Migrantinnen im Migrationsprozess

Empirische Datenauswertung


Seminararbeit, 2009
52 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Aufgabenstellung und Projektziele
1.2 Zur Migration
1.3 Methode
1.3.1 Wissenschaftliche Grundlage der Interviewführung
1.3.2 Ablauf der Interviews und Ausarbeitung der Inhalte

2 Wissenschaftliche Grundlagen zu Migrationskrise und Kulturschock
2.1 Migrationskrise und Kulturschock
2.1.1 Die Phase des kulturellen Zusammenstoßes
2.1.2 Die Phase der Deorganisation
2.1.3 Die Phase der neuen Identität

3 Wissenschaftliche Grundlagen zur Systematisierung des Migrationsprozesses
3.1 Der Migrationsprozess
3.2 Motive für die Migration
3.3 Die Entscheidung zur Migration
3.4 Die Auswirkungen der Aufnahme- und Lebensbedingungen auf den Migrationsprozess
3.5 Rückkehrabsichten

4 Erlebte Migrationsgeschichten
4.1 Persönliche Situation und Hintergrund der Migrantinnen zum Zeitpunkt der Migration, sowie Motive, Ziele und Entscheidungsprozess zur Migration
4.2 Empfang und Ankunft in Österreich.
4.3 „Neue Heimat“- Spracherwerb, Assimilation und Integration
4.4 Neue Identität, Kulturschock, Krise und Trauma
4.5 Rückkehrabsicht und Verhältnis zur „Alten Heimat“ sowie Stand und Ergebnis des Migrationsprozesses
4.6 Zusammenfassung in Hinblick auf Paralleln und Divergenzen zu Migrationsmotiv und der Migrationskrise

Schluss

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Aufgabenstellung und Projektziele

Vorerst möchte ich kurz auf meinen persönlichen Zugang zur Thematik eingehen. Zumal mich die Thematik des Reisens sowie fremde Kulturen schon als Kind begeisterten, war das Thema „Auswandern“ auf gewisse Art und Weise immer etwas Fesselndes für mich. Wie ich dann mein Studium der Kultur-und Sozialanthropologie begann, wurde mir sehr schnell klar, dass „Migration“ eines meiner Themenschwerpunkte im Studium werden sollte. Die Tatsache „anders“ zu sein als die Gesellschaft in der man lebt, hatte mich in dem 1600-Seelen-Dorf in dem ich aufwuchs eigentlich von früher Jugend an begleitet. Stets hatte ich das Gefühl, nie so richtig „hineinzupassen“ in dieses Nest. In diesem Dorf gab und gibt es noch immer verhältnismäßig wenige MigrantInnen. Einheimische leben mit ausländischen MitbürgerInnen sehr friedlich zusammen. Xenophobische Äußerungen bemerkte ich als Kind kaum. Erst als ich dann in die nächste größere Stadt Linz zog, um dort eine Höhere Bildende Lehranstalt zu besuchen, wurde mir bewusst, dass wir uns im 21. Jahrhundert eigentlich abermals in einer Völkerwanderungszeit befinden, und diese somit natürlich auch gewissen Problematiken beziehungsweise viel Leid mit an den Tag bringt. Ich stellte fest, dass in unserer Gesellschaft kulturelle Unterschiede und Probleme oftmals in beidseitiger Unkenntnis über den schwierigen Migrationsprozess stellvertretend mittels anderer Themen in diversen Konflikten unbewusst prozesshaft bearbeitet werden.

