Jens Sparschuh und die Wende

„Der Zimmerspringbrunnen“ im Kontext der Wiedervereinigung


Hausarbeit, 2006

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Zimmerspringbrunnen - Inhalt

3. Literatur im Kontext der Wiedervereinigung
3.1 Die Stellung der Literatur nach 1989
3.2 Die Forderung nach dem Wenderoman
3.3 Zum Generationenwechsel

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Er war, sah man genau hin, mindestens zehn, fünfzehn Jahre jünger als ich. Insofern hätte eigentlich ich ihm das Du anbieten müssen. Aber schließlich, er war der Westmensch; da hatte er bei mir wahrscheinlich gleich automatisch ein paar Jährchen von den 40 Jahren DDR- Leben abgezogen, denn richtig gelebt hatten wir ja nicht [...] Aber, was zum Kuckuck war es denn, was wir die ganze Zeit getrieben hatten?1

Jens Sparschuhs Der Zimmerspringbrunnen erschien 1995, sechs Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer. Nicht nur für Hinrich Lobek - Protagonist dieses Heimatromans - stellt sich im Angesicht der deutschen Einheit die Frage nach der eigenen Vergangenheit und dem Umgang mit der sich so radikal wandelnden Gegenwart.

Auch für das Feld der Literatur stellt sich der Prozess der deutsch-deutschen Wiedervereinigung als äußerst schwierig dar. Schon kurz nach den Ereignissen rund um die Wende entflammten heftige Debatten über die literarische Gegenwart Deutschlands. Unter anderem gerät vor allem das Schreiben ostdeutscher Autoren unter dem sozialistischen System in die Kritik. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen steht fast immer die Frage nach dem Verhältnis von Literatur, Politik und Gesellschaft.

Der scheinbar weit weniger betroffene Westen Deutschlands bleibt davon ebenfalls nicht unberührt. So schien doch die Wende das Ende einer ganzen Literaturepoche zu markieren, womit sich gleichzeitig ein Wechsel der Generationen ankündigte.

Auf sehr humorvolle Weise thematisiert der ostberliner Autor Jens Sparschuh in seinem Zimmerspringbrunnen die Schwierigkeiten im Prozess des Zusammenwachsens zwischen Ost und West2.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, den Roman in die Zeit nach 1989 einzuordnen. Am Anfang steht eine kurze Einführung in den Inhalt des Werkes. Im Anschluss soll die Zeit nach 1989 und insbesondere die Debatten um die deutsche Literatur nach der Wende näher beleuchtet werden. Angesichts der Komplexität des Themas kann an dieser Stelle keine Vollständigkeit gewährleistet werden. Um den zeitlichen Rahmen der Nachwendezeit angemessen zu veranschaulichen, wird jedoch ein umfassender Überblick angestrebt. Im Zentrum der Untersuchung steht dabei immer die Fragestellung, welche Position Jens Sparschuhs Roman im Feld der deutschen Gegenwartsliteratur einnimmt.

2. Der Zimmerspringbrunnen - Inhalt

Thematisch stellt Der Zimmerspringbrunnen Jens Sparschuhs literarische Auseinandersetzung mit den Folgen der Wiedervereinigung dar.3 Der Autor - selbst 1955 im damaligen Karl-Marx-Stadt geboren - erzählt die Geschichte vom Ostdeutschen Hinrich Lobek. Der ehemalige Angestellte der Kommunalen Wohnungsverwaltung ist nach der Wende arbeitslos und zieht sich zunehmend in die Isolation seiner eigenen Wohnung zurück. Anlässlich einer günstigen Prognose im HALLO-BERLIN-Wochenhoroskop beschließt Lobek jedoch, sich um einen Arbeitsplatz bei einer westdeutschen Vertretergesellschaft für Zimmerspringbrunnen zu bewerben. ÄFür diesen Tag aber stand, anders als sonst, Wichtiges, Bedeutsames auf dem Plan: Ich musste eine Bewerbung schreiben!“4

