„Wer wirklich bewahren will, was geschehen ist, der darf sich nicht den
Erinnerungen hingeben. Die menschliche Erinnerung ist ein viel zu wohliger
Vorgang, um das Vergangene nur festzuhalten: sie ist das Gegenteil von dem, was
sie zu sein vorgibt.“ (Thomas Brussig )
Nachdem sich jahrelang nur an die Zeit des Holocaust erinnert wurde, ist es
angebracht, sich nun auch auf die jüngste deutsche Geschichte zu konzentrieren.
Mittlerweile ist eine ganz Generation herangewachsen, die nicht mehr in der DDR
oder der BRD aufgewachsen ist, sondern in einem vereinten Deutschland. Diese
weiß wenig vom Leben in den ehemals zwei deutschen Staaten und ist deshalb auf
Augenzeugenberichte angewiesen. Die Geschichte überliefert nur die nackten
Fakten, aber derer allein genügt es nicht für ein vollständiges Bewahren. Ganz im
Sinne des Soziologen Halbwachs möchte ich in meiner Hausarbeit untersuchen,
was das kollektive Gedächtnis ausmacht, und wie es sich erklären lässt. Im
Anschluss daran werde ich mich auf die Suche nach dem kollektiven Gedächtnis
machen – und hoffentlich in meinen gewählten Werken auch wiederfinden!
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Konzept des kollektiven Gedächtnisses von Maurice Halbwachs
2.1 Biografie
2.2 Einführung in das Werk Halbwachs' und die Einordnung dieses in den wissenschaftlichen Diskurs
2.3 Der Begriff des individuellen Gedächtnisses
2.4 Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses
3. Weiterentwicklung von Halbwachs' Gedächtniskonzept
4. Übertragung von Halbwachs' Theorie auf praktische Beispiele
4.1 Analyse sozialer Bezugsrahmen am Beispiel des Romans „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig
4.1.1 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Sprache
4.1.2 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Zeit
4.1.3 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Raum
4.1.4 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Erfahrung
4.2 Analyse sozialer Bezugsrahmen am Beispiel des Romans „Generation Golf“ von Florian Illies
4.2.1 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Sprache
4.2.2 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Zeit
4.2.3 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Raum
4.2.4 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Erfahrung
5. Bewertung beider Romane auf ihre Tauglichkeit als Medien des kollektiven Gedächtnisses
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern literarische Werke als Medien des kollektiven Gedächtnisses dienen können, indem sie die Theorie von Maurice Halbwachs auf die Romane „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig und „Generation Golf“ von Florian Illies anwendet.
- Theoretische Grundlagen des kollektiven Gedächtnisses nach Maurice Halbwachs
- Analyse der vier sozialen Bezugsrahmen: Sprache, Zeit, Raum und Erfahrung
- Vergleichende Untersuchung generationsspezifischer Erinnerungskulturen in Ost- und Westdeutschland
- Evaluation der Eignung literarischer Texte als Trägermedien für kollektive Erinnerungsprozesse
Auszug aus dem Buch
4.1 Analyse sozialer Bezugsrahmen am Beispiel des Romans „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig
Soziale Bezugsrahmen beeinflussen das kollektive Gedächtnis ganz erheblich. Je nachdem durch welchen Rahmen ein Mensch geprägt ist, hat er eine unterschiedliche Sicht auf bestimmte Dinge, und erinnert sich an ein Erlebnis anders als ein Mensch, der das Gleiche erlebt hat, aber einer anderen sozialen Gruppe angehört. Zu Beginn möchte ich deshalb die Gruppenzugehörigkeit von „Micha“, dem Hauptdarsteller des Buches analysieren.
Da das kürzere Ende der Sonnenallee, nämlich genau 60 Meter einer vier Kilometer langen Straße in der sowjetisch besetzten Zone liegt, ist Micha also ein Ostdeutscher oder auch „'n echter Zoni!“5. Zusammen mit den anderen Jugendlichen der Sonnenallee ist er „Teil eines Potentials“6, also Mitglied einer Clique, in der alle „[...] in den gleichen Klamotten zeigten, dieselbe Musik hörten, dieselbe Sehnsucht spürten...“7 Micha gehört außerdem zu sozialen Gruppe Familie Kuppisch, gemeinsam mit seiner Mutter Doris, seinem Vater der Straßenbahnfahrer ist, seiner Schwester Sabine, seinem Bruder Bernd und seinem Onkel Heinz. Weiterhin ist er Schüler, der, weil er seinen Freund Mario in Schutz genommen hat, dazu verdonnert wurde, einen Diskussionsbeitrag zu schreiben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Untersuchung des kollektiven Gedächtnisses in der jüngeren deutschen Geschichte ein und legt die methodische Vorgehensweise fest.
