Der gesellschaftskritische Erziehungsdiskurs in Jakob Michael Reinhold Lenzes Drama „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“


Hausarbeit, 2010

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Dramentheorie von J. M. R. Lenz

3. Die Umsetzung von Lenzens Dramentheorie im Hofmeister

4. Adel und Bürgertum
4.1 Das Ständewesen im 18. Jahrhundert
4.2 Die sozialen Gruppen des Dramas

5. Der Hofmeister Läuffer - die zentrale Figur im Drama

6. Der Erziehungsdiskurs im Hofmeister

7. Fazit

8. Bibliographie

1. Einleitung

Lange Zeit erhielten die Werke von Jakob Michael Reinhold Lenz keine große Aufmerksamkeit. Erst nach moderneren Bearbeitungen, unter anderem von Berthold Brecht, wurden seine Dramen ‚Die Soldaten‘, ‚Der neue Menoza‘ und natürlich sein erstes Werk ‚Der Hofmeister Oder Vorteile der Privaterziehung‘ in ein neues Licht gerückt. Heute gilt er, neben Goethe, als einer der wichtigsten Vertreter des Sturm und Drangs.

Lenz ist dafür bekannt, dass er die Gesellschaft, in der er lebt in seinen Werken aufnimmt und kritisiert. Auch im Hofmeister, der in dieser Arbeit genauer behandelt werden soll, zeigt Lenz deutliche Kritik auf. Um einen kompletten Übe rblick über die Gesellschaftskritik geben zu können, wäre es unter anderem nötig sich die Rolle der Frau, die Darstellung der Familienstruktur, sowie den Umgang mit der Sexualität genauer anzuschauen. Dies hätte jedoch den Rahmen dieser Ausarbeitung bei weitem überschritten. Daher werde ich mich in der folge nden Arbeit lediglich auf die Diskussion über das Erziehungswesen der Zeit, die Lenz in seinem Drama äußert konzentrieren.

Da der Autor sein Werk sowohl als Komödie, als auch als Trauerspiel bezeichnet, ist es zu Beginn jedoch erst einmal notwendig auf Lenz‘ Dramentheorie, die er in seiner Schrift ‚Anmerkungen übers Theater‘ erläutert hat, einzugehen und seine Begrifflichkeiten zu klären. Anschließend werde ich die Umsetzung eben dieser neuen Theorie am Hofmeister prüfen und analysieren. In einem nächsten Schritt betrachte ich die beiden sozialen Gruppen, die im Hofmeister vertreten sind. Um jedoch die realen Bedingungen der Zeit besser verstehen zu können, werde ich im Vorfeld eine kurze Erläuterung zum Ständewesen im 18. Jahrhundert einfügen. Als zentrale Figur des Dramas, die sich zwischen Bürgertum und Adel bewegt, bekommt der Hofmeister Hermann Läuffer schließlich einen eigenständige n Punkt, in dem ich seine Rolle im Drama erläutern möchte, ehe ich in einem letzten Abschnitt noch die drei wichtigsten Meinungen zum Erziehungsdiskurs und ihrer Vertreter vorstellen werde.

2. Die Dramentheorie von J. M. R. Lenz

Bis zum 18. Jahrhundert stand das Drama im europäischen Raum unter dem Einfluss der Dramentheorie, die Aristoteles ve rfasste. Erst dann brachen die starren Formen langsam auf und eine antiaristotelische Form des Dramas entsteht, dessen Vertreter unter anderem auch Jakob Michael Reinhold Lenz war. Diese neue Form wird in der Literaturwissenschaft als offenes Drama bezeichnet, während man unter einem geschlossenen Drama die klassische Form nach aristotelischem Vorbild versteht. In seiner Schrift ÄAnmerkungen übers Theater“ spricht sich Lenz entschieden gegen die Form des aristotelischen Dramas aus.

