Die Funktion der Requisiten bei Theodor Fontane am Beispiel von „Der Stechlin“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition des Requisitenbegriffs

3 Funktion der Requisiten

4 Requisiten im „eigentlichen“ Sinn - Möbel und Interieur

5 Requisiten im weiteren Sinne
5.1 Fortbewegungsmittel
5.2 Tiere
5.3 Kleidung, Haare und Schmuck
5.4 Speisen und Getränke

6 Die Funktion der Bilder

7 Verhältnis von Requisiten und sozialem Stand - ein Vergleich mit Mathilde Möhring

8 Ausblick

Verwendete Literatur

1 Einleitung

Die Frage nach der Funktion der Requisiten bei Fontane stellte zuerst BRINKMANN in seiner wegweisenden Studie ÄDer angehaltene Moment, Requisiten - Genre - Tableau bei Fontane“1. Dieser Aufsatz ist laut PFOTENHAUER Äso gut und wichtig, weil er das Unbedeutende ernst nimmt und sich weigert, dies sogleich in ,Symbole’ zu verwandeln, deren Aufgabe es sei, auf ein eigentlich Gemeintes zu verweisen.“2. Während Symbolik und Leitmotivik in Fontanes Werk in der Literatur, beispielsweise bei BARLOW3 oder NEUHAUS4 ausführlich behandelt werden, wurde die Frage nach den Requisiten seit BRINKMANN bisher nur bei PFOTENHAUER5 wieder aufgegriffen. Dies sicher zu Unrecht, spielen die Requisiten doch eine nicht zu unterschätzende Rolle für das Verständnis von Fontanes gesamten Werk und vor allem des Stechlin. Das Alterswerk des Dichters ist aufgrund seiner Handlungsarmut vielleicht Äweniger ein Roman […] als eins von Fontanes früheren Werken“6, gerade aber weil der Inhalt an sich an Bedeutung verliert, wird die Form umso wichtiger.

Thema dieser Arbeit also ist die Verwendung und Funktion der Requisiten im Stechlin. Am Anfang steht eine genaue Definition des Requisitenbegriffs, wichtig ist hier vor allem die Abgrenzung von der Symbolik. Daran schließt sich eine allgemeine Darstellung der Funktionen der Requisiten im Stechlin an. Davon ausgehend werden Vorkommen und Wirkung einzelner ÄKlassen“ von Requisiten im Roman näher untersucht, neben den Requisiten im engeren und weiteren Sinne ist dabei vor allem die Funktion der Bilder relevant. Zu Vergleichszwecken wird schließlich noch Fontanes unvollendete Novelle Mathilde Möhring herangezogen, wobei hauptsächlich die Interdependenzen zwischen sozialem Status und Verwendung der Requisiten dargestellt werden soll. Die Arbeit endet mit einem kurzen Ausblick auf die ambivalenten Rezensionen, die das Werk seinerzeit hervorrief.

2 Definition des Requisitenbegriffs

Requisiten sind laut BRINKMANN Äjene beweglichen Gegenstände in einer Szenerie […], die gebraucht werden, weil […] Handlung sich daran knüpft, szenische Konstellationen durch sie ermöglicht, Lebensweise, Lebensformen, ,Atmosphäre’ angedeutet werden.“7 Dabei werden sie jedoch nicht unbedingt benutzt, um die Handlung voranzutreiben, sondern zur Charakterisierung der Personen und noch viel mehr zur Illustration und Ausschmückung, als Ärealistische“ Staffage“8. BRINKMANN fasst den Requisitenbegriff dabei sehr weit und versteht darunter alles Gegenständliche, alles, mit dem Menschen in entferntester Hinsicht zu tun haben. So bezieht er beispielsweise die Funktion der Fenster oder auch das Einbrechen der Technik, am Stechlin besonders Eisenbahn und Telegramm, in seine Betrachtungen mit ein. Nicht zu den Requisiten im eigentlichen Sinne gehören für ihn Elemente wie Landschaften, Garten, Stadtgeographie, Hausarchitektur, wobei er jedoch zugesteht, dass dies nicht immer völlig gerechtfertigt sei.9 Und vor allem Landschaften finden dann doch oft wieder als Ätableau“ Eingang in seine Betrachtungen.10

BRINKMANN weist dabei darauf hin, dass einige der Requisiten auch als Zeichen fungieren, ja teilweise sogar eine symbolische Bedeutung haben.11 Diese Symbolik findet in der Literatur wesentlich mehr Beachtung als die Requisiten. Vor allem den Symbolen des Sees Stechlin12 und damit zusammenhängend auch der ÄWassergestalt“ Melusine13 werden dabei leitmotivischer Charakter zugesprochen. Auch die revolutionäre Symbolik der Farbe ÄRot“ wurde, u.a. von Miller14, detailliert untersucht. Die Bedeutung dieser Leitmotive ist also hinlänglich analysiert worden, da sie zudem nicht unter die Definition BRINKMANNS fallen, die für diese Arbeit grundlegend ist, werden sie hier nicht weiter untersucht. Eine Überprüfung, inwieweit die eigentlichen Requisiten als Symbole fungieren, kann dagegen durchaus sinnvoll sein, auch wenn diese sich solcher Zuweisung oftmals entziehen. Der Hippenmann beispielsweise Ädas Dinge, das per se Zeichen ist, weigert sich, diese, seine angestammte symbolische Funktion zu erfüllen.“15 Wie absurd eine solche Umdeutung der Requisiten gelegentlich sein kann, zeigt Guthke, wenn er zur angeblichen Dominanz der Ämagischen Dreizahl“ in Effi Briest Stellung bezieht.16

