Die Exposition Internationale du Surréalisme in Paris 1938 und ihre Pressestimmen


Seminararbeit, 2010
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund
2.1 Politische Aspekte
2.2 Künstlerische Aspekte
2.3 Wirkung der Surrealisten

3. Die Internationale Surrealistenausstellung
3.1 Beschreibung
3.2 Themen und Intention

4. Die Ausstellung in der Presse

5. Fazit

6. Quellen
6.1 Primärquellen
6.2 Sekundärquellen
6.3 Internet

1. Einleitung

Der Surrealismus … ist ein Mittel zur totalen Befreiung des Geistes.“

(Andre Breton)

Der Gründer und Kopf der Surrealisten, Andre Breton, gibt in diesem Zitat kurz und knapp das Hauptziel der Bewegung wieder. Die totale Befreiung des Geistes wollten die surrealistischen Künstler durch den Abkehr vom Rationalen und der Logik erlangen, durch die Suche nach der menschlichen Wirklichkeit im Unterbewusstsein. Traum und das Phantastische sind hierbei zentrale Knotenpunkte, ebenso wie das zweckfreie Handeln und die Unwirklichkeit. Nicht über politische Agitationen, sondern durch ein neues Bewusstsein sollte die Welt revolutioniert werden.

Im Jahre 1938 wurden kurz vor dem zweiten Weltkrieg und der mit dem Krieg einhergehende Auflösung der Künstlergruppe noch einmal alle surrealistischen Kräfte gesammelt. Diese entluden sich in der Exposition Internationale du Surréalisme in Paris, welche als „legendärer Coup“[1] und Höhepunkt der Bewegung angesehen werden kann.

Aus diesem Grund eignet sich die Ausstellung ungemein für eine Analyse ihres Einflusses auf die damalige Gesellschaft und deren Bewusstsein. Dieser Einfluss, der vorwiegend anhand der zeitgenössischen Pressestimmen herausgearbeitet wird, steht im Mittelpunkt dieser Arbeit, die im Rahmen des im Wintersemester 2010/2011 an der Universität Bremen stattgefundenen Seminars „Marcel Duchamp“ geschrieben wird.

Zunächst wird der geschichtliche Hintergrund zu dieser bewegten Zeit, in der die Ausstellung einzuordnen ist, herausgearbeitet um eine Basis zu schaffen, anhand der die Reaktionen des Publikums bzw. der Presse zu betrachten sind. Hierbei stütze ich mich vor allen Dingen auf das von Helga Bories-Sawala herausgegebene Werk „Ansichten vom Frankreich der Dreißiger Jahre“.

Des Weiteren wird es eine stark zusammengefasste Beschreibung der Ausstellung geben und ferner eine Erläuterung zu der Intention, die die Surrealisten mit ihrer Ausstellung verfolgt haben. Diese basieren größtenteils auf den Ausführungen von Uwe M. Schneedes „Die Kunst des Surrealismus“ und derer des „Gegen jede Vernunft“, welches von Reinhard Spieler und Barbara Auer herausgegeben worden ist.

Daran anschließen wird die bereits erwähnte Analyse bezüglich der Wirkung der Ausstellung auf die Zeitgenossen. Hierbei ist das ausführliche Werk von Annabelle Görgen „Exposition internationale du Surrealisme, Paris 1938“ von signifikanter Bedeutung, da sie dort ein Pressedossier zu der Ausstellung, welches Breton angefertigt hat, ausschnittsweise und übersetzt[2] abgedruckt hat.

2. Geschichtlicher Hintergrund

2.1. Politische Aspekte

Die Surrealistenausstellung ist in eine Zeit eingebettet, die sehr bewegt und unruhig war. Die Welt schien in verschiedene politische Lager gespalten zu sein, dies gilt nicht nur international, sondern auch für Frankreich selbst und überdies hinaus sogar für die Surrealistengruppe.

Die politische Konstellation Europas, das Bestehen von extrem rechten ebenso wie extrem linken Systemen ist bedeutend für diese Periode, welche oftmals auch als Zwischenkriegszeit bezeichnet wird. Die spürbaren politischen Konflikte spiegelten sich sehr eindeutig im spanischen Bürgerkrieg, der von 1936 bis 1939 ausgetragen wurde, wider[3]. Die faschistischen Staaten Deutschland und Italien unterstützten den militärischen Putsch unter Franco, die kommunistische Sowjetunion die demokratisch gewählte Republik. England bezieht eine neutrale Stellung und nach ersten anfänglichen Symphatiebestrebungen für die spanische Republik tut Frankreich es den Engländern gleich und nimmt eine neutrale Haltung ein. Dies ist unter anderen auf den ausgeprägten Pazifismusgedanken zurückzuführen, der seit den Schrecken des ersten Weltkrieges in ganz Frankreich verbreitet war.