Durch meine vielen Reisen und mein Studium habe ich immer wieder mit Menschen unterschiedlichster Herkunft zu tun, wobei ich Ablehnung auf Grund meiner Herkunft nie erleben musste. Die konkrete Forschungsfrage zu meinen empirischen Auswertungen lautet wie folgt: „Wie stellt sich das subjektive Empfinden von Migrantinnen in Bezug auf den Migrationsprozess und im Speziellen die Migrationskrise dar?“. Hinsichtlich des Forschungsdesigns war es für mich dabei von Wichtigkeit, mich nicht nur intensiv mit den Wandergeschichten von meinen drei Interviewpartnerinnen, sondern auch mit den relevanten theoretischen Grundlagen zur Thematik des Migrationsprozesses und der Migrationskrise auseinanderzusetzen. Meine Analyse der Migrationsgeschichten wird sich an den vorgestellten theoretischen Arbeiten orientieren, wobei ich versuchte, die persönlichen Geschichten meiner Gesprächspartnerinnen mit dem theoretischen Blickwinkel der Psychologie zu vergleichen, und eine Möglichkeit zu bieten, mit Hilfe der Theorie zu den psychologischen Stufen die eine Migrantin durchläuft, ein besseres Bild über die Tatsachenberichte meiner Interviewpartnerinnen zu bekommen. Diese Arbeit führt von meiner persönlichen Betroffenheit zu dem heiklen Thema der Migration hin zu Erläuterungen zu Methode, Datenerhebung und Datenanalyse, wissenschaftlichen Grundlagen zur Systematisierung des Migrationsprozesses sowie Migrationskrise und Kulturschock, hin zum Herzstück der Arbeit, welche sich aus qualitativen Interviews mit drei Frauen aus Rumänien, Bosnien und Moldau ergibt. Bei der Auswahl meiner Interviewpartnerinnen habe ich Gemeinsamkeiten in Bezug auf Alter, Herkunft, Motive usw. bewusst nicht berücksichtigt. Es wird in meiner Arbeit von Frau zu Frau in divergierendem Maße auf Bereiche wie Ziele und Motive der Migration, die persönliche Situation der Migrantinnen zum Zeitpunkt der Migration, Ankunft und Empfang in Österreich, Spracherwerb, Assimiliation und Integration, Krisen und Traumata, sowie Rückkehrabsichten und Verhältnis zur alten Heimat eingegangen. Konkret versuchte ich dabei die individuellen Migrationsgeschichten meine Gesprächspartnerinnen zu beschreiben und zu vergleichen, indirekt Unterschiede und Parallelen aufzuzeigen, und dies unter der Berücksichtigung der wissenschaftlichen Grundlagen zu den einzelnen Subthemen des Migrationsprozesses theoretisch zu unterlegen, ergänzen, und verständlicher zu machen. Anbei möchte ich noch erwähnen, dass es sich hierbei um eine BA-Arbeit handelt, und eine Berücksichtigung aller Teilaspekte zur Thematik den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Weiters möchte ich noch anfügen, dass es nicht mein Ziel war direkte Zusammenhänge der einzelnen Geschehnisse herzustellen, es sein denn, diese ergaben sich von allein aus der Erzählung und bezogen sich direkt auf den Migrationsprozess und dessen theoretische Grundlage. Bekannter Weise und wie im Kapitel Methodik beschrieben, gibt es weder eine objektive Erzählung noch eine objektive Wahrnehmung, und da die interviewten Personen und ich während des Interviewsettings in einem interaktiven Prozess miteinander standen, hätte oder hat vielleicht schon ein erstaunter Blick unbewusst und unbemerkt den Erzählverlauf beeinflusst. Meine Art und Weise des Zuhörens und die mentale und emotionale Verarbeitung unterlagen wiederum meinem individuellen Wahrnehmungsmuster, welches sich im jeweiligen Moment aus meinem persönlichen Hintergrund bzw. meiner Erfahrung, Einstellung, oder sogar meiner Tagesverfassung gebildet hat.

1.2 Zur Migration

Nicht nur in Österreich bringt die Thematik der Migration höchst emotionsgeladene Diskussionen mit sich. Begriffe wie Anpassung, Integration, Fremdenfeindlichkeit, Flüchtlinge, Diskriminierung, Rassismus, Asylanten oder Arbeitsplatz sind in aller Munde, wobei sich durch historische Entwicklungen, geprägt von Ausbeutung, Kolonialisierung, Eroberungskriegen, Sklaverei, sowie dem neuerdings omnipräsenten und unumgänglichen Begriff der Globalisierung, verbunden mit Kämpfen und Ressourcen und sozialer Sicherheit, die Schatten der Vergangenheit mit kontemporären Ohnmachtsempfindungen melieren.

Das nunmehr unabwendbare Thema der Migration tangiert die Menschen insofern, als dass es bei den tief sitzenden Ängsten ansetzt, welche einige politische Parteien sich nicht ungeschickt zunutze machen und instrumentalisieren, und welche jeder/m von uns aus schieren Überlebensmechanismen innewohnen.

