Diskussion der Fragestellung "Zeitgeschichte ist Streitgeschichte" von Martin Sabrow am Beispiel der sog. Goldhagen-Kontroverse


Essay, 2009
6 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

„Zeitgeschichte ist Streitgeschichte“.

Diskutieren Sie diese Fragestellung von Martin Sabrow am Beispiel der sog. Goldhagen-Kontroverse.

Martin Sabrow hat sich 2003 in seinem Werk „Zeitgeschichte als Streitgeschichte“ mit dem Thema der Zeitgeschichte und dieses als Streitgeschichte beschäftigt. In diesem Werk setzt er sich auch mit der Kontroverse über das Werk „Hitlers willige Vollstrecker – Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ (Englisch: Hitler´s Willing Executioners) von Daniel Jonah Goldhagen von 1996 auseinander. Es handelt zum einen von der Alleinschuld Hitlers am 3. Reich bzw. am Zweiten Weltkrieg sowie zum anderen von der Kollektivschuld der Deutschen, die alle Schichten der Gesellschaft betraf.

Daniel Goldhagen lebt in den USA, aber sein Vater erlebte den Nationalsozialismus als Jude in Deutschland mit. Mit dem erst erwähnten Buch sorgte Goldhagen 1996 in Deutschland für eine erneute Debatte über die Ursachen des Holocaust. Daniel Goldhagen gibt darin allen Deutschen die Verantwortung für den Holocaust und spricht von einem „eliminatorischem Antisemitismus“.

Hans Rothfeld definiert Zeitgeschichte als „Epoche der Mitlebenden“ und „als ein Zeitalter krisenhafter Erschütterung und einer eben darin sehr wesentlich begründeten universalen Konstellation.“ (Sabrow 1996, S. 245). Zeitgeschichte ist wegen ihrer Nähe zu den Ereignissen, ihrer aktuellen politischen Bezüge und des unvollständigen Quellenzugangs besonders für den Meinungsstreit vorherbestimmt. Außerdem dient sie auch zur wissenschaftlichen Aufklärung. Die Zeitgeschichte rückt immer mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft, die ihre gebrochene Vergangenheit längst nicht mehr verdrängt, sondern im Gegenteil anhaltend und kontrovers zu begreifen sucht. Auf Grund dieser hohen Aufmerksamkeit der Gesellschaft und auch der Medien kann Zeitgeschichte zur Streitgeschichte werden.

Das Phänomen der Medien wirkte auch in der Goldhagen-Kontroverse. Der Streit über das Buch wurde vor allem in den Medien ausgetragen, an dem sich sowohl Publizisten als auch professionelle Historiker beteiligten. Es wirkte schon wie eine mediale Inszenierung.

Daniel Goldhagen schafft mit seinem Buch den Höhepunkt der Debatte um die NS-Vergangenheit. Goldhagen traf den Nerv der Zeit. Er lag in nahezu jeder Hinsicht quer zur empirischen Holocaustforschung.

Für ihn ist es eine Schande, dass so viele Millionen Menschen in Deutschland wegsahen, was dort geschah, und so sind nach seiner Auffassung doch fast alle Deutschen schuldig geworden. Er behauptet, in Deutschland gäbe es die radikalsten Antisemiten der Geschichte. Die Mehrheit der Bevölkerung denke schlecht von den Juden. Der Holocaust und die physische Auslöschung der Juden seien ein nationales Projekt gewesen. Dieser Streit spaltet auch das Publikum und die Wissenschaft. Das Publikum ist begeistert von Goldhagens Aussagen, doch die Wissenschaft stellt sie in Frage und meint, er habe nicht gut genug recherchiert. Doch diese Debatte war nicht wissenschaftlich fruchtlos. In ihrer Konsequenz wurde dann deutlicher geforscht und dies führte zu neuen wichtigen Ergebnissen.

Für seine Sympathisanten stellte er die richtigen Fragen: Was wussten die Deutschen vom Holocaust? Wie viele Deutsche waren am Holocaust direkt oder auch indirekt beteiligt? War der Massenmord an den Juden im kollektiven Bewusstsein der deutschen Nation angelegt? Dieser Streit sucht letztlich die richtigen Antworten.