Ohnmöglich können wir ihm hierin recht geben, so sehr er zu seiner Zeit recht g ehabt haben mag. […] daher sehen die heutigen Aristotelik er, die bloß Leidenschaften ohne Charak ter malen, (und die ich übrigens in ihrem anderweitigen Wert lassen will) genötigt, eine gewisse Psychologie für ihre handelnde Person anzunehmen, aus der sie darnach alle Phänomene ihrer Handlungen so geschickt und ungezwungen ableiten können und die im Grunde mit Erlaubnis dieser Herren nichts als ihre eigene Psychologie ist. Wo bleibt aber da der Dichter, christliche Leser! wo bleibt die Folie? Große Philosophen mögen diese Herren immer sein, große allgemeine Menschenk enntnis, Gesetze der menschlichen Seele Kenntnis, aber wo bleibt das individuelle?1

Das moderne Drama müsse sich, nach Lenz, von den Formzwä ngen und Traditionen befreien, denen es seit Jahrhunderten unterworfen war. Daher spricht er sich in den ÄAnmerkungen übers Theater“ gegen die drei Einheiten (der Ort, der Zeit, der Handlung) im Drama aus, da sie ihm nicht mehr zeitgemäß erscheinen und das Drama lediglich einschränkt. „Was heißen die drei Einheiten? Hundert Einheiten will ich euch angeben, die alle immer doch die eine bleiben. Einheit der Sprache, Einheit der Religion, Einheit der Sitten - ja was wird’s denn nun?“2

Anders als bei Aristoteles, bei dem die Handlung der Hauptbestandteil einer Tragödie ist, stehen für Lenz die Charaktere im Mittelpunkt. Der Hauptgedanke der Komödie hingegen ist seiner Auffassung nach nicht die Person, sondern die Sache.3 Während das Handeln der Personen auch in einem Drama als von den Göttern vorherbestimmt angesehen wurde - das Drama wurde als Nachahmung der Wirklichkeit gesehen - sieht Lenz die Figuren des Stückes als selbständig und für sich selbst verantwortlich an. „Damit wendet sich Lenz deutlich von den Mustern der antiken Tragödie ab, in denen die Menschen ausnahmslos als dem Schicksal Unterworfene dargestellt werden.“4

Lenz dreht also das Tragödien-Komödien-Konzept der Antike ins genaue Gegenteil um. Durch diese Abgrenzung von Tragödie und Komödie in Charakteren und Handlung - „Eine Komödie ohne Personen interessiert nicht, eine Tragödie ohne Personen ist ein Widerspruch“5 - und durch sein Werk ÄDer Hofmeister“, das er als Komödie bezeichnet (in einigen Briefen an Salzmann bezeichnet er das Werk als Trauerspiel), obwohl das augenscheinlich versöhnliche Ende nicht über die gesellschaftskritische, bittere Handlung hinwegtäuschen kann, schafft er eine Mischform der klassischen Genres und führt mit der Tragikomödie einen neuen Gattungsbegriff ein. Darin verflechtet Lenz das Tragische und das Komische miteinander. Die bestehende Situation des Dramas bildet das komische Element, während die Figuren durch ihre eigenverschuldete Lage das tragische Element darstellen.

Ein weiterer Grund für die Neudefinition der bisherigen Gattungsbegriffe war das Wegfallen der Ständeklausel, welche im aristotelischen Drama die Tragödie ausschließlich Figuren der Oberschicht vorbehielt, während komödiantische Handlungen lediglich Charakteren aus dem einfachen Volk zugeschrieben wurden. Lenz setzt in seinen Stücken diese Regel außer Kraft. Für ihn ist die Komödie bzw. die Tragikomödie ein Spiegel auf die Gesellschaft, der für alle Menschen gleich welcher Schicht zugänglich sein muss, da das Drama nur dann ein Abbild der Gesellschaft sein kann. Denn darum geht es Lenz und nicht um eine idealistische Vorstellung der Gesellschaft. ÄDie Komödie, deren „Hauptempfindung [...] immer [...] die Begebenheit?" ist, dient dazu, dem Publikum einen Spiegel aktueller gesellschaftlicher Mißstände entgegenzuhalten und wird durch ihren direkten Bezug zum Gesellschaftsstand zu einem Mittel der Gesellschaftskritik.“ Es ist für Lenz also wichtig, dass die Figuren des Stückes der Realität ähneln. Der aristotelische ideale, tragische Held hat für ihn keine Relevanz.

