Die Zukunft Singapurs - Zukunftsszenarien


Seminararbeit, 2010

53 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund: Zukunftsforschung
2.1 Zukunftsforschung
2.2 Szenariotechnik

3. Schlüsselfaktoren
3.1 Gesellschaft
3.1.1 Arbeitsmigration und Integration
3.1.2 Soziale Gerechtigkeit
3.1.3 Zukunftsprojektionen
3.2 Politik
3.2.1 Außenbeziehungen und Autarkie
3.2.2 Innenpolitisches System
3.2.3 Zukunftsprojektionen
3.3 Ökonomie
3.3.1 Export: Protektionismus vs. Globalisierung
3.3.2 Fertigungsindustrie
3.3.3 Zukunftsprojektionen

4. Szenarien
4.1 Konsistenzanalyse
4.2 New Way of Life
4.3 Der Tiefe Fall des Tigers
4.4 Leistung ohne Ziel

5. Fazit: Strategieempfehlungen

6. Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Vier Phasen der Szenarioentwicklung

Abbildung 2: Zusammensetzung der Bevölkerung 1970 bis 2010

Abbildung 3: Gesellschaft: Schlüsselfaktoren und Zukunftsprojektionen

Abbildung 4: Politik: Schlüsselfaktoren und Zukunftsprojektionen

Abbildung 5: Anteil der Fertigungs-(blau) und Dienstleitungsindustrie (rot) am BIP Singapurs

Abbildung 6: Output der Fertigungscluster 1991-2005

Abbildung 7: Anteil der Industrie- (blau) und Dienstleistungsbeschäftigten (rot) an der Gesamtbeschäftigung Singapurs (in %)

Abbildung 8: Ökonomie: Schlüsselfaktoren und Zukunftsprojektionen

Abbildung 9: Konsistenz-Matrix

Abbildung 10: Drei Szenariobündel als mögliche Zukünfte Singapurs

Abbildung 11: Systemanalyse Singapur

Abbildung 12: Interessensphären und Militärpräsenz

Abbildung 13: Durchschnittliche Zollsätze der ASEAN-Staaten 1993-2003

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in Singapur

Tabelle 2: Ethnische Quoten der Ethnic Integration Policy

Tabelle 3: Gini-Koeffizient Singapur (1990-2000)

Tabelle 4: Monatliches Einkommen von Personen in einem Beschäftigungsverhältnis nach ihrem höchsten Schulabschluss

Tabelle 5: Dominanz der PAP im Parlament (1963-2001)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Singapur ist seit den 60er Jahren von einem gering entwickelten Stadtstaat zu einer prosperierenden Wirtschaft aufgestiegen. Das Pro-Kopf-Einkommen (PKE) der Bevölkerung stieg von ca. 400 US-Dollar in den 1960ern auf ca. 38.600 US-Dollar in 2008, was vergleichbar ist mit dem PKE der USA oder Japan.1 Das durchschnittliche Wachstum des Bruttoinlandsproduktes zwischen 1961 und 2008 betrug 7,87%.2 Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs sieht sich die singapurische Gesellschaft mit diversen Problemen konfrontiert. Hierzu gehört die schrumpfende inländische Bevölkerung, die rasante Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte und die immer weiter auseinander gehende Einkommensschere. Innenpolitisch herrscht seit 1965 die Peoples Action Party (PAP) und unterdrückt die Opposition. Außenpolitisch ist Singapur Mitglied in der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN), die Sicherheit gewährleisten sollte. Zwischenstaatliche Konflikte der Staaten gefährden jedoch die Stabilität des Bundes. Wie hängen diese Faktoren miteinander zusammen und welche Faktoren werden die Zukunft Singapurs beeinflussen?

In dieser Arbeit wird untersucht, welche möglichen Zukünfte sich für den Stadtstaat Singapur auf Grundlage des momentanen wissenschaftlichen Kenntnisstandes auf den Gebieten der Gesellschaft, Politik und Ökonomie ergeben. Ziel der Arbeit ist es maximal drei Szenarien zu erstellen, die die mögliche Zukunft Singapurs widerspiegeln könnten.