Dabei wird davon ausgegangen, dass die Endlösung, und damit das bewusste Töten der Juden, von ganz normalen Deutschen durchgeführt wurde. Goldhagen ist davon überzeugt, dass es sich bei den in seinem Fallbeispiel betrachteten Mitgliedern des Hamburger Reservepolizeibataillons 101 um ganz »normale« deutsche Männer gehandelt habe, die den »Vernichtungsantisemitismus« verinnerlicht und deshalb keine Bedenken bei seiner Durchführung gehabt hätten, sich demzufolge an den Mordaktionen zu beteiligen. (Vgl. Schoeps 1996, S. 10) Eine seiner Theorien ist demnach, dass Polizisten ganz normale Menschen sind und aus allen Schichten der Bevölkerung kommen. So kann man daraus, dass alle Deutschen antisemitischer Einstellung wären. 38 Polizeibataillone waren an der Endlösung beteiligt, von denen jedes aus etwa 500 Männer bestand. Insgesamt waren also 19.000 Männer daran beteiligt. Ihre Aufgabe war es, das besetzte Gebiet hinter der deutschen Front zu säubern und dabei systematisch alle jüdischen Männer, Frauen und Kinder zu erschießen, die sie finden konnten. Die Vernichtung der Juden erschiene ihnen sinnvoll - laut Goldhagen. Diese Mörder waren aber auch gelernte und ungelernte Arbeiter, Kaufleute, Bauern usw., die an ihren Wohnorten als Ordnungspolizei rekrutiert wurden. Sie stammten aus allen Schichten der Bevölkerung. Dass sich die meisten von ihnen damit herausredeten, dass sie dazu gezwungen wurden, sei eine bloße Schutzbehauptung. Die Deutschen wurden nicht gezwungen Juden, zu töten, sie taten es – Goldhagen zufolge - freiwillig und waren damit willige Vollstrecker. Sie führten ihre Befehle mit Stolz aus in der Überzeugung, dass Richtige zu tun. Ohne die Bereitschaft von Hunderttausend Deutschen hätte die Vernichtung von Juden nicht derart reibungslos vonstatten gehen können, sagt Goldhagen. So war es auch nicht verwunderlich, dass viele akzeptierten, dass Juden auch in den Arbeitslagen die niedrigste Stellung einnahmen und dort grausam und demütigend behandelt wurden. Sie sollten durch Arbeit vernichtet werden. Somit geht Goldhagen davon aus, dass es den meisten Deutschen bewusst war, was in ihrem Land mit den Minderheiten und ganz besonders mit den Juden geschah.

Somit sind alle Deutschen seiner Meinung nach in gleichem Maße schuldig. Die bisherige Holocaustforschung hat aber noch keine Antwort für die Rolle des Antisemitismus in der Deutschen Geschichte. Damit bleibt die Schuldfrage bzw. die Frage nach der Mitschuld vieler Deutscher weiterhin eine Streitfrage.

Doch Goldhagen übersieht dabei, dass nicht nur Juden Opfer waren, sondern auch noch andere Bevölkerungsgruppen und -schichten wie zum Beispiel Sinti und Roma, Aufständische, Behinderte, Homosexuelle usw. Er meint, dass die Deutschen sich nur auf die Juden konzentriert hätten und dass sie schon lange vor der NS-Zeit antisemitisch waren. Goldhagen geht nur von einer antisemitischen und nicht von einer rassistischen Politik aus.

Er erwähnt auch nicht die Widerstandsgruppen, die es in Deutschland nachweislich gab, wie zum Beispiel die Mitglieder in der „Weißen Rose“ oder die Gruppierung um Stauffenberg bzw. die vielen Einzelaktionen im aktiven, aber auch im passiven Widerstand. Goldhagens Betrachtungsweise bleibt sehr einseitig und zu sehr auf seine eigene persönliche Meinung zugeschnitten.

Ebenso wenig Beachtung bei seinen Ausführungen findet der Antisemitismus in den anderen Ländern, den es auch dort gab.

Für Deutschlands Machtkampf sei auch die „Mittellage“ Deutschlands entscheidend gewesen. Diese Behauptung wird im Werk von Wolfgang Wippermann angeführt. Diese war seiner Meinung nach eine Bedrohung für Deutschland, und deshalb sei die Mittellage ausschlaggebend für das deutsche Schicksal gewesen. Auch die geografische Mittelage sei von Bedeutung, denn 1914 wurde Deutschland von anderen Großmächten regelrecht eingekreist. Dabei ging es um Landvergrößerung für Deutschland, um mit den anderen Großmächten, wie der USA, Russland und England, mithalten zu können. Des Weiteren ging es um die Beherrschung Mitteleuropas. Deutschland war wegen seiner geografischen Lage und der Anzahl der Nachbarn immer gezwungen gewesen, Bündnisse einzugehen, da es eben nur eine Mittelmacht war. Goldhagen zeigte besonders Deutschlands Imperialansprüche und das brutale Vorgehen im Osten.

Seine Thesen lösten international und besonders in deutschen Medien und bei den deutschen Historikern zum Teil heftige Reaktionen aus. Kritiker bemängelten seine Thesen, seinen Schreibstil und dass er die bisherige Holocaustforschung ablehne. Der verbreiteste Vorwurf ist seine Aussage der Kollektivschuld der Deutschen, welchen er aber von sich weist. Dieser Streit geht sogar so weit, dass einige Historiker ihm vorwerfen, dass er Originaltexte falsch wiedergegeben habe.

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Diskussion der Fragestellung "Zeitgeschichte ist Streitgeschichte" von Martin Sabrow am Beispiel der sog. Goldhagen-Kontroverse
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Geschichte)
Veranstaltung
Einführung Geschichte
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
6
Katalognummer
V172558
ISBN (eBook)
9783640924844
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
diskussion, fragestellung, zeitgeschichte, streitgeschichte, martin, sabrow, beispiel, goldhagen-kontroverse
Arbeit zitieren
Antje Urbank (Autor), 2009, Diskussion der Fragestellung "Zeitgeschichte ist Streitgeschichte" von Martin Sabrow am Beispiel der sog. Goldhagen-Kontroverse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172558

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