Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung, Teil I


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2011

12 Seiten, Note: "."


Leseprobe

Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung"

Eine kritische Untersuchung: Teil I

Aufbau /Struktur des Romans[ 1 ]

Der Roman gliedert sich in zweiundzwanzig Abschnitte, die von einem "Prolog" (9-11) und einem "Epilog" (187-189) eingerahmt werden. Die Hälfte der zweiundzwanzig Abschnitte sind "Gärtner"-Texte. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um inhaltstragenden Textteile, die das eigentliche Romangeschehen erzählen. Die "Gärtner"-Texte sind so angeordnet, dass jeweils einer von ihnen einem erzählenden Abschnitt vorangestellt ist.

Insgesamt gibt es daher elf inhaltstragende Kapitel, die nach den jeweiligen Besitzern, Bewohnern oder Besuchern der Seegrundstücke benannt werden (z. B. "Der Architekt", "Der Tuchfabrikant", usw.) und elf Gärtnerkapitel, die durchgängig "Der Gärtner" heißen. Die äußere Struktur des Romans, d. h. die Einteilung in Textabschnitte oder Kapitel, ist daher streng symmetrisch gegliedert: insgesamt vierundzwanzig Textteile, davon zwei Rahmentexte, elf erzählende, handlungstragende und elf zwischen die Handlungsstränge eingeflochtenen Gärtnerkapitel, die weniger erzählende Funktion haben, sondern die Handlungsstränge miteinander verbinden und die symmetrische Struktur des Romanaufbaus entscheidend prägen.

Textananlyse und Kommentar: Teil I

Der Ort des Geschehens (Vgl. hierzu www.wikipedia, sub: Scharmützelsee und www.bad-saarow.de/.../scharmützelsee)

Die Handlung des Romans spielt sich auf drei benachbarten Grundstücken am Ufer des märkischen Scharmützelsees ab. Im Wechsel der Jahreszeiten erlebt der Leser wechselnde Besitzer, Bewohner, Besucher und Besatzer. Die Grundstücke am See bilden die Bühne des Geschehens auf einem zeitgeschichtlichen Hintergrund von etwa hundert Jahren, der durch das Kommen und Gehen politischer Systeme, Krieg, Verfolgung, Vertreibung und Flucht, Sieger und Besiegte, Zerstörung und Wiederaufbau geprägt wird, eine Zusammenfassung deutscher Geschichte des Zwanzigsten Jahrhundert wie sie sich in den Protagonisten dieser idyllischen Landschaft widerspiegelt.

Der Scharmützelsee liegt auf der sogenannten Beeskower Platte südlich von Fürstenwalde/Spree. Er hat eine Fläche von zwölf km2 , eine Länge von zehn Kilometern (Nord-Süd-Richtung) und eine Breite von etwa anderthalb Kilometern (Ost-West-Richtung). Nach dem Schwielochsee ist er der zweitgrößte natürliche See Brandenburgs und gehört zu einer Gruppe von über zweihundert Seen eiszeitlichen Ursprungs dieser Region. Der See entstand durch subglaziale Erosion und Bildung von Rinnen im Untergrund, die sich während der Tauperioden mit Wasser füllten. Die heute in der Tourismuswerbung gebräuchliche Bezeichnung "Märkisches Meer", die Jenny Erpenbeck mehrfach in ihrem Roman verwendet, z. B. im "Prolog" auf Seite 10, geht auf Theodor Fontane zurück, der diese Region im Jahre 1881 besuchte. Heute gehört der See zur Gemeinde Bad Saarow am nördlichen Ufer. Er ist ein beliebtes Erholungs- und Tourismusgebiet und bietet vielfältige Möglichkeiten für Wassersport und Freizeitgestaltung (Baden, Segeln, Tauchen, Angeln, Wandern, Radfahren, Golf und Tennis).

Prolog (9-11)

Dieser Text beschreibt auf der Grundlage von geologischem Fachwissen die prähistorische Entstehungsgeschichte dieser Region. Man kann ihn als eine Art Genesis der märkischen Seenlandschaft auffassen, aber der Hinweis auf die "christliche Zeitrechnung" (10) ist wohl eher als Chiffre und zeitlicher Bezugspunkt gemeint und nicht als Anspielung auf einen Schöpfungsprozess nach christlicher Anschauung. Die Formkräfte dieser Landschaft sind nicht der Gott des biblischen Schöpfungsberichts oder Gestalten einer vorchristlichen Göttermythologie, sondern gewaltige Naturkräfte, die der Region ihre besondere Gestalt und ihren unverwechselbaren Charakter verleihen. Die Autorin befindet sich auf dem festen Boden seriöser wissenschaftlicher Forschung. Der Prolog hat keine Ähnlichkeit mit einem naiven Weltenenerschaffungsmythos, aber er erweckt doch so etwas wie Staunen und Ehrfurcht vor den gewaltigen Kräften der Natur und den enormen geologischen Zeiträumen, gegen die ein Menschenleben oder eine historische Periode der Menschheitsgeschichte wie ein winziger Augenblick erscheint. Von menschlichen Gestaltungskräften ist in diesem Abschnitt noch nicht die Rede. Die Natur formt sich vielmehr selbst und schafft durch diesen Akt der Schöpfung dem Menschen einen Lebensraum und die Grundlage seiner Existenz, die er durch seiner eigenen Hände Arbeit sichern muss.

Eis und Wasser bilden aber nicht nur die Formkräfte der Erdoberfläche, sondern sie kommunizieren auch mit den Sand- und Gesteinsschichten in der Tiefe und dem Himmel in der Höhe. Wasser versickert im Boden und verdunstet in der Luft. Es entsteht ein Kreislauf "zwischen Himmel und Erde" (10), und in der Tiefenstruktur des Bodens, die sich allmählich herausbildet und die sich bis auf den heutigen Zeitpunkt erhalten hat, sammelt es sich und füllt die Rinnen. Die unveränderliche Tiefenstruktur des Bodens - Humus, Gesteinsschicht, grundwasserführende Sandschicht und schließlich blauer Ton - bildet als unterirdische, dem bloßen Auge nicht sichtbare Zwischenschicht das Bindeglied zu dem lange vergangenen geologischen Zeitalter, an dem sich das Wirken der natürlichen Formkräfte auch heute noch nachweisen lässt. Die wiederholt in die Gärtnerkapitel eingefügten Passagen hinsichtlich dieser Bodenstruktur bilden einen Teil des dichten Netzes von Bezügen, Hinweisen und Anspielungen, die mit symbolischer Bedeutung aufgeladen sind und ein wichtiges Merkmal dieses Romans darstellen.

Der Text bedient sich nicht - wie man erwarten könnte - einer sachlich-nüchternen, wissenschaftlich unterkühlten Fachsprache. Es handelt sich vielmehr vor allem um einen poetisch angehauchten Text, in dem durch konkret-anschauliche, bildhafte Metaphern das Eis als die charakteristische Formkraft dieser Zeit in seiner Gestalt und in seinem Wirken gleichsam anthropomorphisiert wird. Es nimmt die Züge eines gigantischen Schöpferwesens an, das "seinen riesigen kalten Körper" (9) voranschiebt und "die Felsbrocken unter sich allmählich rund" schleift (9). Das Gleiche geschieht mit dem Wasser als komplementärer Formkraft, das "unter den schweren riesigen Leib des Eises" (9) gleitet. Eis und Wasser arbeiten, formen, gestalten und ruhen sich aus, sie üben - in überdimensionierten Ausmaßen - Tätigkeiten aus, die ein wesentliches Grundmotiv des Romans bilden, lange bevor der Mensch selbst die Arbeit übernimmt, um seine eigene Existenz zu sichern. Auch ein zweites Grundmotiv klingt in diesem Text deutlich an: das Motiv des Werdens und Vergehens (10) und die Gewissheit, dass nichts von ewiger Dauer, sondern alles in ständigem Wandel begriffen ist. So veränderte die Sahara, einst eine wasserreiche Landschaft voller Leben, in der Neuzeit völlig ihr Aussehen und durchlief einen Prozess, der in nüchterner wissenschaftlicher Fachsprache "als Desertifikation bezeichnet" wird, "zu deutsch Verwüstung" (11).