Bei seinen Versuchen, in der kapitalistisch orientierten Arbeitswelt des Westens Fuß zu fassen, stolpert Lobek, der noch immer an den Ä[...] Gesetzmäßigkeiten, nach denen die ‚Wirklichkeit’ in der DDR funktionierte [...]“5 festhält, von einem Missverständnis zum Nächsten. Ironischer Weise sind es gerade diese Missverständnisse, welche Lobek zum Erfolg im neuen Beruf verhelfen. Der Aufstieg des eigenwilligen Ostdeutschen gipfelt in der mehr oder weniger zufälligen Entwicklung eines neuen Zimmerspringbrunnenmodels, welches aufgrund seiner Gestaltung in Form der ehemaligen DDR zu einem Verkaufsschlager im Osten wird.

Später bin ich oft gefragt worden, wie ich damals auf meine Idee gekommen bin, ob vielleicht ÄAuferstanden aus Ruinen“ mich inspiriert hätte? Ich weiß es nicht. Ich konnte es nie genau sagen.6

Dem beruflichen Aufstieg folgt jedoch der private Misserfolg. Verärgert über Lobeks verklärte Weltanschauung und seine Unfähigkeit in der Auseinandersetzung mit dem Leben nach der Wiedervereinigung, gerät seine Frau Julia zunehmend in Rage.

‚Weißt du eigentlich, wie wahnsinnig du mich aufregst?’ hatte mir Julia noch zum Abschluß dieses denkwürdigen Tages ins Gesicht geschrien und sich dann für mehrere Stunden ins Bad eingeschlossen. Nein, das hatte ich nicht gewusst. Spät in der Nacht hielt ich es im Protokollbuch fest: ‚Julia findet mich wahnsinnig aufregend!’7

Letztlich verlässt Julia die gemeinsame Wohnung. Die Ä[...]gestörte und von Missverständnissen geprägte Kommunikation und eine entfremdete Weltsicht [...]“8 der Hauptfigur prägen die gesamte Darstellung der Geschichte. Unfähig, sich und seine Gedanken reflektiert zum Ausdruck zu bringen, noch sich an die gewandelten Verhältnisse im wiedervereinten Deutschland anzupassen, wird Lobek zum gesellschaftlichen Aussteiger. In der Hoffnung, seine Frau am Bahnhof abfangen zu können, um sie zur Rückkehr zu überreden, landet Lobek zum Ende der Erzählung an einem Bahnhof, wo er ins Obdachlosenmilieu zu geraten droht.

Sicher, es wäre zuviel gesagt, wenn ich behaupten würde, dass der Bahnhof ein zweites Zuhause für mich geworden wäre. Allmählich aber gewöhnte ich mich an das Bahnhofsleben.9

Lobeks persönliche Wiedervereinigung scheint misslungen. Das Ende des Romans bleibt jedoch bewusst offen und schließt mit einer Aufforderung Lobeks an seinen Hund Freitag, sich in Bewegung zu setzen. ÄKomm.“10 ; wird auch der Leser angesprochen.

3. Literatur im Kontext der Wiedervereinigung

Ob das Jahr 1989 als ‚epochales Ereignis’ in die Geschichte eingehen wird, muß sich erst noch herausstellen. Daß es in Deutschland und Europa folgenreiche politische, ökonomische und soziale Einschnitte brachte und die Nachkriegsepoche endgültig beendete, kann wohl nicht mehr bezweifelt werden.11

Als am 9. November 1989 mit der Öffnung der Berliner Mauer die deutsch-deutsche Teilung, nach fast vierzig Jahren endgültig ein Ende nahm, wurde dies von großer Euphorie begleitet. Schon kurze Zeit später jedoch musste die Freude über das wiedervereinte Deutschland, wie Volker Wehdeking es ausdrückt, Ä[...] einem breiten Mißvergnügen der Ungleichzeitigkeiten [...]“12 weichen. Konnten doch die wieder gewonnene Freiheit und eine geeinte Nation nicht darüber hinwegtäuschen, dass man in beiden Teilen Deutschlands über vier Jahrzehnte hinweg völlig divergente Wege verfolgt hatte.