Kapitel 2 wird die theoretischen Grundlagen für die Arbeit darlegen. Es wird eine Definition der Zukunftsforschung gegeben und die Methodik der verwendeten Szenariotechnik erläutert. In Kapitel 3 werden die Schlüsselfaktoren bestimmt und erläutert, sowie jeweils verschiedene Zukunftsprojektionen erstellt. Basierend auf den Zukunftsprojektionen der Schlüsselfaktoren werden in Kapitel 4 drei Szenarien ermittelt und vorgestellt, die die möglichen Zukünfte Singapurs widerspiegeln könnten. Kapitel 5 zieht Schlussfolgerungen aus den erstellten Szenarien in Form von Strategieempfehlungen.

2. Theoretischer Hintergrund: Zukunftsforschung

In diesem Abschnitt werden theoretische Grundlagen, die der späteren Analyse als Fundament dienen, vorgestellt und erklärt.

2.1 Zukunftsforschung

Zukunftsforschung ist weniger eine eigenständige Wissenschaft als vielmehr eine universelle Disziplin, die sich all jener Wissenschaften und deren Methoden bedient, die bei der Erklärung und Darstellung von Zukunft dienlich sind.3 Die Zukunftsforschung versucht mögliche, wahrscheinliche und wünschenswerte Zukünfte darzustellen.4 Dabei ist das Ziel die entwickelten Zukunftsbilder zu operationalisieren und Strategien zu erstellen oder Orientierung für die Gesellschaft zu bieten. Entwicklungen in Politik, Gesellschaft, Ökonomie, aber auch dynamische, technologische Entwicklungen sowie soziale und kulturelle Entwicklungen stehen im Fokus der Zukunftsforschung. Veränderungen von Entwicklungen und deren Wirkung auf ein System, welches eine Volkswirtschaft, eine Branche oder ein Unternehmen sein kann, machen die Zukunftsforschung zu einem Instrument für die mittel- und langfristige Erforschung der Zukunft. Die Zukunftsforschung zeigt jedoch nicht die Zukunft im Einzelnen, sondern alternative Entwicklungsmöglichkeiten. Im Folgenden wird die Szenariotechnik als ein Element bzw. Werkzeug der Zukunftsforschung vorgestellt.

2.2 Szenariotechnik

Die Szenariotechnik ist eine Methode die Zukunft betreffend eines komplexen Sachverhaltes darzustellen, wenn quantitative Prognosemethoden nicht in der Lage sind dies zu ermöglichen.5 Bei der Szenariotechnik werden einzelne Szenarien als Kombination der Entwicklungsalternativen von Schlüsselfaktoren systematisch erstellt. So werden mögliche Zukünfte induktiv, also vom Allgemeinen zum Besonderen, ausgearbeitet. Der Prozess der Szenariotechnik besteht aus vier Phasen, die in Abbildung 1 veranschaulicht sind.

Abbildung 1: Vier Phasen der Szenarioentwicklung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung: In Anlehnung an: Fink; Siebe (2006): S. 38f.