In den erzählenden Texten nimmt die Autorin wiederholt den Gedanken der "Ewigkeit" auf (vgl. beispielsweise auf Seite 72 das Kapitel "Die Frau des Architekten", die davon träumt, dass ihr Mann "ein Stück Ewigkeit gekauft hat", aber erleben muss, dass diese "Ewigkeit ... ein Loch hat"). Und mit dem Begriff "Verwüstung" (11) schlägt sie bereits den Bogen zum "Epilog", wo das Haus am See abgerissen und dem Erdboden gleich gemacht wird, so dass "die Landschaft für einen kurzen Moment [auch hier schrumpft die Zeit zu einem Punkt] wieder sich selbst gleicht" (189), wie am Beginn des Schöpfungsprozesses, als die Erde in ihrem ursprünglichen Zustand noch wüst und leer war.

Die Gärtnertexte

Die Gärtnertexte kann man hinsichtlich ihrer erzähltechnischen Funktion im Gesamtgefüge des Romans aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten:

Mann kann sie als Binnentexte verstehen, die in die handlungstragenden Romankapitel eingelegt worden sind, und als Zwischen- oder Scharnierstücke die Handlungsstränge miteinander verbinden bzw. als ein in die erzählenden Texte hineingeflochtenes und sie umschlingendes symbolisches Band, das dem Gesamtgefüge des Romans inneren Zusammenhalt verleiht. Man kann sie aber auch als Rahmentexte verstehen, die die Handlungsstränge umschließen und einfassen, bzw. als die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen überdauernden Beschreibungen von symbolhafter Zeitlosigkeit, die die Grundidee eines Lebens im Einklang mit der Natur im sich ständig wiederholenden und erneuernden Zyklus der Jahreszeiten veranschaulichen sollen. Die Gärtnertexte verdeutlichen die Notwendigkeit eines geschützten Raumes und eines lebenserhaltenden Nährbodens als Grundlage für den Schaffensprozess seiner Bewohner, in dem sie Entspannung und Erholung finden können. Wenn das Gleichgewicht dieses Lebensraumes durch die Umwälzung der politischen Verhältnisse ins Wanken gerät und die Spuren der Zerstörung sichtbar werden, stellen die Gärtnertexte die gestörte Ordnung wieder her. Die Trümmer werden beseitigt, und das Prinzip des Bewahrens und Erneuerns setzt sich wieder durch.

Der Gärtner ähnelt einer mythologischen Erhalterfigur. Er ist namenlos, nahezu stumm und hält sich abseits der menschlichen Gesellschaft auf. Seine Herkunft ist unbekannt. Er scheint in einer magischen Zwischenwelt zu leben und steckt voller unergründlicher Geheimnisse. Es scheint so, als sei er immer schon dagewesen und würde auch immer dableiben. Er kümmert sich aufopferungsvoll um das Stück Land und die Menschen am See, die ihm anvertraut sind, er denkt und handelt nicht nach seinem persönlichen Nutzen, sondern tut das, wozu er sich berufen fühlt. Er lebt im Rhythmus und im Einklang mit der Natur und beugt Zerstörung und Verderben vor. Er baut, repariert, erneuert und kultiviert, was zu verfallen und zu verwildern droht. Er pflanzt, sät, pflegt, schützt und erntet und ist selbst quasi zu einem Teil der Natur

[...]


[ 1 ] Grundlage dieser Untersuchung ist die folgende Textausgabe:

Erpenbeck, Jenny: Heimsuchung. Frankfurt a. M.: Eichborn Verlag, 2008

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Details

Titel
Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung, Teil I
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Zentrale Einrichtung für Weiterbildung)
Note
"."
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V172689
ISBN (eBook)
9783640926831
ISBN (Buch)
9783640926992
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jenny, erpenbecks, roman, heimsuchung, eine, untersuchung, teil
Arbeit zitieren
Hans-Georg Wendland (Autor), 2011, Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung, Teil I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172689

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