Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)". Intertextualität und Wortspiel als Mittel zur diskursiven Aufdeckung im postdramatischen Botenbericht


Seminararbeit, 2009
21 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Sie hörten soeben unsere tägliche Sendung von der Banalität des Bösen“ - Intertextualität und historische Verwertungsmaschinerie

3. Theaterkonvention Botenbericht
3.1 Der Bote als Medium
3.2 Das Problem der Neutralität

4. Fazit

5. Anhang
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Sonstiges Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Haben Sie das alles, was ich Ihnen da berichte, denn nicht längst von einem andren Boten gehört? Also ich würde das der Geschichte nicht glauben, wenn ein andrer sie mir berichtete, und es sagt ja auch nie einer die Wahrheit. Wer ist es dann, der das sagt, was nicht die Wahrheit sein kann? Der Bote! Die letzte Instanz der gewaltigen Macht der Wahrheit. Genau! Auf den sind Sie in dieser Hinsicht angewiesen.“ aus Rechnitz (Der Würgeengel), S.1531

Die 1946 in der Steiermark/Österreich geborene Schriftstellerin Elfriede Jelinek ist seit den 70er Jahren ein steter Bestandteil der deutschsprachigen Theaterlandschaft - die Ursache ihrer Öffentlichkeitswirkung lässt sich jedoch nicht allein auf ihre (beizeiten feministische) Literatur und den eigenwilligen Lebensstil, der zwar ihre intellektuelle, jedoch nicht physische Präsenz, zulässt, zurückführen. Ihr konsequentes Vorhaben zu widersprechen, sich nicht anzupassen und dem allgemeinen Duktus der deutschsprachigen Autorenschaft bereitwillig abzusagen, scheint mit ein Grund dafür zu sein, dass ihr Engagement für die Aufarbeitung von Geschichte und gesellschaftlicher Missstände, sowie ihre Beteiligung im Gender Diskurs kritischer gehört wird als das von manch Anderem. Es ist also kein Wunder, dass die Österreicherin mit der Tolle und den französischen Zöpfen sich zwar einerseits der Öffentlichkeit entzieht2, sich andererseits jedoch in hohem Maße an der öffentlichen Diskussion um Vergangenheitsbewältigung, vornehmlich jene um die Zeit des NS-Regimes und die der RAF, beteiligt - auf ihre individuelle und bestimmte Weise.

Nach Ulrike Maria Stuart (2006), einem Theatertext, der die frühe RAF thematisiert, Figuren wie Baader und Ensslin zu identifizieren, abzustoßen und aufzuklären versucht, - der in Sperrigkeit kaum zu übertreffen scheint und sich in eben jenem Jelinek’schen Zeichensystem bewegt, das auch Rechnitz (Der Würgeengel) (2008) prägt - kehrt die Autorin im nämlichen Text zu einem ihrer Hauptthemen, den Nachwirkungen des Dritten Reiches, zurück.

Rechnitz (Der Würgeengel) entstand 2008 für die Münchner Kammerspiele, als Auftragswerk. Regie führte Jossi Wieler, für die Dramaturgie war Julia Lochte verantwortlich. Der Ausgangspunkt: Ein Stück für die Bühne, das auf Buñuels Film Der Würgeengel (1962)3 Bezug nehmen sollte. Elfriede Jelineks Werk zeichnet sich, wie schon gesagt, durch ein facettenreiches Themenspektrum aus. So auch der Antrieb, aus einem Bezug zu Der Würgeengel, eine Dreiecksbeziehung zwischen Buñuel, den Nazi-Verbrechen und einer antiken, jedoch bis heute aktuellen Theaterkonvention zu formieren und das folgenreiche Wechselspiel dieser Konstellation zu einem Konvolut an Sprache, Aussage und Provokation wachsen zu lassen.4 Das Ereignis, auf das sich der Theatertext bezieht, ist ein nationalistisches Gefolgschaftsfest am Abend des 24. März 1945, das im Burgenländischen Rechnitz im Schloß der Batthyány-Thyssen-Dynastie abgehalten wurde. Im Verlauf des Abends wurden 180 arbeitsunfähige ungarisch- jüdiusche Zwangsarbeiter im Ortskern von Gästen des Festes erschossen und notdürftig verscharrt. Am darauf folgenden Tag wurden weitere Erschießungen vorgenommen; im Zuge dessen wurden alle Leichen in Massengräber verfrachtet - diese sind bis heute nicht auffindbar. Nicht nur die Tatsache der Unauffindbarkeit der Massengräber, sondern vor Allem die Brutalität und das Kalkül, das bei diesem NS-Verbrechen vorherrscht, machen das Massaker von Rechnitz bis heute zu einem viel diskutierten Verbrechen. In welcher Form Informationen und Positionen vertreten und vermittelt werden ergründet Jelinek in Rechnitz (Der Würgeengel).