2. Das Konzept des kollektiven Gedächtnisses von Maurice Halbwachs: Das Kapitel erläutert die Biografie von Halbwachs sowie seine fundamentalen Thesen zur sozialen Bedingtheit des menschlichen Gedächtnisses.
3. Weiterentwicklung von Halbwachs' Gedächtniskonzept: Hier werden ergänzende Ansätze von Theoretikern wie Paul Ricoeur sowie Jan und Aleida Assmann vorgestellt, die Halbwachs' Theorie erweitern.
4. Übertragung von Halbwachs' Theorie auf praktische Beispiele: Dieses Kernkapitel untersucht die Romane von Brussig und Illies anhand der vier definierten sozialen Bezugsrahmen.
5. Bewertung beider Romane auf ihre Tauglichkeit als Medien des kollektiven Gedächtnisses: Die Romane werden kritisch evaluiert, wobei Brussigs Werk als gelungeneres Medium für das kollektive Gedächtnis hervorgehoben wird.
6. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert, dass mediale Unterstützung für die Geschichtsschreibung sinnvoll ist, jedoch als solche kritisch hinterfragt werden muss.
Schlüsselwörter
Kollektives Gedächtnis, Maurice Halbwachs, Soziale Bezugsrahmen, Literaturanalyse, Erinnerungskultur, Identität, Generation Golf, Am kürzeren Ende der Sonnenallee, Thomas Brussig, Florian Illies, Gruppenzugehörigkeit, DDR-Geschichte, Konstruktivismus, Soziales Milieu, Geschichtsschreibung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie das theoretische Konzept des kollektiven Gedächtnisses nach Maurice Halbwachs auf literarische Werke übertragen werden kann, um Erinnerungsprozesse in unterschiedlichen sozialen Gruppen zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die soziale Identitätsbildung, die Bedeutung von Sprache, Raum, Zeit und Erfahrung für die Erinnerung sowie die Differenzierung zwischen individuellen und kollektiven Gedächtnisinhalten.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Forschungsfrage lautet, ob und wie die Romane „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ und „Generation Golf“ als Medien des kollektiven Gedächtnisses fungieren und welche Rolle sie für das Verständnis einer Generation spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, bei dem die theoretischen Grundlagen von Halbwachs, Assmann und Ricoeur systematisch auf die Analyse der beiden primären literarischen Quellen angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Gedächtnistheorie und eine detaillierte, strukturierte Untersuchung der beiden Romane anhand der vier sozialen Bezugsrahmen Sprache, Zeit, Raum und Erfahrung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind unter anderem kollektives Gedächtnis, soziale Bezugsrahmen, Erinnerungskultur, Generationenidentität und die literarische Aufarbeitung von DDR-Geschichte.
Warum wird Thomas Brussigs Roman im Vergleich zu Florian Illies als „besseres“ Medium bewertet?
Die Autorin argumentiert, dass Brussig eine größere Vielfalt an sozialen Gruppen abbildet und somit ein breiteres, authentischeres Spektrum des Lebens in der DDR vermittelt, während Illies' Werk stärker subjektiv und begrenzt wirkt.
Welche Rolle spielt der Begriff des „sozialen Bezugsrahmens“ in der Analyse?
Der soziale Bezugsrahmen dient als analytisches Raster, um zu erklären, warum Individuen innerhalb derselben Gruppe ähnlich erinnern, da sie durch gemeinsame Erfahrungen, sprachliche Codes und räumliche Gegebenheiten geprägt sind.
- Arbeit zitieren
- Juliane Ritterbach (Autor:in), 2010, Halbwachs und das kollektive Gedächtnis – Analyse generationsspezifischer Erinnerungen an das Ost- bzw. Westdeutschland der 80er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172616