Durch seine sowohl geografisch als auch geschichtliche Entwicklung begünstigt, war und ist Österreich seit jeher ein Land bewohnt von Menschen diverser Herkunft. Politische Ignoranz gepaart mit unsäglicher Kurzsichtigkeit, sowie einer ausgeprägten Indolenz bestehende Probleme in Verbindung mit Migration in ihrer Komplexität zu erfassen, und dabei Bonus und Malus auf beider Seiten der Betroffenen objektiv und akkurat zu betrachten, entfesseln Angst, Neid und soziokulturelle Konflikte. Die massive Kurzsichtigkeit von staatlicher Seite von der hier die Rede ist, rekurriert selbstredend auf die in den 60er und 70er vom Staat implementierte Zuführung von (hauptsächlich männlichen) Arbeitskräften, auch „Gastarbeiter“ genannt (vgl. Kinder/Hilgemann/Hergt 2006). Was Österreich anno dazumal in seiner Naivität jedoch nicht reflektierte, ist die Tatsache, dass diese „Gäste“, die hauptsächlich aus der Türkei und dem damaligen Jugoslawien rekrutiert wurden, auch Familien hatten, die in Folge durch ein Wohlstandswachstum in Österreich und einer konkurrierenden pejorativen Entwicklung in deren Herkunftsländern einen Nachzug und eine dauerhafte Besiedelung in Österreich anstrebten, und auf Grund der Geburten der zweiten und dritten Generation gegenwärtig einen fixen Bestandteil unserer Gesellschaft bilden.

Vorfälle die aus historischen Ereignissen rühren, kollektive Ressentiments, Mythen und die unreflektierte Geschichte des eigenen Landes, gekoppelt mit den Problematiken in demografischer Hinsicht als auch der prekären wirtschaftlichen Situation, dienen als Basis für Arbeits- und Niederlassungsgesetze. Es herrscht ein unreflektiertes Bedürfnis vor, das Eigene vor dem Fremden zu schützen, und etwaige wirtschaftliche Schwierigkeiten werden gerne auf „Andere“ projiziert, wobei das Bedürfnis für das wachsende Gefühl der Unsicherheit einen Verursacher finden zu wollen, oftmals mit trivialen Maßnahmen der Regierung begegnet wird. Hiermit soll die Präsenz von aktuellen Dilemmata jedoch keineswegs banalisiert oder gar simplifiziert werden, zumal gewisse Problematiken in punkto Migration und Integration de facto existent sind in unserer Gesellschaft. Franz Löschnak zitiert dazu in seinem Buch Daniel Cohn-Bendit:

„Es gibt keine Gesellschaft auf der Welt, in der Einwanderung nicht auch zu Problemen und Konflikten führen würde. Gerade deshalb ist es notwendig, dass ein Einwanderungsland sich Spielregeln gibt: ohne solche Spielregeln lauert in Konflikten ein bedrohliches Potential“ (Löschnak 1993: 93).

Weiters stellt er fest, dass das wahre Problem ja nicht jenes ist, ob der/die Fremde sofort nach Einreise einen behördlichen Arbeiterlaubnisschein erhalten soll, sondern wie verhindert werden kann, dass billige zuströmende Arbeitskräfte die in Arbeit stehenden Mensch aus dieser verdrängen. Das zentrale Problem der Migrationspolitik in unseren reichen westeuropäischen Staaten sei die Sicherung der sozialen Position jener, die hier leben, vor einer möglichen Verschlechterung infolge von Zuwanderung. Zusätzlich zu den rechtlichen Regelungen hinsichtlich Arbeit, Wohnung und Aufenthalt muss klargestellt werden, auf welchen vorhandenen Arbeitsplatz und auf welche bereits gebaute Wohnung der/die ZuwanderIn ein Recht haben soll und wie gewährleistet wird, dass dieses Recht nicht zum Verlust des bereits bestehenden Rechtes eines/r anderen führt. (ebenda S.41). Interessant dazu ist auch die Äußerung des Migrationsforschers Dr. Bernhard Perchinig in einer Diskussion am 14. Mai 2007: „Es herrscht in der Politik ein großer Wille zum Nichwissen“, was das limitierte Interesse sich eingehender mit der Materie zu beschäftigen an den Tag legt. Ein potentieller Grund für die Verweigerung sich auf alternativen Ebenen mit der Thematik „Migration“ zu befassen, könnte laut Kronsteiner (2003) in den Migrationsgeschichten vieler österreichischer Familien verwurzelt sein, wobei eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte unvermeidbar eine Konfrontation mit der eigenen verdrängten Geschichte, und den damit unangenehmen Fragen bedeuten würde. Kronsteiner sieht die Wurzeln für Xenophobie und Fremdenhass in der Erinnerung an die Gräuel der Nazizeit, und verweist in ihrem Buch „Kultur und Migration in der Psychotherapie“ (2003) auf die Tatsache, dass eine Konfrontation mit dem Thema das Aufbrechen unliebsamer Gefühle, wie in etwa Schuld- und Schamgefühle, welche an die deutsche und österreichische Nachkriegsgeneration intergenerationär transferiert wurden, bedeuten würde. Demnach ist es also nicht verwunderlich, dass so manche thematische Berührung vermieden wird, das Verleugnen einer eigenen Betroffenheit in einem kollektiven Ausblenden resultiert, und in Folge dessen eine generelle, gesellschaftliche Problematik entkeimt.