Schwierigkeiten bei der Interpretation des Stechlin sind nicht neu.17 Denn genauso, wie Fontane seine ÄFinessen“ liebte, diese eingestreuten Kunstgriffe, die auf einen tieferen Sinn hindeuten können, so bemüht er sich auch darum, diese zu verstecken.18 Und so, trotz des extensiven Gebrauchs, den Fontane von Symbolen macht, sind diese nach BARLOWS Meinung niemals zu auffällig, sondern im Gegenteil, Äso intimately is it fused with realistic description that the full implications of a particular symbol emerge only gradually as fresh allusions and associations impress themselves ion the reader.”19 Er fügt hinzu, dass die Symbole als System fungieren, die die Themen der Bücher als Ganzes unterstreichen. Dies zeigt, dass es durchaus sinnvoll ist, dem Ansatz BRINKMANNS zu folgen und die einzelnen Requisiten erst einmal Äaufzureihen“, um später ihre Wirkung als Ganzes untersuchen zu können.

3 Funktion der Requisiten

Dass Fontane Requisiten einsetzt, ist unbestreitbar, doch viel wichtiger ist die Frage, was er damit bezwecken will. BRINKMANN führt als erstes das Offensichtliche an, nämlich, dass man Äsich alles besser vorstellen [kann], wenn die Dinge mitgeliefert und beschrieben werden“20. Gleichzeitig wirft er aber auch die Frage auf, warum es Fontane für notwendig hält, dass sich der Leser Ädie Dinge“ besser vorstellen kann. Ist das für die Geschichte notwenig, für die Wirkung, die sie erzeugen soll? Schließlich geht es in den Werken Fontane um andere Probleme als um Essen und Trinken, die Ausstattung der Wohnung oder der handelnden Personen. Ist es also wirklich notwendig, jede Kleinigkeit ausführlich zu beschreiben, jene ÄBelanglosigkeiten“, die sie im Gegensatz zur eigentlich Handlung zu sein scheinen, es ginge ja auch anders, Ämit viel weniger alltäglichem Detail“21

Im Stechlin dagegen werden selbst solche Dinge genau beschrieben, deren Vorhandensein für andere so selbstverständlich sind, dass sie sie nicht einmal erwähnen, beispielsweise Lampen - eine Bemerkung würde man hier eher erwarten, wenn sie denn fehlten. Fontane treibt es so weit mit seinem Äfaktophilen“22 Realismus, dass die Requisiten selber - und auch, wie gleich zu sehen sein wird, das Reden über diese - zum Thema werden. Sie dienen nicht mehr zur Konstruktion der Wirklichkeit und sie haben auch keine eigentliche Funktion mehr, Äbedeutungsarm, eigensinnig oder allenfalls mehrdeutig“23 wie sie sind und dabei ohne erkennbare ÄWinke mit dem Zaunpfahl […], Wegmarkierungen für den Ganz der Geschichte, wie wir sie aus früherer Literatur und gerade auch aus früheren Werken Fontanes kennen.“24 Wenn es also nicht auf die Symbolik ankommt, nicht auf den verweisenden Charakter der Requisiten, auf was dann? BRINKMANN betont, dass es Fontane und seinen Lesern vor allem um das Vergnügen an der eigenen Kennerschaft geht25, eine These, die PFOTENHAUER stützt. Vor allem Ädie Form, in der das Viele, oft Disparate mitgeteilt wird, interessiert“26. Es ist nicht mehr wichtig, was die einzelnen Dinge bedeuten, nur die Tatsache, dass sie überhaupt etwas bedeuten können und vor allem, dass man mit ihnen spielen kann, ist von Belang. Die ÄRealität“ wird zu einer Spielwiese für Autor und Leser mit einer Äungemein dichten, prall gefüllten Zeichenwelt“27. Und so erklärt PFOTENHAUER auch folgerichtig ÄZeichenversessenheit statt Zeichenvergessenheit“28 zur Signatur des Romans.