Doch auch national gab es verschiedene Differenzen, von denen sich die Franzosen konfrontiert sahen. Rechte und linke Fraktionen kämpfen um die politische Macht, eine Regierung löst die nächste ab, die Weltwirtschaftskrise ist ebenfalls deutlich zu spüren und auch das Militär weist große Defizite auf. So ist es kein Wunder, dass die dreißiger Jahre von vielen französischen Zeitgenossen „als Zeit vielfältiger Bedrohungen“[4] wahrgenommen worden sind.

2.2 Künstlerische Aspekte

Auch die Kunst musste sich verschiedenen Veränderungen unterziehen. In Deutschland wurden der avantgardistisch modernen Kunst zugeschriebene Werke als „entartet“ deklamiert und großenteils zerstört. Viele Künstler sahen sich ihrer Lebensgrundlage entzogen, so dass sich viele dazu entschlossen, ins französische Exil zu gehen. Die Kunstmetropole Paris, deren Einfluss sich stetig zu verringern drohte, konnte folglich einen großen künstlerischen Aufschwung für sich verbuchen.

Bedeutend für die Zeit, in der die Surrealisten agierten, ist, dass die „Avantgarden der beiden ersten Jahrzehnte [...] ausgelaufen“[5] waren. Bis dato hatte man die moderne Kunst mit der immer weiter vorgenommenen Abstraktion gleichgesetzt, doch bedeutende Künstler wandten sich „veralteten“ Kunstrichtungen zu[6] und der Kunstbegriff erhielt eine neue Richtung.

Ebenso wurde das Zeitalter der Massenkultur eingeläutet. Radio, Fotografie und Film waren neue Medien, die die Gesellschaft im Sturm eroberten. Auch das Volkskino erreichte ein Massenpublikum.

2.3 Wirkung der Surrealisten

Die Surrealisten, die sich „verächtlich von allen früheren Avantgarden“[7] abwandten, hatten einen großen Einfluss auf ihre Zeit. Verschiedenste Publikationen so wie zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen streuten die surrealistische Kunst und dessen Theorien unter die Menge. Die Vertreter der Bewegung galten als anerkannte Künstler[8] und ihr Einfluss reichte ab dem Jahre 1925 bis ins internationale Ausland[9]. Ihre Bedeutung war so stark, dass sogar viele zeitgenössische Künstler, die nicht der Gruppe angehörten, sich an der Bewegung orientierten[10]. Bereits 1936 gab es einen immensen Andrang auf die Internationale Surrealistenausstellung in London, zu der insgesamt 30.000 Besucher erschienen sein sollen[11].

3. Die Internationale Surrealistenausstellung

3.1 Beschreibung

Die pariser Surrealistenausstellung 1938 lässt sich in drei verschiedene Sektionen einteilen.

Gleich am Anfang wurden die Besucher von den grellen Scheinwerfern des von Dali entworfenen Taxi Pluvieux, dem Regentaxi, empfangen. Im Inneren des alten und klapprigen Autos, welches tatsächlich vormals als Taxi diente, saßen zwei Schaufensterpuppen, auf die es unablässig regnete[12]. Im Fond befand sich eine starr grinsende, mit blonder zerzauster Flachsperücke und tief dekolletierter Abendgarderobe ausgestattete Frau inmitten von Chicoree und Salatköpfen. Chauffiert wurde sie vom männlichen Gegenpart mit phallisch-aggressivem Haifischkopf[13]. Schilf und Efeu bedeckten den Rest des Taxis. Zweihundert Weinbergschnecken hinterließen auf Puppen, Gemüse und Pflanzen ihre schleimigen Spuren.

Dali's Regentaxi[14]

Ein langer Gang innerhalb der Galerie bildet einen der zwei Hauptteile der Ausstellung. Hier wurden Schaufesterpuppen aufgereiht, von der jede Einzelne von einem anderen surrealistischen Künstler meist im bizarr-lasziven Stil gestaltet und dekoriert worden war[15]. Die Krönung dieser wurde laut Literatur von Masson vollzogen, dessen Schaufensterpuppe einen mit roten Zelluloidfischen ausgestatteten Vogelkäfig um den Kopf trug. Zusätzlich wuchsen unter der Puppe „aus einem Boden von groben Salzkörnern kleine, in Fallen gefangene rote Paprikaschoten, die sich wie viele winzige Erektionen zum Geschlecht der Puppe hinaufreckten.“[16]

Puppe von Andrè Masson[17] Puppen von Marcel Duchamp[18]

Über den Puppen waren Straßenschilder aufgehängt, deren Namen entweder auf real existierende Straßen verwiesen, die eine gewissen Bedeutung für die Surrealisten innehatten[19], oder sie waren fiktiv mit poetischem Charakter[20].