Vor der ersten Phase gibt es Bedingungen, die geklärt werden müssen. Für wen werden die Szenarien erstellt und wofür werden diese verwendet? Im Falle dieser Arbeit richten sich die Szenarien an die wissenschaftliche Gemeinschaft und dienen somit einer allgemeinen Klärung eines komplexen Sachverhaltes. Die Szenarien sollen Orientierung geben und Strategieoptionen eröffnen und den Diskurs um die zukünftige Entwicklung Singapurs ergänzen. Weiterhin ist vorab festzulegen, welches Betrachtungsfeld bzw. welches Szenariofeld in dieser Arbeit vorliegt. Es wird die allgemeine Zukunft Singapurs als Szenariofeld betrachtet. Ebenfalls denkbar wären spezifische Szenariofelder, wie z.B. Szenarien für Branchen oder Produkte. Als nächstes wird der räumliche Fokus, für den die Szenarien gelten sollen, bestimmt. Der Fokus der Arbeit liegt auf Singapur mit seinen Nachbarn im ostasiatischen Raum. Als letzte, zu bestimmende Voraussetzung, muss der Zeithorizont definiert werden. Bei der Betrachtung von Branchen kann der Zeithorizont sich stark unterscheiden. Die IT- Branche ist innerhalb eines Zeitraumes von fünf Jahren bereits starken Veränderungen ausgesetzt, wohingegen bei z.B. der Luft- und Raumfahrt 20 oder mehr Jahre als langfristig angesehen werden können. Für einen Staat muss ähnlich wie für die Luft- und Raumfahrtbranche ein Zeitraum von 30 bis 40 Jahren festgesetzt werden. Veränderungen, wie z.B. neue politische Maßnahmen, Gesetzesänderungen, demografische Entwicklungen, neue Integrationsysteme, Änderungen der Zuwanderung oder neue ökonomische Zielsetzungen müssen zuerst initialisiert, dann umgesetzt werden und brauchen Zeit um ihre Wirkung zu entfalten. Sind diese Faktoren beschrieben bzw. festegelegt, kann mit der ersten Phase der Szenarioentwicklung begonnen werden.

Diese umfasst eine Systemanalyse und die Auswahl von Schlüsselfaktoren.6 Hierfür wird das System, welches den Staat Singapur umfasst beschrieben. Systemelemente können z.B. die Gesellschaft, Politik, Ökonomie, Technologie und Ökologie sein. Innerhalb dieser Systemelemente werden dann Einflussfaktoren ausgewählt, die die Entwicklungsmöglichkeiten des Szenariofeldes (Singapur) beschreiben. Ein Faktor ist dabei eine messbare oder beschreibbare Variable, die sich verändern kann. Die ausgewählten Schlüsselfaktoren müssen eng miteinander verbunden sein, damit prägnante Szenarien entstehen können. Faktoren, die sehr hohe Wirkung auf die Systemdynamik haben gelten als „sichere Schlüsselfaktoren“.7

Die zweite Phase beinhaltet die Entwicklung von alternativen Zukunftsprojektionen. Hierfür werden für die ausgewählten Schlüsselfaktoren systematisch zukünftige, mögliche Zustände beschrieben. Grundlage dieser Zukunftsprojektionen der Schlüsselfaktoren können z.B. Trends, Prognosen und Nachrichten sein. Die Anzahl der Zukunftsprojektionen je Schlüsselfaktor ist dabei variabel.

In der dritten Phase, der Verknüpfung der Zukunftsprojektionen zu Szenarien, werden die erstellten Zukunftsprojektionen gegeneinander abgewogen. Dies kann bei komplexen Szenarioprozessen mit einer Konsistenzmatrix-Software geschehen. Schematisch wird jede Zukunftsprojektion im Paarvergleich mit den anderen Zukunftsprojektionen daraufhin überprüft, ob diese sich gegenseitig unterstützen, nur teilweise voneinander abhängig sind oder totale Inkonsistenz vorherrscht. Die Bewertung basiert auf einer subjektiven Einschätzung, die in der gängigen Praxis durch eine Befragung mehrer Personen, meist Experten, verifiziert wird. Im Rahmen dieser Arbeit wurde aufgrund zeitlicher und quantitativer Beschränkungen nur die subjektive Bewertung des Autors als Grundlage für die weitere Analyse genutzt. Nach dem jeweiligen Vergleich können Bündel von zueinander passenden Zukunftsprojektionen erstellt werden, die Szenarien entsprechen. In dieser Arbeit ist die Anzahl von Szenarien auf maximal drei begrenzt.