Natürlich muss erwähnt werden, dass es vor allem die Bürger der ehemaligen DDR waren, die sich im Angesicht der deutschen Einheit einer massiven Lebensumstellung gegenüber sahen. Während im Westen Deutschlands vorerst alles blieb wie es war, verabschiedete man sich in den neuen Bundesländern von einer kompletten Gesellschaftsidee. Nicht nur Parteien oder Politiker wurden ausgetauscht. Mit dem Ende des Sozialismus, welcher in der DDR nicht nur die Politik bestimmte, sondern auch das private Leben und Denken der Menschen, ging für deren Bürger gleichfalls ein großes Stück Identität verloren.

Es sieht gegenwärtig so aus, als kümmere die Wiedervereinigung westdeutsche Schriftsteller weniger. Dies verwundert nicht, änderte sich doch für sie fast nichts an ihrer persönlichen Lebensführung. Schriftsteller aus den neuen Bundesländern hingegen hatten seit 1989 die Veränderung ihrer Lebensverhältnisse und eine ideelle Neuorientierung zu verkraften.13

Wie hier bereits anklingt, waren es insbesondere deutsche Intellektuelle, die sich nach der Wende intensiv mit der Wiedervereinigung auseinander setzten. In beiden Teilen Deutschlands kristallisierten sich Befürworter und Gegner der Einheit heraus.

Unter anderem sind es Günter Grass, Martin Walser, Christa Wolf und Stefan Heym, die sich heftige Debatten um die deutsche Zukunft und zum Thema der Vergangenheitsbewältigung lieferten.14

Langsam aber sicher wird deutlich, dass eine schnelle und problemlose Wiedervereinigung nicht so einfach zu realisieren ist. Vermehrt geraten Schriftsteller und Intellektuelle der ehemaligen DDR ins Visier der öffentlichen Kritik. Es stellt sich die Frage nach deren Funktion in der zurückliegenden und in der gegenwärtigen Gesellschaft. Im Zuge dieser Kontroversen fällt ihr eigentliches Schaffen immer mehr in den Hintergrund.

Im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzungen stehen weniger die literarischen Äußerungen der Autoren als ihre moralische Gesinnung in bezug auf die Utopie eines ‚demokratischen Sozialismus’ und die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Politik sowie der politischen Verantwortung von Schriftstellern im gesellschaftlichen Zusammenhang.15

Die öffentlichen Debatten um die deutsche Literatur und ihre Schriftsteller werden ebenfalls begleitet von der Forderung nach literarischer Verarbeitung der jüngsten Ereignisse.

Die Erwartungen sind hoch. Seit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, der Öffnung der innerdeutschen Grenze und dem beginnenden Prozeß der Wiedervereinigung Deutschlands warten Kritiker, Literaturwissenschaftler und vielleicht auch Leser auf literarische Stellungnahmen zu den gesellschaftlichen Ereignissen und dem ‚Roman zur Wende’.16

Mit dieser Forderung scheint sich gleichsam das Ende der Nachkriegsepoche abzuzeichnen. Lange Zeit sahen sich die deutschen Schriftsteller, insbesondere die der Bundesrepublik, in der Verantwortung, die Geschehnisse während des zweiten Weltkrieges literarisch aufzuarbeiten. Im wiedervereinten Deutschland, nach vierzig Jahren Teilung, steht nun aber das Thema Wende im Mittelpunkt des literarischen Blickfelds.

Nicht nur ist eine Fülle von Essays erschienen, auch Romane und Erzählungen, die in irgendeiner Weise jene Zeit, ihre Stimmungen und Ereignisse reflektieren, liegen in großer Zahl vor.17

Seit Mitte der neunziger Jahre betreten vermehrt junge AutorInnen die literarische Bühne.

Mit humoristisch gelassenen, oft auch satirischen Erzählweisen heben sie sich deutlich von den Aufarbeitungstexten älterer AutorInnen ab. Auch scheinen sie den neuen Medien, welche der Literatur mehr und mehr ihren Platz als Kulturträger streitig machen, unerschrocken gegenüberzustehen, sie sogar in ihr Schreiben zu integrieren.

