Gewinnen Zeitungen Wahlen?

Der Einfluss der Presse in Großbritannien auf das Wahlverhalten ihrer Leser


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Großbritannien im liberalen Medienmodell
2.1 Das liberale Modell als Idealtyp einer unabhängigen Berichterstattung
2.2 Kennzeichen der britischen Presselandschaft
2.3 Der Dualismus des Rundfunkmarktes

3. Der Einfluss der britischen Presse in Wahlkampagnen
3.1 Theoretische Annahmen über den Einfluss von Printmedien auf ihre Leser
3.2 Die Berichterstattung der britischen Presse in den Wahlkämpfen von 1992 - 2005
3.3 Empirische Ergebnisse der Wahlforschung - beeinflussen Zeitungen das Wahlverhalten ihrer Leser?

4. Schlussfolgerungen und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die britische Presselandschaft und insbesondere die Boulevardpresse ist europaweit bekannt für ihre politische Parteinahme, die sich in teilweise bissigen und scharf formulierten Schlagzeilen äußert. Eine der wohl bekanntesten ist eine Schlagzeile der SUN im Rahmen der Wahlen aus dem Jahr 1992. Diese rühmte sich damit, entscheidend zum Wahlsieg der Konservativen in Folge einer diffamierenden Kampagne gegen den Spitzenkandidaten der Labour-Partei beigetragen zu haben (IT’S THE SUN WOT WON IT). In der Folge wurde die lange Tradition der Einmischung in die Wahlkämpfe fortgeführt, allerdings mit Parteinahme für die Labour-Partei durch viele Boulevardzeitungen. Diese Form der Einflussnahme bis hin zu konkreten Wahlaufforderungen ist für kontinentaleuropäische Länder äußerst ungewöhnlich. Doch auch Großbritannien, das im Rahmen diverser Typologien von Medienlandschaften zu den liberalen und damit vorbildhaften Modellen gezählt wird, stellt in diesem Bereich eine Ausnahme dar, da diesen Modellen Annahmen zur Unabhängigkeit und Objektivität der Medien zugrunde liegen. Wie ist daher die stark ausgeprägte Parteilichkeit der britischen Presse zu begründen? Welche Auswirkungen hat diese auf die politischen Kommunikatoren und die britischen Wähler? Sind Kampagnen von Zeitungen wahlentscheidend und damit auf eine Stufe mit den Kampagnen der Parteien zu stellen?

Die vorliegende Arbeit soll diese und weitere Fragen beantworten und insbesondere die Auswirkungen der politischen Parteinahme auf das Wahlverhalten und die Einstellungen der Bürger illustrieren. Im ersten Teil der Arbeit soll das britische Mediensystem vorgestellt und in den Kontext der liberalen Medienmodelle eingeordnet werden. Im zweiten Teil soll anhand von Untersuchungen der letzten vier britischen Wahlen und einiger weiterer Studien auf den Einfluss der (politischen) Pressekampagnen auf Wahlverhalten und Einstellungen der Bürger eingegangen werden. Zum Abschluss werden die dargestellten Ergebnisse diskutiert und einer kritischen Betrachtung unterzogen.

2. Großbritannien im liberalen Medienmodell

2.1 Das liberale Modell als Idealtyp einer unabhängigen Berichterstattung

Bei der Betrachtung von Medien, sowohl in verschiedenen europäischen Ländern als auch im Rest der Welt, lassen sich beträchtliche Unterschiede feststellen. Diese treten zum einen in Art und Verwendung, im Angebot bzw. den Märkten von Medien, aber auch in deren Verhältnis zur Politik in den jeweiligen Ländern auf. Politische Akteure üben unterschiedlichen Einfluss und Regulierungen auf Medien aus, umgekehrt beeinflussen Akteure der Medien das politische System ebenfalls in nicht unerheblichem Maße. Um diese Faktoren einzuordnen, bedienen sich (Politik)Wissenschaftler Modellen und Typologien. Ziel einer solchen Typologie ist es Systeme mit ähnlichen Merkmalen zusammenzufassen, um diese von andersartigen Systemen abzugrenzen und so die bestehenden Verhältnisse eines Systems besser erklären zu können.

Eine der bekanntesten Typologien von Mediensystemen stammt von Hallin und Mancini (2005), die drei Systemtypen anhand von vier Merkmalen herausgearbeitet haben. Neben den liberalen Mediensystemen, die vor allem auf der britischen Insel und Nordamerika verbreitet sind, sind dies die demokratrisch-korporatistischen bzw. nord- und zentraleuropäischen und die polarisiert-pluralistischen bzw. mediterranen Medienmodelle. Hinzu kommen nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten in Osteuropa und der Annäherung dieser Staaten an Europa und die EU, die transformatorischen Medienmodelle, deren (Medien)Systeme sich noch im Umbruch befinden. Die vier Unterscheidungskriterien dieser Typologie sind die massenmediale Entwicklung in einem Staat, die Rolle, die ebendieser in Bezug auf die Medien einnimmt, der Professionalisierungsgrad der Medieneinrichtungen und Journalisten in Bezug auf ihren Beruf und zuletzt der politische Parallelismus, d.h. inwieweit gesellschaftliche und politische Strukturen durch die Medien abgebildet werden (vgl. Hallin/Mancini 2005: 21ff.).