Der zweite Hauptraum wurde von Duchamp gestaltet und stellte eine Art Grotte dar, auf die Dali's Regentaxi bereits hindeutete. Der Boden war dicht mit welkem Laub bedeckt, verschiedenste surrealistische Objekte füllten den Raum und zwei prunkvolle Betten standen an dem angelegten Teich. Wie im Regentaxi kehrte sich hier das Außen nach Innen.

[...]


1 Vgl.: Nagel, Joachim: Wie erkenne ich? Die Kunst des Surrealismus, S. 15.

2 Wenn sie die Notwendigkeit hierfür sah. Artikel in englischer Sprache hat sie beispielsweise nicht übersetzt.

3 Vgl. Bories-Sawala, Helga (Hg.): Ansichten vom Frankreich der Dreißiger Jahre, S. 135.

4 Bories-Sawala, Helga (Hg.): Ansichten vom Frankreich der Dreißiger Jahre, S. 20.

5 Schneede, Uwe: Die Kunst des Surrealismus, S. 13.

6 Pablo Picasso nahm beispielsweise den Klassizismus in seine Werken auf, Max Beckmann die Vormoderne.

Vgl. Schneede, S. 13.

7 Schneede, Uwe: Die Kunst des Surrealismus, S. 14.

8 Vgl.: http://www.g26.ch/kunst_glossar_19.html

9 Vgl.: Görgen, Annabelle: Exposition Internationale du Surréalisme, S. 25.
Verschiedene Internetquellen gehen hier von einer anderen Jahreszahl aus. Laut ihnen waren die Surrealisten erst ab dem Jahr 1930 auch international bekannt
Vgl.: http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/bildung/berufsprofile/index,page=1252376.html
und http://www.g26.ch/kunst_glossar_19.html

10 Vgl. Görgen, Annabelle: Exposition Internationale du Surréalisme, S. 31.

11 Der Ausstellungskatalog für die Surrealistenausstellung in London ist unter http://www.romanianculture.org/downloads/Surrealism%20Catalogue.pdf zu finden.

12 Durch ein ausgereiftes System mit Röhren konnte dies erzielt werden.

13 Vgl. Appelbe, Uwe; Spieler, Reinhard: Gegen jede Vernunft. S. 20.

14 Abbildung unter http://www.khm.de/audiolectures/audiolectures02/01_bildmaterial/VL7_25_05_05_Abb_1-35_/bildlegende.html

15 Beispielsweise wurde Man Rays Puppe mit dicken Tränen ausgestattet, ihr Kopf mit Tonpfeifen und Glasblasen verziert. Wolgang Paalen ließ Pilze und Moos über seine Puppe wachsen, auf dem Kopf trug sie eine Fledermaus, die weit ihre Flügel ausstreckte.

16 Abadie, Daniel: Die internationale Surrealismus-Ausstellung, Paris 1938, in: Paris-Paris 1937-1957, München 1981, S.72; hier zit. nach Schneede, Uwe, In: Hegewisch, Katharina; Klüser, Bernd (Hg.): Die Kunst der Ausstellung, S. 96.

17 Abbildung unter http://www.schirn-magazin.de/kontext/surreale-dinge/

18 Abbildungen unter http://www.manray-photo.com/catalog/advanced_search_result.php?inc_subcat=1&products_themes=Compositions&largeur=1600&sort=3a&page=8

19 Beispielsweise räumen die Surrealisten ihrem Lieblingsort mit dem Straßenschild Passage des Panoramas einen Platz in ihrer Ausstellung ein, mit der Rue Nicolas-Flamel beziehen sich die Künstler auf einen Alchemisten, der ihrer Meinung nach surrealistische Poesie verfasst hat.

20 Hier sind die Rue de la Transfusion du Sang (Straße der Bulttransfusion) sowie die Rue de Tous les Diables (Straße Alle Teufel) zu nennen.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Exposition Internationale du Surréalisme in Paris 1938 und ihre Pressestimmen
Hochschule
Universität Bremen
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V172446
ISBN (eBook)
9783640923472
ISBN (Buch)
9783640923571
Dateigröße
1097 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Surrealismus, Marcel Duchamp, Ausstellung, Paris 1938, Surrealistenausstellung, Pressedossier
Arbeit zitieren
Rosa Bayer (Autor), 2010, Die Exposition Internationale du Surréalisme in Paris 1938 und ihre Pressestimmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172446

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Exposition Internationale du Surréalisme in Paris 1938 und ihre Pressestimmen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden