Milieus und Lebensstile

Paradigmenwechsel in der Sozialstrukturanalyse?


Seminararbeit, 2011
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1) Einleitung

2) Ein «westdeutscher Sonderweg

3) Schichten- und Klassenmodelle

4) Lebensstile und Milieustudien

5) Kritik an Milieus und Lebensstilen

6) Zusammenfassung

7) Schlussbetrachtung

8) Erklärung zur Eigenständigkeit

9) Literaturverzeichnis
9.1. Literatur
9.2. Internetquellen (zuletzt aktualisiert am 18.03.2011)

1. Einleitung

Die Meldungen von sich vergrößernden Einkommensunterschieden sind in deutschen Nachrichtenmagazinen zwar nicht übermäßig vertreten, sie reißen aber auch nicht ab, denn das Thema «soziale Ungleichheit» bleibt ein brisantes und nicht nur deutsches Phänomen. Noch 2008 berichtet «der Spiegel» darüber, dass laut der damals aktuell erschienenen OECD- Studie zufolge die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter aufreiße.1 Dies berichtete auch zwei Jahre später und etwas detaillierter «Focus Online», demnach die Mittelschicht dahinschmelze und in Ober- und Unterschicht auf zu gehen drohe.2 Man könnte annehmen, dass soziale Ungleichheit irgendwie einfach zum Menschsein dazugehöre. Man könnte Günter Endruweit in seinem Buch „Milieu und Lebensstilgruppe- Nachfolger des Schichtenkonzepts?“ folgend Recht geben, wenn er behauptet „Sie [die Sozialwissenschaftler] haben deshalb die soziale Entwicklung als eine Reihenfolge von Typen der sozialen Ungleichheit beschrieben, deren bisher letzter, „weltweit anerkannter“ die Schichtengesell- schaft war.“3 Man könnte aber auch dagegen argumentieren und erwähnen, dass es doch heutzutage mehr Menschen in Deutschland viel besser als zuvor geht. So beobachten wir durchaus, dass das „Mehr an Geld, Bildung, Mobilität und Freizeit, die Sicherheiten des modernen Wohlfahrtsstaates [...] die Tragfähigkeit traditioneller Klassen und Schichtmodelle erschüttert“4 Schicht- und Klassenmodelle stellen hierüber eine eigene Perspektive auf die Gesellschaft dar, aber es gibt auch Modelle, die der Annahme sind, „dass wir es in der Bundesrepublik seit geraumer Zeit mit einer ganz anderen Art von sozialer Ungleichheit und einer anderen Art von Gesellschaft zu tun“5 hätten. Folgt man den neuen Konzepten der Milieus und Lebensstile, so ist deren Einteilung der Gesellschaft eine deutlich vielschichtigere und feinere als die der klassischen Schichten- oder Klassenmodelle, wobei das „subjektive“ Lebensstilkonzept hier den überwiegend objektiven Klassen- und Schichtenkonzepten gegenübersteht.6 Und obwohl eine Zusammenarbeit beider Konzepte eine Bereicherung und Methodenpluralismus durchaus wünschenswert wäre, breitet sich seit über einem Jahrzehnt die Vorstellung aus, „die moderne Wohlfahrtsgesellschaft verabschiede sich von Klassen und Schichten.“7 Folgend entsteht aus einem möglichen Methodenpluralismus ein altbewährter Methodenstreit: Freilich war und ist die aufkommende Debatte um Kritik am Klassen- und Schichtenmodell einerseits wichtig zu deren Reformierung, andererseits besteht hierbei auch das Risiko, wichtige fortbestehende Ungleichheitsstrukturen „zu unterschätzen oder gar zu übersehen und damit ideologisch zu verschleiern“8 Und hier kommen wir schon zu einen der zentralen Kritikpunkte u.a Rainer Geißlers an den Milieu- und Lebensstilkonzepten: Nach ihm sei „aus der kritischen Analyse ungleicher Lebenschancen [ist] eine unverbindliche Analyse vielfältiger Lebensstile geworden.“9 Befürworter des Milieu- und Lebensstilkonzepts wenden dagegen ein, die „Lebensstilsoziologie hat eine zunehmend lebensfern agierende Sozialstrukturanalyse wieder an die Fragen der alltäglichen Lebensgestaltung herangeführt.“10