3. Die Umsetzung von Lenzens Drame ntheorie im Hofmeister

Natürlich bleibt es nicht aus zu betrachten wie Lenz in seinen eigenen Stücken die von ihm entworfene Theorie zum Drama angewendet hat. Jedoch wird sich der folgende Abschnitt lediglich mit der Umsetzung in seinem Werk ÄDer Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“ beschränken.

Bereits zu Beginn des Dramas fällt in der Auflistung der Personen, die im Stück vorkommen auf, dass Lenz, anders als im aristotelischen Drama, eine Vielzahl von Personen in seinem Stück vorkommen lässt. Lediglich fünf oder sechs Figuren spielten in einem aristotelischen Drama eine Rolle, während in Lenzens ÄDer Hofmeister“ dreiundzwanzig Personen einen Auftritt haben. Um auf Missstände innerhalb der Gesellschaft aufmerksam zu machen, nutzt Lenz eine Vielzahl karikierter Nebenfiguren, die durch ihre Verhaltensmuster die Missstände in der Gesellschaft zusätzlich betonen sollen. Dass es sich bei diesen Nebenfiguren um keine wirklich ernstzunehmenden Personen handelt, machen bereits die Namen besagter Figuren, beispielsweise Jungfer Hamster oder Frau Blitzer, deutlich.

Im Gesamtaufbau des Stückes wird deutlich, dass Lenz die Szenen nicht miteinander verknüpft. Vielmehr scheint es sich um eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen zu handeln, die man im Grunde auch alleinstehend betrachten könnte. Gleich die erste Szene des ersten Aktes ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Dem Zuschauer wird in einem Monolog des Protagonisten dessen Problem knapp geschildert. Doch verbleibt er nicht auf der Bühne, sondern tritt augenblicklich ab, als der Major und der Geheime Rat in Erscheinung treten. Dem Zuschauer wird also nur ]ein kurzer Einblick in Läuffers Situation gegeben, ohne in der folgenden Szene weiter darauf einzugehen. Stattdessen setzt die zweite Szene ganz neu mit einem Gespräch zwischen dem Geheimen Rat und dem Major ein, ohne einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen beiden Szenen herzustellen. Auch die dritte Szene führt in einen neuen Sachverhalt ein. Doch ebenso abrupt wie die Szenen meist beginnen, enden sie auch. Das fällt besonders darin auf, dass viele Sätze, die am Ende einer Szene stehen gar nicht erst beendet werden. Diese Art von unvermittelten, abruptem Einsetzen und Enden, gepaart mit schnellen Szenenwechseln lässt sich das ganze Stück hindurch finden. Dies ist ein deutliches Indiz darauf, dass Lenz sein Drama neu strukturiert und nicht an das aristotelische Drama angepasst hat.

Doch ist der schnelle Wechsel keines Falls unlogisch oder konfus, vielmehr ermöglicht er Lenz mehrere Handlungsstränge in seinem Drama zu verfolgen, zwischen ihnen hin und her zu wechseln und sie zu einem gemeinsamen Hauptstrang zusammen zu führen, sodass es trotz allem einen deutlichen roten Faden gibt, dem der Zuschauer folgen kann. Dieser rote Faden lässt sich allerdings nicht nur in der Handlung selber finden, sondern besonders in bestimmten Themen, die sich durch das ganze Stück hindurch finden lassen. Dies wären zum Einen die Erziehungsproblematik und das Hofmeistertum, zum Anderen die privaten Probleme der einzelnen Personen bzw. Paare, die im Stück auftauchen.

Neben dieser Missachtung von Aristoteles‘ Einheit der Handlung, sprengt Lenz im Hofmeister auch die Einheiten von Zeit und Ort. So erstrecke sich die Handlung des Dramas über einen Zeitraum von drei Jahren. So liegt zwischen dem ersten und dem zweiten Akt ein Zeitraum von zwei Jahren. Ä[…] und dreihundert hatt‘ er ihm doch im ersten Jahr versprochen, aber beim Schluss desselben nur hundertundvierzig ausgezahlt; jetzt, beim Beschluss des zweiten, […], zahlt‘ er ihm hundert, und nun, beim Anfang des dritten, wird ihm auch das zu viel.“6

Zwischen dem dritten und vierten Akt liegt wieder ein Jahr. Im aristotelischen Drama hingegen wird die Handlung auf einen Zeitraum von vierund zwanzig Stunden, also auf die Dauer von einem Tag beschränkt.

Des Weiteren spielt sich im Hofmeister ein stetiger Ortswechsel ab. Beinahe jede Szene setzt an einem neuen Ort ein. So spielt die Handlung beispielsweise in Heidelbrunn und bereits in der nächsten Szene zu Halle in Sachsen. Zusätzlich unterstützt dieser dauernde Wechsel direkt die Handlungsweise der Personen, beispielsweise könnte Läuffers andauernde Eile durch die aristotelischen Normen nicht ausreichend dargestellt werden. Man kann Lenzes Drama also tatsächlich als eine neue Form des Dramas bezeichnen, die mit den klassischen Dramen vor dem 18. Jahrhundert nichts mehr gemeinsam hat.

4. Adel und Bürge rtum

Wie bereits in Punkt 2 angesprochen, handelt es sich bei Lenzens Drama um ein gesellschaftskritisches Stück. Um jedoch Kritik zu üben, muss die Wirklichkeit zum Teil abgebildet werden. Daher werde ich im Folgenden kurz auf die Realität eingehen, ehe ich auf die abgebildete Situation im Drama konzentriere.

4.1 Das Stände wesen im 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert war die Gesellschaft sehr starr angeordnet.7

[...]


1 Lenz, Jakob Michael Reinhold: Ä Anmerkungen über das Theater“, Leipzig 1774 aus Schwarz Hans-Günther (Her.) ÄJ.M.R. Lenz Anme rkungen übers Theater/ Shakespeare-Arbeiten und Shakespeare-Übersetzungen“, Rekla m, Stuttgart 1976, S. 17 (im Folgenden zit iert a ls Lenz 1774).

2 Lenz 1774, S. 20 ff.

3 Lenz 1774, S.38

4 Luserke, Matthias: J.M.R. Lenz: Der Hofmeister - Der neue Menoza - Die Soldaten; München, 1993, S. 26 (im Folgenden zitie rt Luserke 1993).

5 Lenz 1774, S. 38

6 Lenz, Jakob Michael Reinhold: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung; 1772; Hamburger Leseheft Verlag; Husum/No rdsee; 2001; S. 14 (im Folgenden zitie rt Lenz 1772).

7 Möller, Horst: Fürstenstaat oder Bürgernation: Deutschland 1763-1815; Berlin 1989. S. 94

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der gesellschaftskritische Erziehungsdiskurs in Jakob Michael Reinhold Lenzes Drama „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V172848
ISBN (eBook)
9783640928996
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erziehungsdiskurs, jakob, michael, reinhold, lenzes, drama, hofmeister, vorteile, privaterziehung“
Arbeit zitieren
Constanze Heinzmann (Autor), 2010, Der gesellschaftskritische Erziehungsdiskurs in Jakob Michael Reinhold Lenzes Drama „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172848

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