In der letzten Phase werden die Szenarien und ihr Zusammenwirken analysiert. Die Präsentation der Szenarien kann in Form von Zukunftsgeschichten, die inhaltlich an den Zukunftsprojektionen orientiert sind, geschehen. Letztendlich werden aus den erstellten Szenarien Strategieempfehlungen für Singapur herausgearbeitet.

3. Schlüsselfaktoren

In diesem Kapitel werden die erste und zweite Phase der Szenariotechnik durchgeführt. Für die drei Bereiche Gesellschaft, Politik und Ökonomie werden jeweils Schlüsselfaktoren festgelegt und entsprechende Zukunftsprojektionen erarbeitet.

3.1 Gesellschaft

Der Systembereich Gesellschaft wird anhand von zwei Schlüsselfaktoren repräsentiert. Der erste lautet „Arbeitsmigration und Integration“ und der zweite „Soziale Gerechtigkeit“. Im Anschluss an die Beschreibung der Schlüsselfaktoren werden die Zukunftsprojektionen aufgezeigt.

3.1.1 Arbeitsmigration und Integration

1824 gründete die British East India Company Singapur, das mit nur einigen 100 Einwohnern bevölkert war.8 Singapur sollte die Funktion eines Handelsplatzes in Asien einnehmen. Die wachsende Bedeutung Singapurs resultierte in Strömen von Arbeitsmigration aus Süd-China, Malaysia, Indien und Java. Während der Kolonialpolitik trennten sich diese Ethnien in Bezug auf den Wohnort und die Arbeitsbereiche. Die chinesische Bevölkerung arbeitete hauptsächlich im Transport- und Handelssektor, die indische Bevölkerung in der Kolonialverwaltung und im Bausektor und die malaiische Bevölkerung im gering entlohnten landwirtschaftlichen Sektor.9 Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in Singapur im Zuge der Entkolonialisierung zu drei ethnisch-religiösen Ausschreitungen. 1950 bekämpften sich Muslime malaiischer Ethnie mit Eurasiern römisch-katholischer Konfession.10 1965 trat Singapur aus der mit Malaysia 1963 gegründeten Malaysischen Föderation aus.11 Dies führte zu Kämpfen zwischen Chinesen und Malaien, bei denen 36 Menschen starben und 563 verletzt wurden.12 Ursache dafür waren Ängste vor Übermacht der einen ethnischen Gruppe gegenüber der anderen. Chinesen fürchteten eine religiös-islamische Bewegung der Malaien und die Malaien fürchteten ihrerseits eine chinesische, politische Vorherrschaft mittels wirtschaftlicher Dominanz. Ähnliche Ängste führten 1969 zu erneuten Zusammenstößen.

Diese geschichtlichen Ereignisse machen deutlich, dass die ethnische Zusammensetzung der Gesellschaft in Singapur von großer Bedeutung ist. Aus Tabelle 1 (Anhang) ist zu entnehmen, dass die chinesische Bevölkerung mit einem Anteil von 74,1% (2010) aller Inländer in Singapur die numerische Mehrheit einnimmt. Direkt danach folgen die Malaien mit 13,4%, die Inder mit 9,2% und andere ethnische Gruppen mit 3,3%. Aufgrund der ethnischen Spannungen führte die ab den 60er Jahren regierende People`s Action Party (PAP) die Politik des CMIO(Chinese-Malay-Indian-Others)-Multiracialism ein, welche das Ziel hat eine nationale CMIO-Identität zu schaffen.13 Dieses in der Welt einzigartige Integrationssystem sah eine Wohnungsvergabe entsprechend einem Ethnienschlüssel (siehe Tabelle 2, Anhang) vor, der an der Ethnien-Zusammensetzung in der Bevölkerung orientiert ist. Das Housing and Development Board (HDB) begann eigens für diese Politik neue Wohnsiedlungen zu bauen und verteilte diese Wohnungen gemäß dem Ethnienschlüssel. Weiterhin wurde das System des Ethnienschlüssels auf Schulen und staatliche Massenorganisationen übertragen, um ein harmonisches Miteinander zu fördern.

Nachteile der CMIO-Politik sind die grobe Aufteilung der Ethnien in vier Gruppen, unter Missachtung der intraethnischen Unterschiede, sowie die Übervorteilung der chinesischen Bevölkerungsgruppe. Der Ethnienschlüssel berücksichtigt lediglich die CMI-Ethnien, indem Inder und Andere zu einer Gruppe verschmelzen. Die Begrenzung der Minderheiten in Wohnvierteln hat weiterhin auch Einfluss auf die politische Macht der indischen und malaiischen Bevölkerungsgruppe. Vorteile der CMIO-Politik in Singapur zeigen sich bei der Betrachtung der intraethnischen, religiösen, sowie sozioökonomischen Durchmischung der Bevölkerung, die in HDB-Wohnungssiedlungen wohnt, welches 2009 ca. 74% aller Singapurer waren.14

Die Betrachtung der ethnischen Spannungen der inländischen Bevölkerung Singapurs und die Vor- und Nachteile des entsprechenden Integrationssystems zeigen nur einen bedeutenden Teil der Gesellschaft in Singapur. Seit den 80er Jahren wurden verstärkt ausländische Arbeitskräfte in Singapur zugelassen.15 Die ausländische Bevölkerung machte 1990 ca. 11,7% der Gesamtbevölkerung aus und stieg bis 2010 auf ca. 35% an (siehe Abbildung 2).16 Die ausländischen Arbeitskräfte haben mit 2010 1.053.500 Arbeitskräften einen Anteil von 35,2% an der Gesamtbeschäftigung in Singapur.17 Anhand der Zahlen wird die Bedeutung der ausländischen Bevölkerung für die Gesellschaft in Singapur deutlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Zusammensetzung der Bevölkerung 1970 bis 2010

Quelle: Daten entnommen aus: Singapore Department of Statistics (2010).

Die ausländischen Arbeitskräfte werden politisch in zwei Gruppen unterteilt. Die erste Gruppe sind die Arbeiter, die weniger als 2500 Singapore-Dollar (SGD)18 verdienen. Sie bekommen eine Arbeitserlaubnis für zwei bis höchstens drei Jahre ausgestellt und müssen eine Lohnsteuer entrichten. Es dürfen keine Familienmitglieder nach Singapur nachreisen und die Heirat mit Inländern ist nur erlaubt, wenn der Staat dies genehmigt. Die zweite Gruppe besteht aus ausländischen Arbeitskräften, die mehr als 2500 SGD verdient.19 Sie erhalten einen Beschäftigungspass. Die gering verdienende Gruppe der Arbeitsmigranten muss teilweise unter sehr schlechten Lebensbedingungen arbeiten. Zehntausende von Bauarbeitern leben in behelfsmäßigen Unterkünften in der Nähe der Baustellen und können je nach konjunktureller Lage Singapurs entlassen werden.20 Zehntausende Hausmädchen, meist aus den Philippinen, müssen ihren Pass abgeben, haben kaum Freizeit oder werden eingesperrt und in manchen Fällen auch misshandelt.21 Der Großteil der ausländischen Arbeitskräfte ist der ersten Gruppe der gering Verdienenden zuzurechnen.22 Die zweite Gruppe besteht wiederum hauptsächlich aus hochqualifizierten und gut bezahlten ausländischen Arbeitskräften.23

Vorteile der ausländischen Arbeitskräfte bestehen darin, dass die Durchschnittslöhne gering gehalten werden können, dadurch die Produktionskosten und somit auch die Preise für Waren und Dienstleistungen minimiert werden können und schlussendlich die allgemeine Konkurrenzfähigkeit bei Exporten aufrechterhalten werden kann.24 Singapur ist außerdem aufgrund einer der niedrigsten Fertilitätsraten der Welt (2009: 1,22) auf die Zuwanderung als Ausgleich angewiesen. Nachteile der Zuwanderung bestehen hauptsächlich in sozialen Konflikten. Das starke numerische Ansteigen der Ausländer in Singapur hat die Zahl der Gesamtbevölkerung sprunghaft erhöht. Knapper und teuer werdender Wohnraum und Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze sind dabei nur einige Probleme einer schnell wachsenden Stadt. Im Falle Singapurs stellt sich die Frage, ob sich die inländische Bevölkerung nicht irgendwann von der Zahl der Ausländer bedroht fühlen wird.