Wie sich dieser Diskurs konstituiert und welche intertextuellen Bezüge primär von Bedeutung sind, soll an ausgewählten Beispielen dargestellt werden. Ein kurzer Abriss über die sprachlichen und inhaltlichen Konsequenzen, die durch die Theaterkonvention des Botenberichts und der postdramatischen Form des Theatertextes entstehen, sollen einleitend die Problematik der Informationsvergabe zeigen. Anschließend wird eine Passage aus Rechnitz (Der Würgeengel) zur Darstellung und Herleitung der inhaltlichen Bezüge und Diskurse dienen, die zugleich auch in ihrer sprachlichen Relevanz betrachtet werden können.

Die hinzugezogene Literatur beschränkt sich in erster Linie auf die Aufsatzsammlung aus der Jelinek-Forschung in Wien, welches jüngst zum Theatertext Rechnitz (Der Würgeengel) erschien. Dies gibt Aufschluss in Bezug auf die historische Aufarbeitung des politischen und historischen Diskurses über das Massaker in Rechnitz 1945. Des Weiteren sind neben dem gedruckten Theatertext Medienberichte und ein Gespräch zwischen dem Literaturwissenschaftler Gerhard Fuchs und Jelinek zu finden. Dies soll als Basis für die folgende Untersuchung dienen.

2. Gebrochene Theaterkonventionen

2.1 Jenseits des dramatischen Textes

Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel) ist nicht als klassisches Drama benannt, sondern hat die Bezeichnung „Theatertext“. Er ist also per definitionem ein Text für das Theater, steht jedoch nicht in direkter Tradition zum klassischen 3- oder 5-Akt-Drama. Im selbigen Theatertext gibt es keine Aktaufteilung, keinerlei Szenen und auch keine Auftritte (bis auf den angedeuteten Auftritt des Ausnahmeboten, der jedoch im Gros nicht als solcher bezeichnet werden kann) und selbst ein dramatis personae ist nicht vorhanden - es herrscht radikale Strukturarmut und keinerlei erkennbare Handlung, die einer zeitlichen oder räumlichen Ordnung bedarf. Allein diese Kriterien reichen aus um festzustellen, dass Rechnitz (Der Würgeengel) gegen die wichtigsten Konventionen des aristotelischen Theaters verstößt. Dennoch ist der Text ein für das Theater verfasstes Stück, das im transitorischen Wesen der Bühne seine Vollendung findet. Jelineks Texte bedürfen einer „Erdung“ durch das Theater, so der Dramaturg Tilman Raabke5. Der Reichtum an Sprache und Assoziation findet auf der Bühne seine Umsetzung oder eine gewisse Verbildlichung, die gleichzeitig ein Filter des Geschriebenen darstellt. Es wird möglich, den Assoziationsketten in der Jelinek’schen Sprache mittels Bilder gerecht zu werden und so Zusammenhänge herzustellen, die im reinen Lesen des Geschriebenen Wortes häufig zwar wirken, jedoch meist nicht nachhaltig sind. Das Theater ist der Ort, der dem Text eine Heimat gibt und Figuren mittels Verkörperung durch den Schauspieler erschaffen kann, die jene Texte nicht nur sprechen, sondern als gefühlte und gedachte Äußerung von Menschen authentisch übermitteln6. Das Gesprochene Wort auf der Bühne hat in der Inszenierung dann bereits eine Zuweisung erfahren, die Jelinek selbst nicht leistet7. In Rechnitz (Der Würgeengel) sind die Aussagen der/des Sprechenden aufgrund mangelnder Figurenpräsenz nicht an einen Charakter gebunden, hier stehen sich die Sprachfläche und der Realismus der Figur in krassem Gegensatz gegenüber.

Der Theatertext hat, wie oben angedeutet, als Gattung grundsätzlich eine Doppelfunktion und kann nur auf zwei Ebenen existieren: nämlich als „Bestandteil der Inszenierung im Theater und als literarische Gattung mit Textstatus“8 - diese Doppeltheit des Textes, der eine szenische Umsetzung fordert (die Betonung liegt hier auf fordern; nicht wie im klassischen Drama, bei dem die literarische Existenz nicht zwangsläufig an die szenische Umsetzung gebunden ist) ist konkret wie folgt definiert:

„Der Theatertext stellt theatrale Zeichen (oder genauer: Signifikanten) in Rechnung, die er selbst nicht besitzt. Damit verfügt er aber im Medium der Sprache über die Spezifität theatraler Signifikantenpraxis, über Theatralität. Theatertexte sind somit definiert als sprachliche Texte, denen eine performative, theatrale Dimension innewohnt“9

Dieser Aspekt der Theatralität des Theatertextes ist entscheidend. Denn es sollen im Unterschied zu der Theatralität von Inszenierungen im Text diejenigen Qualitäten als Texttheatralität gelten, die eine szenische Theatralität entweder implizieren oder durch Eigenarten in der sprachlichen Gestaltung nachempfunden werden10.

