Back to Dreck. Neue Qualitäten und altbekannte Muster in Oliver Stones "Platoon"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

39 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Zur narrativen Struktur Platoons
1.1 Platoon als short story
1.2 Zum Genreritual der Initiation
1.3 Zur Initiation in Platoon

2 Literarische Vergleichsmöglichkeiten

3 „Viet Nam As It Really Was" Zur Rezeption Platoons

4 Darstellung von Männlichkeit und Gewalt in Platoon
4.1 Formen der Gewalt in Platoon
4.2 Formen der Männlichkeit in Platoon

5 „Viet Nam As It Really Was"? Platoon zwischen authentischer Darstellung und allegorischer Fabel

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Medienverzeichnis

Einleitung

„Platoon: Viet Nam As It Really Was"1 titelt das Time Magazin kurz nach Erscheinen von Oliver Stones Platoon im Jahr 1986. Es folgen vier Oscars u.a. für die beste Regie, zahlreiche internationale Auszeichnungen und Einspielergebnisse, die, gemessen am eher minimalistischen Budget des Films, für eine überaus positive Resonanz beim Publikum sprechen. Der Eindruck täuscht nicht. Sowohl Kritik als auch Zuschauer scheinen sich einig: Platoon war neu, Platoon war realistisch und Platoon war wichtig. Für eine ganze Generation Vietnam-Veteranen gilt Platoon als der erste Film, der darstellte, was man im Dschungel erlebt und erlitten hatte, der ein Verständnis für die Menschen und Ereignisse in diesem Krieg zu erzeugen in der Lage war und in diesem Prozess ein positiveres Licht auf die Gruppe der Veteranen warf.

Die folgende Arbeit befasst sich mit der Frage, worin diese neue bzw. besondere Qualität Platoons besteht und in wie weit jene kritisch zu hinterfragen ist. Hierzu sollen einige zentrale Handlungs- und Gestaltungsmuster fokussiert und diskutiert werden. Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei die Entwicklung des Protagonisten Chris Taylor, die Bedeutung der zentralen Nebenfiguren Elias und Barnes, sowie die Darstellung von Gewalt und Männlichkeit im Film. In Hinsicht auf die Modellierung der Charaktere, den Verlauf der Handlung und letztlich die Moral des Films hat Platoon zahlreiche Vorbilder, v.a. in der Literatur seit der Aufklärung. Aus diesem Grund sollen für die Analyse des Films auch literaturwissenschaftliche Kategorien fruchtbar gemacht werden. Resultierend gilt es zu klären, in wie weit Platoon eine realistische Darstellung des Vietnamkrieges bzw. überhaupt eine realistische Darstellung ist oder sein kann. Darüber hinaus soll deutlich werden, ob Platoon dem Prädikat eines sog. Antikriegsfilm gerecht wird, und was evtl. dagegen spricht.

1 Zur narrativen Struktur des Films

Zunächst gilt es die im Film dargebotene Erzählung auf ein gewisses narratives Muster hin zu untersuchen, welches die Analyse der spezifischen Inhalte und des Erzählstils erleichtert. Hierbei fällt auf, dass der Film im Wesentlichen dem literarischen Erzähltyp der short story nahe kommt. Zerlegt man den Erzählverlauf in verschiedene Handlungsabschnitte, fällt zudem auf, dass auch der Vergleich mit dem klassischen Drama nicht gescheut werden muss. Hierzu im Späteren jedoch mehr. Vor aller Analyse der Narration soll jedoch kurz auf deren Inhalt eingegangen werden.

Protagonist des Films ist Jugendliche Chris Taylor. Entgegen dem Willen seiner Eltern bricht der behütete Mittelständler sein Studium ab und beschließt, sich freiwillig für den Kampfeinsatz in Vietnam zu melden. Wie aus den immer wieder eingestreuten Off-Monologen in Form von Briefen an die Großmutter ersichtlich wird, stellt Taylors Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, einen Ausbruch aus den bestehenden und nicht zufriedenstellenden Verhältnissen seines Daseins dar. Zudem ist sein Einsatz für Taylor eine Art Sinn- bzw. Identitätssuche.

Vielleicht habe ich hier mitten im Dreck die Antwort endlich gefunden. Vielleicht kann ich von hier unten wieder ganz von vorn anfangen, meinem Leben eine neue Richtung geben. Womöglich etwas sein, worauf ich ein bisschen stolz sein kann, ohne zu einer Menschenimitation zu werde. Endlich ohne etwas vortäuschen zu müssen. Vielleicht kann ich etwas sehen, was ich noch nicht sehe, etwas lernen, was ich nicht weiß.2

Mitten im Dreck, durch die extreme Erfahrung der Teilnahme am Krieg und umgeben von Mitgliedern der untersten Schichten der amerikanischen Gesellschaft ± so wird im späteren Verlauf des Films noch deutlicher ± erhofft sich Taylor Erfahrungen zu machen, die ihm in seinem gewohnten Umfeld verwehrt bleiben und mit Hilfe derer er seine eigene Identität zu einer gefestigten Existenz formen kann. Von Anfang an wird Taylor mit der Einsicht konfrontiert, dass Vietnam in keiner Weise den Erwartungen entspricht, die der junge Amerikaner sich vom Krieg gemacht hatte. Anstelle ehrenhafter Pflichterfüllung auf dem weiten Schlachtfeld, militärischer Hierarchien und siegreichen Gefechten sieht sich Taylor einer unwirklich beklemmenden Umgebung, chaotischen Verhältnissen zwischen den z.T. völlig verrohten GIs und dem aussichtslosen Kampf gegen einen strategisch überlegenen und nahezu unsichtbaren Feind gegenüber.

Jemand hat einmal geschrieben: Die Hölle ist Abwesenheit von Vernunft. So kommt mir das hier vor, wie die Hölle. Ich hasse das Ganze schon jetzt und bin erst eine Woche hier. Es war eine fürchterliche Woche Oma. [.. .]3

Tag für Tag muss ich darum kämpfen, meine Kraft aber auch meinen Verstand nicht zu verlieren. Auf irgendeine merkwürdige Weise verschwindet mir hier allmählich alles. Ich habe auch kaum noch die Energie zu schreiben und ich weiß auch nicht mehr, was richtig und falsch ist. Die Stimmung der Männer ist gedrückt. Im Zug herrscht Bürgerkrieg.4

Die Leitfiguren seines selbstgewählten Martyriums sind der rohe und vom Krieg stark gezeichnete Barnes und der noble, fürsorgliche Elias; ihrerseits Unteroffiziere und somit zuständige Führungspersonen für die jungen Frischlinge, wie Taylor es ist. In ihren Verhaltensweisen bilden sie zwei Extreme, an denen Taylor seine eigenen moralischen Maßstäbe zu messen hat. Die Situation eskaliert, als sich die angestauten Ängste und Spannungen bei der Erkundung eines vietnamesischen Dorfes in einem Massaker entladen, bei dem Barnes eine Zivilistin zu Unrecht erschießt. Elias, der diesen Akt der Unmenschlichkeit als Kriegsverbrechen verurteilt, bekundet öffentlich, dass er dies auch zur Anklage bringen wird. Als Barnes und Elias sich während eines späteren Gefechts allein im Dschungel gegenüber stehen, erschießt Barnes auch diesen und entledigt sich auf diesem Wege der Gefahr des drohenden Kriegsgerichts. Die Truppe, die sich unter den Umständen bereits früh in zwei gegensätzliche Lager gespalten hat, steht den Ereignissen z.t. schockiert und fassungslos, z.t. legitimierend gegenüber. Taylor, der sich auf der vermeintlich moralisch richtigen Seite sieht, beschließt entgegen der Tatenlosigkeit seiner Kameraden, sich gegen Barnes zu erheben. Fraglich bleibt zunächst die Umsetzbarkeit des Unternehmens, da Barnes längst eine Aura des Unbesiegbaren bzw. der Unsterblichkeit umgibt.

Wie oft wurde Barnes angeschossen? Sieben Mal! Und er ist nicht tot. Fällt euch da gar nichts auf? Hä? Barnes ist nicht dazu bestimmt zu sterben. Das einzige, was Barnes töten kann, ist Barnes!"5

Den Schlusspunkt bildet letztlich ein finales Gefecht. In einem groß angelegten Angriff auf die nordvietnamesischen Verbände soll das Platoon den vordersten Stoßtrupp bilden. Nicht nur Taylors Kamerad Rhah, der ironischer Weise vom beginnenden Zauber spricht6, bemerkt, dass man direkt auf eine Katastrophe zusteuert.

Das heftige Gefecht, welches auch Taylor in einen Blutrausch versetzt ± so entscheidet die Führung ± kann nur noch durch einen Brandbombenabwurf direkt über den eigenen Köpfen zu Gunsten der Amerikaner entschieden werden. Im Chaos des Feuerhagels trifft Taylor auf den fanatisch kämpfenden Barnes. Zwischen beiden entsteht ein Gerangel, in dem Barnes kurz davor steht, Taylor den Schädel mit einer Schaufel zu zertrümmern, als sich in letzter Sekunde der Feuerteppich wie ein Mantel des Schlafes über das Feld legt. Als Taylor aufwacht, herrscht Ruhe, wo vorher die Schlacht tobte. Er erblickt den schwer verwundeten Barnes und erschießt diesen auf dieselbe Weise, wie er es zuvor mit Elias tat.

Dank seiner zweimaligen Verwundung wird Taylor letztlich mitsamt einiger Kameraden in die Heimat geschickt. In einem letzten Monolog reflektiert er noch einmal die Ereignisse und das gelernte.

Ich denke heute, wenn ich zurückblicke, wir haben nicht gegen den Feind gekämpft, wir haben gegen uns selbst gekämpft. Der Feind war in uns. Der Krieg ist jetzt für mich vorbei aber er wird immer bestimmend sein bis ans Ende meiner Tage. Und ich bin sicher, auch Elias wird immer bestimmend sein, der mit Barnes, wie Rhah sich ausdrückte, um meine Seele kämpfte. In manchen Augenblicken fühle ich mich wie das Kind, das diesen beiden Vätern geboren wurde. Aber mag es sein wie es will. Diejenigen, die davon gekommen sind, haben die Verpflichtung, etwas Neues zu schaffen, anderen das weiterzugeben, was wir wissen und mit all dem, was von unserem Leben übrig geblieben ist, zu versuchen, einen Wert und eine Bedeutung zu finden für dieses Leben.7

Seine Suche scheint abgeschlossen, die Identität gefunden zu sein.

1.1 Platoon als short story

Wie bereits erwähnt, lassen sich zahlreiche Parallelen zwischen der im Film dargebotenen Erzählung und dem narrativen Typ der short story ziehen. Zur Gattung der short story sollen im Folgenden nur einige wesentliche Eckpunkte beleuchtet werden.

Der Terminus short story entstammt dem angloamerikanischen Literaturbetrieb und kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Ihre Wertigkeit als eigenständige Gattung erhält sie gegen 1885, u.a. durch Brander Matthews, der in seinem Essay The Philosophy of the Short Story erstmals diese Forderung erhebt.8 Als einer der wichtigsten Wegbereiter gilt Edgar Ellen Poe.

Hier ist auch das dichtungstheoretische Axiom der Einheit zu finden, welches das Wesen der short story maßgeblich bestimmt.

Demnach ist es die Aufgabe der Dichtung, den Leser zu erregen und zu erheben, was aufgrund der physischen Disposition des Rezipienten immer nur vorrübergehend möglich ist und deshalb nur vom Kunstwerk geleistet werden kann, die ohne Unterbrechung gelesen werden können."9

Die wichtigsten Merkmale der short story sind also Einheit und Kürze, welche Voraussetzung für eine kontinuierliche Rezeption bzw. Reizung des Rezipienten sind, was der Erzählung eine besondere Dichte verleiht. Dies kann zunächst ± so möchte man meinen ± im Allgemeinen für jeden Film reklamiert werden, da kaum ein Film eine solche Länge aufweist, die es für den Rezipienten unmöglich macht, ihn am Stück zu schauen. Viele Filme jedoch ± so kann ebenfalls argumentiert werden ± scheinen die besagte Disposition des Rezipienten zu überschätzen oder gar zu ignorieren. So lassen sich v.a. in der Gegenwart zahlreiche Machwerke finden, welche die gängige anderthalb bis zwei Stunden Marke weit überschreiten und bisweilen auch durch einen komplizierten bzw. diffusen Inhalt, viele quer verlaufende Handlungsstränge o.ä. die Grenzen der Aufnahmefähigkeit zu sprengen bestrebt sind. Platoon mit seiner recht überschaubaren, kontinuierlich erzählten Geschichte und einer Spieldauer von ca. zwei Stunden erfüllt hingegen durchaus die Vorraussetzung einer einheitlichen Rezeption.

Ein weiteres Merkmal der short story ist der Vorzug der Thematik gegenüber dem Stil. „Die Brillanz des Stils und die Symmetrie der Form werden zwar für unabdingbar erachtet, rangieren in ihrer Bedeutung aber hinter dem Thema."10 Wichtig ist, was erzählt wird und nicht wie. Die Theorie tendiert dahin, dass die Entwicklung der short story als Konsequenz der Wirklichkeitserfahrung der Amerikaner zu verstehen ist.

It was the chaos, the unevenness, the diversity of American life that made short stories such a natural artistic expression in the first place. Roving, unsettled, restless, unassimilated, here and gone again ± a chaos so huge, a life so varied and multitudinous that its meaning could be caught only in fragments, percieved only by will-R¶-the-wisp gleams, perserved only in tiny pieces of perfection. It was the first eager, hasty way of snatching little treasures of art from the great abundance of unused, uncomprehended material. Short stories were a way of making America intelligible to itself.11

Eine so interpretierte Bedeutung der short story ist v.a. für die Neuzeit von höchster Relevanz. So lässt sich die ungemein komplexe Lebenswirklichkeit der Gegenwart ebenso nicht als Ganzes darstellen. Ganz besonders gilt dies für das chaotische Urereignis des Krieges, der in seiner Intentionalität und in den Ausmaßen seiner Umsetzung, der Größenordnung sowie v.a. seiner Tragweite bzw. Konsequenzen kaum fassbar ist. Hier lässt sich eine Verbindung zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts ziehen. Als nach dem zweiten Weltkrieg die Bomben zu schweigen begannen und man sich Ende der vierziger Jahre inmitten von Trümmern sah, fanden auch deutsche Autoren zu literarischen Erzählmustern, die sich direkt aus der short story ergaben. Im Rahmen der Gruppe 47 war man sich anfangs einig, dass eine Reflektion der Ereignisse und der gegenwärtigen Situation nur fragmentarisch, ohne stilistische Ausschmückung und stets unter der Ägide eines realistischen Blickes möglich sei.

Die Männer des Kahlschlags [...] wissen, oder [...] ahnen es doch mindestens, daß dem neuen Anfang der Prosa in unserem Land allein die Methode und die Intention des Pioniers angemessen sind. Die Methode der Bestandsaufnahme. Die Intention der Wahrheit. Beides um den Preis der Poesie. Wo der Anfang der Existenz ist, ist auch der Anfang der Literatur.12

Als Instrument des Ordnens von Erfahrungen, der Reflektion des Chaos, der detaillierten Betrachtung einer komplexen Lebenswirklichkeit erfährt die short story oder Kurzgeschichte demnach eine gesonderte Relevanz in der Nachkriegszeit.

Unterdessen hat man sich in der Trümmerwelt eingerichtet [...] Die jungen Dichter von 1945, die sich damals auflehnten gegen das menschliche Elend, die aufriefen, anklagten, haben einen Beruf ergriffen, sind berühmt und bekannt geworden, haben sich häuslich niedergelassen und ihre Unruhe vergessen. [...] Das Wesen der Kurzgeschichte ist aber aggressiv, provozierend, antibürgerlich, erregend; sie ist eine Waffe, die sich gegen bürgerliche Trägheit richtet [...], die Unsitten und verheimlichtes Elend aufdeckt [...] Die junge Generation der Schriftsteller versucht daher für sich neue Formen zu finden, da die Kurzgeschichte der unmittelbaren Nachkriegszeit eng mit der Thematik dieser Zeit verbunden war und daher in dem Moment ausgedient hatte, als diese verschwand.13

Auch Platoon kann als Instrument der Bestandsaufnahme betrachtet werden. Stone richtet seinen Blick direkt auf den jungen amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg. Den Anstoß gab auch hier eine direkte Wirklichkeitserfahrung. Stone, der selbst in Vietnam gedient hatte, bestätigte, dass Figuren sowie Ereignisse im Film z.t. direkt auf den eigenen Erfahrungen basieren. Zur Darstellung Charlie Sheens bspw. äußerte sich Stone wie folgt:

I saw myself as a young man ... and it was sad. To see what I'd become in Vietnam through him. I mean, certainly part of me became bad or evil and I didn't have any realizations of that at the time ... that's where the bottom line is. You find out if someone is moral or not. That's what the film is about.14

Die Darstellung ± so äußern sich später Kritiker wie Publikum ± sei dabei äußerst realistisch und versage sich größtenteils der Stilisierung bzw. einem pathetischen Habitus.15 Der Anspruch ist jedenfalls überdeutlich. Stone will, wie auch in vielen seiner anderen Filme, ein Stück amerikanische Zeitgeschichte beleuchten, deuten, verständlich machen und auf diesem Wege zur Verarbeitung des Traumas Vietnam beitragen. Die in diesem Abschnitt angeschnittenen Punkte sind im Folgenden noch zu diskutieren.

Auch in diversen anderen formalen Aspekten geht Platoon mit der short story konform. Hierzu zählen bspw. der Ich-Erzähler ± im Film repräsentiert durch die Monologe Taylors -, eine chronologische Erzählweise, einen sofortigen Einstieg in die Handlung, die Beschränkung auf einen kurzen Zeitraum, das Verwenden von Gemeinsprache u.v.m.

Ein letztes interessantes Merkmal der short story, welches sich auch für Platoon festhalten lässt, ist die Einbindung von bzw. Beeinflussung durch mythische/n Stoffe/n oder Elemente/n. Dies weist auf die Möglichkeit des Bruches mit dem Realismusanspruch der Erzählung und eine Verlagerung ins allegorische hin. Auch an dieser Stelle soll im späteren Verlauf der Betrachtung noch einmal angesetzt werden.

Bezüglich der short story ließe sich noch vieles Weitere anführen. Zusammenfassend wird deutlich, dass es sich bei Stones Betrachtung des Vietnamkrieges keineswegs um ein narratives Novum handelt. Vielmehr scheint es sich um eine nahezu natürlich Reaktion des kulturell wirkenden Menschen zu handeln, der sich mit der Reflektion eines solch schwer greif- und begreifbaren Ereignisses von enormer Komplexität und Kompliziertheit, wie ein Krieg es darstellt, befasst.

1.2 Zum Genreritual der Initiation

An die Betrachtung der short story als formal strukturprägendes Element der Erzählung soll nun der Blick auf das narrative Moment der Initiation anschließen. Der fremdwortsprachliche Begriff initiieren - dem frz. initier aus lat. initium ( Anfang, Ursprung etc.) entlehnt - steht in der Bedeutung „[...] einfuhren, den Anfang machen, einweihen [...]"16. Die Initiation im Sinne vonetwas/ einen Vorgang einleiten erfährt in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen eine Bedeutungsspezifikation. So wird die Initiation innerhalb sozialer Gemeinschaften als für jene Rituale, Ereignisse etc. gebraucht, die den Übergang eines Menschen voneinem Daseinszustand in einen anderen markieren. Prominente Beispiele für derartiges sind bspw. die Jugendweihe, Kommunion oder der Abschluss eines Bildungsweges mitanschließender Aufnahme in einen Berufsstand o.ä.

Der Terminus technicus der antiken Kultsprache wird in den christlichen Sakralgebrauch besonders für die Taufe übernommen. Religionswissenschaftlich und ethnologisch wird er für Einführungsriten, besonders für Jugendweihe- und Reife- (Pubertäts-) zeremonien verwendet, mit denen sich häufig Vorstellungen von einer Wiedergeburt (Regeneration) und überhaupt die Idee der Lebenserneuerung verknüpfen.17

Der Begriff der Initiation soll in dieser Arbeit in einer eher weiten Form gefasst werden. Hinsichtlich der im Folgenden zu tätigenden Bezugnahmen auf den Film Platoon sowie etwaigen literarischen Vergleichsmöglichkeiten ist es sachdienlich, den Blick sowohl auf gewisse Übergangs- und Aufnahmeriten zu richten als auch die Initiation als aktiven Prozess des Übergehens, der Reifung zu verstehen.