Die Entwicklung der Massenmedien in liberalen Modellen vollzog sich im Vergleich zu anderen Systemen sehr frühzeitig. Es wird davon ausgegangen, dass diese Entwicklung allerdings nicht primär vom Staat gesteuert wurde, sondern dieser freie Märkte für Medien förderte. Dementsprechend sind Medien in liberalen Systemen am Markt ausgerichtet und bereits früh kommerzialisiert worden. Die Ausrichtung an den Prinzipen des Marktes und der hohe Grad der Kommerzialisierung führten zu einer Orientierung an einem Massenpublikum, um möglichst hohe Auflagenzahlen bzw. Zuschauerzahlen zu erzielen (vgl. Hallin/Mancini 2005: 198ff.; Tenscher 2008: 7-9). Für Großbritannien können diese Annahmen größtenteils als erfüllt angesehen werden. Bereits Ende des 17.Jhd. wurden mit der Aufhebung der staatlichen Lizenzierung der Presse bedeutende Schritte in Richtung Pressefreiheit vollzogen (vgl. Hallin/Mancini 2005: 199). Ende des 19.Jhd. und zu Beginn des 20.Jhd. war die Presse durch die Gründung privater kommerzieller Unternehmen (unbeeinflusst vom Staat) zum Massenmedium geworden. Der Rundfunk folgte wenig später im Jahr 1927 mit der Gründung der BBC (British Broadcasting Corporation), die allerdings lange Zeit eine Monopolstellung inne hatte und erst 1954 private und kommerzielle Anbieter zuließ (vgl. Humphreys 2004: 326, 329).

In Bezug auf die Rolle des Staates bzw. staatlichen Interventionismus zeichnen sich liberale Modelle durch ein geringes Maß an ebendiesem aus, d.h. die Mediengesetzgebung ist liberal und auf freien Wettbewerb hin ausgerichtet. Einschränkungen wie Zensur oder Medien, die in staatlicher Hand liegen oder durch diesen massiv beeinflusst werden, gibt es nicht oder sind nur sehr gering ausgeprägt (vgl. Hallin/Mancini 2005: 228). In diesem Punkt ist das britische Mediensystem zweigeteilt. Während im Bereich der Presse der Einfluss des Staates sehr gering ist und diese vollständig in privater Hand liegt, gibt es auf Seiten des Rundfunkmarktes die BBC als starken öffentlichen Rundfunk, der im Vergleich zu den privaten Rundfunkstationen große Zuschaueranteile verzeichnet. Auf diesen Dualismus, der grundlegender Bestandteil des britischen Mediensystems ist, wird in dem folgenden Kapitel noch genauer eingegangen.

Professionalisierung als weiteres wichtiges Unterscheidungskriterium bei der Typologie von Mediensystemen, drückt sich im liberalen Medienmodell durch einen hohen Grad an Selbstregulierung und Unabhängigkeit vom Staat aus. Dies zeigt sich darin, dass Journalisten Standards für ihren Beruf und ihre Berichterstattung selbstständig und ohne staatliche Kontrolle festlegen. In Großbritannien sind diese Annahmen weitgehend erfüllt und äußern sich beispielsweise in der Einrichtung der PCC (Press Complaints Commission, vergleichbar mit einem Presserat) oder die freiwillige Bindung an „Presse- Kodizes“ (vgl. Hallin/Mancini 2005: 217ff.,224).

Ein für diese Untersuchung zentrales Kriterium ist der politische Parallelismus, d.h. „(…) the extent to which the media system reflects the major political divisions in society“ (Hallin/Mancini 2005: 21). Im liberalen Medienmodell ist dieser politische Parallelismus gering, da die Medien sich an ein Massenpublikum richten und sich nicht als Vertreter von Partikularinteressen sehen. In diesem Punkt liegt die bedeutendste Abweichung Großbritanniens von den Modellannahmen. Während diese für den Rundfunk noch größtenteils Anwendung finden, ist die Presse stark parteiorientiert und spricht sogar offen Wahlempfehlungen aus. Gründe hierfür liegen in der besonderen Struktur des britischen Pressemarktes, insbesondere der Eigentumsverhältnisse von Verlagen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass liberale Medienmodelle sich durch einen hohen Grad an Unabhängigkeit vom Staat und kommerzieller Orientierung auszeichnen. Ebenso kennzeichnend ist das Selbstverständnis der Journalisten eine „(…) neutral authority as representatives of the public standing apart from partisan and secterian interests(…)“ zu sein (Hallin/Mancini 2005: 233f.). Die zum Teil enormen Abweichungen der britischen Presse von diesen Modellannahmen, insbesondere deren parteipolitische Ausrichtungen, sollen im folgenden Kapitel genauer untersucht werden.