Die vorab geschilderten gesellschaftlichen Kernmerkmale können zu einem Schlüsselfaktor zusammengefasst werden, der im Folgenden „Arbeitsmigration und Integration“ lauten wird. Dieser Faktor bezieht sich zum einen auf die ethnische Zusammensetzung der inländischen Bevölkerung und zum anderen auf die wachsende Schicht der ausländischen Bevölkerung und ausländischen Arbeitskräfte.

3.1.2 Soziale Gerechtigkeit

Trotz der wirtschaftlichen Erfolge Singapurs, wie steigende Durchschnitteinkommen, steigende PKE und generelles Wirtschaftswachstum, lässt sich erkennen, dass sich die Einkommensschere ausweitet. Erstes Indiz für diese These ist, dass der Gini-Koeffizient, welcher die Verteilung von Vermögen und Einkommen in der Gesellschaft abbildet, zwischen 1990 und 2000 von 0,44 auf 0,48 gestiegen ist (siehe Tabelle 3, Anhang). Dieser Wert ist im internationalen Vergleich mit anderen Industrieländern vergleichweise hoch.25 Wie lässt sich diese steigende Einkommensdisparität erklären? Im Zeitraum von 1990 bis 2000 stieg das durchschnittliche Einkommen eines inländischen Haushalts von 3076 SGD auf 4943 SGD (pro Monat), was einer jährlichen Wachstumsrate von ca. 5% entspricht.26 Wer jedoch profitierte von diesem Wachstum mehr oder weniger? Unter den ethnischen Gruppen der inländischen Bevölkerung lässt sich erkennen, dass die Anderen am meisten von Lohnzuwächsen profitieren, danach folgen die Chinesen, dann die Inder und letztendlich die malaiische Gruppe.27 Entsprechend der geringeren Beteiligung an Lohnsteigerungen weisen die Durchschnittgehälter der Malaien und Inder geringere Werte auf als die der Chinesen und Anderen. Weiterhin zeigt sich, dass aufgrund der Zuwanderung von billigen ausländischen Arbeitskräfte im Zeitraum von 1997 bis 2007 die Löhne von gering bezahlten Arbeitskräften um 0% gestiegen sind.28 Die Löhne von hoch qualifizierten Arbeitskräften profitierten jedoch aufgrund der Konkurrenz durch ausländische Arbeitskräfte und stiegen im gleichen Zeitraum um jährlich 1-2% an.29

Ein weiterer wichtiger Katalysator für die Vertiefung der Einkommensdisparitäten ist die hohe Korrelation zwischen Einkommen und Bildungsniveau. Tabelle 4 (Anhang) zeigt, dass in Singapur das monatliche Einkommen im hohem Maße vom Bildungsniveau abhängt. 18% der Personen die weniger als 400$ verdienten hatten keinen oder einen sehr niedrigen Schulabschluss, wohingegen 28% der Personen mit einem Einkommen von mehr als 6000$ einen akademischen Grad besaßen.

Die Ausweitung von Armut im Zuge stagnierender Löhne im unteren Lohnsegment wird Singapur mit der Frage konfrontieren, ab wann sich die Gesellschaft diese Bevölkerungsschicht nicht mehr leisten kann.

