Die vorliegende Arbeit widmet sich der Fragestellung nach dem Protagonisten des sogenannten Rönne-Zyklus und dem Verhältnis seines Schöpfers, Gottfried Benn, zu ihm. Wie sich bei der Behandlung dieser Frage herausstellen wird, berührt diese Fragestellung implizit auch andere der vielen Themengebiete, die der Zyklus streift. Insbesondere wird das Verhältnis von Realität und Konjunktiv einen zentralen Stellenwert erhalten. Um dies angemessen behandeln zu können, wird diese Arbeit mit dem Begriff des konjunktivischen Feldes agieren, den einzuführen und zu erläutern zuvor noch unternommen werden muß. Hierfür wird ein kurzer Ausblick auf frühere und gleichzeitige Literatur des Expressionismus vorzunehmen sein. Dabei hofft der Verfasser über die Auseinandersetzung mit Gottfried Benn und seiner Gestaltungsweise möglicherweise einen neuen Impuls zum Verständnis der ganzen klassischen Moderne geben zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Material
2.1 Die Textgestalt
2.2 Die Zyklushaftigkeit
2.2 Der Novellenbegriff
3. Wer ist Dr. Rönne
3.1 Der Konjunktiv in der klassischen Moderne
3.1.1 Noa Noa
3.1.2 Weltende
3.1.3 Bebuquin
3.2 Der Konjunktiv im Rönnekomplex
3.2.1 Gehirne
3.2.2 Die Reise
3.2.3 Der Geburtstag
4. Schluß
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen dem Protagonisten Werff Rönne und seinem Schöpfer Gottfried Benn innerhalb des Rönne-Zyklus, wobei der Fokus auf dem Begriff des "konjunktivischen Feldes" liegt, das die Verschiebung der Realität in das Irreale und Potenzielle beschreibt.
- Die Analyse des Rönne-Zyklus als geschlossene zyklische Einheit.
- Die Untersuchung der grammatischen Konjunktiv-Form als Ausdruck eines neuen Denkmodells der Moderne.
- Die Rolle der Kunst als Lösungsmodell für die Identitätskrisen des Protagonisten.
- Der Vergleich zwischen Benns Prosa und Werken anderer Autoren der klassischen Moderne wie Carl Einstein und Paul Gauguin.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Noa Noa
Drei Beispiele seien zur Erhellung dieses Begriffs hier angeführt. Als das erste diene der frühexpressionistische Maler Paul Gaugin, der Zeit seines Lebens von der Südsee träumte und all seine, insbesondere auch sozialen Hoffnungen in dieses „primitive Paradies“ projezierte. Als er sich 1891 zum ersten Mal nach Tahiti einschiffte, diagnostizierte er die europäische Situation folgendermaßen:
In Euopa bereitet sich für das kommende Geschlecht eine furchtbare Zeit vor: die Herrschaft des Goldes. Alles ist verfault, die Menschen und die Kunst.
Dem wollte er die Unverfälschtheit der Südsee entgegensetzen, in die er floh. Aber wie sich seinen Briefen deutlich entnehmen läßt, erfüllt sich seine Hoffnung nicht. Gerade der „Herrschaft des Goldes“ vermag er nicht zu entfliehen. Verarmt und erkrankt sitzt er in seinem Inselparadies und schreibt Bitt- und Schmähbriefe an seine Galeristen, die ihn am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Aber wie sehr – und das ist der Kern dieses kurzen Exkurses - unterscheidet sich die Wirklichkeit, die aus seinen nonfiktionalen Briefen spricht, von dem Idealbild, das er in der poetisierten Erzählung Noa Noa entwirft. Er kennt zum Zeitpunkt der Niederschrift bereits die Wirklichkeit, die sich hinter den Träumen und Projektionen der Südsee verbirgt – und doch bringt er es nicht übers Herz, sich von ihnen zu verabschieden und hält stattdessen in der Fiktion die Illusion aufrecht, die selbständig eine literarische Parallelexistenz zur gleichzeitig in den Briefen dokumentierten Realität führt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Rönne-Novellen von Gottfried Benn und die Bedeutung des Begriffs "konjunktivisches Feld" für die literarische Analyse.
2. Das Material: Erörterung der Textgrundlage der Erstausgabe und Begründung der zyklischen Struktur sowie Klärung des Novellenbegriffs.
3. Wer ist Dr. Rönne: Analyse der Protagonistenfigur Rönne im Spannungsfeld zwischen Benns Biografie und literarischer Konstruktion.
4. Schluß: Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblick auf die Bedeutung des konjunktivischen Feldes für die Literatur der klassischen Moderne.
5. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Gottfried Benn, Werff Rönne, Rönne-Zyklus, Expressionismus, Konjunktiv, konjunktivisches Feld, klassische Moderne, Realität, Nichtreale, Potentialität, Identität, Kunst, Metapher, Assoziation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Gottfried Benns Prosazyklus rund um die Figur des Dr. Rönne unter dem speziellen Aspekt des "konjunktivischen Feldes".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Verschiebung der Wahrnehmung zwischen Realität und Irrealität sowie die Funktion des Konjunktivs als Ausdruck eines neuen modernen Weltbildes.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das Verhältnis von Autor und Protagonist sowie die Bedeutung der Konjunktiv-Struktur für Benns künstlerisches Programm zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Untersuchung nutzt eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die philologische Detailbeobachtungen mit intertextuellen Vergleichen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung des Begriffs "konjunktivisches Feld", Vergleiche mit Zeitgenossen wie Gauguin oder Einstein und eine detaillierte Novellen-Analyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Benn, Rönne, Konjunktiv, konjunktivisches Feld, Moderne, Potentialität, Metapher und Assoziation.
Inwiefern spielt der Ortsname "Antwerpen" eine Rolle für die Interpretation der Novelle "Die Reise"?
Der Autor argumentiert, dass die explizite Nennung von Orten in diesem Werk eine Provokation darstellt, die den Leser in eine Erwartungshaltung führt, die sofort wieder durch das konjunktivische Feld aufgelöst wird.
Warum wird die Figur des "Edmée Denso" als bedeutsam für das Ende des Zyklus eingestuft?
Edmée Denso repräsentiert die bewusste Erschaffung der eigenen Wirklichkeit durch die Kunst, was für Rönne die letztliche Lösung seines Konflikts durch den Übergang von der Metapher zur Assoziation darstellt.
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- Magister Artium Norbert Krüßmann (Author), 2002, Rönne oder der Konjunktiv des Gottfried Benn, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17268