Nur die Akzeptanz der aus empirischen Investigationen erlangten wissenschaftlichen Erkenntnis, dass das Gelingen oder Nichtgelingen einer Integration von multifaktoriellen, sich ständig beeinflussenden Wechselwirkungen von äußeren Bedingungen und inneren Prozessen der Fremden ebenso wie der Aufnahmegesellschaft abhängt, eröffnet einen neuen Blickwinkel und in weiterer Folge Möglichkeiten, Probleme auf Dauer ganzheitlich zu lösen.

Ulrich Beck tätigte Überlegungen zur Thematik, in denen er in seinem Beitrag „Fremde- Ambivalenz aus Existenz“ versucht der Phänomenologie der Fremden auf die Spur zu kommen (vgl. Beck 1999: 49). Dabei differenziert er „Hiesige“ und „Fremde“, und weist darauf, dass die Kategorie „AusländerIn“ mit „Fremd(e)“ verwechselt wird, zumal ein(e) AusländerIn weiß wo er/sie „hingehört“ und auf ein nationalstaatliches Ordnungsgesetz hört. Die Kategorien des Fremden sind mit Stereotypen gefüllt, welche zur sozialen Ordnung und Orientierung aufrecht erhalten werden. Laut Beck zeigen sich Widersprüche bereits dadurch, dass der/die Fremde die Ordnungen von innen her aufbricht, und in keines der Kästchen hineinpasst, während der Fremde sich im Selbstbild als hiesig einordnet. Laut Beck stellt dies jedoch eine doppelte Provokation dar, denn „er ist Hiesiger, aber gehorcht nicht den Stereotypen, die die Hiesigen von sich selbst entwickeln und pflegen“. Fremde seien also „[…] eine lebendige Widerlegung der scheinbar eindeutigen Grenzen und natürlichen Grundlagen, in denen in Nationalstaaten Zugehörigkeit gefasst und gegründet sind“ (Beck 1999: 51).

Ein weiterer Beckscher Ansatz ist der Folgende:

„Eng verbunden mit diesem Merkmal, dass Fremde die Verlebendigung des Ausgeschlossenen, des Zwischenkategorialen sind, lässt sich ein zweites Merkmal aufweisen: die Relativität der Fremdheit der Fremden. Ob etwas oder eine(r) in der Eigen- oder Fremdperspektive als „fremd“ wahrgenommen wird oder nicht, hängt von dem Bezugsrahmen der Selbstverständlichkeiten ab, der unbefragt vorausgesetzt wird. Jede(r) muss nur irgendeine Grenze passieren, um in die Lage des Fremden zu wechseln“ (Beck 1999: 51).

Diese Erkenntnis darf jedoch nicht zu einer etwaigen Verharmlosung der Problematik von Eingewanderten mit nicht österreichischer Herkunft führen. Neben dem Umgang mit der neuen Kultur, Orientierungslosigkeit, unbekannten Gesetzen, sowie der Bekämpfung etwaiger Traumata, stellt die alltägliche Kommunikation eine der größten Hürden in zwischenmenschlichen Beziehungen dar. Gestaltet sie sich in der eigenen Sprache oft als missverständlich, intensivieren sich auftretende Probleme durch absente Sprachkenntnisse oft drastisch.