Unter diesem Aspekt muss das soziale Sicherungssystem bzw. der Central Provident Fund (CPF) näher betrachtet werden. Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen zu sich ändernden Raten einen Anteil, gemessen am Gehalt, in den CPF ein. Jeder Arbeitnehmer bzw. Singapurer hat sein eigenes CPF-Konto. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das CPF-System zu einem Steuerungssegment für die Sparquote und für die Konkurrenzfähigkeit der Löhne. Z.B. wurde 1986 der Anteil der Arbeitgeber von 25% auf 10% gesenkt, um die Löhne im internationalen Vergleich zu senken.30 Die Verwendung der Gelder der Konten wurde immer stärker liberalisiert, so dass ab 1993 ein Teil für den Erwerb von Wohnraum genutzt werden konnte.31 Durch die Liberalisierung der CPF-Konten konnten sich große Teile der Bevölkerung Wohnungen leisten, reduzierten aber gleichzeitig ihre liquiden Mittel für die Altersvorsorge. Dieses Problem stellt das soziale Sicherungssystem Singapurs auf die Probe und erfordert Ausgleichsmaßnahmen.

Die sich verstärkenden Einkommensdisparitäten zwischen Inländern und Ausländern, CMIO-Ethnien und Bildungsschichten bilden ein Kernproblem der Gesellschaft in Singapur. Deshalb wurden diese Aspekte im Schlüsselfaktor „Soziale Gerechtigkeit“ zusammengefasst.

3.1.3 Zukunftsprojektionen

Für die Schlüsselfaktoren „Arbeitsmigration und Integration“ und „Soziale Gerechtigkeit“ lassen sich je drei mögliche Zukunftsprojektionen beschreiben:

„Singapurs Gesellschaft ist überfordert mit der hohen Zuwanderungsrate“:

Aufgrund der schrumpfenden inländischen Gesellschaft nimmt der Anteil von Ausländern in Singapur drastisch zu. Das CMIO-Integrationssystem scheitert an der Eingliederung von permanent in Singapur lebenden Ausländern, die auf eigenen Quoten, nicht gebunden an die indische Ethnie, pocht. Der Anteil von unqualifizierten ausländischen Arbeitskräften nimmt immer weiter zu und die Kontrolle dieser Gruppe ist nicht mehr gewährleistet. Es kommt zu einer Erhöhung der Kriminalitätsrate und zu Kämpfen zwischen In- und Ausländern.

„Integration mit Konflikten und Spannungen“:

Die ausländische Bevölkerung macht mehr als 60% der Bevölkerung in Singapur aus. Die CMIO-Gesellschaft ist zu einer Nation zusammengewachsen und sie betrachten sich als Singapurer. Diese Singapurer fühlen sich durch die Ausländer bedroht. Es kommt zu Konflikten und Spannungen zwischen In- und Ausländern, die zu strengeren Zuwanderungsvorschriften führen. Die Zahl der Ausländer nimmt seitdem ab.

„Zuwanderungsströme werden mit Hilfe von Social Engineering aufgefangen“:

Die Zunahme von Ausländern und die stetige Eingliederung dieser in die inländische Bevölkerung wird mit Hilfe des Integrationssystems aufgefangen. Das CMIO-System wird um die Kategorie Andere erweitert, um der wachsenden Gruppe Tribut zu zollen. Die gering qualifizierten ausländischen Arbeitskräfte bekommen mehr Arbeitsrechte zugesprochen und im Stadtbild Singapurs wird für sie Raum in Form von Wohnanlagen geschaffen, die mit Hilfe von Steuern finanziert werden, die wiederum alle ausländischen Arbeitskräfte betreffen.

„Unterschiede zwischen Arm und Reich nehmen zu - Kampf der Klassen“:

Die Zunahme der Einkommensunterschiede haben die Gesellschaft in Singapur gespalten. Ein Gro ß teil derärmeren Schicht kann seinen erlangten Wohnbesitz nicht mehr halten und muss diesen verkaufen. Aufgrund des Ethnienschlüssels dürfen Malaien und Inder in Wohnblocks mit vielen Chinesen ihre Wohnungen nur an gleiche Ethnien verkaufen, was den Verkaufsmarkt und -erlös verringert. Da dies insbesondere Malaien und Inder betrifft, kommt es zu Ausschreitungen und Forderungen nach Subventionen. Die Regierung antwortet mit Härte und schlägt die Protestierenden nieder. Dies facht die Wut weiterer benachteiligter armer Menschen, die unterbezahlten ausländischen Arbeitskräfte, an, die sich mit den armen Inländern solidarisieren. Singapur versinkt im Kampf der Ethnien und Schichten.

