Eine vergleichende Untersuchung der Abhängigkeit des Parteisystems vom Wahlsystem sowie der gesellschaftlichen Konfliktlinien im Kontext westlicher Demokratien


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Untersuchung im „most similar case design“
2.1 Parteisystem
2.2 Wahlsystem
2.3 Gesellschaftliche Konfliktlinien

3 Vergleichende Auswertung
3.1 Großbritannien
3.2 Kanada
3.3 Deutschland

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

"Mehrheitswahl führt zu Zweiparteiensystemen und Verhältniswahl führt zu Vielpar- teiensystemen" (vgl. STERN ONLINE 2008); auf diese einfache Formel lassen sich gemeinhin in der Öffentlichkeit geführte Diskussionen bringen, die um die Thematik über den Zusammenhang von Wahlsystem und Parteiensystem kreisen. Dabei haben derlei Debatten eine lange Tradition. Anfangs standen sich die Verfechter von Mehr- heits- und Verhältniswahl gegenüber, die auf Grundlage der demokratietheoretischen Prämissen von Konkurrenz- bzw. Konkordanzdemokratie und funktionalistischen Erwartungen ihr System als „best system“ idealisierten. Diese normativ eindimensionalen Prämissen wurden im Rahmen der damals sehr konträr geführten Debatte zunächst zusammengeführt und man bemühte sich stattdessen, gesetzmäßige Aussagen für die Kausalität von Wahl- und Parteisystem zu treffen (NOHLEN 2000, S. 368). Vielbeachtet und nach wie vor relevant sind die Mitte des 20. Jahrhunderts von Maurice Duverger aufgestellten soziologischen Gesetze über die Wirkung von Mehrheits- und Verhältniswahl auf das Parteiensystem: „ 1. Die Verhältniswahl führt zu einem Vielparteiensystem mit starren, unabhängigen und stabilen Parteien (außer im Falle von plötzlich aufflammenden Bewegungen). 2. Die Mehr- heitswahl mit Stichwahl führt zu einem Vielparteiensystem mit elastischen, abhängigen und verhältnismäßig stabilen Parteien (in allen Fällen). 3. Die einfache Mehrheitswahl führt zu einem Zweiparteiensystem mit sich abwechselnden großen und unabhängigen Parteien.“ (zitiert bei NOHLEN 2000, S. 395).

Bei der darauf folgenden Auseinandersetzung mit dieser Hypothese zeigte sich, dass die gesetzmäßige Generalisierung der Abhängigkeit des Parteisystems vom Wahlsys- tem der empirischen Überprüfung nicht standhielt. Selbst Duverger stufte dreißig Jahre nach der Veröffentlichung seiner Gesetze diese zu Arbeitshypothesen herunter (vgl. ebd., S. 395-403).

Grundlage für diese gesetzmäßige Zuweisung ist die Annahme, dass das Wahlsystem eine entscheidende Variable im Wirkungszusammenhang von Wahl- und Parteien- system darstellt. Hierüber besteht Konsens; hinsichtlich Ausmaß und Intensität aller- dings umso weniger. In der neueren Wahlsystemforschung geraten zusätzlich wir- kende gesellschaftliche und politische Kontextfaktoren, sowie die Frage nach der Zirkularität von Wahl- und Parteiensystem in den Fokus der Betrachtung. Wurde bisher das Parteiensystem ausschließlich als abhängige und das Wahlsystem als un abhängige Variable betrachtet, bietet die umgekehrte Betrachtungsweise gerade bei der Entwicklung in jungen Demokratien neue Einblicke (ebd., S. 367-369).

In Anlehnung an die eben beschriebene Forschungslage soll in dieser Arbeit der Fra- ge nachgegangen werden welchen Einfluss das Wahlsystem auf das Parteiensystem unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Konfliktlinien hat. Der Kontext westli- cher parlamentarischer Demokratien bildet für die Untersuchung den Rahmen. Fol- gende These wird überprüft: Der konzentrierende Effekt der relativen Mehrheits- wahl zu einem Zwei-Parteiensystem - im Gegensatz zur fragmentierenden Wirkung der Verhältniswahl - wird durch ausgeprägte regionale Konfliktlinien konterkariert und ins Gegenteil verkehrt.

Zur Klärung dieser Frage wird mithilfe der Methodik des „most similar case design“ eine vergleichende Untersuchung angestellt. Dafür wird im nächsten Abschnitt zunächst das Untersuchungsdesign vorgestellt, die Fallauswahl begründet, sowie die Variablen definiert und operationalisiert. Anhand der festgelegten Kriterien findet im dritten Teil eine vergleichende Auswertung in den drei ausgewählten Untersuchungsländern Großbritannien, Kanada und Deutschland statt. Der Schlussteil dieser Arbeit fasst die gewonnen Erkenntnisse zusammen.