1.3 Methode

1.3.1 Wissenschaftliche Grundlage der Interviewführung

Zur Durchführung der qualitativen Interviews mit meinen Gesprächspartnerinnen wendete ich die Methode des „narrativen Interviews“, beziehungsweise der „autobiografischen Stegreiferzählung“ an, um über die individuellen Migrationsgeschichten der Frauen Kenntnis zu erlangen. Nach intensiver Auseinandersetzung mit methodologischer Fachliteratur zur Thematik kam ich zu der Erkenntnis, dass sich diese Methode insofern am besten für meine Forschungsfrage eignet, zumal sie sich meiner Meinung nach für die Gesprächspartnerinnen in Hinblick auf die heikle Thematik am angenehmsten erweist, und gleichzeitig sehr viel Raum für subjektive Empfindungen bietet, was für meine Forschung sehr wichtig war.

„Das narrative Interview ist ein sozialwissenschaftliches Erhebungsverfahren, welches den Informanten zu einer umfassenden und detaillierten Stegfreiferzählung persönlicher Ereignisentwicklungen und entsprechender Erlebnisse im vorgegebenen Themenbereich veranlasst“ (Egger 2001: 13).

Diese Technik hat die Absicht, dass aus einer momentanen, aktuellen Sichtweise geschildert wird und unterliegt sowohl einer Biografisierung (Zusammenhangsbildung als Leistung des Bewusstseins, das Beziehungen zwischen Teilen und einem Ganzen beständig herstellt und in neuen biografischen Situationen überprüft bzw. verändert) und einem Deutungs- oder Interpretationsapriori (die im Prozess der Sozialisation gebildete Fähigkeit, soziale und natürliche Zusammenhänge in Abhängigkeit von soziokulturellen, institutionellen wie auch lebensgeschichtlichen Zusammenhängen zu deuten) (Egger 2001: 6). Simplifiziert bedeutet dies Erlebnis und Wahrheit produzieren sich gegenseitig und andererseits, Erlebtes wird nicht nur zum Zeitpunkt des Erlebens situativ, subjektiv, selektiv, defizitär, und interpretiert empfunden, sondern im Laufe der Zeit auch beschönigt, modifiziert und verzerrt, durch Verdrängung bearbeitet, und an die sich ständig abwandelnden Impressionen, Erfahrungen und Erkenntnisse adaptiert. Weiters muss man sich dessen bewusst sein, dass es eine große Rolle spielt, auf welche Art und Weise man etwas erzählt bekommt, oder etwas selbst etwas weitergibt. Erinnerungen sind Konstruktionen welche mit diesen Dingen in Wechselwirkung stehen, und nicht selten spielt eine „falsche“ Erinnerung eine ebenso wichtige Rolle wie die erlebten Dinge. Die unterschiedliche Gewichtung von Erlebnissen, die individuelle Ergänzung von Fragmenten und das Auffüllen von Lücken gibt Aufschluss darüber, weshalb Menschen über gemeinsam erlebte Ereignisse auf divergente Art und Weise berichten. Das Interessante dabei ist, dass die Zeitspanne zwischen Erzähltem und Erlebten nichts über den Modifizierungsgrad der Erzählung aussagt. Die Prinzipien dieser Art der Interviewführung liegen auf der Förderung von Erinnerungsprozessen, dem Raum zur Gestaltentwicklung, der Förderung der Verbalisierung heikler Themenbereiche, einer zeitlich und thematisch offenen Erzählaufforderung, sensiblem und erzählgenerierendem Nachfragen, sowie einer Hilfestellung beim szenischen Erinnern. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Darstellung und Aussage einer individuell erlebten Geschichte zum Zeitpunkt des Interviews, und keineswegs einer Berichterstattung, welche durch eine objektive Faktenlage bestätigt werden müsste. Die offenste Form ist die Bitte, dass die persönliche Geschichte inklusive aller Erlebnisse und Impressionen die für die jeweilige Person von Wichtigkeit waren berichtet werden, und sich diese Person dafür soviel Zeit nehmen kann wie benötigt wird. Während die Person erzählt, wird sie nicht unterbrochen, auf etwaige Unklarheiten kann durch Nachfragen später eingegangen werden.