In meiner Seminararbeit möchte ich hinsichtlich der Diskussion um beide Modellkomplexe einen Vergleich von Schicht- und Klassenmodellen einerseits zu Milieu- und Lebensstilmodellen andererseits angehen, der hier im Folgenden erörtert werden soll. Dabei werde ich auf die positiven sowie negativen Aspekte der Schicht- und Klassenmodelle eingehen und sie darauffolgend den positiven und negativen Aspekten der Milieu- und Lebensstilmodellen gegenüberstellen. In einem Resumée soll dann eine zusammenfassende Schlussbetrachtung zustande kommen, die mit einem persönlichen Statement untermalt werden soll.

2. Ein «westdeutscher Sonderweg»

Zuallererst muss erwähnt werden, dass die oben genannte Kritik an Klassen- und Schichtmodellen und die sich daraus ergebende Debatte als deutsches Spezifikum auftritt, und nirgends im internationalen Bereich sonst zu beobachten ist.11 Wir können aber - so denke ich- davon ausgehen, dass sich die gesellschaftlichen Strukturen in der Bundesrepublik Deutschland nicht radikal anders entwickelt haben, als in deren Nachbarländer, die in den letzten sechzig Jahren im Ungefähren einen ähnlichen Entwicklungsprozess durchgemacht haben wie Deutschland, ferner damals noch Westdeutschland. Nehmen wir diese Debatte aber als Denkanstoß und betrachten ihn als «westdeutschen Sonderweg»12, so lässt sich feststellen, dass diese Diskussion zwischen beiden Modellkomplexen definitiv im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Wachstumsphasen steht. Demnach blühen laut Stefan Hradil in allen Prosperitätsphasen, also Modernisierungsschüben, in der ökonomische Verteilungskämpfe gemindert sind, soziologische Differenzierungskonzepte auf, was der Milieu- und Lebensstilforschung zugute kommt. Dies entsprach in etwa den 70er und 80er Jahren in Deutschland13 In den 1990ern kam es dann zu einer Stagnationsphase der Prosperität. Äußere Lebensbedingungen, also das Vorhandensein - nicht das Verwenden - materieller Ressourcen wurde wieder wichtiger, was Verteilungskämpfe freilich verstärkte. Die Wahrnehmung zunehmender sozialer Ungleichheiten gaben den Klassen- und Schichtkonzepten somit wieder Auftrieb.14 Was nun aber die genauen Unterschiede zwischen den Begriffen ist, und warum sich beide Modellkomplexe überhaupt gegenüberstehen, soll nun im Folgendem erörtert werden.

3. Schichten- und Klassenmodelle

Der Begriff Klasse ist ein „insbesondere vom Marxismus herkommender Grundbegriff der Soziologie zur Charakterisierung der objektiven Lage und/oder der subjektiven Interessen bestimmter Bevölkerungsteile innerhalb der Sozialstruktur.“15 Pierre Bourdieu unterstellt den jeweiligen Klassen verschiedene Verhaltensweisen, die zur Abgrenzung zu anderen Klassen dienen und, die als Habitus bezeichnet werden. Bourdieu zeigt hierbei auf, wie diese Verhaltensunterschiede von Unter- und Überlegenheitsgefühlen begleitet werden und so zu einer tieferen Distanzierung und Differenzierung gesellschaftlicher Klassenverhältnisse führen.16 Untersuchungen sozialer Lagen und Milieus haben eine erstaunlich stabile Konfiguration von diesen Klassenmilieus zutage gefördert. Demnach erscheint die Bundesrepublik Deutschland als eine pluralisierte Klassengesellschaft, die sich vertikal in Oberklassen-, Mittelklassen- Arbeiterklassenhabitus einteilt.17

Mit Schicht bezeichnen wir einen soziologischen Grundbegriff, „der allgemein eine Kategorie von Gesellschaftsangehörigen bezeichnet, die hinsichtlich der vertikalen Sozialstruktur bzw. der sozialen Ungleichheit gemeinsame Merkmale aufweisen: insbesondere Lage (Stellung im Beruf, Einkommens- und Vermögenssituation), Lebenschancen und Soziale Anerkennung (Sozialprestige).“18 Das bedeutet, die einer Gesellschaft angehörigen Menschen werden nach bestimmten Kriterien kategorisiert und sozusagen in vergleichbare Gruppen eingeteilt, vor allem mit dem Grundgedanken, aufkommende Phänomene beobachten, vergleichen und analysieren zu können. Die drei „meist benutzten Konstruktionsvariablen der Schichtenzugehörigkeit sind [hierbei] Bildung, Beruf und Einkommen.“19 Und dies ist auch weiterhin erforderlich, denn die Lebenschancen in Deutschland hängen noch deutlich mit diesen Variablen zusammen.