2 Untersuchung im „most similar case design“

Die für diese Untersuchung gewählte Methode des „most similar case design“ geht auf die von John Stuart MILL entwickelte Differenz- bzw. Kokordanzmethode zu- rück: Variablen sind demnach derart zu kontrollieren, dass einzelne Kausalbeziehun- gen gezielt isoliert und untersucht werden können. Das wissenschaftliche Experiment dient dabei als Vorlage, wird allerdings durch die Komplexität politikwissenschaftli- cher Forschungen nur annähernd erreicht. Das „most similar case design“ untersucht dabei sehr ähnlich gelagerte Fälle und das „most dissimilar case design“ als Gegen- stück sehr unterschiedliche Fälle. Bei der Fallauswahl orientiert sich das „most simi- lar case design“ an der Differenzmethode von MILL; hier werden Fälle gewählt in denen die abhängige Variable in einem möglichst homogenen Kontext variiert. Um- gekehrt wird beim „most dissimilar case design“, in Anlehnung an die Kokordanz methode, Fälle mit möglichst ähnlicher abhängiger Variabel in einem heterogenen Kontext gewählt. Gesucht wird im ersten Fall der Einfluss unabhängiger Variablen auf die abhängige Variabel, unter Ausschluss intervenierender (Dritt)- Variablen (Kontext). Im Falle eines „most dissimilar case“ wird dagegen nach gemeinsamen Faktoren gesucht, die trotz unterschiedlicher Kontexte als ursächlich gelten, im Sinne einer hinreichenden Bedingung für das Phänomen - ausgedrückt durch die abhängige Variabel. Der Fallauswahl kommt damit bei beiden Forschungswegen eine wesentliche Bedeutung zu (LAUTH 2002, S. 59-64).

Wie erwähnt ist für die Forschungslogik des „most similar case design“ die Auswahl von Fällen elementar, in denen die nicht untersuchten Faktoren möglichst gleich sind. Dabei ist zu beachten, dass es unmöglich ist vollkommene Gleichheit und zeit- liche Konstanz zu erreichen. Daran annähern kann man sich durch die Betonung von typologischen Gemeinsamkeiten (ebd., S. 61). Was heißt das also für die konkrete Fallauswahl in dieser Untersuchung? Zunächst wurde der Kontext pluralistischer liberaler Demokratien gewählt. Zusätzlich wird die Fallauswahl auf parlamentarische Demokratien eingeschränkt und damit präsidiale bzw. semi-präsidentielle Systeme ausgeschlossen. Um eine bessere Vergleichbarkeit zu gewährleisten wird der Unter- suchungszeitraum auf die Zeit nach dem 2. Weltkrieg eingeschränkt, wobei Rück- griffe auf die Zeit davor zur Erklärung hinzugezogen werden können. Weiterhin müssen sich die Fälle hinsichtlich der abhängigen Variabel unterscheiden und auch bei den unabhängigen Variablen muss Varianz vorhanden sein. Das Parteisystem bildet hierfür die (abhängige) Zielvariable und das Wahlsystem bzw. die gesell- schaftlichen Konfliktlinien die (unabhängige) Wirkungsvariablen. Konkret wurden für die Untersuchung Großbritannien, ein Zwei-Parteiensystem mit relativer Mehr- heitswahl, sowie Kanada mit demselben Wahlsystem aber einem Vielparteiensystem als Zielvariable ausgewählt. Zusätzlich wird mit Deutschland ein Vielparteiensystem mit Verhältniswahl in die Analyse miteinbezogen. Alle genannten Länder sind plura- listische liberale Demokratien mit einer parlamentarischen Regierungsform.

2.1 Parteisystem

Bevor auf den Begriff und die Operationalisierung des Parteisystems als abhängige Variable eingegangen werden kann, muss zunächst die Funktion der Partei als Insti- tution im politischen System definiert werden. In der Wissenschaft gibt es die unter- schiedlichsten Definitionen von politischen Parteien, eine treffende von ALEMANN lautet:

„ Parteien sind auf Dauer angelegte, freiwillige Organisationen, die politische Partizipation für Wähler und Mitglieder anbieten, diese in politischen Einfluss transformieren, indem sie politisches Personal selektieren, was wiederum zur politischen Integration und zur Sozialisation beiträgt und zur Selbstregulation führen kann, um damit die gesamte Legitimation des politischen Systems zu fördern. „ (ALEMANN 2000, S. 11)

BAEDERMANN betont den Einfluss der Parteien bei der Realisierung der Volks- souveränität. Sie wirken als Bindeglied zwischen Staat und Gesellschaft indem sie die Interessen der Bevölkerung erfassen und artikulieren. Die pluralistischen Auffas- sung der Gesellschaft wird durch sie kanalisiert und zu konkreten politischen Ideen geformt, die anschließend in den Staatswillen transformiert werden (BAEDER- MANN 2007, S. 22-23). In parlamentarischen Systemen, wie den in dieser Arbeit betrachteten Fällen, kommt Parteien eine herausragende Bedeutung bei der Regie- rungsbildung zu. Im Gegensatz dazu wird durch die untergeordnete Rolle bei der Regierungsbildung in präsidentiellen Systemen - wie z.B. den USA - die Entstehung von einflussreichen Parteien negativ beeinflusst (ANDERSON/WOYKE 2003, S. 463). Ohne weiter auf Einzelheiten wie der Entstehung, der Organisation und Kate- gorisierung von Parteien eingehen zu können (vgl. WINKLER 2002, S. 213-226), sollte der hohe Stellenwert von Parteien im demokratischen System deutlich gewor- den sein.