Das neue Schlagwort, das zum Milleniumwechsel die Diskussion um die deutsche Gegenwartsliteratur beherrschte, hieß Generationswechsel. In einer Titelstory des ÄSpiegel“, die im Oktober 1999 erschien, war die Rede von einer Äneuen Dichtergeneration“, den ÄEnkeln von Grass und Co“.18

Neben bspw. Thomas Brussig oder Thomas Rosenlöcher zählte auch Jens Sparschuh zu den Autor dieser jungen Generation. Auf sehr amüsante und doch keinesfalls triviale Weise thematisiert sein Roman Der Zimmerspringbrunnen den komplizierten Prozess der Wiedervereinigung aus der Sicht eines Ostdeutschen. Gerade aufgrund seiner ansprechenden Lesewirkung stellt er einen sehr interessanten Beitrag zur Aufarbeitung der Wiedervereinigung dar.

Welche Stellung nimmt dieses Werk nun in der Nachwendezeit ein und wie geht Jens Sparschuh um mit diesem schwierigen Thema? Dieser Frage soll anhand einzelner Schwerpunkte in den folgenden Abschnitten nachgegangen werden.

[...]


1 Sparschuh, Jens: Der Zimmerspringbrunnen. Ein Heimatroman. 12. Auflage. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 1997. S. 111.

2 Vgl. Jasper, Dirk: Interview mit Jens Sparschuh. http://www.djfl.de/entertainment/stars/j/jens_sparschuh_i_01.html (20.03.2006).

3 Bremer, Ulrike: Versionen der Wende: eine textanalytische Untersuchung erzählerischer Prosa junger deutscher Autoren zur Wiedervereinigung. Osnabrück: Universitätsverlag Rasch 2002. S. 181.

4 Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. S. 9.

5 Kormann, Julia: Satire und Ironie in der Literatur nach 1989. Texte nach der Wende von Thomas Brussig, Thomas Rosenlöcher und Jens Sparschuh. In: Mentalitätswandel in der deutschen Literatur zur Einheit (1990- 2000). Hrsg. von Volker Wehdeking. Berlin: Erich Schmidt 2000. S. 169.

6 Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. S. 94.

7 Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. S. 64.

8 Bremer, U.: Versionen der Wende. S. 182.

9 Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. S. 158.

10 Ebd. S. 159.

11 Bogdal, Klaus- Michael: Klimawechsel. Eine kleine Meteorologie der Gegenwartsliteratur. In: Baustelle Gegenwartsliteratur. Die neunziger Jahre. Hrsg. von Andreas Erb. Opladen/ Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998. S. 9.

12 Wehdeking, Volker: Mentalitätswandel im deutschen Roman zur Einheit (1990- 2000). In: Mentalitätswandel in der deutschen Literatur zur Einheit (1990-2000). Hrsg. von Volker Wehdeking. Berlin: Erich Schmidt 2000. S. 29.

13 Scheitler, Irmgard: Deutschsprachige Gegenwartsprosa seit 1970. Tübingen: A. Franke Verlag Tübingen und Basel 2001. S. 337.

14 Vgl. Bremer, U.: Versionen der Wende. S. 12.

15 Ebd.

16 Ebd. S. 11.

17 Scheitler, I.: Deutschsprachige Gegenwartsprosa seit 1970. S. 337.

18 Kammler, Clemens: Deutschsprachige Literatur seit 1989/90. Ein Rückblick. In: Deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit 1989. Zwischenbilanzen- Analysen- Vermittlungsperspektiven. Hrsg. von Clemens Kammler und Torsten Pflugmacher. Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren 2004. S. 23.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Jens Sparschuh und die Wende
Untertitel
„Der Zimmerspringbrunnen“ im Kontext der Wiedervereinigung
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Gegenwartsliteratur seit 1990
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V172709
ISBN (eBook)
9783640927524
ISBN (Buch)
9783640927326
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche Teilung, Wendeliteratur, Gegenwartsliteratur, Der Zimmerspringbrunnen
Arbeit zitieren
Robert Bachmann (Autor:in), 2006, Jens Sparschuh und die Wende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172709

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