Nehmen wir hierzu das Beispiel der Studienchancen an Hochschulen einzelner Berufsgruppen, bzw. Klassen: Laut Rainer Geißler betrug 1992 die Quote, dass Kinder von selbständigen Akademikern die Universität besuchen bei 82 Prozent, Kinder von un- bzw. angelernten Arbeitern sind hierbei nur mit 2 Prozent vertreten. Diese beiden Quoten liegen um das 41-fache auseinander20, somit lag (und liegt immer noch) bei den Studienchancen an eine deutliche soziale Ungleichheit zwischen Oberschicht (z.B. selbstständige Akademiker) und Unterschicht (z.B. ungelernter Arbeiter) vor.

[...]


1 http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,585396,00.html

2 http://www.focus.de/politik/deutschland/haushalt-studie-einkommens-unterschiede-wachsen- deutlich_aid_519548.html

3 Endruweit, Günter, Milieu und Lebensstilgruppe- Nachfolger des Schichtenkonzepts?, Hampp, 2000, S. 3.

4 Meyer, Thomas, Das Konzept der Lebensstile in der Sozialstrukturforschung- eine kritische Bilanz, in: Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 255.

5 Ebd.,S. 255.

6 Vgl. Hradil, Stefan: Eine Alternative? Einige Anmerkungen zu Thomas Meyers Aufsatz „Das Konzept der Lebensstile in der Sozialforschung“, in:Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 277.

7 Geißler, Rainer: Kein Abschied von Klasse und Schicht, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. - Band 48 (1996), Heft 2, S. 319.

8 Ebd., S. 319.

9 Ebd., S. 323.

10 Meyer, Thomas, Das Konzept der Lebensstile in der Sozialstrukturforschung- eine kritische Bilanz, in: Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 257.

11 Vgl. Geißler,Rainer,Kein Abschied von Klasse und Schicht, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Band 48 (1996), Heft 4, S. 324.

12 Meyer, Thomas, Das Konzept der Lebensstile in der Sozialstrukturforschung- eine kritische Bilanz, in: Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 260.

13 Vgl. Hradil, Stefan: Eine Alternative? Einige Anmerkungen zu Thomas Meyers Aufsatz „Das Konzept der Lebensstile in der Sozialforschung“, in:Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 280.

14 Vgl. Ebd., S. 280.

15 Hillmann, Karl-Heinz, Wörterbuch der Soziologie, Kröner, 2007, S. 422.

16 Vgl. Meyer, Thomas, Das Konzept der Lebensstile in der Sozialstrukturforschung- eine kritische Bilanz, in: Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 266.

17 Vgl. Müller, Hans-Peter: Differenz und Distinktion, in: Merkur. - Band 49 (1995), Heft 9-10, S. 931.

18 Hillmann, Karl-Heinz, Wörterbuch der Soziologie, Kröner, 2007, S. 771.

19 Vgl. Endruweit, Günter, Milieu und Lebensstilgruppe- Nachfolger des Schichtenkonzepts?, Hampp, 2000, S. 9.

20 Geißler,Rainer,Kein Abschied von Klasse und Schicht, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Band 48 (1996), Heft 4, S. 327.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Milieus und Lebensstile
Untertitel
Paradigmenwechsel in der Sozialstrukturanalyse?
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Abweichendes Verhalten
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V172885
ISBN (eBook)
9783640929337
ISBN (Buch)
9783640929160
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Milieu, Klasse, Lebensstil, Schicht, Sozialstruktur, Gesellschaft, Soziale Ungleichheit
Arbeit zitieren
Anne Deremetz (Autor), 2011, Milieus und Lebensstile, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172885

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