Für Literatur und später auch Film ist die Initiation ein zentrales Motiv. Meist ist es der Übergang eines jungen Menschen in die Welt der Erwachsenen, dass in Kulturprodukten reflektiert wird. Für die Literatur ist hier v.a. der europäische Bildungsroman zu nennen. Einer Gattung, die ,,[...] im letzten Drittel des 18. Jh.s entstand [...]" und die ,,[...] die Bildungs- und Entwicklungsgeschichte eines Menschen (d.h. meist eines Mannes) in der Auseinandersetzung mit der Welt darstellt."18

In der Regel wird dabei die Bildungsgeschichte als Prozess der Selbstfindung und Orientierung verstanden, der zu einem Ausgleich von Ich und Welt führt bzw. diesen Ausgleich wenigstens als Postulat in sich einschließt.19

Mit dem Zauberberg von Thomas Mann soll auf diese Tradition an anderer Stelle noch einmal verwiesen werden.

Auch der Film widmet sich gern der Wesensbildung/ Selbstfindung eines jungen Menschen in Auseinadersetzung mit der Welt. In Bezug auf Filme, die dies zentral thematisieren oder auf entsprechende in die Erzählung eingebundene Motive, wird oft von coming of age ± engl. Erwachsenwerden ± gesprochen. Aus dieser Perspektive, kann auch von Platoon als von einem coming of age Film gesprochen werden.

1.3 Zur Initiation in Platoon

Chris Taylor scheint es besonders in die Auseinandersetzung mit der Welt zu treiben. Auf seinem Selbstfindungstrip ergründet er die Untiefen der modernen Lebenswirklichkeit sowie seines eigenen Wesens. Die Erfahrungen, welche ihm die Extremsituation des Kriegsdienstes in Vietnam offeriert, erachtet er als existentiell für seine persönliche Menschwerdung. Drogenexzesse, Sexualität, Menschen aus den untersten Schichten der Gesellschaft, Gewalt und Tod sind allesamt Eindrücke, die ihm in dieser extremen Art und Weise in seinem gewohnten Umfeld nicht möglich gewesen wären. Ganz sieht es so aus, als hätte Taylor erkannt, dass die Welt nicht mehr eins ist und eine wahrheitliche Reifung es erfordere, bewusst aus den Grenzen der eigenen Umwelt auszubrechen, sich in den Dreck zu stürzen. Was es genau auf sich hat mit dem Bildungsweg Taylors und wie sich seine Initiation vollzieht, soll im Weiteren anhand zentraler Szenen in verschiedenen Phasen des Films, welche z.T. dem klassischen Schema der antiken Tragödie folgen, veranschaulicht werden.

Akt 1 (Exposition)

Der erste Abschnitt des Films führt Handlung, Zeit, Ort und die zentralen Charaktere der Geschichte ein. So gut wie nichts deutet darauf hin, dass es sich bei der Ankunft Taylors am Militärflughafen in Vietnam um einen Aufbruch handelt.

[...]


1 zitiert nach: Bates, M. 1997. S. 102

2 Stone, O. 1986. Min. 16-17

3 ebd. Min. 9-10

4 ebd. Min. 60

5 ebd. Min. 79

6 vgl. ebd. Min. 91

7 ebd. Min. 109-110

8 vgl. Ahrends, G. 2005. S. 3

9 ebd. S. 7

10 ebd. S. 11

11 Suckow, R. 1927. The Short Story. zitiert nach: Ahrends, G. 2005. S. 44 6

12 Weyrauch, W . 1949. S. 217

13 Kilchenmann, R. J. Die Kurzgeschichte ± Formen und Entwicklung. in: Wolfgang Salzmann 1982. S. 108 7

14 zitiert nach: Kagan, N. 1995. S. 99-101

15 vgl. Brent Toplin, R. 2000. S. 113

16 vgl. Kluge, F. 2002. S. 441

17 Ritter, J. u. K. Gründer 1976. S. 366

18 Meid, V. 1999. S. 72

19 ebd.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Back to Dreck. Neue Qualitäten und altbekannte Muster in Oliver Stones "Platoon"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Medien- und Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Kriegsfilm – Zur Bestimmung eines Genres
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
39
Katalognummer
V172719
ISBN (eBook)
9783640927579
ISBN (Buch)
9783640927388
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platoon, Oliver Stone, Kriegsfilm, Initiation, Männlichkeit und Gewalt
Arbeit zitieren
Robert Bachmann (Autor), 2008, Back to Dreck. Neue Qualitäten und altbekannte Muster in Oliver Stones "Platoon", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172719

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