Eine Gefahr bezüglich der erzählten Geschichten besteht darin, dass trotz eines gemeinsamen thematischen Feldes, welches in diesem Fall der Migrationsprozess ist, Geschichte und Thema keineswegs identisch sein müssen. Aus der Zuordnung und Bedeutungsgebung sowie der Einbettung der einzelnen Geschichten in ein thematisches Feld konstruieren sich andere Themen, womit gemeint ist, dass, wenn die Geschichte in etwa unter dem Aspekt einer Frau die „nach Österreich verschleppt“ wurde erzählt wird, dies natürlich einen andere Betrachtungsweise aufwirft als unter dem Aspekt einer Frau die in Österreich „endlich ihre Freiheit gefunden hat“. Dadurch ergeben sich gewiss differierende reziproke Beeinflussungen hinsichtlich des Erinnerns, Widergebens, und Einordnens der Stadien des Migrationsprozesses, unabhängig davon, ob dieselben strukturellen Bedingungen vorhanden waren (vgl. Schütze 1987).

1.3.2 Ablauf der Interviews und Ausarbeitung der Inhalte

Mit zwei meiner Gesprächspartnerinnen fand der im Arbeitskontext bezogene Erstkontakt fand bereits vor einigen Jahren statt, zumal beide im Verkauf im lokalen Supermarkt meines Heimatorts tätig waren/sind. In einem 1600-Seelen-Dorf in Oberösterreich aufgewachsen, scheint dort wirklich jede(r) jede(n) zu kennen, vor allem dann, wenn eine Person als eine „Zugereiste“ bezeichnet wird. Somit kannte ich also zwei meiner Interviewpartnerinnen bereits, wenn auch nur „vom Sehen“. Der „Zweitkontakt“ wurde dann durch meine Schwester und meine Mutter hergestellt, welche die beiden auf Grund desselben Wohnorts und einer kurzfristigen Arbeitskollegschaft besser kannten. Der Kontakt zu meiner dritten Interviewpartnerin wurde durch Bekannte meiner Eltern hergestellt.

Die Einzelinterviews erfolgten jeweils bei den Interviewpartnerinnen zuhause mit unbegrenzter Zeit, da mir dieser Ort für die Frauen am angenehmsten erschien, und wir dort auch absolut ungestört waren. Das Tempo und die Dauer bestimmten die Gesprächspartnerinnen. Zur Absicherung der Informationen wurden die Gespräche mittels Diktafon aufgenommen, was selbstverständlich nur unter Zustimmung der Frauen erfolgte. Eingangs erklärte ich jeder meiner Gesprächspartnerinnen nochmals die Thematik meiner Arbeit, sowie die Bezüge zu meinem Studium der Kultur- und Sozialanthropologie. Weiters bat ich sie dann, sie mögen mir ihre Migrationsgeschichte und alles was ihnen dazu einfällt erzählen, wobei sie auf keinen chronologischen oder strukturierten Ablauf achten müssen. Auch erwähnte ich zu Beginn des Gesprächs, dass mir die Sensibilität der Thematik und die Tatsache, dass es für die Frauen unter Umständen sehr schwer ist über gewisse Dinge zu sprechen, durchaus bewusst sei, und ich ihnen in diesem heiklen Themenbereich auf keinen Fall zu Nahe treten möchte. Die Frauen sollten das Gespräch also nur soweit vertiefen, wie von Ihnen gewünscht und aus einer psychischen Perspektive erträglich. Bei jeder der drei Interviewpartnerinnen stellte ich eine erzählgenerierende Ausgangsfrage, welche die Gesprächspartnerin aufforderte, generell einmal von ihrer Migration bzw. dem Migrationsprozess zu erzählen. Um eine Vergleichbarkeit herstellen zu können, wurden, als ihnen nichts mehr einfiel, meinerseits die zum Vergleich notwendigen Themen angesprochen, sofern sie nicht bereits vorgekommen waren. Jede Frau konnte von sich aus das Gespräch steuern und selbst entscheiden, ob und wie lange sie bei einem Punkt verweilen wollte, wodurch sich die Aussagen in ihrem Umfang natürlich auch unterschieden. Obwohl eigentlich alle drei Frauen selbstständig einen Erzählfluss entwickelten, hatte ich auch einen Interviewleitfaden bei mir. Gefühlsausdrücken wurde Raum und Zeit gegeben, wodurch schmerzhafte oder auch aufwühlende Momente Platz hatten und nicht unterdrückt werden mussten. Es herrschte bei jedem der drei Interviews ein sehr freundschaftliches Klima. Als mir die Frauen vereinbarungsgemäß von sich aus signalisierten, dass sie das Gespräch beenden wollten, verließ ich meine Rolle als Zuhörerin, und wir traten in einen Dialog, wonach ein gemeinsames Gespräch die Situation abrundete. Wichtig war mir, dass ich die Interviewten mit einem positiven Gefühl hinterließ.

