich planten sie eigentlich eine Verbesserung der Telegraphie (vgl. Fischer 1992: 35). Der erste Satz, der durch Bells „Talking telegraph“ (Raum 2009: 6) gesprochen wurde, lautete: „Mr. Watson, come here!“ (ebd.: 7). Die Sensation war geboren. Bell erkannt den Wert seiner Erfindung sofort und ließ sie sich am 14. Februar 1876 patentieren. Dabei war er um zwei Stunden schneller als der Physiker Elisha Gray (1835-1901), der so nur knapp den Eintrag in die Geschichtsbücher verpasste (vgl. Genth/Hoppe 1986: 24). Als Bell schließlich seine Erfindung im März 1876 erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, musste er Investoren mobilisieren. Einer seiner Geldgeber war sein zukünftiger Schwiegervater Gardiner Hubbard. Zusammen mit ihm und Thomas Sanders, einem seiner Studenten, gründete er 1877 die Bell Telephone Company (vgl. Fischer 1992: 36).

Anfänglich war die neue Firma chronisch unterfinanziert, da die Öffentlichkeit erst noch von der Sinnhaftigkeit der neuen Technologie überzeugt werden musste: „Wie sehr[…] zeigt sich, als Western Union eine Möglichkeit zur Übernahme der unterkapitalisierten Bell-Firma und der Bell-Patente nicht wahrnahm.“ (König 1994: 151). Western Union war zum damaligen Zeitpunkt die größte Telegrafenfirma und entgegnete Bells Kaufangebot mit den Worten: „Was soll eine Gesellschaft mit solch einem Spielzeug anfangen?“ (Rammert 1989: 90). Einen Fehler, den sie bald sehr bereuen sollten. Nichtsdestotrotz, Bell und sein Team wurden nicht müde ihre Konstruktion der Öffentlichkeit zu präsentieren. Seine Demonstrationen sollten dabei „in gewisser Weise stilbildend für den Modus der Selbstdarstellung des neuen Mediums werden“ (Genth/Hoppe 1986: 31). Im Jahre 1878 reiste Bell schließlich für ein Jahr nach England, um die Menschen dort von seiner Erfindung zu überzeugen (Raum 2009: 11). Damit setzte der Siegeszug der Telefonie auch in Europa ein. Bells Firma vergrößerte sich kontinuierlich. Parallel dazu arbeitete er konstant an der Behebung noch vorhandener technischer Mängel, unter anderem half ihm Thomas Alva Edison (1847-1931) mit seinem Kohlenkörnermikrophon die Tonqualität zu verbessern. (vgl. Balchin 2005: 133).

Nachdem nun Leben und Wirken beider Wissenschaftler kurz erläutert wurden, soll im anschließenden Kapitel der Versuch unternommen werden zu klären, wem nun wirklich das Primat der Erfindung gebührt.

3.2.3. Schlussfolgerung: Zwei Forscher- differente Motive

"Bei Erfindungen ist der Erste immer der Dumme; den Ruhm kassiert der Zweite, und das Geschäft macht erst der Dritte."

- Martin Kessel, Schriftsteller

Im Endeffekt ist das Telefon, genau wie die Telegrafie, das Ergebnis vieler Forscher. Seine Entwicklungsmotive sind, ganz im Gegensatz zu anderen Technologien, nicht von militärischer Forschung geprägt (vgl. Klaus 2007: 140), sondern von naturwissenschaftlichen Forschungsinteresse. Sowohl Bell, als auch Reis folgten einem „naturwissenschaftlichen Ideal“ (Rammert 1989: 91) und nahmen „am Diskurs der damaligen Naturforscher teil.“ (vgl. ebd.: 90). Das Telefon kann also als Ergebnis einer „wechselseitige [n] Bezugnahme [Herv. i. O.] der naturwissenschaftlichen Forscherkultur und der technologischen Erfinderkultur“ (ebd.: 91) verstanden werden.

Dennoch unterscheiden sich Bell und Reis in ihrer Vorgehensweise und Zielsetzung erheblich. Philipp Reis war geleitet von einem „naturwissenschaftlichen Erkenntnisinteresse“ (ebd.: 61), die Entwicklung eines neuen Kommunikationsmediums war nicht sein primäres Forschungsziel. Zusätzlich machten ihm technische Mängel schwer zu schaffen. Das Reis’sche Telefon funktionierte nicht einwandfrei, so dass er keine Investoren finden konnte (vgl. Genth/Hoppe 1986: 22). Weiterhin erfolgte seine Erfindung in einem denkbar ungünstigem gesellschaftlichen Umfeld: „Es gab im damaligen Deutschland noch kein so drängendes Bedürfnis, Entfernungen zu überbrücken und die Prägung bürgerlicher Subjektivität war erst noch in vollem Gange.“ (ebd.: 22).