Ein Parteisystem ist gekennzeichnet durch die Summe seiner Parteien und die zwi- schen ihnen, ihren Eigenschaften und ihrer sozialen Umwelt vorhandenen wesentli- chen Beziehungen (WINKLER 2002, S. 226). Als Unterscheidungsmerkmal für Par- teisysteme herrschte lange Zeit als alleiniges Kriterium das Format - die Einteilung in Ein-, Zwei- und Vielparteiensysteme - vor. Zweiparteiensysteme galten dabei als tendenziell stabil und Mehrparteiensystem als instabil. Mit der fortschreitenden sys- tematisch vergleichenden Untersuchung von Parteisystemen wurde deutlich, dass diese Einteilung der empirischen Vielfalt der Realität nicht gerecht wird und neue Kriterien eingeführt werden müssen. Innerhalb der Parteisystemforschung herrscht keine Einigkeit welche Charakteristika bei der Analyse eines Parteisystems relevant sind. Unterschieden wird z.B. nach der Stärke der Parteien in multipolare, bipolare und dominante, sowie nach der ideologisch-programmatischen Distanz zwischen den Parteien in polarisierte und nicht-polarisierte Parteisysteme. Weiterhin wird nach der Wettbewerbsstruktur um die Regierungsmacht in zentripetale und zentrifugale, so- wie nach der Praxis der Machtausübung in hegemoniale und alternierende Parteisys- teme differenziert. Die Fragmentierung, die Volatilität, die Anzahl der Konfliktli nien, die Existenz und Stärke von Parteifamilien, sowie die Segmentierung werden als zusätzliche Unterscheidungskriterien genannt (NIEDERMAYER /STÖSS/HAAS 2006, S. 8-9).

Ein Teil dieser Strukturmerkmale wurde zu Typologien verdichtet, die eine immer detailliertere vergleichende Betrachtung von Parteisystemen zulassen. Eine der bis heute einflussreichsten Typologie stammt von SARTORI und wird im weiteren Ver- lauf der Arbeit als Vergleichsgrundlage dienen. Diese Typologie unterscheidet Par- teisysteme nach der Anzahl der Parteien kombiniert mit der zwischen ihnen beste- henden ideologischen Distanz. Zunächst wird in Ein-, Zwei und Vielparteiensystem differenziert, wobei letztere in die Teilgruppen „moderater Pluralismus“, drei bis fünf Parteien, und „extremer Pluralismus“, mehr als fünf Parteien, untergliedert wer- den. Dabei gilt das Zwei-Parteiensystem als klassisches Modell der angelsächsischen Demokratien. Es ist gekennzeichnet von einer geringen Distanz der Parteien, sowie von einer zentripetalen Wettbewerbsstruktur. Zwei Parteien stellen abwechselnd die Regierung. In einem Vielparteiensystem des Typs „moderater Pluralismus“ sind die Distanzen zwischen den Parteien ebenfalls gering und der Wettbewerb zentripetal ausgerichtet. Koalitionen für die Regierungsbildung sind prinzipiell unter allen Par- teien möglich. Im Fall eines extrem pluralistischen Parteisystems ist die Koalitions- bildung dagegen begrenzt, es existieren Antisystemparteien und der Parteienwettbe- werb ist zentrifugal ausgerichtet. Prädominanzsysteme sind ein Sonderfall von

Mehrparteiensystemen, in denen eine Partei über einen längeren Zeitraum die allei- nige Regierungsmacht ausübt (WINKLER 2002, S. 228). Aufbauend auf diese Typo- logie wurden in den letzten Jahrzehnten immer feinere Differenzierungen vorge- nommen, die allerdings aufgrund der begrenzten Fallauswahl für diese Untersuchung nicht zielführend wären (vgl. NIEDERMAYER /STÖSS/HAAS 2006, S. 10-13).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Eine vergleichende Untersuchung der Abhängigkeit des Parteisystems vom Wahlsystem sowie der gesellschaftlichen Konfliktlinien im Kontext westlicher Demokratien
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Demokratie und Regieren im Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V172800
ISBN (eBook)
9783640928361
ISBN (Buch)
9783640928002
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
most similar case design, Parteisystem, Wahlsystem, Deutschland, Großbritannien, Kanada, cleavages, Konfliktlinien
Arbeit zitieren
Christian Weber (Autor), 2011, Eine vergleichende Untersuchung der Abhängigkeit des Parteisystems vom Wahlsystem sowie der gesellschaftlichen Konfliktlinien im Kontext westlicher Demokratien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172800

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Eine vergleichende Untersuchung der Abhängigkeit des Parteisystems vom Wahlsystem sowie der gesellschaftlichen Konfliktlinien im Kontext westlicher Demokratien



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden