Hitler verkörpern - Die satirische Darstellung eines bereits überzeichneten Körpertextes


Seminararbeit, 2007
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hitler verkörpern
2.1 Die Körperlichkeit von Hitler, Ui und Martin Wuttke
2.2 Szene 1: Der Hitlergruß
2.2.1 Semiotische Analyse
2.2.2 Die Doppeldeutigkeit einer Geste
2.3 Szene 2: Unfreiwillig im Rampenlicht
2.3.1 Semiotische Analyse
2.3.2 Überforderung im ikonischen Zeitraffer
2.4 Szene 3: Nicht Mann, nicht Frau
2.4.1 Semiotische Analyse
2.4.2 Entmachtung durch Absurdität

3. Fazit

4. Anhang
4.1 Literaturverzeichnis
4.2 Quellenverzeichnis
4.3 Filmstills der Inszenierung
4.4 Sonstige Abbildungen

1. Einleitung

Und dazwischen läuft ein hutzeliger Zwerg umher, der Grimassen schneidet, in einer schlecht sitzenden Uniform mit zu breiten Hüften, mit ganz feinen Händen, fast weibisch. Vor allem in dem Rahmen, den Hitler sich geschaffen hat, sieht er umso mehr wie eine Witzfigur aus.

Martin Wuttke, Theater Heute

Adolf Hitler: seit jeher Zielscheibe der ironischen Bösartigkeiten - schon seinerzeit gab es im Ausland Karikaturen aller Art über den Führer. Damals mehr vom ‚politischen Bösewicht’, heute vermehrt von der ‚Privatperson’. Ein, wie ich finde, faszinierendes Phänomen.

Neben zahlreichen Anti-Nazi-Karikaturen, die ihn in menschlicher Form darstellten, trieben es die USA im Zweiten Weltkrieg mit ihren antifaschistischen Propaganda-Trickfilmen und Karikaturen (Cartoons), in denen vorzüglich allgemein bekannte Fabeln auf Hitler und seine Zeit übertragen werden, auf die Spitze. Als interessante und wichtige Beispiele hierfür wären die Cartoons der Warner Bros. und der MGM zu nennen. Mitunter wurde die Fabel des H ä sslichen Entleins in The Ducktators 1 mit Hitler in der Rolle des missratenen Kindes neu inszeniert, wie auch Adolf Wolf in Blitz Wolf 2 den altbekannten Drei kleinen Schweinchen das Leben schwer macht.

Auffällig ist, dass damals wie heute satirische3 Darstellungen von Adolf Hitler erscheinen, die nie an Wirksamkeit oder Brisanz verlieren - und trotz der scheinbaren Verjährung dasselbe Provokationspotential besitzen. Es stellt sich also die Frage, woher der Drang kommt, die schon längst ikonisierten Attribute der Figur Hitler wieder und wieder zu überzeichnen?

Denn eines ist offensichtlich: 60 Jahre nach Kriegsende kann man nicht mehr nur von einem Ikon sprechen, wenn Hakenkreuz und Co. in Karikaturen und Satiren erscheinen. Heutzutage sind aus den einstigen Ikonen Indices geworden, die nie nur für sich selbst stehen.

Wenn man nun die Inszenierung des von Bertolt Brecht im Exil geschriebenen Stücks Der Aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui von Heiner Müller am Berliner Ensemble betrachtet, fällt (eines) auf: die Darstellung des Ui, eines in

Brecht’scher Manier verfremdeten Hitler-Doubles, ist in jeglicher Hinsicht Satire. Hinzu kommt die Frage: Wann ist er lediglich dargestellt, wann wird er verkörpert?

Wie Martin Wuttke als Ui die Lächerlichkeit beider Figuren, des Ui und des Hitler , auf die Spitze treibt und sich bekannter Ikonen und Indices bedient, werde ich im folgenden Text erörtern.

Dabei werde ich nach Szenen vorgehen und mich nicht an der Figurentwicklung orientieren. Als erste Szene wähle ich das Zusammentreffen von Ui mit Dogsborough, der den angebotenen Handschlag ignoriert und Ui daraufhin seine ausgestreckte Hand als Ausweg zum Hitlergruß hebt.4

Die zweite Szene zeigt Ui vor dem roten Vorhang zwischen zwei Szenen (nach dem Schauspielunterricht, vor seiner Ansprache vor dem Karfioltrust), in der er den Augen des Publikums ausgeliefert ist.5

Die dritte und letzte Szene befindet sich im Anschluss an Uis Beischlaf mit Frau Dullfeet. Er steht auf, seine Geschlechtsteile zwischen die Beine geklemmt. Unwissend darüber stolz sich präsentierend steht er für wenige Sekunden als Frau auf der Bühne.6

Diese Momente werde ich nacheinander analysieren, um sie anschließend in der Interpretation zusammenzuführen und in den inhaltlichen Kontext meiner These zu integrieren.

Die Analyse möchte ich ausschließlich auf den Körpertext konzentrieren, wobei vor allem die gestischen und mimischen Zeichen von Bedeutung sind. Bei der Analyse dieser Zeichen stütze ich mich auf die Theorie der Choreutik7 - also die Beschreibung des Körpers mittels der Kinesphäre - von Rudolf von Laban und das System der theatralischen Zeichen von Prof. Dr. Erika Fischer-Lichte8, die sich wiederum auf den Zeichenbegriff von Charles Morris bezieht. Des Weiteren werde ich mich bei der Analyse der Mimik auf den Emotionskatalog von Paul Ekman9 berufen.

2. Hitler verkörpern

2.1 Die Körperlichkeit von Hitler, Ui und Martin Wuttke

Hitlers Körpergröße, die nicht genau ermittelbar ist, war gering - seine Statur allerdings normal. Seine Bewegungen waren insgesamt, um sie mit von Labans Bewegungsqualitäten zu beschreiben, direkt, fest, extrem plötzlich und sehr stark gebunden. Es lässt sich eine starke Nutzung seiner Kinesphäre beobachten: er steht sehr gerade, streckt sich häufig, hält den Kopf erhöht und bedient sich Gesten, die stark nach oben und außen ausgerichtet sind (meistens Illustratoren und Regulatoren). Vor allem sein rechter Arm ist dabei beinahe immer in Bewegung, wobei der linke Arm selten Teil der Geste ist. Sein Gesicht ist markiert durch eine hohe Stirn, markante Wangen, schmale Lippen, einen Oberlippen-Kurzbart und einen Seitenscheitel von links nach rechts. Arturo Ui wird markiert durch eine Körperlichkeit, die sehr stark an die Hitlers erinnert. Es kommt nur hinzu, dass Ui diese Merkmale in übersteigerter Form aufzeigt. Seine Bewegungen sind extrem unnatürlich und staksig, seine Schritte groß und ungelenk. Er schwankt ständig zwischen koordinierter, also direkter und gebundener, und unkoordinierter, also flexibler und freier Bewegung. Er ist extrem unsicher im Auftreten und bedient sich keiner großen Gesten, sondern kleiner, ständig wiederkehrenden Objektmanipulatoren10. Sein Gesicht hat kaum Ähnlichkeit zu Hitler, der Seitenscheitel jedoch ist deutlich erkennbar. Martin Wuttkes Körperlichkeit ist, abgesehen von seiner durchschnittlichen Größe und Statur, an dieser Stelle nur beiläufig von Interesse. Die Grundvoraussetzung zur ‚realistischen’ Imitation Hitlers ist jedoch gegeben.

2.2 Szene 1: Der Führergruß

2.2.1 Semiotische Analyse

Ui geht, den Torso vorgelehnt, den Kopf gen Schultern und leicht nach vorne gezogen, mit dimensional nach vorne ausgestreckter rechter Hand auf Dogsborough zu. Anschließend erfolgt eine Einschränkung der vorher weit genutzten Kinesphäre, als er beide Arme dicht am Körper hält, den linken gebeugt, mit der Hand den Hut haltend, den rechten erst dimensional nach vorne angewinkelt, die Handfläche nach oben, dann dimensional nach unten gestreckt, die Handfläche am Jackett abwischend. Darauf folgt ein schnelles Heben des angewinkelten Armes, dimensional hoch auf Kopfhöhe, die Handfläche gestreckt nach oben gerichtet.

Uis ausgestreckte Hand fungiert als redebegleitendes Emblem für Begrüßung11. Es folgt eine Kombination autonomer Gesten: die nach oben gerichtete Handfläche mit fragend unwissend gesenktem Kopf12, dann das Abwischen der Handfläche am Jackett als „Säubern“. Im Anschluss daran ist der auf Kopfhöhe gehobene, angewinkelte Arm mit gestreckter Hand, ein redebegleitendes Emblem gepaart mit der in die Seite gestemmten Faust13, zu sehen.

Uis Mimik beginnt mit erhöhten Augenbrauen, geweiteten Augen, gehobenen Wangen, stark hochgezogenen Mundwinkeln und gespannten Lippen, die den Primäreffekt Glück markieren. Darauf folgt der langsame Wandel zu gesenkten Augenbrauen, kleinen Augen, gesenktem Blick, hängenden Wangen, heruntergezogenen Mundwinkeln und hängender Unterlippe. Hier ist eine Kombination aus Überraschungs-Mund/-Wangen und Ärger-Augen zu erkennen. Im Folgenden verändert sich nur die untere Gesichtspartie und kehrt im Anschluss wieder auf eben genannte Mimik zurück. Nach kurzem Mundöffnen sind zusammengepresste Lippen und ein hochgezogenes Kinn, die den Überraschungs- Mund zum Trauer-Mund hin verändern, zu sehen.

2.2.2 Die Doppeldeutigkeit einer Geste

Der Führergruß, die letzte von Arturo Ui hervorgebrachte Geste innerhalb dieser Szene, ist der Grund für ein Auflachen, ein Raunen im Publikum. Offensichtlich ist diese Geste bekannt - denn jeder versteht sie. Doch nicht jeder liest sie auf gleiche Weise, so wie es sich mit dem theatralischen Code14 beschreiben lässt. Ein Zeichen auf der Bühne, hier die Geste des Führergrußes, birgt einen internen und einen externen Code15. Der interne Code, der jedem] verständlich ist zwecks kultureller Herkunft, zeigt hier eine Verlegenheitsgeste. Ui wird abgewiesen und führt dies auf eine schmutzige Hand zurück, hebt sie daraufhin zu einem lässigen „Hallo“. Der externe Code jedoch sagt uns, die den geschichtlichen Kontext des Dramentextes kennen, dass diese Geste dem Führergruß gleicht. Das alleine wäre nun eine Bestätigung dafür, dass Arturo Ui ein Abbild von Hitler sei - was allerdings alleine kein Grund wäre, zu behaupten, Ui sei satirisch überzeichnet. Nun stellt sich also die Frage, was den Systemwechsel der Inszenierung, nämlich den zum politischen Instrument, so komisch macht. Es ist die simple Folge von drei oder vier Gesten, die historisch keinen Zusammenhang haben und eine neue Bedeutung hervorbringen. Dem Zuschauer wird die denkbare Entstehung des Führergrußes vorgeführt, nämlich dass diesem Verlegenheit und eine ‚schmutzige Hand’ zugrunde liegen.

Durch die Hervorbringung von Lächerlichkeit, „the process of attacking by ridicule“16, wird das Moment des Satirischen eingeführt, was in diesem Falle die politische Provokation verdoppelt.

[...]


1 4.4, Abb. 1, 2

2 4.4, Abb. 3

3 Satire: „lanx satura“ (lat.) = Schüssel mit vermischtem Inhalt, aus dem römischen Theater

4 00:40:05 - 00:40:12, 4.3 Abb. 1- 3

5 00:59:25 - 00:59:42, 4.3 Abb. 4-9

6 02:08:46 - 02:09:05, 4.3 Abb. 10-12

7 Laban, Rudolf von: Choreutik. Wilhelmshaven, 1991

8 Fischer-Lichte, Erika: Semiotik des Theaters. Eine Einführung. Band 1. Das System der theatralischen Zeichen. Tübingen, 1988.

9 Ekman, Paul: Gefühle lesen. Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren. Heidelberg, 2004

10 Siehe auch 2.3

11 4.4, Abb. 1

12 4.4, Abb. 2

13 4.4, Abb. 3

14 Fischer-Lichte, S.7 ff.

15 Fischer-Lichte, S.10 ff.

16 Hodgart, Matthew: Satire. London, 1969. (World University Library), S. 7

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Hitler verkörpern - Die satirische Darstellung eines bereits überzeichneten Körpertextes
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Theaterwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V172930
ISBN (eBook)
9783640930203
ISBN (Buch)
9783640930128
Dateigröße
2266 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hitler, darstellung, körpertextes
Arbeit zitieren
Aurelia Vowinckel (Autor), 2007, Hitler verkörpern - Die satirische Darstellung eines bereits überzeichneten Körpertextes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172930

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