Betrachtet man nun die Umstände bei Alexander Graham Bell ergibt sich ein ganz anderes Bild: Während Reis ein Lehrer mit ausgeprägten Interesse an naturwissenschaftlicher Forschung war, handelt es sich bei Bell um einen Geschäftsmann und „professionelle[n] Techniker mit Erfahrungen auf dem Gebiet der Nachrichtentechnik“ (Beck 1989: 61). Ihm ging es ursprünglich nicht um eine Darstellung des menschlichen Gehörs, sondern um eine Verbesserung der Telegrafentechnologie. Mit seiner Forschungsarbeit verfolgte er primär „praktische Anwendung und kommerzielle Verwertung [Herv. i. O.] (ebd: 61). Günstig für Bell wirkte sich zusätzlich die positive Haltung der amerikanischen Gesellschaft im späten 19. Jahrhundert aus: Seine Telefon entstand „in einem ökonomischen bedeutsamen und von starken gesellschaftlichen Interessen geprägten Umfeld gleichartiger wissenschaftlich-technischer Zielvorgaben und ähnlicher […] Forschungsarbeiten.“ (Bernzen 1992: 19).

Stellt man nun diese Ergebnisse gegenüber, erkennt man, dass beide Telefonkonzepte auf differierenden Ausgangspunkten basieren. Zum einen beruhen sie auf unterschiedlichen technischen Prinzipien, bei Reis findet man eine „Veränderung des Übergangswiderstands, bei Bell Induktionsströme“ (König 1994: 149), zum anderen unterscheidet sich ihre Forschungsmotivation: „Reis wollte mit seinem Apparat in erster Linie die Gehörfunktionen veranschaulichen“ (ebd.: 149) und folgt damit einer rein naturwissenschaftlichen Forschungstradition. Bell jedoch entdeckte die Schlüsselfunktion der neuen Technologie, nämlich dass „man mit einem solchen System auch Sprache übertragen kann“ (ebd.: 150). Damit verfolgte Bell nicht nur „technische Ziele“, sondern auch „kommerzielle Motive“ (ebd.: 150).

Gibt man den Namen des deutschen Erfinders „Philipp Reis“ in die Internetsuchmaschine Google ein, ergeben sich ungefähr 153.000 Treffer (Stand: 10. Juli 2010), sucht man über Google im Internet jedoch nach „Alexander Graham Bell“ werden 1.550.000 Treffer (Stand: 10. Juli 2010) angezeigt. Bereits hier wird deutlich, in welchem Ausmaß sich die Popularität beider Wissenschaftler unterscheidet: Bells Name ist international gängiger als der von Philipp Reis. Dennoch kann die Frage nach dem eigentlichen Erfinder nicht eindeutig geklärt werden. Ein alleiniger Bezug auf Bell, unter einer sträflichen Vernachlässigung von Reis, wie es in vieler Populär- und Fachliteratur der Fall ist, ist aus wissenschaftlicher Sicht ungenügend.

Obwohl es Reis zuerst gelang, ein einigermaßen funktionierendes Gerät zu konstruieren, war er im Gegensatz zu Bell nicht in der Lage, in seiner Erfindungen einen adäquaten kulturellen Nutzen zu erkennen. Dies gelang erstmals Bell, gepaart mit seinen kommerziellen Bestrebungen, konnte er so den Eintrag in die Geschichtsbücher sicher stellen. Hier wird besonders deutlich, dass die bloße Erfindung einer neuen Technologie nicht ausreichend ist, sondern der Gesellschaft gleichzeitig ein kulturelles Konzept zum Gebrauch vorgeschlagen werden muss. In der Geschichte der Telefonie wurden insgesamt drei Nutzungskonzepte entwickelt, von denen sich jedoch nur das Letzte langfristig durchsetzen konnte. Im nachfolgendem Kapitel sollen diese Konzepte vorgestellt und historisch eingeordnet werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
"Please Hold The Line" - Technokulturelle Entwicklungslinien der Telefonie
Untertitel
Ein Zwei-Länder-Vergleich
Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
46
Katalognummer
V172402
ISBN (eBook)
9783640936274
ISBN (Buch)
9783640936267
Dateigröße
829 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Telefon, Medien, Deutschland, Amerika, Reis, Bell, Konzept, Technik, Geschichte, Telefonie, Technikgeschichte, Mediengeschichte, Erfinder, Erfindung
Arbeit zitieren
Anna Dobler (Autor), 2010, "Please Hold The Line" - Technokulturelle Entwicklungslinien der Telefonie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172402

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