Bei Jelinek existiert hier über der Theatralität eine Meta-Ebene, die das Gesagte reflektiert oder das Dramatische im postdramatischen Sinne dekonstr]uiert und infrage stellt. So ist bei Rechnitz (Der Würgeengel) die Co-Präsenz von Stimmen, die im weiteren Verlauf der Argumentation von Bedeutung sein wird, ein wichtiger Aspekt der postdramatischen Theatralität des Textes: die von Elfriede Jelinek gewählte Form des Botenberichts ist zum einen als formale Struktur eingeführt, wird jedoch in seiner Konvention und Funktion ausgehöhlt, sogar „zweckentfremdet“. Die Funktion des Boten wird im Folgenden weiter erläutert werden, doch bisher kann gesagt werden, dass jene oben angesprochene Meta-Ebene genau hier seinen Nährboden findet; die Boten reflektieren ihre eigene Existenz, ihre Aufgabe und ihre strukturelle Präsenz (und Co-Präsenz mit den vielen anderen Boten, die neben ihnen existieren und gleichsam sprechen).

2.2 Der Botenbericht

„Bitte um Entschuldigung, das Gewinnen von Erkenntnis ist nicht die Aufgabe des Boten, das ist die Aufgabe des Empfängers der Nachricht“11

Die sprechenden Figuren, wenn man sie denn Figuren nennen kann, sind in Rechnitz (Der Würgeengel) allein die Boten. Doch welche Boten das sind, woher sie kommen, aus welchem Anlass und zu wem sie sprechen liegt im Auge des Betrachters, oder im Ermessen des Lesenden. Der Solilog, aus dem sich der Theatertext konstituiert, ist ein einziger Botenbericht, der erst auf der Bühne, da er gesprochen werden muss, eine Verkörperung bedingt. Wie diese Verkörperung stattfindet ist Sache des Regisseurs und des Dramaturgen, der die Inszenierung umsetzt. Daher kann von dem einen Boten, der berichtet, im Folgenden nicht ausgegangen werden - bei der analytischen Betrachtung des Botenberichtes steht der Bericht im Vordergrund und die Konsequenz für die Nachricht, die durch diese eigenwillige Form der Übermittlung entsteht.

[...]


1 Jelinek, Elfriede: Rechnitz (Der Würgeengel), In: Jelinek, Elfriede: Drei Theaterstücke. Die Kontrakte des Kaufmanns; Rechnitz (Der Würgeengel); Über Tiere, Hamburg 2009

2 „Seit mir im Falter die Emigration nach Island nahegelegt wurde, habe ich gemerkt, dass ich mich nicht mehr äußern soll“ Elfriede Jelinek im Gespräch mit Gerhard Fuchs, In: Fuchs, Gerhard; Jelinek, Elfriede: „Man steigt vorne hinein und hinten kommt man faschiert und in eine Wursthaut gefüllt wieder raus“. Ein E-Mail-Austausch, In: Bartens, Danilea; Pechmann, Paul (Hrsg.): Elfriede Jelinek, Graz 1997, S. 11f.

3 Auf Buñuels Film wird im weiteren Verlauf der Argumentation nicht eingegangen, da er für die These keine weiterführende Relevanz hat.

4 „Die Idee ist mir durch einen Dokumentarfilm von Margarete Heinrich und Eduard Erne gekommen: Totschweigen. Da habe ich zum ersten Mal von dem Judenmassaker knapp vor Kriegsende in Rechnitz (Burgenland) erfahren. Die Geschichte hat mich nicht losgelassen. Und als Frank Baumbauer von den Münchner Kammerspielen und Jossi Wieler die Idee hatten, etwas zu (oder mit) Buñuels Würgeengel fürs Theater zu machen, da habe ich diese beiden Enden zusammengeführt, so lange, bis sie wieder ein Anfang geworden sind. Das hatte dann seine Logik für mich.“ Elfriede Jelinek im Interview (www.weltwoche.ch)

5 „Wer spricht aus diesen Texten?“ Tilman Raabke im Gespräch mit Christian Schenkmayr, In: Janke, Pia (Hrsg.): Elfriede Jelinek: „Ich will kein Theater!“. Mediale Überschreitungen, Wien 2007, S. 147

6 Ebd. S. 147f.

7 auf diesen Punkt der inszenatorischen Zuweisung und Verknüpfung von Sprache und Figur kann im Folgenden nicht weiter eingegangen werden

8 Poschmann, Gerda: Der nicht mehr dramatische Theatertext. Aktuelle Bühnenstücke und ihre dramaturgische Analyse, Tübingen 1997, S. 37

9 Ebd. S. 42

10 Ebd. S. 43

11 Rechnitz S. 178

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)". Intertextualität und Wortspiel als Mittel zur diskursiven Aufdeckung im postdramatischen Botenbericht
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Theaterwissenschaft)
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V172932
ISBN (eBook)
9783640930210
ISBN (Buch)
9783640930135
Dateigröße
697 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
klatsch, tratsch, sündenstolz, intertextualität, wortspiel, mittel, aufdeckung, botenbericht, elfriede, jelineks, rechnitz, würgeengel)
Arbeit zitieren
Aurelia Vowinckel (Autor), 2009, Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)". Intertextualität und Wortspiel als Mittel zur diskursiven Aufdeckung im postdramatischen Botenbericht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172932

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