Diese Spielerei mit den Zeichen ist aber nicht die einzige Funktion der Requisiten. Sie gewähren ÄMoratorien“, dies sind ÄSpielräume, in denen für kürzere oder längere Augenblicke Verweilen und Sicheinrichten möglich sind, Integration, Entspannung, Genießen, in gewissem Sinne Aufheben der Zeit, Anhalten des Fortschreitens zur ,Katastrophe’“.29 Unter Katastrophe versteht man dabei alles, was in dieses ,Sichteinrichten’ einbricht, es in irgendeiner Weise bedroht, hemmt oder verhindert. Dies kann beispielsweise Entfremdung, Versagung, Eifersucht sein, sogar der Tod wie der des alten Dubslav im Stechlin. Dabei sind diese Katastrophen Äzwar die eigentlichen Stationen des Lebens, dieses aber fände nicht statt ohne die Zwischenräume, in Ädenen man nicht allein leben muß, sondern auch darf.“30 Vor allem die ÄBilder“, die Fontane immer wieder arrangiert, bringen solche Moratorien und tragen dazu bei, das Erzählen anzuhalten. ÄWas sonst, in der Geschichte, als zeitliches Nacheinander angeordnet ist, tritt hier zum Tableau gleichzeitig zusammen.“31 PFOTENHAUER zeigt, dass der letzte Roman Fontanes strukturell besonders gut für diese Moratorien geeignet ist, da er vieles optisch, Äals Stilleben der Requisiten“ organisiert oder auch Äals ein durch Rahmung oder Farbgebung - ikonischen Signalen also - hervorgehobenes Ensemble von Menschen oder von zur Landschaft zusammentretenden Naturdingen“32 Somit wird der angehaltene Moment bejaht, augenfällig gemacht und genossen!

[...]


1 Vgl. Brinkmann, Richard: Der angehaltene Moment. Requisiten-Genre-Tableau bei Fontane. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 53 (1979), S. 429 - 462.

2 Pfotenhauer, Helmut: Zeichenversessener Realismus. Fontanes ‚Stechlin’. In: Ders.: Sprachbilder. Untersuchungen zur Literatur seit dem 18. Jahrhundert. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S.188.

3 Vgl. Barlow, Derrek.: Symbolism in Fontane’s Der Stechlin. In: German Life and Letters 12 (1958/59), S.282 - 268.

4 Vgl. Neuhaus, Stefan: Still ruht der See: revolutionäre Symbolik und evolutionärer Wandel in Theodor Fontanes Roman ‚Der Stechlin’. In: Fontane-Blätter 57 (1994). S.48-77.

5 Vgl. Pfotenhauer, H. (2000).

6 Jolles, Charlotte: ÄDer Stechlin“: Fontanes Zaubersee. In: Aust, Hugo [Hrsg.]: Fontane aus heutiger Sicht. Analysen und Interpretationen seines Werkes. Zehn Beiträge. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1980, S.240.

7 Brinkmann, R. (1979), S.432.

8 Ebd., S.433.

9 Vgl. Ebd., S.433.

10 Vgl. hierzu auch Waniek, Erdmann: Beim zweiten Lesen: der Beginn von Fontanes ÄEffi Briest“ als verdinglichtes Ätableau vivant“. In: German Quaterly 55 (1982), S.164 - 175.

11 Vgl. Brinkmann, R. (1979), S.433.

12 Vgl. Jolles, C. (1980), S.242 -244.

13 Einen Überblick über den Forschungsstand zum Motiv der Melusine gibt Jolles, Charlotte: Theodor Fontane. Metzler, Stuttgart (1983), S. 105f. Vgl hierzu auch Sagarra, Eda: Der Stechlin. S.671f.

14 Vgl. Miller, Eric: Die roten Fäden des roten Hahns. Zu einem Motivkomplex im Stechlin. In: FontaneBlätter H. 67 (998), S. 91 - 105.

15 Pfotenhauer, H. (2000), S.195.

16 Vgl. Guthke, Karl S.: Fontanes ÄFinessen“. ÄKunst“ oder ÄKünstelei“. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 26 (1982), S.247f.

17 Vgl. Jolles, C. (1983), S.103 - 105.

18 Vgl. Pfotenhauer, H. (2000), S.191f.

19 Barlow, D. (1985), S.282.

20 Brinkmann, R (1979), S.434.

21 Ebd., S.434.

22 Waniek, E. (1982). S.164.

23 Pfotenhauer, H. (2000), S.188.

24 Ebd. S.188.

25 Vgl. Brinkmann, R. (1979). S. 460.

26 Pfotenhauer, H. (2000), S.188.

27 Ebd., S.194.

28 Ebd., S.189.

29 Brinkmann, R. (1979). S. 460f.

30 Ebd., S. 461.

31 Pfotenhauer, H. (2000), S.195.

32 Ebd., S.195.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Funktion der Requisiten bei Theodor Fontane am Beispiel von „Der Stechlin“
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Germanistik - Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Romane des "Realismus": Keller, Stifter, Fontane
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V172674
ISBN (eBook)
9783640926244
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poetischer Realismus, Realismus, Theodor Fontane, Fontane, Der Stechlin, Mathilde Möhring
Arbeit zitieren
Inka Hemmerich (Autor), 2007, Die Funktion der Requisiten bei Theodor Fontane am Beispiel von „Der Stechlin“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172674

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