2.2 Kennzeichen der britischen Presselandschaft

Entgegen der Modellannahmen in Bezug auf den politischen Parallelismus ist der britische Pressemarkt stratifiziert. So wird zwischen Qualitätszeitungen („broadsheets“) und Boulevardzeitungen („tabloids“) unterschieden, die sich an unterschiedliche gesellschaftliche Schichten richten und von diesen auch entsprechend genutzt werden. Deutlich nachweisbar ist ein Zusammenhang zwischen der Bildung der Leser und dem von ihnen genutzten Medium, d.h. Leser mit einem niedrigeren Bildungsabschluss nutzen eher tabloids, während Leser mit höherem Bildungsabschluss eher der Qualitätspresse zugeneigt sind (vgl. Budge 2007: 302f.). Als Folge der hohen Publikumsorientierung der britischen Presse ist die Qualitätspresse in ihrer Berichterstattung differenzierter, während die Boulevardpresse eher sensationalistisch und skandalorientiert ist („tabloidization“). Wie an den hohen Auflagenzahlen, die die höchsten in ganz Europa sind, ablesbar ist, dominieren die tabloids den Pressemarkt, auch wenn erstere seit Jahren rückläufig sind (siehe Abbildung 1). Eine Beeinflussung der Wählerschaft scheint aufgrund der hohen Auflagen der britischen Zeitungen durchaus plausibel, auch wenn zu beachten ist, dass deren Reichweite im europäischen Vergleich eher niedrig ist. Eine Beeinflussung durch Boulevardzeitungen ist auch deshalb denkbar, da deren Leserschaft weniger festgelegt in ihrer Wahlabsicht ist als Leser von Qualitätszeitungen (vgl. Brettschneider/Wagner 2005: 228).

Ein weiteres Kennzeichen des britischen Pressemarktes ist die hohe Konzentration sowohl des nationalen als auch des regionalen Marktes in Bezug auf die Eigentümerstruktur. So befanden sich im Jahr 2005 87% des Marktes in den Händen der vier größten Unternehmen, mit der von Rupert Murdoch geführten News International (u.a. mit der Sun und der Times) an der Spitze (vgl. Humphreys 2006: 322). Diese starke Konzentration des Pressemarktes führte einerseits zu der bereits erwähnten „tabloidization“, d.h. der Fokussierung auf skandalträchtige Themen, Prominente und Sex, andererseits verstärkte sie die parteipolitische Nähe, die die meisten Zeitungen pflegen. Gründe für diese beiden Phänomene sind einerseits der Drang sich zu positionieren, um auf dem hart umkämpften Markt zu bestehen, andererseits die politische Nähe bzw.

Linie, die viele Eigentümer durchsetzen wollen (vgl. Budge 2007: 310).

Abbildung 1: Auflage und Leserschaft der zehn größten Tageszeitungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eig ene Darstellung n ach Butler/Kavanagh (1997, 2005)

Aufgrund der frühen Entwicklung einer kommerziellen Presse und dem damit verbundenen starken Wettbewerb, haben diese Strukturen eine lange Tradition. Bereits Anfang des 20.Jhd. beeinflussten große Eigentümer die politische Ausrichtung ihrer Zeitungen, die sich daraufhin einer der beiden großen Parteien annäherten und diese offen unterstützten. Bis zur Mitte der 1990er Jahre unterstützte ein Großteil der britischen Zeitungen die Konservativen, mit dem Aufkommen von New-Labour unter Tony Blair gewann die Labour Partei jedoch viele bedeutende Unterstützer unter den Presseeigentümern (vgl. Humphreys 2006: 317f.). Interessant ist, dass es trotz der Stratifizierung des Pressemarktes kaum Zeitungen gibt, die die Liberalen unterstützen, obwohl diese keinesfalls politisch bedeutungslose Positionen vertreten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Gewinnen Zeitungen Wahlen?
Untertitel
Der Einfluss der Presse in Großbritannien auf das Wahlverhalten ihrer Leser
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politische Kommunikation und Öffentlichkeit in Europa
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V172547
ISBN (eBook)
9783640924820
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mediensysteme, Politische Kommunikation, Medienwirkung, Großbritannien, tabloids, Presse, Wahlkampf, Agenda Setting, Reinforcement Theorie, Wahlforschung
Arbeit zitieren
Matthias Balzer (Autor), 2008, Gewinnen Zeitungen Wahlen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172547

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