Es wurden sämtliche Interviews zur Gänze transkribiert, wobei ich mir die Tonbandaufnahmen auch als Nachweis in Form einer gebrannten CD aufbewahren werde. Meine Aufgabe war es dann, die Textpassagen inhaltlich zu subsumieren, und den jeweiligen Punkten zuzuordnen, damit sie thematisch zur Aufgliederung eines Migrationsprozesses passten. So konnte ich im Nachhinein eine Struktur festlegen, die eine Vergleichbarkeit ermöglichte. Hinsichtlich der Datenanalyse möchte ich darauf hinweisen, dass sich die Analysekriterien einerseits aus der bearbeiteten Literatur, andererseits aus aber auch aus den geführten Interviews ergaben.

2 Wissenschaftliche Grundlagen

Ich bin mir darüber bewusst, dass in dieser BA-Arbeit die empirische Datenauswertung im Vordergrund stehen sollte. Um die Unterschiede und Parallelen der individuellen Migrationsgeschichten der Frauen auszuarbeiten und sichtbar zu machen, sowie einer Berücksichtigung der dabei aufgetretenen psychodynamischen und psychosozialen Prozesse Einhalt zu gewähren, war es jedoch absolut essentiell auf die theoretischen Hintergründe zu Thematiken wie „Migrationskrise“, „Kulturschock“, und der Systematisierung des Migrationsprozesses etwas detaillierter einzugehen. Selbsredend würde die Berücksichtigung aller Aspekte eines stets vielschichtigen und komplexen Migrationsprozesses den Rahmen meiner Arbeit sprengen, im Hinblick auf eine Verdeutlichung der Komplexität dieser Materie werde ich versuchen diese jedoch dennoch zu erwähnen, indem ich nach Auseinandersetzung mit diverser relevanter Fachliteratur unter anderem auf Fatih Güc´s (1991) und Ruth Kronsteiners (2003) Kernaussagen zurückgreife.

2.1 Migrationskrise und Kulturschock

Migration bringt einen massiven Objektverlust mit sich und löst somit eine psychische Krise aus. Das Vertraute wie die Sprache, die Umgebung, das Essen, die Menschen, Geräusche und Gerüche, Haltungen und Werte sind mit einem Schlag nicht mehr vorhanden. Die neue Umgebung ist fremd. Der argentinische Psychoanalytiker Cäsar A. Garza-Guerrero (1974) entwickelte ein Modell zur Darstellung der Migrationskrise, die er als „Culture Shock“ bezeichnet. Der Kulturschock ist von zwei grundlegenden Elementen bestimmt. Erstens vom Trauern um den Verlust der Kultur und zweitens vom Wandel der Identität durch die Handhabung einer neuen Kultur. Kulturschock ist der Terminus, der die zahlreichen Phänomene, die das Aufeinandertreffen eines bestimmten kulturellen Hintergrundes mit einer relativ fremden Kultur benennt.

Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw. (Freud 1917 [1915]: 197-98).

[...]

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Migrantinnen im Migrationsprozess
Untertitel
Empirische Datenauswertung
Hochschule
Universität Wien
Autor
Jahr
2009
Seiten
52
Katalognummer
V172602
ISBN (eBook)
9783640925971
ISBN (Buch)
9783640925926
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
migrantinnen, migrationsprozess, empirische, datenauswertung
Arbeit zitieren
Katharina Eder (Autor), 2009, Migrantinnen im Migrationsprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172602

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