„Steigende Subventionen für die Unter- und Mittelschicht“:

Die verarmende Unter- und Mittelschicht kann nicht mehr ohne Subventionen des Staates leben. Die Regierung initiiert Programme zur Stützung dieser Schicht. Kapazitäten des sich vergr öß ernden Bildungssektors werden genutzt um das Bildungsniveau der armen Bevölkerung zu heben. Zuschüsse für den Wohnraum werden durch Steuern auf die ausländischen Arbeitskräfte und aus dem CPF finanziert. Es kommt zu einer Reduzierung des Gini-Koeffizienten.

„Einführung eines umfassenden Altersvorsorgesystems“:

Die Regierung Singapurs fürchtet die Verarmung der Gesellschaft und reguliert die Nutzung der CPF-Konten, so dass diese zu einem reinen Altersvorsorgesystem umstrukturiert werden. Die Einführung eines Spitzensteuersatzes für Reiche zur Finanzierung von sozialen Programmen schafft Spielraum für ein soziales Netz für Arme.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Gesellschaft: Schlüsselfaktoren und Zukunftsprojektionen

Quelle: Eigene Darstellung.

3.2 Politik

Der Systembereich Politik wird im Folgenden von den zwei Schlüsselfaktoren „Außenbeziehungen und Autarkie“ und „Innenpolitisches System“ dargestellt. Daraufhin folgen die jeweiligen Zukunftsprojektionen der Schlüsselfaktoren.

3.2.1 Außenbeziehungen und Autarkie

Nach der Entkolonialisierung und Unabhängigkeit Singapurs wurde deutlich, welch instabiles Konstrukt Singapur darstellt.

[...]


1 Vgl. Worldbank (o.J.).

2 Ebd.

3 Vgl. Mietner (2009): S. 25ff.

4 Ebd.

5 Vgl. Kosow, Gaßner (2008): S.71ff.

6 Vgl. Fink; Siebe (2006): S. 38ff.

7 Ebd.

8 Vgl. Zur-Lienen (2002): S. 1ff.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Vgl. Zur-Lienen (2002): S. 1ff.

13 Ebd.

14 Vgl. Singapore Department of Statistics (2010): S.7f.

15 Vgl. Bercuson (1995): S.29f.

16 Vgl. Singapore Department of Statistics (2010): S.1f.

17 Ebd.

18 Vgl. Lange; Weykopf (2003): S.10ff.

19 Vgl. Lange; Weykopf (2003): S.10ff.

20 Ebd.

21 Ebd.

22 Ebd.

23 Ebd.

24 Vgl. Abeysinghe; Choy (2007): S.135ff.

25 Vgl. Peebles; Wilson (2002): S.151.

26 Ebd.: S.148.

27 Ebd.

28 Vgl. Ministry of Manpower (2007): S.50.

29 Ebd.

30 Vgl. Peebles; Wilson (2002): S.91.

31 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Die Zukunft Singapurs - Zukunftsszenarien
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Wirtschaft Ostasiens)
Veranstaltung
Ausgewählte Entwicklungsprobleme des ostasiatischen Raums
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
53
Katalognummer
V172486
ISBN (eBook)
9783640923779
ISBN (Buch)
9783640923663
Dateigröße
4435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Singapur, Zukunftsforschung, ASEAN, Ostasien
Arbeit zitieren
Bachelor Dirk Erdmann (Autor), 2010, Die Zukunft Singapurs - Zukunftsszenarien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172486

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